ALFONZ on Tour: Angoulême 2015 Tag 2

Erstellt: Donnerstag, 29. Januar 2015 Veröffentlicht: Donnerstag, 29. Januar 2015

Angouleme 2015

Am Freitag besserte sich das Wetter in Angoulême. Es blitzte vereinzelt sogar die Sonne auf. Diskussionen über die Tatsache, dass der Grand Prix nach Japan ging, die starken Eintrittskontrollen und ein Treffen mit Ted Benoit prägten unseren Tag.

Alfonz on Tour - Angoulême 2015france48
Freitag, den 30. Januar

GEHE ZU:
Tour Tag 1 * Tour Tag 2 * Tour Tag 3 * Tour Tag 4


Hurrah! Nach dem Regen zeigte sich die Sonne

Grand Prix an Katsuhiro Otomo

Dass der Japaner Katsuhiro Otomo mit (nur) 38 Prozent der abgegebenen 1600 Stimmen zum Sieger des Grand Prix in Angoulême gemacht wurde, stieß nicht nur bei Traditionalisten auf wenig Verständnis. Damit hat seit fünf Jahren nur ein französischsprachiger Künstler (Jean-Claude Denis) den renommierten Preis und die damit verbundene Präsidentschaft von Frankreichs wichtigstem Comicfestival erhalten. Immerhin hat sich Otomo umgehend mit einer Videobotschaft aus Japan persönlich gemeldet und sowohl geehrt wie auch selbst überrascht gezeigt, weil er seit mehr als zwanzig Jahren keinen neuen Manga mehr gezeichnet hat. Tatsächlich ist allerdings damit zu rechnen, dass Otomo im Gegensatz zum letztjährigen Sieger Bill Watterson als Gast auf dem Salon in Angoulême 2016 begrüßt werden kann.

Übrig bleibt ein enttäuschter Hermann und vermutlich zahlreiche Fans, die damit gerechnet hatten, dass der Belgier den in seinem Fall längst überfälligen Preis überreicht bekommt.

The incredible Return of Ray Banana

In den 1980er Jahren gehörte Ted Benoit zur Speerspitze der Bewegung, die unter dem Sammelbegriff »Nouvelle Ligne Claire« bekannt wurde und der neben Benoit auch Yves Chaland, Serge Clerc oder Francois Avril angehörten. Die jungen Zeichner verwendeten Stilmittel ihrer Vorgänger wie Hergé oder Franquin und transportierten die aus den 1950ern bekannte Ausdrucksart in ihre modernen und intelligenten, oftmals zeitgemäßen Comics. Benoits Alben um Ray Banana gehörten damals zu den beliebtesten Veröffentlichungen. Um das Jahr 2000 wurde der Franzose einem größeren Publikum bekannt, als er nach Szenarios von Jean Van Hamme die Abenteuer von Blake und Mortimer in zwei Alben fortsetzte.

Was Ted Benoit seitdem gemacht hat und warum es jetzt ein neues Album mit Ray Banana gibt, konnten wir in einem angeregten und sympathischen Gespräch herausfinden, das im mondänen alten Rathaus von Angoulême stattfand.

Alte Bekanntschaft rostet nicht: Volker und Ted kennen sich sich seit 1993 ...

Calvin et Hobbes sont Président!

Heute stand die Ausstellung des diesjährigen Präsidenten des Festivals im Espace Franquin auf unserem Programm, die der Entwicklung und dem Werk von Calvin und Hobbes-Schöpfer Bill Watterson gewidmet ist. Immer wieder faszinierend ist, wie diese nahezu vollkommenen Strips ein Lächeln ins Gesicht zaubern, obwohl man sie bereits zum x-ten Mal liest. Aus nächster Nähe konnte man die dynamisch filigranen Originale des Amerikaners bewundern.

Die Ausstellung ist gegliedert in Einflüsse Wattersons, die ihn zehn Jahre lang einen der wichtigsten Comics aller Zeiten haben kreieren lassen, und auch die Auswirkungen der Calvin und Hobbes-Serie auf andere Zeichner und deren Werk. Die interessante Gliederung macht auch verschiedene Aspekte von Wattersons Werk deutlich, so zum Beispiel die Rolle der Familie, der Freundschaft zu einem (Plüsch)Tiger, der philosophische Überbau und den essentiellen Dingen des Lebens. Calvin und Hobbes ist tatsächlich mehr als nur ein Funny-Strip. Deshalb verließen wir den Espace Franquin auch mit einem Lächeln auf den Lippen und einem angenehmen Gefühl im Herzen.

 


Tag 2: Auszug aus dem (nicht so geheimen) Alfonz-Tagebuch

Der erste bange Blick nach dem frühen Klingeln des Weckers gilt der Situation am Himmel. Leidgeprüft vom Dauerregen des Vortags sind wir froh um jeden Flecken blauen Himmels und jeden Sonnenstrahl, die uns hoffen lassen, das Comicfestival von Angoulême endlich unter angenehmen klimatischen Bedingungen genießen zu können. Und tatsächlich kommt im Laufe des Tages immer häufiger die Sonne heraus, bis abends die Straßen sogar trotz kalter Temparaturen von feiernden und ausgelassenen Besuchern gefüllt sind. Dennoch wird in Gesprächen mit anderen Besuchern, Zeichnern und Verlegern deutlich, dass offenbar deutlich weniger Comicfans als üblich den Weg in die Charante gefunden haben. Möglicherweise überwog hier bei mehr Besuchern als gedacht die Angst vor potentieller Gefahr nach dem CHARLIE HEBDO-Attentat.

Auf so einem internationalen Event wird erneut klar, wie wichtig persönliche Kontakte sind. eMail und soziale Medien wie Facebook oder Twitter können das nicht ersetzen. Hier vibriert die Neunte Kunst buchstäblich aus allen Ecken, nicht nur aus den Festivalzelten und Ausstellungen, sondern auch aus Kneipen und, jaja, Bäckereien und Metzgereien. Diese haben hier nämlich Comics und Figuren in die Schaufenster gestellt, um am Großereignis teilzunehmen. Es macht unglaublichen Spaß, sich mit Kollegen aus Frankreich, den Niederlanden oder der Schweiz zusammenzusetzen, mit Verlagsvertretern einen Kaffee zu trinken oder sich mit Zeichern über ihre neusten Projekte zu unterhalten.

Gegen 18:30 Uhr schauen wir kurz bei einer kleinen Party vorbei, die von der Frankfurter Buchmesse gesponsort wird. Es gilt, die deutsche Graphic Novel zu präsentieren, was man mit einem ansehnlichen Stand und einer vielseitigen Selektion von Comics aus deutschen Landen erreicht.

Kurz nach 19 Uhr folgen wir einer Einladung zu einer exklusiven Präsentation (mit Cocktail-Party) des neuen Verlages Rue de Sèvres, dessen Verlagsgründer sich letztes Jahr von Casterman »verabschiedet« hat und dabei kurzerhand auch einige Zeichner und eine wichtige Redakteurin »mitgenommen« hat. Ein gediegenes Event, bei dem auch wichtige Neuerscheinungen vorgestellt werden, wie Titel von Jiro Taniguchi, Matz oder Alex Alice, die ebenfalls anwesend sind und Kurzinterviews geben (Scott McCloud ist optisch per Grußvideo aus Kalifornien ebenfalls dabei …).

Danach geht's endlich zum Abendessen. Urgestein Cuno »Comix« Affolter aus der Schweiz hat einen Tisch in einem Restaurant für zwölf Leute reserviert. Mit dabei sind u.a. Philipp Schreiber von Schreiber & Leser, Wolfgang J. Fuchs vom Comicfestival München und der Festivalleiter des BDFil in Lausanne. Wir müssen zwar ewig aufs Essen warten und dann gibt's schwarzes Fleisch, frisch verbrannt vom Grill, aber das tut der blendenden Stimmung keinen Abbruch. Es ist ein gelungener Abschluss eines weiteren tollen Tages. [VH/MH]


In Halle 1, wo sich Lombard, Casterman, Soleil und Co. finden, ist die Zeichnerdichte hoch und damit der Andrang besonders groß

International geprägte Signierstunde bei Gallimard: Richard McGuire aus den USA, Mawil aus Deutschland und Joost Swarte aus den Niederlanden.

Raritäten-Sammler haben hier viel zu sichten ...

Fortsetzung folgt ... morgen!


Alle Fotos © Edition Alfons