Frisch Gelesen Folge 132: Der Schatz der Black Swan

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Reprodukt Veröffentlicht: Montag, 07. Oktober 2019 Geschrieben von Peter Lau

»Amt zum Schutz des Unterwassererbes. Nebengebäude, vierter Stock B.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Der Schatz der Black Swan

Story: Guillermo Corral
Zeichnungen: Paco Roca

Reprodukt
Hardcover | 216 Seiten | Farbe | 24,00 €
ISBN 978-3-95640-194-7

Genre: Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: Buchhaltung, Steuererklärungen, kleine Scheißer



Eine versunkene spanische Fregatte, an Bord ein riesiger, verloren geglaubter Schatz. Ein Abenteurer, der ihn nach einer langen Suche findet und birgt. Eine Gruppe von Schergen der Regierung, die ihm den Fund wieder abnehmen will. Und natürlich: ein Kampf. Die zentralen Elemente von Der Schatz der Black Swan klingen nach einem dieser klassischen Abenteuercomics, die Kinder ebenso lieben wie Erwachsene, deren Träume nicht bei einer Beförderung in eine Leitungsfunktion enden. Es gibt wohl keine längere Abenteuerserie, in der es nicht wenigstens einmal um einen verlorenen Schatz geht – von Tim und Struppi bis Indiana Jones wird da jeder seinen Liebling haben. Und so mag beim Anblick des Covers dieser Graphic Novel so mancher freudig und unbedarft zugreifen. Deshalb, liebe Freunde, gleich zu Anfang ein Rat: Legt das mal wieder hin.

Denn wenn ihr das Buch aufschlagt und diese Startseite seht

Der Schatz der Black Swan, Seite 3

und vielleicht auch noch umblättert

Der Schatz der Black Swan, Seite 4

könntet ihr denken: Hey, Schiff im Sturm, meterhohe Wellen, brechende Masten, das Leben hängt an einem seidenen, wahnsinnig nassen Faden – auf Menschen im Kampf mit den Elementen stehe ich voll! Ja, das verstehe ich. Aber der Rest des Bandes spielt eher in dieser Umgebung

Der Schatz der Black Swan, Seite 8

und ist ungefähr so spannend:

Der Schatz der Black Swan, Seite 9

Denn was hier auf mehr als 200 Seiten ausgewalzt wird, ist ein Kampf der Bürokratie. Wohl gemerkt: Nicht gegen die Bürokratie! Im Gegenteil: Die Hauptfigur ist ein kleiner Scheißer, der gerne ein großer Scheißer wäre und dafür als Assistent des spanischen Kulturministers arbeitet. Nach seinem ersten Abendempfang, bei dem er mit anderen Bürokraten Schmalspurdialoge austauscht, sinkt er zuhause auf sein Bett und murmelt: »Dieser Job ist der Hammer!« Wer eine Messlatte für Spießertum braucht – bedient euch.

Dieser Alex Ventura also, jung, unterwürfig und aberwitzig eigenschaftslos, steht im Mittelpunkt des Kampfes um den Schatz der spanischen Fregatte Merced, der von Abenteurern geborgen und in die USA transportiert wurde, allerdings von Spanien als Staatseigentum betrachtet wird. Wobei Kampf für Bürokraten heißt: Gerichtsverfahren, Spurensuche im Archiv, ein Polizeieinsatz (problemfrei) und, krasser Höhepunkt: Finden eines Spediteurs, der den Schatz transportieren kann. Das klingt langweilig? Ha, das ist langweilig! Aber das ist an diesem Band bei weitem nicht das Schlimmste.

Der Schatz der Black Swan, Seite 10

Ich hatte schon immer ein komisches Gefühl bei Paco Roca (Kopf in den Wolken, Der Winter des Zeichners). Ja, natürlich ist er ein guter Handwerker, aber ehrlich gesagt ist Hergés Strich im Vergleich zu seinem geradezu wild. Bei dem spanischen Zeichner sieht alles unverrückbar aus, die Botschaft scheint zu sein: Das ist die Realität – und die ist nicht zu ändern. Was ihn, zugegeben, perfekt macht, um Büros zu zeichnen, Archive, Hochsicherheitsräume und Restaurants, in denen Gespräche leise geführt werden – alles sieht in diesem Band ausgesprochen leblos aus. Deshalb finde ich es auch nicht schlimm, dass der einzige erotische Moment des Buches vor einer Hotelzimmertür endet – nach einer von Paco Roca gezeichneten Sexszene möchte man wahrscheinlich nie wieder vögeln.

Aber das ist vielleicht zu böse. Denn erst die Bewegungslosigkeit der Handlung macht die Bewegungslosigkeit der Bilder komplett. Und dafür ist der Autor Guillermo Corral van Damme verantwortlich, ein Berufsdiplomat, der mit Der Schatz der Black Swan sein Debüt abliefert. Es beruht angeblich auf wahren Begebenheiten und persönlichen Erfahrungen – es ist also zu befürchten, dass die Hauptfigur nahe am Autor ist. Vermutlich sieht er sich so wie der schmucke Herr in der Bildmitte:

Der Schatz der Black Swan, Seite 73

Ja, rührend. Irgendwie. Und okay, das Buch hat noch eine überraschende Wende, aus der man etwas hätte machen können. Aber am Schluss, also viel zu spät. Außerdem wäre wohl auch dieser Handlungsstrang zu einem Abenteuer ohne Abenteuer verpladdert. Denn vor allem steht dieses Buch für die überregulierte, ereignislose, total spaßfreie Welt, die uns mit jedem Brief vom Finanz- oder Einwohnermeldeamt ins Gesicht brüllt: Ordnung muss sein! Erst die Arbeit und dann!

Der Schatz der Black Swan ist kein Exkurs über Abenteuerfantasien der prämodernen Zeit, keine Abrechnung mit klassischen Action-Machos, keine Abhandlung über die Vor- und Nachteile des zivilisierten Umgangs mit Konflikten, keine emanzipatorische Vision einer neuen Form des nachhaltigen Abenteurers. Sondern eine verfickt selbstgerechte Preisung der kleinen Scheißer, die Tag und Nacht dafür kämpfen, dass ihre vernagelten, engen Grenzen zu unseren Grenzen werden. Vergiss es!

[Peter Lau]

Abbildungen © 2019 Reprodukt


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