R.I.P. Szene WHatcher

Veröffentlicht: Montag, 16. Juli 2012

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Another man down. Das sympathische, weil mit Ecken und Kanten behaftete, Infoblatt Szene WHatcher ist von uns gegangen. CRON sprach mit dem Mann, der den manchmal schrägen, aber stets interessant zu lesenden Infodienst aus der Wiege gehoben und nach 294 Ausgaben zu Grabe getragen hat, dem Berliner Szene-Urgestein Joscha Heinkow.

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»Der Comic ist mein Leben.«

Interview mit Joscha Heinkow

Seit 1995 gab es den sogenannten Szene WHatcher, das »Flyer-Zine der trivialen Szene und Anzeiger für triviales Entertainment«. »Gab«, denn er wurde am 10. Juli 2012 eingestellt mit der Nr. 294.

Hinter dem Infodienst, der bewußt auch abseits der üblichen Wege pirschte, steckte der Berliner Joscha Heinkow. Die letzte Ausgabe enthält ein Foto aus dem Bamberger Mahr's Bräu, wo der WHatcher ersonnen wurde und ein paar Worte des Abschieds: »Ich hoffe, ein wenig zum Informationsfluss in der Comic-Szene und zur Gestaltung des Fandoms beigetragen zu haben und danke ganz herzlich allen Lesern und Freunden, Verlegern und Herausgebern die mich in den vergangenen rund 17 Jahren mit Wort und Tat unterstützt haben.«

Zu guter Letzt gibt es noch ein Zitat vom Jim Morrison von den The Doors, einer der genialsten Bands aller Zeiten: »This is the end ... Beautiful friend«

Heinkow, Jahrgang 1951, wurde frühzeitig vom Comicvirus infiziert. Als er noch nicht lesen  konnte, hat sein Großvater ihm Comics vorgelesen. Die Schule schloss er mit der Mittleren Reife ab. Es folgte ein Fotografie-Studium in den USA und diverse Auslandsaufenthalte in Europa und im Nahen Osten. »Natürlich immer mit reichlich Comics unterm Arm«, wie er gerne ergänzt.

Seit 1977 wieder in heimischen Gefilden übt er diverse Tätigkeiten aus, wie Briefzusteller oder Aufnahmeleiter beim Film, zuletzt war er Vermittler in der Studentischen Arbeitsvermittlung.

Seine Laufbahn als aktiver Comicfan in der Szene beschreibt er selbst so: »Seit 1978 in der INCOS, aktive Mitarbeit in dem Verein u. a. im Vorstand, Redakteur von diversen Vereinspublikationen. Mitorganisation an fannischen Veranstaltungen und Cons. Veranstalter der Berliner Comic-Börsen von 1982-1989, Herausgabe diverser FanZines und Mitarbeit an Zines u.a. im APA-Bereich.«

Für CRON fragte Matthias Hofmann bei Vollblut-Comicfan Joscha Heinkow nach.

Joscha und Gaby Heinkow

Ein starkes Team: Joscha und Gaby Heinkow


Joscha, mit der Nr. 294 ist Schluss. Geht's wirklich nicht mehr weiter?

In dieser Form nicht mehr. So revolutionär das PDF im Netz in den Mittneunzigern des vorigen Jahrhunderts war, so altbacken ist es heute. Ich selber klicke nur sehr ungern PDFs an, irgendwie verbirgt sich gefühlt dahinter immer ein uralter Inhalt. Vielleicht geht das nur mir so, aber das reicht schon. Das ist heute eher was für Antragsformulare der Rentenversicherung oder für Planungen der Straßenverkehrsbehörde, wenig Spannendes.

Wie es weitergeht, das wissen wir noch nicht, wir sind am Überlegen. Wenn, dann wird es auf keinen Fall etwas Printfähiges oder Rahmengebundenes.

Was sind die genauen Gründe für die Einstellung des Infozines?

Da gibt es so einige. Über die gesundheitlichen Gründe möchte ich hier nicht sprechen. Da ist aber auch noch meine Sichtweise auf die aktuelle Szene. Hier hat sich alles etwas verschoben, nicht unbedingt zum Positiven. Die Freiheit im Netz wird leider zu oft mit dem Wegfall kultivierter Umgangsformen gleichgesetzt. Streitkultur gibt es nur noch bei Wikipedia und Rechtschreibung im Duden. Ohne Punkt und Komma ist in und die Sofortness wird irgendwann in der Begleitung eines Herzinfarkts daherkommen. Es wird viel geschrieben, aber nicht mehr viel gesagt und nur noch sehr wenige Leute schreiben, in einer Handvoll Medien, wirklich Lesenswertes.

Aber das ist eben der Punkt, die Kraft etwas zu schaffen kommt in den meisten Fällen von außen, und wenn man aus der Szene keine Kraft mehr schöpfen kann, dann war's das. Alleine rumwurschteln ist nicht das Meine, aber ich hab's versucht, mit dem Resultat, dass ich mich selber blockiert und gereifte Themen zerdacht und letztendlich banalisiert habe. Ich bin dabei, eine andere Arbeitsweise zu finden, aber diese passt dann nicht mehr in die herkömmliche Form.

Gehen wir mal zurück. Wie entstand die Idee dazu und wie war die Resonanz als Du den Szene WHatcher ins Leben gerufen hast?

Der Szene WHatcher entstand aus einer Laune heraus. Ich saß an einem grauen Novembertag gelangweilt und schlecht gelaunt im Bummelzug nach Bamberg und fing aus besagter Stimmung heraus an, auf meinem PowerBook 100 herumzuhacken. Später bei Mahr's Bräu kam mir dann beim Bierchen die Idee ein 1-blättriges Infozine zu machen. Allerdings hatte das Bierchen schon seine Wirkung gezeigt und so schieb ich Watcher versehentlich mit H. Mein Englisch ist nicht das Schlechteste und das Wort Watcher war mir durchaus geläufig, aber da war's passiert. Der Flyer wurde vervielfältigt und zunächst hat's niemand gemerkt, später musste ich mir dann Ausreden einfallen lassen, das war lustig. Heute ist das H wie ein Markenzeichen.

Anfangs habe ich ein paar Fotokopien verteilt, die teilweise auf abenteuerliche Art und Weise entstanden. Die Reaktionen haben mich überrascht, denn die Leute wollten mehr. Also habe ich weitergetippt, und wenn ich nicht genügend Text hatte, dann habe ich meine Checkliste dazugenommen. Irgendwann bot mir ein Kumpel aus der IT-Branche an, das Blatt ins Netz zu bringen. Wir haben dann die PDF-Form gewählt, weil das bequem und en vogue war.

294 Ausgaben sind eine Menge Holz. Welches waren die Highlights?

Welche die Highlights waren, das müssen andere entscheiden, da gibt es sicher ein breites Spektrum. Für mich waren die Mitt- bis Endneuziger Jahre die Stars, wahrscheinlich ist deshalb damals auch der Szene WHatcher entstanden. In dieser Zeit herrschte eine Art Aufbruchsstimmung. Zeichnergruppen bildeten sich und Hefte kamen wieder an die Kioske. Überall konnte man den Pulsschlag der Szene spüren, da war es leicht alle 14 Tage zwei Seiten zu füllen. Die Verleger und Redakteure waren auskunftsfreudig und die Autoren und Zeichner allgegenwärtig. Wenn man morgens aufwachte, dachte man an nichts anderes als an Comics, und nach der Arbeit traf man sich, egal wo, natürlich um über Comics zu reden oder Publikationen zu planen. Gut, du wirst vielleicht sagen, das gibt's doch heute auch noch. Möglich, aber ich spüre es nicht mehr.

Ja, ich würde sagen, das gibt es heute noch. Oder gerade wieder. Zumindest ist es für mich stark spürbar. Das ist sicherlich eine separate Diskussion wert. Aber bleiben wir beim Szene WHatcher. Was gibt es zur Nummer 100 zu sagen?

Die 100? Das war eine Messe-Ausgabe. Wenn ich mich recht entsinne, dann war das die erste Ausgabe, die sechs oder acht Seiten hatte. Ich konnte sie für meine Leute im Umfeld nicht mit meinem Drucker erstellen, ich bin also ins Copy-Center und hab sie dort machen lassen. In irgendeinem Comicmagazin stand dann, das wäre ja nun kein Flyer mehr, sondern eher eine lahme Ente. Ich hoffe, die meinten damit nicht den Inhalt.

Wer waren die wichtigsten Mitarbeiter über die Jahre?

In erster Linie meine Frau Gaby, ohne sie hätte ich schon längst Schicht gemacht. Sie hat gesagt was geht und was nicht, denn oftmals habe ich meine heilige Wut bekommen, dann hat sie besänftigt. Michael Vogt war über die gesamte Zeit ein wertvoller Mitarbeiter und Ratgeber, er hat den Online-Auftritt eingefädelt und ist uns immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Es gab natürlich viele Mitarbeiter, die mir Beiträge und Informationen geliefert haben, besonders Peter Skodzik und Carsten Laqua, aber im Hintergrund, redaktionell und technisch, gab es nur wenige.

Woher hattest Du Deine Informationen?

Aus der Szene, dem fannischen Umfeld. Ich habe Informationen aufgegriffen, die manchen Leuten erstmal nicht so wichtig erschienen, was mir nicht passte, habe ich ausgeblendet und anderen überlassen. In den Neunzigern war ich viel unterwegs. Da hört man viel, das hat sich später relativiert, also habe ich meine Informationen in engerem Kreis gesammelt, was sich zu meiner Überraschung nicht negativ ausgewirkt hat.

Die Konkurrenz aus dem tagesaktuellen Internet ist immer größer geworden in den letzten Jahren, auch durch Twitter und Facebook. Nach welchen Kriterien hast Du die Beiträge im Szene WHatcher ausgewählt?

Mit den sozialen Netzwerken habe ich nichts am Hut. Ich kann auch nicht beurteilen, ob diese Portale und Foren wirklich eine Konkurrenz für ein Zine sind - egal welches - das versucht vernünftig recherchierte Beträge zu liefern. Die Leute, die mir wichtig sind, können sehr gut zwischen ordentlicher Arbeit und Hingeschludertem unterscheiden. Meine Besucherzahlen haben sich durch den Auftritt von Twitter, Facebook & Co. nicht verändert, im Gegenteil. Wie ich bemerkt habe sind viele Fans dazugekommen, die durch das Getwitter erfahren haben, dass es den Szene WHatcher gibt. Es hängt doch alles irgendwie zusammen, darum sind meine Zahlen konstant hoch geblieben, womit ich leben konnte, zumal ich mit dem Zine nicht mein Brot verdienen musste.

Ich habe schon immer eine Vorliebe für das Schräge und Nichtalltägliche gehabt, das ist mir letztendlich bei der Themenauswahl zu Gute gekommen. Ich war es eh Leid, über sich ständig wiederholende Veranstaltungen zu berichten, auf denen lediglich die Personen ausgetauscht werden. Deshalb waren meine Artikel über Großveranstaltungen, sofern ich überhaupt noch welche gemacht habe, eher etwas abgedreht. Ich bin immer dort hingegangen, wo Gaby und ich oft genug die einzigen waren. Natürlich war das nicht ganz uneigennützig, denn hier konnte ich meinem Hang zum Schrägen frönen. Diese Eindrücke sind dann in die Beiträge eingeflossen, es war teilweise schon ziemlich experimentell. Ich war aber überrascht, dass diese Inhalte derart positiv aufgenommen wurden. Ich habe dann versucht mich mehr und mehr vom Mainstream zu entfernen, da haben die üblichen Verdächtigen natürlich gemeckert. Ich hab' sie meckern lassen, die Zahlen und die vielen netten eMails und Anrufe gaben mir Recht. Auf diesem Wege habe ich erfahren, dass viele Leute dort draußen genauso denken und an denselben Themen Gefallen finden wie ich. Also habe ich munter weitergetippt.

Wenn du willst, dass die Leute lesen was du schreibst, dann musst du versuchen ihnen Geschichten zu erzählen, daran hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert. Wenn man schreibt, dass Superman Nummer 1580 von einem neuen Zeichner kreiert wird, dann interessiert das kaum einen. Wenn man aber schreibt, dass der Zeichner immer in Ruhpolding Urlaub macht und gern Schweinshaxe isst, was natürlich stimmen muss, dann vergisst das der Leser nicht so schnell. Will sagen, es ist nicht immer wichtig, was du für Themen auswählst, es ist wichtig, wie du es schreibst und was du darüber erzählen kannst.

Das kann ich bestätigen. Wobei aus meiner Sicht für ein gutes Infoportal eine gesunde Mischung wichtig ist, aus harten Fakten und unterhaltsamen Texten. Und was kommt jetzt? Wirst du in der Comicszene weiterhin aktiv sein?

Wie ich schon sagte, das steht in den Sternen. Sicher, ich denke ständig darüber nach, aber ich muss erst einmal eine Lösung finden, die allen meinen Vorstellungen halbwegs entspricht. Ich will mir Zeit lassen, beim Bierchen gelingt mir das nicht noch einmal, das habe ich gestern versucht.

Der Comic ist mein Leben. Ich werde für dieses Medium erst inaktiv sein, wenn ich meinen letzten Schnaufer getan habe.

Foto © Joscha Heinkow


Weiterführende Links:

Direkter Link zur letzten Ausgabe: Szene WHatcher Nr. 294
Homepage des Szene WHatchers: Szene WHatcher


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