Frisch Gelesen Folge 137: Knock Out!

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Carlsen Veröffentlicht: Dienstag, 17. Dezember 2019 Geschrieben von Falk Straub

»Ich konnte gar nicht Schritt halten, so schnell ging's bergauf in der Boxwelt. Und das, obwohl ich eigentlich gar nicht boxen wollte!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Knock Out!

Story: Reinhard Kleist
Zeichnungen: Reinhard Kleist

Carlsen
Hardcover │ 160 Seiten │ s/w │ 18,00 €
ISBN: 978-3-551-73363-4

Genre: Biografie, Sport, Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: Der Boxer


Eins vorab: Ich bin kein Fan von Biografien. Weshalb, lässt sich hier nachlesen. Eine Lebensbeschreibung – ob in Buch-, Film- oder Comicform – muss sich schon einiges einfallen lassen, um mich zu begeistern. Reinhard Kleist schafft das regelmäßig. Egal, ob der 1970 geborene Comicvirtuose von Johnny Cash, Fidel Castro, Hertzko Haft, Samia Yusuf Omar oder Nick Cave erzählt, jeder Lebensweg dieser so unterschiedlichen Persönlichkeiten zieht mich in den Bann. (Und aller Voraussicht nach wird das auch die zweibändige Comicbiografie über David Bowie tun, die soeben mit viel Vorlauf für Dezember 2021 und Ende 2023 angekündigt worden ist.) Das liegt zum einen an Kleists unnachahmlichem Strich, den er von Comic zu Comic zu perfektionieren scheint. Auch Knock Out! ist voll umwerfender Panels und dynamischer Seiten wie dieser:

Zum anderen liegt es an Kleists Erzählweise. Der gebürtige Hürther, der seit 1996 in Berlin lebt und arbeitet, walzt die bewegten und bewegenden Leben seiner Figuren nicht von der Wiege bis zur Bahre aus. Er gibt ihnen einen Rahmen, lässt weg, spitzt zu, verdichtet und langweilt dadurch nie. In Cash – I See A Darkness baut er die Biografie des »Man in Black« um dessen legendären Auftritt im Folsom Prison herum. In Der Boxer entspinnt sich die tragische Geschichte des polnischen Juden Hertzko Haft in einem Gespräch zwischen Vater und Sohn während einer Autofahrt. In Der Traum von Olympia versammelt sich ein ganzes Dorf vor dem Fernseher, um der Läuferin Samia Yusuf Omar die Daumen zu drücken. Die Rahmenhandlung in Knock Out! bildet eine Nacht im Jahr 1992. Beim Verlassen einer Schwulenbar prügeln hasserfüllte Homophobe Emile Griffith, den ehemaligen Boxweltmeister im Welter-, Halbmittel- und Mittelgewicht, halb tot. Schwer verletzt begegnet ihm ein alter Weggefährte, mit dem er auf dem Nachhauseweg tief in die Vergangenheit hinabsteigt:

Ein Zwiegespräch (eigentlich ein Selbstgespräch, wie sich später herausstellt) als kritische Rückschau eines Geprügelten, der sich durchgeboxt hat. Ein verhängnisvoller Fight, mit dem Griffith zeitlebens rang. Kleist gelingt es meisterlich, diese innere Unruhe in Bilder zu übersetzen. Das Leben dieses Boxers steht exemplarisch für unzählige Kämpfe und Karrierewege Homosexueller und People of Color. 1938 auf der Karibikinsel Saint Thomas geboren, liebte Griffith Baseball und Tischtennis und wäre nichts lieber als Hutdesigner geworden. Eine Profession, der er nebenberuflich tatsächlich nachging, was Szenen wie diese leichtfüßig-amüsant illustrieren:

Seine Brötchen verdiente er sich allerdings im Ring, einem der wenigen Orte, an dem auch schwarze Sportler akzeptiert waren. Schwergewichtskollegen wie Floyd Patterson und Sonny Liston hatten es vorgemacht. Große Namen wie Ali, Frazier und Foreman sollten folgen. Baseball und Tischtennis waren indes den Weißen vorbehalten, ebenso die Modebranche. Ein Bekenntnis zu seiner Homosexualität war selbstredend auch nicht drin. (Wie schwer ein Coming-out besonders in der Black Community bis heute fällt, hat unlängst Barry Jenkins in seinem Film Moonlight fabelhaft geschildert.) Und so ist Knock Out! auch ein Comic über Verdrängung und Veränderung, ein beständiges Wechselbad voll schmerzhafter und glückseliger Erfahrungen.

Kleist wirft dieses Leben in kontrastreichem Schwarz-Weiß auf die Seiten. Stadtansichten wie die oben gezeigte, aber auch seine offene Seitengestaltung, sein schwungvoller, präziser Strich und die Physiognomien seiner Figuren erinnern an den großen Will Eisner. Und doch ist Kleist kein Kopist, hat schon lange seinen eigenen Stil gefunden. Ein Stil, der vorzüglich zum schwungvollen, kontrastreichen Leben Emile Griffiths passt. Eine Geschichte über Boxen, Homosexualität und Damenhüte – welch überraschende Kombination, die mal aufs Herz, mal in die Magengrube zielt. Knock Out! ist ein echter Volltreffer.

 [Falk Straub]

 Abbildungen © 2019 Carlsen


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