Splitter: Daddy von Matthias Schultheiss

Veröffentlicht: Montag, 21. November 2011

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Kommunikationsprobleme mit Vati
Daddy von Matthias Schultheiss

Er war der Vorzeige-Deutsche in Sachen Comics in den 1980er Jahren. Fast zwei Dekaden nach seinen großen internationalen Erfolgen meldete sich Matthias Schultheiss 2010 auf dem deutschen Markt zurück. Mit Die Reise mit Bill gelang ihm ein beachtenswertes Comeback, und das gerade noch rechtzeitig, um die Leute eines Besseren zu belehren, die ihn bereits abgeschrieben hatten. Der fast 300 Seiten starke »Road-Movie« in Form einer farbenprächtigen Graphic Novel zeigte, dass der Hamburger nichts von seinem zeichnerischen Können verlernt hatte.

Nun legt sein neuer Stammverlag nach. Bei Splitter ist Daddy erschienen, ein Album, das der Verlag mit dem Spruch bewirbt: » Ein Comic, aus dem man nicht unbeschadet hervorgeht…«

→ von Matthias Hofmann


Jesus lebt

Die Geschichte wiederholt sich. Jesus ist wieder da. Er sieht nur diesmal etwas anders aus. Zwar sind die langen Haare geblieben, aber er ist ein richtiger Fettsack geworden, spritzt sich regelmäßig harte Drogen und lebt wie ein Penner in dunklen Seitenstraßen zwischen stinkenden Müllhaufen.

Gott hat seinen Sohn zurück auf die Erde geschickt, damit sich dieser den Menschen offenbart. Aber Jesus hat absolut keinen Bock mehr auf die ganzen Spielchen und vor allem will er nicht noch einmal das Opfer sein. Also nimmt ihm Gott zur Strafe das Augenlicht. Nur mit einem Stock muss der adipöse Jesus seinen Weg finden, aber er ist nicht völlig auf sich alleine gestellt. Gott hat ihm einen Führer zur Seite gestellt, der allerdings direkt aus der Hölle kommt und den Blinden auf seinem Weg durch die Leiden dieser Welt begleitet.

Und Menschenskind ist Jesus genervt, weil so viele Menschen so richtig schrecklich leiden müssen. Am meisten machen ihn die Kinder traurig. So heilt er Totkranke oder spaziert durch brennende Häuser, um Leben zu retten. Aber es dauert nicht lange, da bekommt der Vatikan Wind von der Rückkehr des Messias. Und dieses Comeback passt den Geistlichen gar nicht, schließlich stellt es eine Gefahr für ihre fetten Pfründe dar.

Es war einmal …

Es gibt Leute, die meinen, Matthias Schultheiss hätte seinen Zenit überschritten, als er »Lebenslänglich«, den ersten Band von Die Wahrheit über Shelby,gezeichnet hat. Das war 1986 und ihm wurde der Max-und-Moritz-Preis verliehen. Darauf stand: »Bester deutschsprachiger Comic-Künstler«.

Seine gekonnten Adaptionen von Charles Bukowski-Geschichten machten ihn bekannt. Was danach kam, war jedoch nicht minder beeindruckend. Weitere Bände von Shelby faszinierten, drei Alben von Die Haie von Lagos schockten, die Hardcore-Erotik von Talk Dirty erregte. Irgendwie waren seine Stories stets voller abgefahrener Ideen und bewegten sich in der Grauzone zwischen Genie und Wahnsinn. Irgendwie ließ er schon immer die Kuh fliegen und lotete damit aus wo die Grenzen sein könnten. Und irgendwie fehlte am Schluss oft die befriedigende Conclusio. Aber stets war die Lektüre seiner Comics stimulierend im Sinne von nachdenklich machend.

Daddy, oh Daddy!

Daddy, ein Comic, der übrigens vor Die Reise mit Bill entstand, ist da keine Ausnahme. Rund drei Monate hat Matthias Schultheiss daran gezeichnet. Die Geschichte ist ziemlich vielschichtig und bereitet ein intensives Leseerlebnis. Das Gleiche galt wohl auch für das Zeichnen des Comics. Der Comic wirkt fast so, als hätte der Hamburger damit ein oder zwei Dämonen ausgetrieben. Was war das für ein Gefühl, als der Band fix und fertig gezeichnet war?

Danach gefragt, holt der Künstler, dem der Band sehr am Herzen liegt, weiter aus: »Das Thema Gott und die Religion der Kirche hat mich immer schon interessiert. Vielleicht ist »interessiert« nicht der richtige Begriff. Vielleicht sollte ich sagen, ich habe mich einerseits gefragt wo diese Sehnsucht der Gläubigen herkommt, die ja tatsächlich nur einem Glauben vertrauen, einer unbewiesenen und niemals zu beweisenden These. Gut, das ist das eine, aber sie haben das Recht dazu. Wer nur halbwegs die Menschheitsgeschichte verfolgt hat, kommt nicht umhin sich zu fragen, warum dieser Gott gut sein sollte, oder warum wir ihn brauchen.

Der zweite Punkt ist der Umgang der Kirchen mit diesen Menschen, die sich von Ihrem Glauben ja etwas Entscheidendes erhoffen. Aber diese Menschen vertrauen nicht Gott, sondern der Deutung der Kirche über Gott und dessen Tun und Absichten. Und woher weiß die Kirche das? Und entscheidet, mit welchem Zynismus sie die Sehnsucht der Gottessuchenden nach Erlösung für ihre eigenen Ziele ausnutzt. Darunter fällt auch die Unverfrorenheit, mit der sie die ihr angehörenden Triebtäter schützt.

Als ich mit dem Buch fertig war, dachte ich mir, jetzt habe ich alles gesagt, was mir zu diesem Thema als widersprüchlich erscheint.« Und er fügt hinzu: »Hoffentlich bewegt es etwas.«

So kann Daddy auf mehrere Arten gelesen werden. Zum Beispiel als abgefahrene, bitter-böse Neuinterpretation der Geschichte von Jesus. Schwärzer als schwarzer Humor springt den Leser fast auf jeder Seite regelrecht an. Ganz stark die Momente, in denen Jesus mit seinem kleinwüchsigen Führer, der verdammte Ähnlichkeit mit Hitlers Adolf hat und eine Narrenkappe auf dem Kopf trägt, argumentiert. Der Zwergwüchsige rät Jesus: »Werd erwachsen, lass deinen Alten sausen und wir tun uns zusammen. Wir beide wären ein unschlagbares Team. Wir mischen den Laden richtig auf. Ich bin der Stratege und du mimst die mentale Superwaffe …« Darauf der Sohn Gottes: »Red keinen Scheiss. Du nervst!« und bekommt zur Antwort: »Aber um dir Drogen zu besorgen, bin ich gut genug.«

Man kann den Comic aber auch als persönliche Abrechnung mit der Institution Kirche sehen und vielleicht sogar mit Gott, an welchen Schultheiss nicht glaubt. Ist er überhaupt religiös? »Gar nicht,« so seine lapidare Antwort. Gleich auf Seite 3 klagt ein Penner Jesus von seinem Frust: »Ich habe mir den Arsch wund gebetet, aber Gott war weit weg.« Worauf der kleine Hitler an Jesus' Seite mit großer Entrüstung antwortet: »Für asoziale Elemente gibt es keinen Gott, Penner. Gott ist nur mit den Starken.«

Mit Daddy begibt sich Schultheiss auf schwieriges Terrain. Zwar ist Kritik am christlichen Gott und der Kirche in Form eines Comics nicht so gefährlich wie beispielsweise eine Mohammed-Karikatur, aber sie verstimmt gläubige Menschen in jedem Fall. Was sagt der Künstler denjenigen, die meinen, er würde respektlos mit Jesus umgehen? Schultheiss sieht dies pragmatisch: »Es gab in jener Zeit tausende von diesen Predigern. Das einer von ihnen Gottes Sohn war, ist eine Fiktion genauso wie die Jungfräulichkeit seiner Mutter. Einer Fiktion kann man nicht respektlos begegnen. Trotzdem gehe ich mit diesem Mensch sehr liebevoll um, indem ich auf ihn und seine Not eingehe. Ich lasse ihn nicht erstarrt und idealisiert am Kreuz hängen.«

Grafisch düster und beklemmend

Die Story fesselt, ob man will oder nicht, und auch optisch ist der Band ein ziemliches Abenteuer. Mal realistisch, mal expressiv, immer wieder vermischen sich die Zeichenstile. Die in dunklen Tönen gehaltene Kolorierung schafft eine beklemmende, fast verstörende Atmosphäre. Welcher Stil machte am meisten Spaß zu zeichnen? »Ich bevorzugte in diesem Buch das Expressive, auch wenn ich weiß, dass ein Großteil der Leser den Realismus bevorzugt.«

Besonders gelungen ist das markante Titelbild des Buchs: der nackte Rücken von Jesus, in den ein blutiges Strichmännchen am Kreuz hängend eingeritzt ist. Dazu der Satz: »Ich liebe dich.«

Wie kam die kongeniale Idee zu dem ungewöhnlichen Covermotiv zustande? »Es war nicht einfach. Die Lösung: Er trägt sein Kreuz, so wie wir alle unser Kreuz tragen. Kreuz ist auch gleich Rücken. Das Cover zeigt den Widerspruch, der im Handeln seines Vaters liegt, der behauptet seinen Sohn zu lieben, ihn aber trotzdem mit einem Foltermord opfert. Kein Gericht der Welt würde so eine Tat als Rechtfertigung für eine wie auch immer geartete Erlösung gelten lassen. Ein zerschnittener Rücken ist auch ein zerstörter Rücken. Er symbolisiert einen zerstörten und verstörten Menschen, der sich vom Trauma dieses Kreuzes nicht mehr befreien kann.«

Egal, wie man zur Aussage dieses Albums steht. Daddy sorgt auf durchtriebene Art für unterhaltsame Lektüre und schafft es, dass man sich Gedanken macht. Geht Schultheiss zu weit? Nicht wirklich und nur, wenn man es zulässt.

Ein wichtiger Comic, der wie dafür geschaffen ist, in den Schulen, im Religions- und im Ethik-Unterricht, diskutiert zu werden. Ein Comic, der sowohl trashig und primitiv, als auch hochwertig und intelligent daher kommt. Ein Comic, der ohne Zweifel zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres 2011 gezählt werden kann.


Anmerkung: Die Zitate von Matthias Schultheiss stammen aus einem Interview, welches der Autor dieses Artikels nach der Lektüre von Daddy im November 2011 mit dem Künstler geführt hat. Vielen Dank an dieser Stelle an Matthias Schultheiss.

Abbildungen © Splitter / Matthias Schultheiss


Die Daten

Daddy (Originalausgabe)
Autor/Zeichner: Matthias Schultheiss
Splitter
Hardcover, Farbe, 72 Seiten, 31 x 23 cm, 15,80 Euro, ISBN 978-3-86869-442-0


Weiterführende Links:

Daddy: Leseproben
Homepage des Verlags: Splitter