Frisch gelesen Folge 86: Myre Bände 1 und 2

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Splitter Veröffentlicht: Donnerstag, 18. Oktober 2018

Myre, Buch 1

»Sie war die Eine. Die Fremde aus der Wüste, die neues Leben im Schicksal so vieler entzünden würde.«


 FRISCH GELESEN: Archiv


Myre – Die Chroniken von Yria, Buch 1Myre, Buch 1 Titelbild

Story: Claudya Schmidt, Matt W. Davis
Zeichnungen: Claudya Schmidt

Splitter
Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 19,80 €
ISBN: 978-3-96219-105-4


Myre – Die Chroniken von Yria, Buch 2 Myre, Buch 2 Titelbild

Story: Claudya Schmidt, Matt W. Davis
Zeichnungen: Claudya Schmidt

Splitter
Hardcover | 96 Seiten | Farbe | 19,80 €
ISBN: 978-3-96219-106-1

Genre: Fantasy, Abenteuer

Für Leser, die das mögen: Fantasy und Western, tolle Illustrationen


 

Ich bin kein großer Fantasy-Fan, zumindest nicht in gedruckter Form. Eine Herr-der-Ringe-Ausgabe habe ich zwar im Regal stehen, aber nur, weil ich den Wälzer unbedingt noch lesen wollte, bevor Peter Jacksons Verfilmung seinerzeit in die Kinos kam. Spektakuläre Bilder visionärer Regisseure haben meine Fantasie stets mehr beflügelt als meine eigene Vorstellungskraft bei der Lektüre. Neben dem Film ist der Comic dafür das perfekte Medium. Und es ist kein Zufall, dass eine von Claudya Schmidts großen Inspirationsquellen kein anderer Zeichner, sondern der Regisseur Quentin Tarantino ist, bei dem sie sich viel von ihrer Lichtsetzung abgeschaut hat. Wer also wie ich mit Fantasyliteratur wenig anfangen, sich aber für fantastische Wesen und Welten begeistern kann, sollte unbedingt einen Blick in Myre riskieren, nicht zuletzt, weil Schmidt und ihr Koautor Matt W. Davis noch ein ganz anderes Genre bedienen: den Western.

Myre, Buch 1
Eine Landschaft wie im Western: die Welt von Yria.

Die Felsenlandschaft ist karg, Titelheldin Myre »ausgedörrt von der Hitze und halb verrückt vor Hunger«. Auf ihrem treuen Reittier Varug erreicht sie eine kleine Siedlung, die sich steil ans Gestein schmiegt. Zu Fuß bahnt sie sich ihren Weg durch die engen Gassen, in denen Händler ihre bunten Waren feilbieten. Gemeinsam mit Myres Blick schweift auch meiner über eine Welt, die seltsam vertraut und doch ganz eigen wirkt.

Myre, Buch 1
Detailreich und tough: Titelheldin Myre.

Hunger und Durst müssen erst einmal hintanstehen. Myres Verlangen nach einer selbst gedrehten Zigarette ist größer. Ihr Feuerzeug indes ist leer. Und so macht sie sich auf die Suche nach Benzin. Wenn sie dabei erst in eine zwielichtige Spelunke, dann in einen düsteren Hinterhalt gerät, dann ist das näher an den Spaghettiwestern eines Sergio Leone oder Sergio Corbucci, näher an Tarantinos Django Unchained (2012) oder The Hateful Eight (2015) als an J.R.R. Tolkien oder George R.R. Martin mit dem klitzekleinen Unterschied, dass die Heldin wie eine Füchsin aussieht und auf einem Drachen reitet.

Myre, Buch 2
Fantastische Welten: die Stadt Ehraan aus Band 2.

So ungewöhnlich wie Setting und Figuren ist auch die Entstehungsgeschichte der Chroniken von Yria. Eines Nachts erschien die Protagonistin Claudya Schmidt im Traum. Fünf Jahre, unzählige Skizzen, Konzepte und Charakterstudien und eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne später machte sich die gebürtige Pfälzerin schließlich ans Werk. Dank des eingesammelten Gelds konnte sie sich in ihrem Berliner Atelier Vollzeit aufs Zeichnen konzentrieren, was den Seiten anzusehen ist. Schmidt pflegt einen filmischen Stil, orientiert sich deutlich an Storyboards, an einem durchdachten Wechsel der Einstellungsgrößen. Das setzt viel Sitzfleisch voraus. Für die ausdrucksstarken Gesichter ihrer Figuren nutzt sie häufig Großaufnahmen, in denen jedes noch so kleine Härchen zu erkennen ist. Ebenso detailversessen sind Kleidung, Natur und Architektur in Szene gesetzt, ebenso präzise und kräftig bringt Schmidt Farbgebung und Lichtverlauf zu Papier.

Myre, Skizzen
Lange Entstehungsgeschichte: Skizzen der Hauptfigur.

Der zeichnerische Reichtum geht mit einem geradezu verschwenderischen Umgang mit den Seiten einher. Denn im Grunde passiert nicht viel. Wo andere Comics ganze Lebensgeschichten abhandeln, gerät Myre im ersten Band auf der Suche nach Feuerzeugbenzin in einen Hinterhalt, flieht ins nächstgelegene Dorf, in dem sie der weise Waschbär Boozer zusammenflickt und sie um einen Gefallen bittet.
Auch das ist nah an der europäischen Spielart des Westerns, der kurze Episoden – man erinnere sich nur an die Ankunft am Bahnhof in Leones Spiel mir das Lied vom Tod (1968) – durch eine ausgeklügelte Montage scheinbar unendlich in die Länge zieht. In Myre nimmt ein Faustkampf schon einmal zwölf, ein Gespräch in einer Gaststube 17 Seiten ein.

Myre, Buch 2
Buntes Gewimmel: In Ehraan herrscht auch architektonisch Stilpluralismus.

Im zweiten Band ziehen Tempo und Abwechslung merklich an. Schmidt und Davis stellen der toughen Heldin, die ihre Gegenüber gern anblafft, den listigen Langfinger Lutz zur Seite. Abseits der obligatorischen Sidekick-Pointen ist Lutz für jede Menge Trubel gut.
Der Auftakt der Geschichte, der zunächst im Eigenverlag als 160 Seiten starkes Einzelalbum erschienen war, verteilt sich bei Splitter auf zwei Bände. Letzterer steigt mit toll aufbereitetem Bonusmaterial tief in die Entstehungsgeschichte ein. Vier weitere Alben und ein Spin-off sollen folgen. Band 2 lässt für die kommenden Ausgaben hoffen. Denn für meinen Geschmack darf die Handlung zwischen all den atemberaubenden Ansichten gern etwas rasanter und komplexer voranschreiten.
Bis dahin tröste ich mich damit, gemeinsam mit Myre fantastische Landschaften, Städte und Kulturen zu durchreisen, all die kleinen, versteckten Details zu erhaschen und mich an Claudya Schmidts visionären Welten gar nicht sattsehen zu können.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2018 Splitter/Claudya Schmidt


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