Eichborn: Asterios Polyp

Veröffentlicht: Mittwoch, 21. September 2011

Rezension

»Welche drei Dinge würdest du mitnehmen,

wenn du plötzlich abreisen müßtest?«

Asterios Polyp: Das Ende der Fahnenstange in zehn Farben

Als David Mazzucchellis Asterios Polyp 2009 in den USA erschien, wurde die 344seitige Graphic Novel von Kritik und Leserschafft mit Lob und Preisen überschüttet. Ob die altehrwürdige New York Times oder renommierte Fachmagazine wie The Comics Journal, alle waren sich einig: Mazzucchelli hat einen besonders großen Coup gelandet. »Wir können jetzt alle aufhören, weitere Comics zu lesen, denn David Mazzucchelli hat das ultimative Comic-Statement geschaffen«, konstatierte gar das Onlineportal Newsarama.

Ist das so? Die hiesigen Leser können dies jetzt mit Hilfe der bei Eichborn erschienenen deutschen Ausgabe selbst überprüfen.

→ von Matthias Hofmann

 

Es begann mit Shang-Chi und Indiana Jones

Wer hätte gedacht, dass der Mann, der Anfang der 1980er Jahre Füllgeschichten für Marvel-Heftserien wie Master of Kung Fu (#121, Februar 1983) oder The Further Adventures of Indiana Jones (#14, Februar 1984)gezeichnet hat, 25 Jahre später eine Graphic Novel vorlegt, die mit den Werken großer zeitgenössischer US-amerikanischer Schriftsteller wie John Updike verglichen wird?

Der 1960 geborene Amerikaner ging nur relativ kurz durch die monatliche Tretmühle der Superheldencomics. Im Grunde zeichnete er nur zwei Serien: Daredevil für Marvel und Batman für DC. Beide Male hinterließ er starke Spuren. Seine Zeit bei Daredevil kulminierte in der Story »Born Again« nach einem Szenario von Frank Miller, und ebenfalls mit Miller gestaltete er die Geschichte Batman: Year One, deren innovative Zeichnungen damals wie heute dem Comic-Fan die Spucke wegbleiben lassen.

Mazzucchelli erkannte früh, dass ihn die Knochenarbeit und der Termindruck der monatlichen Comics nicht weiterbringen. Als er in einem Interview 2009 gefragt wurde, was er aus dem Zeichnen von Superheldencomics gelernt hat, antwortete er, dass er gelernt hat Deadlines einzuhalten. Und dass Deadlines dafür verantwortlich sind, dass minderwertige Comics gedruckt werden. Ebenso hat er gelernt, dass die letzte Person, die ihre Hand an die Zeichnungen legt, bestimmt, wie sie qualitativ ausfallen. Das kann ein Kolorist sein oder ein Redakteur.

Das gefiel ihm nicht. Also nahm er die gesamte Arbeit selbst in die Hand. Die logische Konsequenz war Rubber Blanket, eine Anthologie mit Independent-Comics, die er zusammen mit seiner Frau Richmond Lewis heraus gab. Auch hier wurde Mazzuchelli mit Lob überhäuft. Von der Publikation im Überformat erschienen jedoch nur drei Ausgaben (von 1991 bis 1993). Das Format war innovativ und dadurch die Herausgabe sehr aufwändig. Und außerdem wurden die Geschichten darin immer länger. Für die vierte Ausgabe war ein besonders langer Comic vorgesehen: die ursprüngliche Fassung von Asterios Polyp.

1994 erschien, zusammen mit Ko-Autor Paul Karasik, die Graphic Novel-Adaption von Paul Austers City of Glas. Und dann machte er sich an die Kreation von der Lebensgeschichte von Asterios Polyp, die letztlich eine ganze Dekade dauern sollte.

Der Geck und das Mauerblümchen

Wir treffen Asterios Polyp als gerade sein bisheriges Leben zur Hölle fährt. Seine Frau Hana hat ihn verlassen. An seinem 50. Geburtstag braut sich buchstäblich ein Unwetter zusammen und der Blitz schlägt in sein Haus ein. Bevor alles verbrennt, kann er gerade noch drei Dinge retten: ein Feuerzeug, eine Armbanduhr und ein Schweizermesser. Alle drei Dinge wird Mazzucchelli später kongenial in die Handlung einbauen. Mit dem bisschen Geld was ihm bleibt, setzt sich Asterios in einen Greyhound-Bus und fährt ins Nichts. In der Provinz will er sich ein neues Leben aufbauen. Viel hat er nicht mehr, als Handlanger in einer Autowerkstatt bleiben ihm wenigstens die philosophischen Gespräche, die er mit der Frau seines gutmütigen Chefs führt.

Das Leben vor dem Hausbrand war anders. Asterios Polyp war auf der Gewinnerseite. Er war als Architekt gefeiert und als Professor und Dozent verehrt. Mit seiner Intelligenz und Ausstrahlung konnte er jede Frau haben und entschied sich für Hana. Die Künstlerin, die alles repräsentierte, was er nicht war, verwelkte jedoch allmählich in seiner Nähe wie eine Blume.

Mazzucchelli erzählt die Geschichte von Asterios Polyp in zwei Teilen, zwischen denen er immer wieder hin und her springt. Die Story nach dem Brand und die Story vor dem Brand. Bei den Rückblicken in sein altes Leben wird schnell deutlich, dass Asterios und Hana totale Gegensätze sind. Dies zeigt Mazzucchelli nicht nur in der Art wie sie handeln und den Worten, die sie sprechen, sondern auch wie er sie zeichnet. Asterios ist hart, rechteckig, kantig, blau, kalt und geometrisch. Hana ist weich, rund, fließend, rosa, warm und verspielt. Es gibt Szenen, in denen sie sich prächtig verstehen, z.B. als sie sich kennenlernen und verlieben, da fließen die Farben und Formen ineinander über. Und es gibt Episoden, in denen Differenzen in der Luft liegen, die sehr schön und anschaulich grafisch dargestellt werden. Jeder bleibt in seiner separaten Welt.

Volle Kontrolle: Innen und außen durchkonzpiert

Überhaupt ist Asterios Polyp sehr stark durchgestylt. Da steckt so viel drin, inhaltlich wie optisch, dass man beim ersten Lesen gar nicht alles erfassen kann. Scott McCloud machte sich in seinem Blog seine eigenen Gedanken zur Graphic Novel von David Mazzucchelli. Jedem Blog-Leser empfahl er, sich ein Exemplar des Buchs zu kaufen, bevor man seine Kommentare darüber liest. Desweiteren riet er seinen Lesern, dass sie das Buch gleich ein zweites Mal lesen sollten, wenn sie damit fertig sind. Seine Aussage war: Erst wenn man Asterios Polyp mehr als einmal gelesen hat, dann kann man wirklich mitreden.

Und in der Tat. Erst beim zweiten Lesen entdeckt man möglicherweise, dass die Szene in der Asterios auf einer ganzen Doppelseite in der Wüste an einem großen Krater steht und »Das nenne ich mal ein Loch« sagt und sein Leben auf dem Tiefpunkt angelangt ist, dass diese Szene genau die Mitte des Buches ist. Erst beim zweiten Lesen dämmert es einem möglicherweise auch, was auf den Videobändern drauf ist, die sich Asterios anschaut, als bei ihm zu Beginn der Geschichte der Blitz einschlägt.

Manches, wie zum Beispiel der Einsatz von Farben, ist da offensichtlicher. Nicht nur, dass die Welt von Asterios vorwiegend Blau und die von Hana vorwiegend Rosarot ist. Es gibt auch Kapitel, die sind in Gelb gehalten. Mazzucchelli hat farbtechnisch den Schwerpunkt nämlich auf die Grundfarben des Vierfarbdrucks gelegt. Ein Druckbild kann mit den drei Farben Cyan, Magenta und Gelb und einer Schlüsselfarbe dargestellt werden. Blättert man den Band auf die Schnelle durch, könnte man meinen, dass hier wenig Farbe geboten wird. Das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Im Gegensatz zu Schwarzweiß-Comics ist schwarz hier gar nicht zu finden. Insgesamt hat der Künstler zehn Sonderfarben, genauer gesagt Varianten der Grundfarben, verwendet. Somit hat Asterios Polyp mehr Farbe als es den Anschein hat, inklusive der Farbe des Papiers.

Und wo wir gerade beim Papier sind. Das Papier ist ganz spezielles Recyclingpapier. Dieses Papier zu verwenden, war eine Bedingung des Künstlers, damit Eichborn die Genehmigung und Freigabe des Buchs bekam. Also organisierte der Verlag das geforderte Recyclingpapier aus Japan, das in einer bestimmten Druckerei in China zum Buch verarbeitet wurde. Das galt übrigens auch für den Umschlag und den Schutzumschlag. Die Hälfte des äußeren Umschlags ist nackter, roher Karton. Der Schutzumschlag ist viel zu klein und wirkt wie eine missglückte Banderole. Da hat Eichborn nicht am falschen Ende gespart, sondern das geschah nach dem Willen von David Mazzucchelli. Er will die Dinge zeigen, wie sie im Kern sind. Das fertige Produkt soll eine gewisse Rohheit haben.

Im Innern des Bandes spricht jeder Charakter seine eigene Sprache. Die Sprechblasen von Asterios Polyp sind beispielsweise eckig, während die von Hana rund sind. Jede Figur hat sein eigenes Handlettering. Größere Buchstaben oder schräg in die Panels eingebrachte Worte mussten aufwändig in der gleichen Schriftart manuell für die deutsche Ausgabe gezeichnet werden

Die Dualität des Lebens

Ein Teil der Geschichte wird erzählt von seinem Zwillingsbruder Ignazio. Dieser starb im Mutterleib, aber er kommt trotzdem immer wieder zurück. In Phantasiesequenzen sieht man ihn in einem Krankenbett liegen, die Sauerstoffmaske abnehmen und fragen: »Haste 'ne Zigarette?« Oder er begrüßt Asterios morgens und erweist sich als zweiter Kopf, der auf seinem Körper steckt, und beide sitzen in einem Boot, welches in eine meterhohe Flutwelle gerät.

Immer wieder kommt die These, dass alles im Leben zwei Seiten hat, aus zwei Dingen besteht. »Dualität ist eine Idee der Natur: Das Gehirn hat eine rechte und eine linke Hemisphäre, elektrischer Strom ist entweder positiv und negativ – wir existieren, weil die Menschen Männer oder Frauen sind, eins von beiden, Yin und Yang,« sagt Asterios und sein Gegenüber in einer Bar sagt: »Da bin ich anderer Meinung. Dualität ist eine Erfindung, die wir für wahr halten, aber nur weil deine Beispiele oberflächliche Ähnlichkeiten aufweisen, die zweiheitlich erscheinen, weil wir sie so definieren.« Als Asterios daraufhin erwidert: »Ach ja? Aber es ist entweder so oder so, oder nicht?« bekommt er zur Antwort: »(seufz) Sagen wir mal so: Es gibt zwei Gruppen von Menschen – die einen teilen alles in zwei Gruppen ein, die anderen nicht.«

Die Geschichte steckt voller Momente, in denen es leicht philosophisch wird, wirkt aber nie aufgesetzt. Die Denkanstöße sind da, aber sie werden nicht gewertet. Es bleibt jedem Leser selbst überlassen, wie er sie interpretiert. Gleichsam verhält es sich mit den Bildern. Jedes Kapitel wird mit einem einzelnen Bild eingeleitet. Es dient als Metapher, als Vorbote oder gar als erstes Panel der nachfolgenden Seiten. Alle Motive sind clever und mit Bedacht ausgewählt. So gibt es zum Beispiel das Bild, auf dem in vier Reihen jeweils vier Äpfel dargestellt sind. Jeder der 16 Äpfel ist in einem anderen Zeichenstil dargestellt. Das Bild zeigt nicht nur, dass Mazzucchelli als Meister seines Fachs viele verschiedene Zeichenstile beherrscht, es lehrt auch, dass die Darstellung Einfluss auf die Wahrnehmung hat und jeder Geschmack anders reagiert auf das jeweilige Objekt.

Kaufen oder nicht kaufen?

Egal, welche Art von Comics man mag. Egal, ob man noch nie eine Graphic Novel gelesen hat. Jeder, der das Buch gelesen hat, spürt, dass Asterios Polyp ein durchdringendes Meisterwerk ist, das den Leser auf verschiedenen Ebenen berührt. Man fühlt dies bereits nach wenigen Kapiteln. Und wenn man sich eingelesen hat, muss man sich bremsen, weil das Buch seine eigene Kraft entwickelt.

Die Grundstory ist vielleicht nicht die frischste. Ein erfolgreicher Architekt (allerdings ein »Papierarchitekt«, dessen Ruhm vor allem auf seinen Entwürfen basierte, denn wirkliche Gebäude wurden nach seinen Ideen nie errichtet), dessen Leben sich in einer Sackgasse befindet und der sich neu orientiert ist weder originell, noch extrem packend. Auch die Beziehungen von Männern in der Midlife-Crisis und jüngeren Frauen hat Woody Allen schon detaillierter beschrieben.

Aber was hat Mazzucchelli nicht alles hineingepackt? Architektur, Kunst, griechische Mythologie, Postmoderne, Midlife-Crisis, Farbenlehre, Liebe, Drama, Kritik am Kulturbetrieb … Trotz der Fülle an Themen und Gedanken und trotz der sprunghaften Erzählweise, fügt sich alles zusammen zu einem Buch, das man, wie Scott McCloud fordert, immer wieder lesen kann. Man wird jedes Mal eine weitere Nuance entdecken und man wird es mehr schätzen als zuvor.

Asterios Polyp bekam drei Eisner Awards (Bestes Album, Bester Autor/Zeichner, Bestes Lettering), drei Harvey Awards (Bestes Einzelgeschichte, Bester Letterer, Bestes Album) und ebenso den »Fauve d'Angoulême« (Spezialpreis der Jury in Angoulême). Das ist eine Menge Holz.

Hat man Asterios Polyp gelesen und sich damit beschäftigt, dann wird einem klar, dass in einem Jahr nicht viele Comics erscheinen, die diese besondere Qualität besitzen. Das ganze verdammte Ding an sich ist ein einziges Kunstwerk. Somit fällt folgendes Urteil ganz natürlich: uneingeschränkt empfehlenswert. Für alle. Für jeden.

Abbildungen © Eichborn / David Mazzucchelli


Die Daten

Asterios Polyp (Originaltitel: »Asterios Polyp«)
Autor/Zeichner: David Mazzucchelli
Eichborn Verlag
Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger

Hardcover mit Schutzumschlag, durchgehend zehnfarbig, 344 Seiten, 20,4 x 26,2 cm, 29,95 Euro, ISBN 978-3-8218-6130-2


Weiterführender Link:

Eichborn Blog: Völkerverständigung oder Der lange Weg des Asterios Polyp