Frisch gelesen Folge 91: In this corner of the world

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Carlsen Veröffentlicht: Montag, 03. Dezember 2018 Geschrieben von Mechthild Wiesner



»Die Leute haben oft gesagt, ich sei ein verträumtes Kind. Und wahrscheinlich war auch das nichts weiter als ein Tagtraum.«


FRISCH GELESEN: Archiv


In this corner of the world, Bd. 1

Story: Fumiyo Kouno
Zeichnungen: Fumiyo Kouno

Carlsen Verlag
Softcover | 148 Seiten | s/w | 12,99 €
ISBN: 978-3-551-71195-3

 

In this corner of the world, Bd. 2

Story: Fumiyo Kouno
Zeichnungen: Fumiyo Kouno

Carlsen Verlag
Softcover | 148 Seiten | s/w | 12,99 €
ISBN:978-3-551-71196-0

 

In this corner of the world, Bd. 3

Story: Fumiyo Kouno
Zeichnungen: Fumiyo Kouno

Carlsen Verlag
Softcover | 168 Seiten | s/w | 12,99 €
ISBN: 978-3-551-71197-7

Genre: Manga, Graphic Novel, Historiencomic

Für Leser, die das mögen: Manga, Graphic Novels, (japanische) Geschichte


Japan, 1934 – die kleine Suzu Urano wohnt mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und ihrem älteren Bruder in Hiroshima. Die Familie lebt von der Produktion von Nori-Blättern. Obwohl Suzu die Schule besucht, hilft sie wie auch die Geschwister beim Sammeln des Seetangs mit. Suzu ist eine Träumerin, die oft Dinge sieht, die andere Menschen nicht wahrnehmen. Diese Erlebnisse hält sie gerne in Bleistiftzeichnungen fest, die sie mit großem Talent anfertigt. Das Geld ist immer knapp, sodass sich Suzu von ihrem kleinen Taschengeld ihre Stifte selbst kaufen muss. Trotz aller Einschränkungen und auch der Arbeit, die sie zu tun hat, durchlebt sie eine glückliche Kindheit.


Schon als Kind viel beschäftigt: die kleine Suzu.

1943, Suzu ist inzwischen 19 Jahre alt, tritt der junge Marineangestellte Shuzaku in ihr Leben und hält bei ihrer Familie förmlich um ihre Hand an. Suzu wird verheiratet und zieht zu ihm in das zirka 20 Kilometer entfernte Kure. Kure war während des Zweiten Weltkrieges ein wichtiger Marinestützpunkt. Im Marinearsenal von Kure wurden nicht nur viele Kriegsschiffe gebaut, vor der Küste Kures versammelte sich die Flotte und wurde versorgt.

Bis auf den Umstand, dass ihr Mann Shuzaku als Beamter bei der Marine arbeitet, hat Suzu nicht viel mit dem Krieg zu tun, der zu diesem Zeitpunkt an anderen Orten der Welt schon hell entflammt ist. Sie lebt bei ihrer neuen Familie, die sie herzlich aufgenommen hat. Suzu hat ein freundliches und hilfsbereites Wesen, sodass es ihr leicht fällt, neue Freundschaften zu schließen. Die immer knapper werdenden Lebensmittel, die über Vergabestellen ausgegeben werden, kann sie durch ihr Geschick, ihren Einfallsreichtum und ihre praktische Veranlagung oft strecken, sodass es doch für alle reicht und die Mahlzeiten abwechslungsreich sind.

Die Zeit schreitet voran und die ersten Fliegeralarme ertönen. Die erste Bombardierung Kures erfolgte im März 1945, galt aber primär den militärischen Einrichtungen und den im Hafen liegenden Kriegsschiffen. Die Bedrohung rückt immer näher, ohne dass die Protagonisten wissen, worin sie gipfeln wird.


Traditionsbewusst: der Besuch des Familiengrabs.

Dafür ist das dem Leser umso präsenter. Von der ersten Seite des Mangas an ist klar, dass alles auf den Atombombenabwurf auf Hiroshima hinausläuft. Interessant ist bereits der Kunstgriff von Fumiyo Kouno, dass sie den indirekten Blick wählt, indem sie die Protagonistin nach Kure umziehen lässt. So schafft sie eine Geschichte, die vom alltäglichen Leben im ländlichen Japan während des Zweiten Weltkrieges erzählt. Trotzdem spart sie die Ereignisse nicht aus, die das schlimmste Trauma in der Seele der japanischen Bevölkerung hinterlassen haben: die Atombomben, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden.

Die gesamte Erzählung hat ihren sehr eigenen Rhythmus. Obwohl es sich um eine zusammenhängende, chronologisch geradlinige Geschichte handelt, sind die einzelnen Kapitel in sich abgeschlossene Episoden, die Einblick in die Geschehnisse der verschiedenen Jahreszeiten geben. Oft enden sie, typisch für einen episodenhaften Manga, mit einer kleinen Pointe, bei der es meist Suzu ist, die durch ihre träumerische Art alle zum Lachen bringt. Kouno ist in Hiroshima geboren worden, ihre Großeltern stammen aus Kure. Sie erklärt diesen Erzählstil damit, dass sie Familienmitglieder befragt und sich viele Geschichten hat erzählen lassen, die sie in diesem Manga verarbeitet hat. Insgesamt legt Kouno sehr viel Wert auf historische Korrektheit. So gibt es nicht nur ein umfassendes Glossar, das geschichtliche Zusammenhänge oder japanische Besonderheiten erklärt, auch innerhalb des Mangas gibt es grafische Darstellungen, die zum Beispiel die Entwicklung der Stadt Kure zum Beginn des 20. Jahrhunderts aufzeigen.


Ein eigener Rhythmus.

Eine weitere grafische Besonderheit sind Suzus Zeichnungen, die geschickt in den Erzählfluss eingearbeitet sind. Auch die Art, wie sie ihren Alltag meistert, ist gelegentlich in der Art von Schaubildern gezeichnet. Durch die dadurch gewonnene Distanz bekommt die Erzählung eine zusätzliche Leichtigkeit, die sich durch den ganzen Manga trägt. Die große Faszination dieses Mangas geht davon aus, dass er trotz der dramatischen Thematik nie bitter ist, nicht schwermütig, sondern verzeihend und gutmütig. Ohne zu werten, weder das patriotische Denken der einfachen japanischen Bevölkerung noch die Bombenangriffe der amerikanischen Luftwaffe, erzählt Kouno von der damaligen Zeit. Auch der Zeichenstil Kounos trägt hierzu bei. Die Zeichnungen sind nicht so sauber, wie man es aus aktuellen Mangas gewohnt ist. Der eher unsaubere und dadurch dynamischere Strich passt sich sehr gut der dargestellten Zeitperiode an und harmoniert so auch mit den Zeichnungen der Protagonistin. Es findet sich je eine Koloration zu Beginn eines jeden der drei Bände als eine Art Titelseite. Die einzige Ausnahme stellen die letzten drei Seiten des gesamten Mangas dar, die plötzlich koloriert sind. Es handelt sich um ein doppelseitiges Bild des Hausbergs von Kure und um eine Seite, die noch einmal das Alltagsleben der Familie aufgreift. Hier wird erneut die hoffnungsvolle und positive Stimmung des Mangas unterstrichen, der Blick nach vorne, voller Glaube an eine bessere Zeit.


Der Manga ist schwarz-weiß, einige Illustrationen sind in Farbe.

P.S.: In this corner of the world wurde auch als Anime adaptiert, der absolut sehenswert ist. Er greift die Stimmung des Mangas perfekt auf, gibt ihm aber besonders durch die akustische Komponente mehr Realität und Drastik, als dies die Vorlage tut. Und auch Erklärungen und historische Hintergründe können nicht in der Form dargestellt werden. Ich empfehle also, zuerst den Manga zu lesen.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2018 Carlsen Verlag


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