Bericht von der Comic Con Germany 2018

Veröffentlicht: Donnerstag, 05. Juli 2018

Comic Con Stuttgart 2018

Die in Stuttgart veranstaltete Comic Con Germany hinterließ auch in der dritten Auflage zwiespältige Gefühle. Zwar wurde seit dem Start dazugelernt, und man darf im »Comic-Entwicklungsland« Deutschland weiterhin um jede Anlaufstelle froh sein, die Fans, Künstler und Verlage zusammenbringt, aber das Potenzial eines solchen Events wurde erneut bei weitem nicht ausgeschöpft, von einem nachhaltigen Synergie-Effekt für die Comicbranche ganz zu schweigen.

Die dritte Comic Con Germany in Stuttgartgermany48
Erneut ein Wechselbad der Gefühle

Eins muss man den Veranstaltern der Comic Con Germany durchaus zugestehen: Sie sind lernwillig. Seit dem verpatzten Start hat man durchaus Boden gut gemacht. 2017 wurden die Verlagsstände in den vorderen Bereich der Halle geholt, wodurch das Thema »Comic« deutlich präsenter wirkte, es wurde etwas mehr dekoriert und dem Publikum auch nicht bei jeder Gelegenheit das Geld aus der Tasche gezogen – Panels, Bühnenpräsentationen, auf denen zumeist US-Stars und Sternchen ihre Produkte anpreisen, waren beim zweiten Anlauf kostenlos. Wobei gerade die Stars und Sternchen nach wie vor der Punkt bleiben, der Menschen, die keine Gelddruckmaschine im Keller stehen haben, Magengrummeln verursacht: Natürlich ist es ein in den USA längst etabliertes Ritual, dass Leute, die irgendwann mal in irgendeiner Form in Film oder Fernsehen aufgetreten sind, ihren Fans, also denjenigen, denen sie ihre Karrieren überhaupt zu verdanken haben, für kleine Andenken wie Autogramme oder Fotos oftmals erhebliche Opfergaben monetärer Natur abverlangen, anstatt froh zu sein, dass sich überhaupt jemand für sie interessiert. Natürlich wird das Standard-Gegenargumnent auch dieses Mal lauten, dass wir doch alle froh sein können, noch weit von US-Verhältnissen entfernt zu sein. Aber mal ehrlich, so ganz ehrlich: Wenn man tief, ziemlich tief in sich hineinhorcht, nimmt man bestimmt selbst als Hardcore-Fan eine innere Stimme war, die einen einflüstert, wie unendlich beknackt diese Art von Fan-Melkerei im Grunde doch eigentlich ist.

Das groesste Zugpferd blieb im Stall

Apropos Fan-Melkerei: Die Bekannteste der dieses Jahr angekündigten Melkmaschinen, Chuck Norris (Autogramm: 120€, Foto: 85€), kam erst gar nicht, was gerade mal ein Tag vor Beginn der Con kommuniziert wurde, zudem reduzierte »Games of Thrones«-Star Nikolaj Coster-Waldau (Foto/Autogramm, je 80€) seine Anwesenheit spontan auf einen von geplanten zwei Tagen, weswegen sich das Publikum ärgerlicherweise mit einer Reihe von Star-Gästen im 30€-Bereich zufrieden geben musste. Bizarrerweise kamen die Veranstalter zudem auf die Idee, sogar die beiden Fan-Protagonisten der Dokumentation »Sie nannten ihn Spencer« am Verkaufstischchen feilzubieten (Autogramm: 25€, Foto: 20€). Gerüchteweise war den beiden sehr, sehr langweilig.

Aber schieben wir mal die Film- und Fernsehleute beiseite und kommen zur neunten Kunst:
Hier gab’s wie immer auf der großen Bühne in der Comiczone am meisten zu entdecken, wobei lediglich der – laut Programmheft – »schwäbische Super-Comedian« Dodokay für vollbesetzte Stuhlreihen sorgte. Ob die Welt allerdings wirklich auf eine ins Schwäbische transferierte Fassung von »Deadpool« gewartet hat, ist fraglich. Hier machte sich wohl beinharter Lokalpatriotismus bemerkbar, der alle weiteren Programmpunkte überwiegend mit Ignoranz abstrafte.

Dodokay in Action

Plem Plem Productions feierten ihr 10-jähriges Jubiläum und setzten mit ungelenkem Gesinge und Getanze, mauen Witzen und einem ollen Ratespiel ein dickes Ausrufezeichen hinter den Verlagsnamen. Das bestens aufgelegte Urgestein Peter Milligan paukt gerade Deutsch und nutzte die Show (Einblicke in seine Karriere und die Vorstellung seines neuen, vielversprechend klingenden Erwachsenencomics »The Discpline«) als Übungsplattform. Wer seinen Auftritt erst am Sonntag wahrnehmen konnte, musste allerdings Englischkenntnisse mitbringen. Eine sympathische und sehr auskunftsfreudige Olivia Vieweg gab mit Fokus auf ihren Zombie-Comic »Endzeit«, dessen Verfilmung bald ins Kino kommt, einen sehr interessanten Einblick in ihr Schaffen. Das Bitstorm Zeichenbattle war dank dem wie üblich zwischen superpeinlich und extrem charmant oszillierendem Moderatorinnen-Duo herrlich kurzweilig und sorgte für einen netten Ausklang. Wer nach einem langen und ziemlich warmen Messe-Samstag noch die Energie hatte, konnte anschließend zur Aftershowparty und sich noch die letzten Schweißtropfen aus dem Leib tanzen.

Peter Milligan stellt seinen neuen Band THE DISCIPLINE vor

Olivia Vieweg gibt Einblicke in ihr Schaffen

Am Sonntag priesen K.I. Zachopolous & Vincenzo Balzano in einer etwas arg knapp gehaltenen Präsentation ihre Science-Fiction-Graphic-Novel-»Run Wild« an – so interessant der Trailer auch aussah, es wäre toll gewesen, wenn sich die beiden Künstler nicht nur auf eine kurze Begleitrede beschränkt hätten. Das ist nicht unbedingt der Weg, wie man sein Publikum so richtig neugierig macht.

Wie man sein Publikum nicht nur neugierig, sondern regelrecht heiß macht, bewies eindrucksvoll Ziki Nelson, der »Kugali Media« vorstellte, ein Multimedia-Unternehmen mit dem Fokus auf Comics. Das Besondere daran ist, dass man sich dezidiert afrikanischen Themen widmet. Das Unternehmen setzt dabei nicht ausschließlich auf Comics, sondern hat noch einiges anderes im Angebot, wie zum Beispiel eine Website, die sich ausschließlich afrikanischen Spielen widmet. Die Neunte Kunst steht im Mittelpunkt des »Kugali Magazine« sowie der sich derzeit in Arbeit befindlichen, Kickstarter-finanzierten »Kugali Anthology«, die sechs Geschichten umfasst und von insgesamt 15 Künstlern kreiert wurde. Der unheimlich charismatische Nelson erwies sich dabei als ideale Rampensau für die Präsentation und legte ein enorm zackiges Tempo vor, bewies aber auch exzellentes Gespür für Timing. Der Vortrag wurde an den genau richtigen Stellen mit Videoclips und wirklich toll aussehenden Beispiel-Seiten aus den Comics untermalt. Die Vision hinter dem »Kugali Project«, wie die Präsentation hieß, war jederzeit spürbar und wurde am Ende auch von den viel zu wenigen Zuschauern emsig beklatscht. Wirklich großartig, ein Thema, auf das man definitiv ein Auge werfen sollte!

Rampensau Ziki Nelson praesentiert das Kugali Project

Die danach geplante Präsentation »Ralf Singh und seine Gäste: Comics selbst machen« fiel leider kommentarlos aus, anstatt dessen wurden die ahnungslos dasitzenden Interessenten mit irgendwelchen Werbetrailern malträtiert. Nun ja.

Erwähnt werden sollte unbedingt die »Dragon Lounge«. Der Ableger des charmant hemdsärmlig organisierten Stuttgarter »Dragon Days«-Crossmedia-Fantastikfestivals war auch dieses Mal wieder vertreten und verzückte in intimer Atmosphäre mit einer kunterbunten Mischung, die teilweise auch für Comic-Fans interessant war. So durfte man unter anderem der überaus talentierten Nachwuchskünstlerin Lina Mariko beim Manga-Live-Zeichnen zusehen (Tipp: Das nächste Mal am Ende nicht einfach kommentarlos die Utensilien zusammenpacken und mit strammen Schritt den Weg nach Hause antreten) oder der am Abend zuvor schnell vorbereiteten Vorstellung des Comics »Wohin Du willst – Das geheime Leben der Steine« lauschen.

Lina Mariko beim Manga Livezeichnen

Fazit: Die Comic Con Germany hinterließ auch in der dritten Auflage, die im übrigen von rund 10.000 Menschen weniger besucht wurde, zwiespältige Gefühle. Einerseits wurde seit dem Start dazugelernt, und man darf im Comic-Entwicklungsland Deutschland sicherlich um jede weitere Anlaufstelle, die Fans, Künstler und Verlage zusammenbringt, froh sein. Andererseits ist es schon bedauerlich, wenn bei Präsentationen die Sitze leer bleiben, während beim Fototermin für Seriensternchen XYZ die Schlange der Wartenden durch die Halle reicht.

Bei der Aftershowparty wurden dann die letzten Schweisstropfen vergossen

Beim Bitstorm Zeichenbattle gings hoch her

Bumblebee aus TRANSFORMERS gab sich ebenfalls die Ehre

Das plemplem Quiz der Plem Plem Productions

Comic Buesten 2

Olivia Vieweg im Buehnentalk

Peter Milligan im Gespräch mit Steffen Volkmer von Panini

Transformers Live Show

Vor allem Star Wars Fans kamen auf ihre Kosten

Fotos © 2018 Jürgen Jäger


Weiterführende Links:

Homepage der Veranstaltung: Comic Con Germany