GCT 2011: Gratis-Comic-Tour

Veröffentlicht: Dienstag, 17. Mai 2011

 

EVENT

Mit dem Fahrrad durch Hamburg am Gratis Comic Tag 2011

GCT = Gratis Comic Tour

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Wahl-Hamburger Armin Hofmann fuhr ökologisch korrekt mit dem Fahrrad am 14. Mai 2011, dem zweiten deutschen Gratis-Comic-Tag, durch die Hansestadt. Seine subjektiven Impressionen vom Event hat er für den COMIC REPORT dankenswerterweise gleich notiert.


Tüdelüdüt! 7:45 Uhr und der Wecker piept! Was das soll, wo man doch am Samstag seelenruhig ausschlafen kann?! Ganz einfach: heute ist Gratis Comic Tag - zum zweiten Mal überhaupt in ganz Deutschland -  und da ich den ersten im vergangenen Jahr nicht wahrnehmen konnte, führt diesmal kein Weg daran vorbei.

Der verwegene Plan: auf den Drahtesel schwingen und so viele Comicläden wie möglich ansteuern. Stolze sieben sind das in der schönen Hansestadt und die liegen nicht gerade heimelig nebeneinander! Da heißt es mächtig in die Pedale treten. Ein Blick aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel lässt zudem eine Dusche zwischendurch erwarten. Aber was ein echter Comic-Fan ist, lässt sich von ein paar Tropfen Regen nicht abhalten.

Einmal gut frühstücken, Fotoapparat einpacken und noch mal kurz die Route durchgehen; ein letzter Blick ins Internet, da ich einen von den sieben Comicshops, den COMIC ROOM, noch nicht kenne. Wo war das noch mal? Ach herrje, auf der anderen Seite der Alster...

10:00 Uhr. Begleitet von meiner Freundin Natalie bringe ich die erste Etappe von Lokstedt nach Stellingen zu HUMMELCOMIC spielend hinter mich. Noch scheint die Sonne, als wir diesen Wallfahrtsort für Comic-Freaks erreichen. Zahlreiche ebendieser Comic-Freaks, plus Interessierte jeglicher Couleur und auch das ein oder andere Eltern/Kind-Team tummeln sich bereits in der gigantischen Verkaufshalle und umschwärmen insbesondere die großzügig auf den Stellwänden ausgebreiteten Gratis-Comics. Alles was man tun muss, um hier an drei der 44 Comic-Kostbarkeiten zu kommen, ist eine Karte mit seinen Wunschtiteln auszufüllen, dann bekommt man diese auch prompt herausgesucht und überreicht. Wer will hinterlässt, so wie ich, als minimale »Gegenleistung« seine  e-mail-Adresse und wird in Zukunft wohl dementsprechend mit Infos versorgt.

Neben den Gratis-Comics bietet sich dem Comic-Liebhaber eine enorme Auswahl an neuen und antiquarischen Titeln quer durch alle Bereiche. Hier gibt es kaum etwas, was man nicht findet und das Hummel-Team ist äußerst kompetent und hilfsbereit, wenn man etwas ganz bestimmtes sucht. Deswegen lohnt es sich immer, den in Stellingen nicht gerade zentral gelegenen Mega-Shop aufzusuchen. Zum Gratis Comic Tag gibt es neben den Umsonst-Comics noch einige zusätzliche Sonderangebote (z.B. 1000 französische Comics für 2,95 EUR pro Stück) und eine »Futterstelle«, wo man mit Würstchen, Bier, Kaffee etc. verpflegt wird.

Nachdem ich mir drei Wunschcomics ausgesucht habe, gönne ich mir mit dem ersten Natascha-Band von Carlsen noch ein Kleinod aus dem gutsortierten Antiquariat und schwinge mich dann - nach einem abschließenden Schnack mit Volker Hamann - vollauf zufrieden auf mein Fahrrad. Ein Blick gen Himmel. Die Wolken werden dunkler und ich trete in die Pedale.

11:00 Uhr. Nachdem sich meine Freundin ausgeklinkt hat (offiziell weil sie noch eine Bekannte treffen will, vielleicht hat sie aber auch einfach keinen Bock wie verrückt von einem Comicshop zum anderen zu strampeln...) steuere ich das alteingesessene COMIC LADEN KOLLEKTIV in Eimsbüttel an. Atmosphärisch findet man hier das genaue Gegenteil von HUMMELCOMIC vor. Ein Krämerladen, der bis zur Decke vollgestapelt ist mit Tonnen von Comics (aktuell wie antiquarisch) und den Geist der 1970er-Jahre (plus der davorliegenden Jahrzehnte) verströmt. Zwar findet man auch hier fast die gesamte Bandbreite der Comic-Kunst, man muss aber entweder ein manisch veranlagter Stöberer sein, der gerne stundenlang in Bergen von altem Papier wühlt, oder gleich einen der kenntnisreichen älteren Herren fragen, die einem den Wunschcomic gerne aus dem allerletzten Winkel ziehen.

In Sachen Gratis-Comics geht es hier etwas knauseriger zu. Der Comic-Freund darf sich hier »nur« einen der 44 Titel aussuchen und erst bei einem zusätzlichen Einkauf drei davon auswählen. Da ich vor dem Laden eine Kiste alter Vinyl-Platten entdecke und mit zwei Scheiben fündig werde, darf ich mir aus einem kleinen Karton neben der Kasse also drei Titel auswählen. Manches ist dabei bereits vergriffen. Donald Duck, zum Beispiel, ging hier als erstes weg, heißt es. Es gibt aber auch zahlreiche Sonderangebote und Rabatte, sodass durchaus ein Kaufanreiz gegeben ist und auch hier sowohl Käufer als auch Verkäufer profitiert haben dürften.

Wer über den Tellerrand der Comics hinausblicken will und sich für Romanhefte interessiert, wird im COMIC KOLLEKTIV garantiert auch fündig, denn der Shop hat sich auf diese Nische spezialisiert und gibt sogar einen entsprechenden Preiskatalog heraus. Ein wahres Paradies für Nostalgiker. Doch die Zeit drängt, denn es ist schon nach 12:00 Uhr und es harren noch fünf weitere Shops.

12:15 Uhr. Zum Glück ist das nächste Ziel, das SAKURA/ELDORADO gerade um die Ecke, fast im Herzen von Eimsbüttel. Ich ignoriere das alljährliche Osterstraßenfest, das eine Straße weiter bereits in vollem Gange ist und betrete den mittelgroßen Comicfachladen, der sich auf Manga spezialisiert hat, aber auch eine kleine, feine US-Comicsabteilung besitzt. Hier hat man offenbar die Spendierhosen an. Von zwei netten Mädels, die hinter einem kleinen Gratis-Comic-Tisch stehen und die Kundschaft freundlich betreuen, erfahre ich, dass man sich hier drei Gratiscomics aussuchen und bei einem Einkauf noch fünf weitere aussuchen darf. Zudem gibt es noch eine Verlosung, bei der man bei der heutigen Ziehung um 16:00 Uhr einen Komplettsatz aller 44 Gratiscomics gewinnen kann. Derartig angestachelt lasse ich meine Augen über die amerikanischen Comics schweifen – da die Manga nicht ganz auf meiner Wellenlänge liegen - und finde dort einen limitierten Nachdruck von Action Comics No.1 (DC Museum Edition von Panini), den ich schon immer mal haben wollte. Durch diesen Kauf geadelt kann ich mir also bei den Mädels fünf weitere Titel aussuchen. Darunter sind dann auch passend zum Shop die drei Manga-Hefte, die ich für meine heranwachsenden Töchter mitgehen lasse. Wer auf japanische Comics abfährt, dem kann ich das SAKURA/ELDORADO uneingeschränkt empfehlen. Die Augen weiten sich bei dem Angebot.

Als ich gegen 13:00 Uhr wieder loszische, ist meine Tasche schon bedeutend schwerer geworden. Ich strampele jetzt wieder ein paar Kilometer weiter nach Rotherbaum ins Univiertel Grindel und halte mit quietschenden Bremsen vor COMICS TOTAL, sicher einem der beliebtesten und am stärksten frequentierten Comicshops Hamburg, was wohl mitunter an seiner günstigen Lage in einer lebhaften Straße und seiner Nähe zur Uni liegen dürfte.  Das hat Folgen für den Gratis Comic Tag. Als ich den Laden betrete, sehe ich bereits ein riesiges Poster neben der Kasse stehen, das alle 44 Titel anzeigt, doch über die meisten ist bereits der Sticker »Ausverschenkt!« geklebt. Man kann ebenfalls drei Hefte auswählen, doch man muss Glück haben hier noch einen Wunschtitel zu ergattern. »Um 16:00 Uhr gibt’s noch mal Nachschub«, heißt es. Zu spät für mich, denn dann will ich mit meiner Tour schon durch sein. Später erfahre ich von einem Comicfan, der bereits zur Ladenöffnung bei COMICS TOTAL war, dass die Leute in einer langen Schlange bis hinaus auf die Straße gestanden haben sollen. Da ist mir glücklicherweise eine unangenehme Warterei erspart geblieben, aber ein, zwei Wunschtitel auf meiner Gratis-Comic-Liste muss ich mir deswegen noch bei den verbleibenden drei Läden zusammenklauben.

Der geneigte Comicfreund findet bei COMIC TOTAL aber trotz des vorübergehenden Gratiscomic-Kahlschlags genug Comic-Material, um seine unersättliche Begierde zu stillen. Eine Unmenge gutsortierter Titel aus allen Bereichen der Comic-Kunst liegen zum Kauf bereit, ergänzt um einen kleinen antiquarischen Bereich und einen Haufen Paraphernalien. Das Personal ist auffallend nett. Als ich den Laden verlasse erklärt einer der Verkäufer einem kleinen Mädchen geduldig das Gratis-Comic-Prinzip und empfiehlt ihm einen der Titel, die mit dem Label KIDS gekennzeichnet und somit besonders gut für Kinder geeignet sind.

13:40 Uhr und der Himmel zieht gänzlich zu. Ich lege einen Zahn zu und so langsam wird die Treterei anstrengend. Ich halte Kurs auf St. Pauli, vorbei am Fernsehturm, am hippen Karoviertel und am Heiligengeistfeld, wo mir eine ganze Kolonne Motorräder in die Quere kommt, die dort zu einer Roadshow auffährt. Doch ich meistere auch dieses Hindernis und erreiche schnaufend die Seilerstraße, eine Parallelstraße zur Reeperbahn, wo erst im vergangenen Jahr der kleine, erlesene Comic- und Buchladen STRIPS & STORIES eröffnet hat, der sich auf deutsch- und englischsprachige Graphic Novels spezialisiert hat. In dieser auf Stil setzenden Perle unter den Hamburger Comicshops wird die Kunst zelebriert und wer auf die herausragenden Publikationen von Verlagen wie Reprodukt, Avant oder Edition Moderne steht oder die neuste Ausgabe von Strapazin lieber liest als ZACK, der ist hier bestens aufgehoben. Als ich den Laden betrete, ist es rappelvoll und die Comicleser drängeln sich interessiert nicht nur um den Gratis-Comictisch, von dem man sich drei Titel runternehmen darf darf. Da es hier neben STRIPS eben auch gute STORIES gibt, kann ich nicht widerstehen mir den Schinken »Post-Punk Interviews« von Simon Reynolds zu kaufen, einem der derzeit interessantesten Autoren im Bereich der alternativen Pop-Musik.

Wer wollte, der konnte heute die Verbindung von Comics und Musik hautnah kennenlernen: als Special-Event von STRIPS & STORIES zum Gratis-Comictag. Im Nachthafen, zwei Straßen weiter, betätigen sich abends um 21:00 Uhr deutsche Comiczeichner wie Line Hoven, Simon Schwartz, Jul Gordon und Martina Lenzin als DJs und legen ihre Lieblingsplatten auf.

14:20 Uhr. Ich ziehe meine Jacke aus, denn langsam komme ich echt ins Schwitzen und jetzt kommt die längste Strecke, einmal im Bogen um die Alster, an der Kunsthalle und dem Hotel Atlantik vorbei nach Norden in Richtung Mundsburg. Next Stop: Mundsburger Damm 48 – DER COMIC-LADEN. Auch dieses Etablissement hat bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber da es von Lokstedt aus etwas schwerer zu erreichen ist, hat es mich eher selten hierher verschlagen. Leider, muss man sagen, denn auch hier gibt es die volle Dröhnung in Sachen Comics, von der hinterletzten Uralt-Ausgabe von U-COMIX bis hin zum druckfrischen neusten Band von Professor Bell. Inzwischen hat sich bei mir ein gewisses Sättigungsgefühl eingestellt und meine Tasche ist schon recht prall gefüllt mit geschenkten und gekauften Comics, Büchern und Platten. Hier aber gibt es neben drei Gratis-Comics auch 20% Rabatt auf alle gebrauchten Bilderheftchen. Auf einem großzügig in der Mitte des Ladens platzierten »Gabentisch« liegen neben den 44 Gratistiteln (deren Reihen allerdings auch schon schwer gelichtet sind) noch ein paar andere Umsonst-Erzeugnisse, wie z.B. ältere Manga-Magazine, Fix & Foxi-Ausgaben etc. pp. Im Delirium schaffe ich es immerhin noch in den Nebenraum, wo sich kastenweise Second-Hand-Comics vor mir auftun. Beim Durchflippen entdecke ich so eine Sektion mit alten Pilot-Ausgaben aus dem Volksverlag von Anfang der 1980er Jahre. Das erinnert mich wohltuend an die Zeit, als »Comics für Erwachsene« noch etwas ganz Neues und Aufregendes waren (ich war da 14 oder so) und um der guten, alten Zeiten willen erstehe ich ein solches Magazin für sagenhafte 1,60 EUR (20% Rabatt auf 2,00 EUR)...

15:00 Uhr. Ich wuchte meine mittlerweile prall gefüllte Tasche aufs Fahrrad, aber langsam wird die Sache anstrengend. Noch ein Comicshop!? Was sollte der mir denn noch bieten können, nach dieser bunten Ochsentour durch die wunderbare Welt des Hamburger Comichandels? Aber aufgeben, jetzt so kurz vor dem Ziel? No way!

Ich reiße mich also zusammen und gurke ein paar Straßen weiter nach Westen in eine Gegend, in der ich noch nie bewusst war – obwohl ich nun auch schon fast 15 Jahre in der Elbmetropole wohne. Mittlerweile ist es schon recht duster geworden und ich bete, dass ich noch trocken im COMIC ROOM, dem letzten Shop auf meiner Liste ankomme.

Bevor ich den Eintrag auf der Website des Gratis-Comic-Tags 2011 gelesen hatte, wusste ich nicht mal, dass es hier draußen in Hohenfelde einen Comicladen gibt. Eine schwere Verfehlung, vor allem wenn man auf US-Comics steht und diese gerne auch im Original goutiert. Es erwartet einen eine große Auswahl an deutschen und englischsprachigen Marvel- und DC-Erzeugnissen, aber auch Comics von kleinen Independents, ergänzt durch Manga, ein geschmackvolles Sortiment an Filmen auf DVD und auch zahlreiche Graphic Novels oder frankobelgische Comicalben. Hier versteht also jemand etwas von der Materie.

In dem Laden herrscht eine angenehm lockere Stimmung und in Sachen Gratis-Comics, die ähnlich großzügig wie bei HUMMEL COMIC präsentiert wurden, hat man sich noch zwei kleine Schmankerl ausgedacht: man kann sich seine fünf Hefte nicht nur aus dem aktuellen Sortiment auswählen, sondern es gibt auch noch einige Titel vom letztjährigen GCT (für mich super, da ich ja beim letzten Mal nicht dabei war), sowie vom »Free Comic Book Day«, dem amerikanischen Vorbild der ganzen Aktion.

So hat es sich dann also richtig gelohnt bis ans Ende der Welt (hüstel...) zu radeln. Gutgelaunt gönne ich mir noch eine aktuelle deutsche Spider-Man-Ausgabe, bevor ich den Laden zufrieden verlasse.

In dem Moment fällt der erste Tropfen! Fuck! Laut Google-Maps sind es noch 8,2 Kilometer bis nach Hause. Aber was soll’s, ich hab die Taschen voller Comics (Gesamtausbeute: 28 Gratiscomics, drei Gratiscomics von letztem Jahr, zwei vom FCBD, eine MangasZene (Mangamagazin), ein englischsprachiges Paperback, zwei Vinyl-Platten, ein Comicalbum, ein limitierter Nachdruck, ein verblichenes Pilot-Magazin und ein brandneues Spider-Man-Heft) und ich habe mir einen schönen Gesamtüberblick über die Comicläden in Hamburg machen können. Und was das angeht, kann man als Hamburger wirklich zufrieden sein; jeder der hier erwähnten Läden hat seinen eigenen Charakter und seinen eigenen Charme und man kann deshalb nur hoffen, dass diese einem noch lange erhalten bleiben. Also vergesst Amazon und den schnöden Großbuchhandel mit seinen trendigen »Graphic Novel«-Abteilungen. Im Comicshop einkaufen macht einfach mehr Spaß!

Während ich durch den Regen nach Hause strampele, resümiere ich: der Gratis Comic Tag war aus Sicht des Kunden ein tolles Event, bei dem sicher jeder auf seine »Kosten« gekommen ist. Bleibt zu hoffen, dass dies auch für die Händler gilt und sich das Event langfristig auszahlt, so dass man sich auch in Zukunft jedes Jahr darauf freuen kann. Support your local dealer! Now!


Als Mitbegründer der Filmproduktionsgesellschaft brave new work verdient sich unser Autor Armin Hofmann seine Brötchen eher mit bewegten Bildern. Die Tatsache, dass er der Bruder von COMIC REPORT Co-Herausgeber Matthias Hofmann ist, bringt es mit sich, dass er mehrmals im Jahr mit dem Comic-Virus infiziert wird. Ihn zu diesem GCT-Experiment zu überreden, war daher ganz leicht.

Fotos: © Armin Hofmann