Frisch Gelesen Folge 26: Herr der Affen 1

Veröffentlicht: Mittwoch, 14. Mai 2014

Herr der Affen

»Unlängst verstarb derjenige, der versucht hat, unser Weltbild auf den Kopf zu stellen: Charles Darwin!«
»Hm … wie auch immer, in einigen Teilen dieser Schriften wird behauptet, dass der Mensch vom Affen abstamme…«
»Nun … sagen Sie uns doch, was Sie darüber denken, sind Sie das fehlende Glied? Sind Sie die Kreuzung zwischen Affe und Mensch?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Herr der Affen Band 1

HERR DER AFFEN Band 1: »Erstes Buch«

Story: Philippe Bonifay
Zeichnungen: Fabrice Meddour
Splitter Verlag
Hardcover | 56 Seiten | Farbe| 14,80 €
ISBN 978-3-86869-662-2

Genre: Abenteuer, Thriller, Psychopaten, History, culture clash

Für Leser, die das mögen: From Hell, Tarzan, Conan, Sherlock Holmes, Zoo, Kaspar Hauser, Jules Verne

 


Die übliche Splitter-Optik mit größerem Format, Hardcover-Ausstattung und glänzendem Titelbild verspricht für den ersten Band von Herr der Affen: John Arthur Livingstone einen spannenden Lesegenuss, zeigt sie doch von Anfang an den beherrschenden Gegensatz zwischen britischer Zivilisation in Form einer Lady und animalischer urwüchsiger Kraft in Form eines an beste Image-Zeichnungen erinnernden getriebenen Muskelmannes.

Herr der Affen Leseprobe

Meddours Mystik:
Die erste Seite stellt die Weichen für die stimmungsvolle Atmosphäre

Das französische Kreativteam, bestehend aus Philippe Bonifay (Die Schwarze Trilogie, Piraten, Zoo) und Fabrice Meddour (Hispaniola, Ganarah) hat nichts weniger vor, als aus einer Vielzahl an klassischen Motiven eine moderne Geschichte zu zaubern: Tarzan, Jack the Ripper, Fortschrittsungläubigkeit, wie man sie in etwa bei Jules Verne findet und Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Dazu kommt – passend zum aktuellen Titelthema von Alfonz – eine gehörige Prise Sex.

Herr der Affen Leseprobe

Wer auf Bäume klettern kann, darf beim Sex auch mal sitzen

Die Story ist vielschichtig und springt immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Jetztzeit kurz nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionstheorie hin und her. In London geht ein neuer Massenmörder um, der Frauen, die kurz zuvor bei ihrem Liebhaber waren, umbringt und ihre Brüste zur Schau stellt. Die Angst vor einem neuen Ripper und die Verwirrung, welche Motive dahinter stehen könnten, werden über Momentaufnahmen verschiedener Beteiligter dargestellt. Der Comic kommt dadurch mit einer sehr geringen Menge an Text und vielen Bildern, die zwischen Detailaufnahmen und großem Ausschnitt wechseln, daher. Das unausgewogene Verhältnis ist aber so zwingend immanent logisch, dass es zunächst überhaupt nicht auffällt. Dadurch schaffen es die Künstler aber, das Tempo der Erzählung immer wieder zu variieren und der jeweiligen Situation anzupassen.

Herr der Affen Leseprobe

Vor den Augen der Familie entführt ...

Die Geschichte handelt auf der zweiten Ebene von einem ausgesetzten Kind, das von Affen »adoptiert« und aufgezogen wurde und sich nie an die herrschenden Verhältnisse anpassen konnte oder wollte. Der Held ist ein ambivalenter Charakter, der einerseits als Opfer dargestellt wird, andererseits aber auch Eigenschaften zeigt, die ihn als potentiellen gewalttätigen Außenseiter und Gewalttäter erscheinen lassen. Dabei bleibt es immer sehr offen, was Persönlichkeit und was gesellschaftliche Erwartung ist. Diese Erwartungshaltung der zivilisierten Gesellschaft wird nicht nur durch angeblich gebildete »Herren« wie im Eingangszitatangedeutet kolportiert, die passenderweise von den Kollegen nur zaghaft gescholten werden, sondern sie drückt sich auch in der Erwartung von Fräulein Alice aus. Und die Gewalttätigkeit von Lord John Arthur Livingstone oder aber Saturnin, wie er von den Nonnen genannt wurde, die versucht haben, einen guten Christen aus ihm zu machen, wird in allen Rückblicken deutlich. Er hat keine Scheu zu töten, wenn er es für richtig hält.

Gerade diese Ambivalenz in der sehr dichten Atmosphäre ermöglicht es dem Leser, den Protagonisten als Projektionsfläche für die eigenen Wunschvorstellungen sowohl für den »edlen Wilden« als auch für »das Tier« zu benutzen.

Herr der Affen LeseprobeHerr der Affen Leseprobe

Tolle Farben, gelungene Stimmungsbilder

Die Zeichnungen und die kongeniale Kolorierung sind detailreich, aber nicht übertrieben realistisch, und erinnern sowohl an moderne Klassiker wie Zoo oder Sambre als auch teilweise an Glanzpunkte der Frühphase des US-Verlags Image. Sowohl die Urwaldszenen als auch die Angst im nächtlichen verregneten London wirken ehrlich und die Sexszenen und Körperdarstellungen sind nicht nur anatomisch korrekt, sondern auch angenehm unaufgeregt.

Insgesamt ist der Band ein Highlight des klassischen Abenteuercomics in einer Zeit des hauptsächlich auf Graphic Novels fixierten Frühjahres, der mit dem angekündigten, aber noch nicht terminierten Abschlussband auf einen weiteren Höhepunkt hoffen lässt.
[Sven Krantz-Knutzen]

Abbildungen © 2014 Splitter / Bonifay / Meddour


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