Wave and Smile: Arne Jysch & Afghanistan

Veröffentlicht: Donnerstag, 30. August 2012

Wave and Smile (Panel)

Kriegscomics aus Deutschland und dann auch noch über Deutsche im Ausland? »Das geht gar nicht!«, meinen manche. Wiederum andere finden: Wenn man schon einen Comic über den Afghanistan-Krieg zeichnet, dann sollte der Künstler wenigstens mal ein paar Stunden im heißen Wüstensand gesessen haben. Und dann müsse dieser auch noch klar für oder gegen sein Thema Stellung beziehen. Natürlich mit voller Überzeugung und am besten so, dass es jeden 100%ig überzeugt.

CRON-Kolumnist Alexander Lachwitz hat Arne Jyschs Erstling Wave and Smile gelesen, findet so manche Kritik an dem Buch leicht übertrieben und urteilt differenzierter.

Winken und Lächelncr ICON-Rezensionen
Über Arne Jyschs Graphic Novel Debüt Wave and Smile

VON ALEXANDER LACHWITZ

Carlsen hatte zur Buchpräsentation nach Hamburg geladen. Moderiert vom Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne und zusammen mit der Journalistin Julia Weigelt konnte der Autor und Zeichner Arne Jysch seinen Comicerstling Wave and Smile vorstellen. Das Salz in der Suppe war dabei zweifellos die kontroverse Kritik, welche die Graphic Novel über Deutschlands Afghanistan-Einsatz im Vorfeld erhalten hatte. Gerechtfertigt oder nicht? Und wie nähert man sich einem Thema wie dem vorliegenden überhaupt am besten an?

Wave and Smile (Panel)

Jysch selbst war nie in Afghanistan, er hat sich ganz auf die altmodische Recherche verlassen. Mit der Journalistin Julia Weigelt, die selbst schon einige Male als »Embedded Journalist« am Hindukusch war, hatte er eine Beraterin an der Seite, die am Ende auch für die Figur der Anni in gewisser Weise Modell stand. Dazu kamen Gespräche mit mehreren Angehörigen der Bundeswehr, die allesamt vor Ort gewesen waren, und die klassische Buchrecherche. Bei letzterer sollte besonders »Sturz ins Chaos« erwähnt werden, das sehr lesenswerte Buch eines pakistanischen Journalisten, dessen Einfluss auf Jysch, gerade in Bezug auf die schwierige politische Lage, sehr spürbar ist (und das in Deutsch leider nur um die letzten Kapitel gekürzt erschienen ist). Alle Informationen, die er zusammentragen konnte, hat Jysch zu einer fiktiven, aber um Realismus bemühten Geschichte verwoben.

Wave and Smile Buchvorstellung im Foyer des Carlsen Verlags in Hamburg

Buchvorstellung von Wave and Smile am 23. August 2012 in Hamburg bei Carlsen

Bei der Präsentation wurden sowohl die Bilder der Reporterin Weigelt, als auch das Material welches Jysch erhielt und was er am Ende daraus machte, gezeigt und kommentiert. Der Bezug zwischen Bildvorlage und fertiger Panelinterpretation belegt dabei zweierlei: Surreal schöne und gleichzeitig befremdliche Bilder lassen sich auch in den schlimmsten Lagen entdecken, und es liegt immer auch im Auge des Betrachters, respektive Photographen, wie genau er den richtigen Moment einfängt. Die Objektivität hingegen, ist kaum einzufangen; das sollte sich jeder Leser klarmachen, egal, ob bei diesem Comic oder der neuesten Fotostrecke im STERN.

Wave and Smile Buchvorstellung im Foyer des Carlsen Verlags in Hamburg

Arne Jysch, Lars von Törne, Julia Weigelt im Gespräch

Zeichnerisch bietet Wave and Smile einen sorgfältigen und detailverliebten Strich, welchem mit gedeckten Aquarelltönen realistisches Leben eingehaucht wird. Das Flair der afghanischen Landschaft wird hier in vielen Facetten eingefangen und verzichtet auf übertriebene Dramatik oder den aus Blockbustern bekannten Werbebildern. Mit einem klaren Panelaufbau wird gerade in den actionreichen Momenten die Dramatik sehr pointiert unterstützt.

In den Gesprächen und ruhigen Phasen indes kommt Jysch seinen Figuren nah genug, um hinter die Fassade zu blicken, die ein Soldat zu seinem eigenen Schutz um sich herum errichtet. Dies wirkt nicht immer ganz entspannt und locker, aber der Lesefluss bleibt erhalten. Erfreulicherweise bleibt den Figuren, trotz ihrer spürbaren Frustration, ein zu kalter Zynismus erspart. Sie menscheln durch und durch, wissend, dass sie in einem Krieg sind, den sie unter den bestehenden Umständen nicht gewinnen können. Schlimmer noch; durch die Vorgaben der Politiker verscherzen sie es sich nicht nur nach und nach mit der Bevölkerung, sondern auch mit ihren Bündnispartnern.

Wave and Smile Trailer

Hollywood und die Realität – Oder: Wie stellt man etwas Unauflösbares dar?

Dreh- und Angelpunkt der eigentlichen Handlung ist Hauptmann Chris Menger, der Stereotyp eines erfahrenen, langsam resignierenden Soldaten mit bröckelndem sozialem Halt in der Heimat. Als gemäßigter Mittelpunkt benötigt er natürlich etwas, das ihn auf Trab bringt und seine Sichtweise auf die Probe stellt. Mit der Fotoreporterin Anni kommt die Vertreterin der zivilen Fraktion hinzu, während mit Hauptfeldwebel Marco der sachliche »Erklärbär« parat steht. Ergänzt wird das Trio durch den derben Rocker, der sich den radikalen, politisch ungehemmten Ton auf die Fahnen geschrieben hat.

Wave and Smile TitelbildBevor man es falsch versteht: Der Ton der Figuren ist, verglichen mit den realen Gegebenheiten eher gemäßigt, dennoch aber nicht auf politische Korrektheit ausgelegt. Jysch wagt ein Experiment, in dem er viele Meinungen unkommentiert stehen lässt und eine Wertung dem Leser überlässt. Das ergibt zwar auf der einen Seite ein Bild, wie es dem Soldatenalltag sicher nicht ungerecht wird, andererseits öffnet er damit Propagandaunterstellungen einen spaltbreit die Tür. Von einem militaristischen Propagandacomic der alte Blut-und-Ehre-Traditionen feiert, ist Jysch mit seinem Werk aber ebenso weit entfernt, wie von der perfekten Lösung für den Krieg in Afghanistan.

Abgesehen davon beweist Jysch meist handwerklich solide Kost. Der Handlungsbogen ist rund und geschlossen, bietet Raum für einzelne Momente, die für spürbare Tiefe sorgen und gleitet von diesen wieder nahtlos in die Rahmenhandlung zurück. Im späteren Verlauf wird der fiktive Charakter der Geschichte, die um ein differenziertes Bild bemüht ist, präsenter. Typische Mechanismen der eingängigen Filmbranche zeigen sich offensichtlich und vermeiden, dass sich die Geschichte in der Frage, was richtig und falsch ist, verfährt. Am markantesten wird dies gegen Ende des Buchs. Menger steht vor der Wahl, sich seinen familiären Problemen in der Heimat oder dem verschollenen Kollegen in Afghanistan zu widmen. Es wäre sicherlich interessant gewesen, wenn Jysch sich für die erste Variante entschieden hätte. Nicht erst seit dem ersten Rambo-Film wissen wir, wie komplex und schwer die Heimkehrerthematik ist (der wir uns noch viel bewusster stellen müssen in Zukunft). Doch hat er sich nach eigenen Worten für ein eher »märchenhaft« ausgelegtes Rückkehrerende entschieden.

Somit entzieht er sich zwar der Verantwortung, sich einer tiefer schürfenden Analyse des Konflikts und seiner Folgen für Land und Menschen zu widmen, allerdings hat er auch nie den Anspruch erhoben, eine Charakterstudie zu schreiben. Dazu darf man nicht vergessen, dass viele Soldaten (laut Julia Weigelt sogar viele Reporter) nach ihrer Heimkehr später erneut ins Kriegsgebiet ziehen. Damit bleibt sein Buch gerade für viele Soldaten sicherlich ein begrüßenswertes Statement und erklärt auch zum Teil, warum sein Erstling bei der Bundeswehr durchgehend auf positive Resonanz stößt.

Die Sache mit dem Echo – Oder: Die Vor- und Nachteile der (sehr?) freien Interpretation

Sowohl diese Begeisterung als auch der Vorwurf der rechtsgerichteten Propaganda lösen in Jysch ein seltsames Gefühl aus, wie er selbst sagt. Er war bei der Arbeit um ein differenziertes Bild bemüht, auch wenn er am Ende fast nur die Soldaten zu Wort kommen lässt. Immerhin gibt es einige Szenen, die die Figuren im Dialog und Konflikt mit Zivilisten zeigen und selbst dem skeptischen Leser offenbaren: Hier gibt es Probleme die sich nicht einfach mit einer Kugel oder derben Sprüchen lösen lassen!

Wave and Smile Leseprobe


Anders kann man es wie folgt interpretieren. Es geht konkret um eine Szene, in der ein Kamerad stirbt, und Rocker ausrastet; etwas das die Journalistin Weigelt selbst genau so erlebt hat):

Marc-Oliver Frisch in seiner eingangs erwähnten Rand-und-Band-losen Manöverkritik: »Hier also türmt Jysch eine ganze Reihe von Rechtfertigungen auf, um den rassistischen Ausbruch des Soldaten – desselben Soldaten, der unter Punkt 3 bereits über die Taliban vom Leder zog – vergleichsweise als Lappalie aussehen zu lassen: lästige und ahnungslose Zivilisten, die sich Urteile erlauben; ein alles andere als "robustes" Mandat; kaltblütige Gegner; physische und psychische Extrembelastungen.

Botschaft: Wer will es unter solchen extremen Bedingungen unseren Jungs denn bitteschön übelnehmen, wenn ihnen mal eine Sicherung durchbrennt und sie verbal (oder anderweitig) über die Stränge schlagen. Die haben ganz andere Probleme. Afghanistan ist kein Kaffeekränzchen!«

Der Kollege erkennt einerseits richtig; wem will man das Menschsein verbieten? Andererseits hebt er die Figur Rocker auf dasselbe Niveau wie Menger. Die Unterscheidung zwischen dem Gewicht der Aussagen von Neben- und Hauptfiguren ist hier nicht zu unterschätzen. Rocker ist eindeutig eine kontroverse Figur, mit einem, wie schon oben erwähnt, klaren Zweck in der Figurenkonstellation. Eine weniger auffällige Figur, die man aber als Gegenpart betrachten könnte, ist Mengers Vorgesetzter. Dieser entspricht dem Klischee eines Sesselpupsers (genau wie bei Rocker hat sich Jysch also keine Mühe gegeben den Zweck der Figuren zu verhehlen) und beachtet die realen Gegebenheiten der Soldaten kaum, sondern pocht auf Paragraphen und Bürokratie.

In oben zitierter Polemik werden diese Figur und ihre Funktion erst einmal so zusammengefasst:

»Botschaft: Unsere Jungs werden von ihnen moralisch unterlegenen, feigen Schwächlingen geführt, die sich mehr um unsinnige Bürokratie scheren als um das Leben und das Wohl unserer tapferen Soldaten.«

Für sich genommen, genau wie die einzelnen Punkte der Kritik, ein Punkt den man so akzeptieren kann. Allerdings wird es gefährlich, wenn das gesamte Buch am Ende pedantisch nur noch auf rechtsgerichtete Hohlräume abgeklopft wird, und man (wie der Vorgesetzte) die moralischen und (wie Rocker) die politischen Realitäten außer Acht lässt. Dann muss man sich selbst die Frage gefallen lassen, ob einen das Werk und das behandelte Thema politisch wie moralisch überhaupt interessiert, oder ob es nur darum geht eine Vorlage zu finden, um jede Kritik gegen Links oder gar linksradikale Bewegungen zu verdammen.

Wave and Smile Leseprobe

Trotz allem Verständnis für die Darstellung realer und nicht immer korrekter Verhaltensweisen, muss die Frage erlaubt sein, warum Jysch seinen Hauptmann nicht öfter als klaren Gegenpol aufgestellt hat. Die Möglichkeit war da und hätte es schwerer gemacht Jysch eine gefährliche politische Botschaft zu unterstellen. Man kann dies als handwerklichen Mangel ankreiden, was für einen Erstling sicher noch entschuldbar ist.

In die selbe Kerbe, aber etwas banaler, fällt die gewählte Sprachpräsentation. Englischer Text wird nicht übersetzt, während Pashtu und Dari weiter in Deutsch gehalten wird, allerdings in einer arabisch anmutenden Schriftart. Hier wäre etwas mehr Einheitlichkeit wünschenswert gewesen. Aber mehr noch als die unkommentierten Äußerungen kann man dies wohl unter handwerklichen Feinschliff fallen lassen, welchen sich Jysch sicher noch aneignen wird.

Letztendlich bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Es fühlt sich einerseits gut an, eine weitere Verarbeitung des Kriegseinsatzes vor sich zu haben. Von ein paar wenigen TV-Produktionen abgesehen, ist das Thema Aufarbeitung in Deutschland noch nicht angekommen. Eher herrscht hier Verdrängung oder Ignoranz vor. Andererseits vermisst man ein letztes Statement des Autors, besonders, da die sicher gut gemeinte Interpretationsfreiheit es leicht macht, sein Werk zu instrumentalisieren.

Wave and Smile ergeht es ein wenig wie dem Bundeswehreinsatz, den er thematisiert. Eine gute Idee, mit Elan umgesetzt, aber die komplexe Lage bringt automatisch einige Fallstricke mit sich. Die Behandlung dieses Themas in einem Comic ist bei dem Boom der Branche fast schon überfällig. Es ist für sich genommen kein überragendes Werk, aber sehr solide und beispielhaft für die Problematik des Themas. Zusammen mit dem aufkommenden medialen Echo könnte es der Beschäftigung mit dem Thema und der Aufarbeitung einen kräftigen Schub verpassen. Allein dafür muss man Jysch Dank zollen.

Abbildungen © Arne Jysch/Carlsen, Fotos: Carlsen Verlag GmbH


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Arne Jysch & Afghanistan


 Die Daten

Wave and Smile (Originalausgabe)
Autor/Zeichner: Arne Jysch
Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
Hardcover, Farbe, 200 Seiten, 17,5 x 24,5 cm, 24,90 Euro, ISBN 978-3-551-73053-4
ePub-Ausgabe: 17,99 Euro, ISBN 978-3-646-71001-4


 Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: Carlsen Comics

Bericht bei ZDF-Kultur: Wave and Smile