»Es waren furchtbare Tage« - Interview mit Ralf König, Teil 2

Veröffentlicht: Samstag, 01. August 2015

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Im zweiten Teil des großen CRON-Interviews spricht Ralf König über seine Erfahrungen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, das Wandgemälde in Brüssel und sein aktuelles Schaffen. [Teil 1 hier]

»Zutritt für Kinder nur in Begleitung humorvoller Eltern«cr ICON-Fragen
Teil 2 des Interviews mit dem »König der Comics«

Wie hast du die Ausstellung »Echte Kerle« erlebt, etwa die Tatsache der Altersfreigabe erst ab 16 Jahren und wie war 2014/2015 generell für dich, indem du einen weiteren Max-und-Moritz-Preis erhalten hast?

Na ja, ich glaube nicht, dass es irgendeinen Jugendlichen unter 16 oder selbst ein Kind verstört hätte, wenn es die Ausstellung gesehen hätte. Den Kopfsalat machen sich immer nur Erwachsene, aber um sich gegen überbesorgte Mütter abzusichern, verstehe ich, dass das Museum sich dazu entschließt. Im Oberhausener Museum Ludwig gab es einen Extra-Raum mit dem Hinweis: »Zutritt für Kinder nur in Begleitung humorvoller Eltern«.

Der Lebenswerk-Preis in Erlangen war natürlich ein besonderes Ding, eine echte Würdigung, dass das, was ich seit 35 Jahren mache, nicht nur für einige Lacher gut war, sondern mehr bewirkt hat. Ich freue mich immer noch sehr über den Preis.

Der dicke König Titelbild

2015 fing sehr dramatisch an. Wie hast du den Anschlag auf Charlie Hebdo erlebt und die Wochen danach, in denen du etwa damit reagiert hast, erst mal auf möglicherweise anstößige Karikaturen zu verzichten, weil es schlicht lebensgefährlich geworden war? [Anmerkung der Redaktion: Siehe dazu auch den Artikel von Andreas C. Knigge in ALFONZ Nr. 2/2015.]

Das waren furchtbare Tage, nicht nur die Anschläge in Paris an sich, auch die Schockwirkung. Ich selbst war in dem Dilemma, dass zwei Dutzend Zeitungen, Radiosender, Talkshows etc. gerade mit mir reden wollten, weil ich wohl der religionskritische Zeichner im Land bin.

Mein Agent wiederum kannte einige der ermordeten Zeichner persönlich und war verständlicherweise aufgeregt. Er sah mich als potentielles Opfer für islamistische Nachahmer hier im Land und wollte nicht, dass ich zu sehr in die Öffentlichkeit gehe. Das war ein enormer Konflikt. Wir haben uns am Telefon mehrfach angebrüllt.

Ich war gar nicht scharf auf Interviews, schon gar nicht für BILD-Zeitung etc. Und ich war viel zu deprimiert, um mit Cartoons zum Thema rüberzukommen, aber mich aus allem rauszuhalten, fand ich auch nicht in Ordnung. Ich hab auf Facebook mein Dilemma erklärt und das mit einem der zehn Jahre alten Cartoons bebildert, die ich damals zum Dänemark-Mohammed-Streit gezeichnet hatte. Mein Agent wollte, dass ich auch dieses Bild lösche, was ich sehr entnervt schließlich getan habe.

Ein Fehler, war mir klar, die Aufmerksamkeit war um ein Vielfaches größer. Und prompt machte der Berliner Tagesspiegel daraus ungefragt die Schlagzeile »Ralf König zieht kontroversen Cartoon zurück!«. In der Situation konnte ich mich nur noch selbst zurückziehen, auch aus Facebook. Ich war nur noch überfordert und gestresst. Richtig wäre gewesen, nur wenigen, ausgesuchten Medien Interviews zu geben, aber im Nachhinein sieht man immer klarer. Der Anschlag hat bei mir Nachwirkungen. Ich laufe spätestens seitdem mit so einem Weltekel rum. Aber mit Religion als Comicstoff war ich schon vorher, mit meinem Elftausend Jungfrauen, fertig. Religiöse Themen stoßen mich nur noch ab, egal, um welchen Gott es geht.

cron koenig karikaturenstreit

Dir wurde die Ehre zuteil, in Belgien ein Haus mit deinen Zeichnungen verzieren zu dürfen. Wie war das für dich und was gibt es dort zu sehen? Ist das eine dauerhafte Ausstellung?

Das ist keine Ausstellung, sondern ein Wandgemälde, und ja: Es soll dauerhaft dort bleiben. Auch das eine Ehre, in Brüssel ziert auch nicht jeder Comiczeichner eine Wand. Die Straße ist zwar sehr zentral, ganz in der Nähe des historischen Marktplatzes, aber eher klein und direkt unter dem Bild befindet sich ein Hundekackplatz. Was ich cool finde, ist ein bisschen Underground.

Im katholisch geprägten Irland ist die Ehe für Homosexuelle nun erlaubt, wie hast du diese Nachricht aufgenommen?

In den USA ja inzwischen auch. Das beeindruckt mich noch mehr. Ehrlich gesagt, wünsche ich mir, dass unsere Bundeskanzlerin ihr Bauchgefühl bald überwindet und die Sache endlich durchgewunken wird, vor allem, weil es nervt, immer dieses Für und Wider. Segnet die »Ehe für alle« ab und kaum jemanden wird’s danach noch interessieren.

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Conchita Wurst hat den Eurovision Song Context gewonnen, wurde bereits zu einer Disney-Figur und trat, genau wie du in Erlangen 2014, mit Kleid und Bart auf eine Bühne. Dieses Schrille, Überzeichnete verbindet viele Stars, die sich für Homosexuelle stark machen: Freddie Mercury, Lady Gaga, Conchita – ist das auch eine Verkaufsmasche und führt das nicht dazu, dass Transvestiten und fummeltragende Menschen das Bild von Homosexuellen sehr stark verzerren und somit eine sachlichen Begegnung eher erschweren?

Ja, das ist die alte Diskussion, seit Jahrzehnten. Ich bin da nicht eindeutig positioniert. Ich finde es auch kontraproduktiv, wenn auf CSD-Demos von den Medien immer nur die Supertunten fotografiert werden, als sei das ganze vor allem ein Karneval. Im normalen Leben läuft ja kaum einer mit High Heels und Perücke herum. Andererseits waren es die Tunten, die 1969 in New York den Aufstand wagten, weil sie die Polizeirazzien nicht mehr hinnehmen wollten. Stonewall, das war Straßenschlacht mit den Cops, da waren die Tunten die Mutigen, andere blieben lieber unauffällig. Ich denke, es muss beides geben, die Schrägen und die Normalen, weil es die bei Heteros ja auch gibt! Früher bei der Love Parade tanzten und vögelten die Heteros auch halbnackt oder in Phantasiekostümen auf den Rave-Wagen. Da sagte keiner: Guck mal, diese Heteros!

Ich habe das bei der Preisverleihung in Erlangen aber aus anderen Gründen gemacht. Ich wollte mich noch mal in den Glitzerfummel schmeißen, den ich bereits 1992 getragen hatte, als ich den Preis zum ersten Mal bekam. Als Diva nimmt man so einen Preis sehr viel genüsslicher entgegen, und ein bisschen Glamour kann der Redoutensaal immer gebrauchen.

pornstory

Woran arbeitest du gerade?

Gar nicht. Ich bin gerade fertig mit dem neuen Rowohlt, Pornstory, da geht es um Pornografie und die Sicht darauf von Männern, Frauen und Kindern. Die Arbeit war zuletzt sehr mühsam, zumal ich mir im Frühling noch den Zeichenarm gebrochen hatte und sechs Wochen in Gips war. Die Zeit fehlte mir dann, der Abgabetermin war knapp.

Was ich jetzt mache? Ich kratz‘ mir ein paar Tage den Sack und geh dann vielleicht an einen zweiten Roy & Al.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bitte, danke fürs Interesse.

Die Fragen stellte Stefan Svik

Hinweis: Mehr zu Pornstory in ALFONZ Nr. 4/15 (EVT: 01.10.2015)


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Abbildungen © Ralf König, Fotos © Stefan Svik