US-Manga: Shonen Jump goes digital - Interview

Veröffentlicht: Donnerstag, 27. Oktober 2011

Abt: US-Markt Digital

 

Sayonara, Shonen Jump!

Warum eine der meistverkauften Manga-Serien in den USA eingestellt wird

Interview mit leitenden Anstellten von Viz und Sheisha

Ende Oktober schockte Viz Media in den USA auf der New York Comic Con mit der Meldung, dass der Verlag die nordamerikanische Ausgabe des monatlichen Magazins Shonen Jump einstellen und durch eine wöchentliche Digitalausgabe (Weekly Shonen Jump alpha) ersetzen wird.

Einige Fragen blieben offen, zum Beispiel diese: Warum stellt Viz eine Serie ein, die mehrere Monate eines Jahres an der Spitze der Liste der meistverkauften Comics in Nordamerika steht? Der Branchendienst »ICv2« hatte die Gelegenheit, den Japanern einige zusätzliche Fragen zu stellen. Milton Griepp sprach mit Alvin Lu, dem »Senior Vice President« und »General Manager« von Viz Media, und Hisashi Sakai, der bei Shueisha, dem Miteigentümer von Viz in Japan, für Shonen Jump verantwortlich ist.  

Das nachfolgende Gespräch wurde CRON im Rahmen einer Kooperation mit den nordamerikanischen Kollegen von ICv2 zur Verfügung gestellt. Die Erstveröffentlichung des Interviews erfolgte online am 25.10.11. Die englische Originalfassung findet sich HIER.


Warum stellen sie die Print-Version von Shonen Jump in Nordamerika ein?

Alvin Lu: Als sich die Möglichkeit ergab, digital eine wöchentliche Erscheinungsweise realisieren zu können, machte dies das gedruckte Magazin zwar nicht völlig überflüssig, aber der gedruckte Inhalt ist nie so frisch wie bei einer schnellen digitalen Veröffentlichung.

Wir denken, dass Manga in seiner natürlichen Form als Periodikum wie eine Art »Life-Übertragung« ist. In erster Linie wählten wir damals die Form eines gedruckten Magazins, weil es das war, was dem Konzept von Manga am nächsten kam, trotz der Begrenzungen, denen wir damals ausgesetzt waren. Seit die digitalen Möglichkeiten ins Spiel kamen, können wir lebhafter und frischer werden. Also wurde ein Print-Magazin, das zudem stets hinterher läuft, weniger wichtig.

Wie hoch ist die Auflage des gedruckten Magazins?

Alvin Lu: Zurzeit ungefähr 125.000 Exemplare.

Wow, das ist ganz schön hoch. Haben sie Untersuchungen angestellt, wie die Leser über den Wechsel zur Digital-Version denken?

Alvin Lu: Das haben wir. Natürlich wird ein Teil der Leserschaft das gedruckte Magazin vermissen. Ebenso wissen wir, dass ein Teil der Abonnenten und Leser den Wechsel zum digitalen Format nicht mitmachen wird. Gleichzeitig denke ich, dass wir hier die Möglichkeit zu etwas viel Größerem haben. Wir wollen den bisherigen Lesern jede Möglichkeit geben, das digitale Magazin auszuprobieren. Wenn sie es nicht tun, dann werden wir das definitiv respektieren. Die Abonnenten des Shonen Jump Magazins gehören zu unserer hochgeschätzten Fan-Basis und haben großen Respekt verdient.

Wie sieht die Verhältnis zwischen dem gedruckten und dem digitalen Shonen Jump in Japan aus?

Hisashi Sasaki: Es gibt kein digitales Shonen Jump in Japan, nur die Print-Ausgabe.

Warum?

Hisashi Sasaki: Ich glaube, dass es in Japan nicht erforderlich ist.

Warum ist digital in den USA nötig und in Japan nicht?

Hisashi Sasaki: In Japan gibt es ungefähr 20.000 Buchhandlungen auf einem vergleichsweise kleinen Raum. Außerdem gibt es überall kleine Tante-Emma-Läden. Die Leute sind einfach gewohnt Shonen Jump Woche für Woche für Woche zu lesen. Man geht raus aus der Wohnung, und ums Eck kann man es kaufen. Am Kiosk, an der Straßenbahn-Haltestelle, im Buchladen. Es ist so einfach. So ist der Lebensstil der Leute: Statt den Computer anzuschalten und einen Web Browser zu öffnen, sind Japaner es gewöhnt, gedruckte Magazine aus Papier zu lesen.

Wir haben gehört, dass der Digitalmarkt für Manga im letzten Jahr ungefähr 600 Millionen Dollar Umsatz erreichte. Demnach besitzen schon einige einen Computer.

Hisashi Sasaki:  Der $600-Mio-Dollar-Markt betrifft Graphic Novels, nicht Magazine. Wir sehen keine Notwendigkeit, in Japan Magazine in digitaler Form einzuführen.

Hoffen sie, dass dies einen Einfluss auf illegale Downloads haben wird?

Alvin Lu: Ja, definitiv. Ich denke, dass der günstige Preis und die Benutzerfreundlichkeit der Plattform einiges bewegen wird. Das sollte nicht unterschätzt werden, da wir jüngere Leser online erreichen. Ich glaube sogar, dass es mit dem Einstiegspreis von 99 Cents viel leichter ist, seine favorisierten Shonen Jump Serien jede Woche zu bekommen, als sich darum zu bemühen, eine illegale Quelle anzuzapfen.

Wie, wenn überhaupt, beeinflusst dies ihre Strategie für die gesammelten Ausgaben in den Vereinigten Staaten?

Alvin Lu:  Das ergänzt sich gegenseitig. Unsere Strategien für »digital« und »print« bewegen sich auf ein gemeinsames Modell zu, aber in diesem Fall erlaubt uns der Wechsel, mit einer Kombination aus Verbraucherfreundlichkeit, Reichweite und Verkaufspreis wirklich eine viel größere Gruppe an Neulesern zu erreichen als bisher. Wir hoffen, dass die neue Form dazu dient, die Leute für die Stories zu begeistern. Die Serien, die sie wirklich mögen, können sie später als permanente Sammlungen kaufen, die es gedruckt als Taschenbuch oder in digitaler Form geben wird.

125.000 Exemplare machen Shonen Jump zu einem der meistverkauften Comics in den USA. Sie sagten, dass sie erwarten von der digitalen Ausgabe mehr zu verkaufen. Was sind die Verkaufsziele für die Digitalausgabe?

Alvin Lu: Die sind ziemlich aggressiv. Wir werden beobachten was passiert, aber eines der Nahziele ist, dass wir hoffen, wir können so von den aktuellen Shonen Jump Lesern so viel wie möglich mitnehmen.

Wie erreicht ihr neue Leser? Sie sagten, sie erwarten, dass die neue Form mehr Leser anzieht als die Print-Edition. Welches Marketing, abgesehen von Social Media und Werbung, ist geplant?

Alvin Lu: Wir haben verschiedene Marketing-Möglichkeiten. Wir haben unser Online Marketing auf verschiedene Arten weiterentwickelt. Alleine die gesamte Familie der Viz-Webseiten generiert eine signifikante Menge an Besucherstrom. Über diese wichtigen Portale werden wir eine Leserbasis aufbauen und unsere Marketingstrategie bestimmen.

Wird es kostenlose Ausgaben oder Leseproben geben?

Alvin Lu:  Wir bieten Zurzeit gerade kostenlosen Lesestoff von einer Menge der gesammelten Ausgaben an. Wir denken, dass der 99-Cent-Preis, dieser Schnupperpreis, einer kostenlosen Probe ziemlich nahe kommt. Wir fanden heraus, dass wir es später einfacher haben werden, wenn die Leser für den ersten Lesehappen etwas bezahlen. Wir hoffen, dass sich dies bewahrheitet.

Es wird auch kostenlose Inhalte geben. Das Grundpaket muss bezahlt werden, aber wie andere Periodika werden wir mehr Details erklären, sobald sich die Sache entwickelt. Es gibt weitere Komponenten im Zusammenhang mit einer digitalen Magazinveröffentlichung, aber ein großer Teil davon wird öffentlich sein.

Verkaufen sie die Inhalte über andere Plattformen, außer der Viz-eigenen Plattform?

Alvin Lu:  Wir wollen in so vielen Kanälen wie möglich vertreten sein. Wir starten mit der Viz-eigenen Plattform. Wir wollen die Viz Manga Palette aber über weitere Kanäle vertreiben. Genauso wie mit den Sammlungen. Es wird eine Ausweitung geben, da wo es Sinn macht. Wir wollen die eigene App anbieten und die Möglichkeit, so viel wie möglich direkt im »Viz Store« einzukaufen. Aber wir werden ebenso andere Vertriebswege prüfen.

Wie schätzen sie den Erfolg dieses Programms ein, wenn das erste Jahr vorbei sein wird? Falls weniger als vom bisherigen gedruckten Shonen Jump verkauft werden, betrachten sie das dann als Enttäuschung?

Alvin Lu:  Das Nahziel heißt, dass wir die digitale Verbreitung zu dem Punkt bringen wollen, wo die gedruckte Version jetzt ist. Wir müssen erst sehen wie hoch die Akzeptanzrate ist, bevor wir entscheiden können, wie schnell wie dahin kommen.


Deutsche Übersetzung von Matthias Hofmann
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Abbildungen/Scans © ICv2