Frisch Gelesen Folge 213: Thomas Bernhard

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Sonstige Verlage Veröffentlicht: Montag, 22. März 2021 Geschrieben von Bernd Hinrichs

Die Ähnlichkeit ist verblüffend: der kleine Thomas Bernhard vor einem Porträt seines Vaters.

»Die Nachgeburt hat die Form Österreichs.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Thomas Bernhard. Die unkorrekte BiografieDas Buchcover.

Story: Nicolas Mahler und Thomas Bernhard
Zeichnungen: Nicolas Mahler

Suhrkamp
Hardcover | 119 Seiten | Farbe | 16,00 €
ISBN: 978-3-518-47125-8

Genre: Biografie

Für alle, die das mögen: Alte Meister, biografische Comics, Wortwitz



Was für ein Einstieg. Das bemerkenswerte Kleinod von Nicolas Mahler aus dem Suhrkamp Verlag beginnt mit dem Zweizeiler: »Am 9. Februar 1931 wird Thomas Bernhard in Heerlen (Niederlande) geboren. Die Nachgeburt hat die Form Österreichs.« Und »Bäm!« sind alle Leser wach. Das macht Mahler sehr gut, und irgendwie kommt er schon mit diesem Einstiegssatz dem Wesen des österreichischen Autors Thomas Bernhard sehr nahe.

Aber von Anfang an. Zunächst einmal: Wer ein klassisches Comicalbum oder eine Graphic Novel, wie der Feuilleton es nennt, erwartet, wird enttäuscht sein. Mahler schuf eine bebilderte Biografie. Jede Seite des Bandes enthält in der Regel einen allgemeinen Teil zum Leben des Autors sowie ein paar Zitate aus dem Werk Bernhards selbst. Mahler liefert pro Seite mindestens eine kleine Zeichnung dazu.

Leseprobe aus Nicolas Mahlers "unokorrekter Biografie" Thomas Bernhards.
Starker Einstieg und ungewöhnliche Mischung: eine bebilderte Biografie.


Die Zeichnungen von Mahler machen Spaß. Wir vergegenwärtigen uns zur Beurteilung kurz einmal das Aussehen von Thomas Bernhard. Wir sehen auf den meisten Aufnahmen einen ironisch lächelnden oder schon griesgrämigen Schriftsteller. Es ist der Autor, der sich im Ruhm sonnen und gleichzeitig von seinem österreichischen Publikum gehasst werden wollte. Diesem Wunsch entsprechend legt Mahler uns hässliche Bilder von hässlichen Menschen vor. Es ist der Griesgram, den der Zeichner im Autor liebt, den er uns vorführen will. Beispielsweise wenn er ihn als Reaktion auf eine schlechte Buchkritik mit einem Brief an die Redaktion zitiert: »Mein nächstes Buch lassen Sie bitte gleich natürlich von einem auch in Oberösterreich geborenen oder ansässigen Schimpansen oder Maulaffen besprechen.« Thomas Bernhard ekelt einfach vor allem, und diesen Ekel kitzelt Mahler heraus.

Er tut dies auch bei der Darstellung des Schriftstellers in den Zeichnungen: Eine haarige Knollennase dominiert seine Erscheinung. Fast schon sieht er aus wie eine böse Hexe aus einem grimmschen Märchen.

Leseprobe aus Nicolas Mahlers "unokorrekter Biografie" Thomas Bernhards.
Schon als Kind trägt Thomas Bernhard bei Mahler eine kräftige Knollennase im Gesicht und einen Ekel vor der Schule mit sich herum.


Selbstverständlich können in so einem kleinen liebevollen Buch nicht alle Aspekte des Lebens Bernhards dargelegt werden. Und jeder Kenner wird einen Aspekt finden, der ihm zu kurz kommt. Aber gerade darin liegt auch ein Reiz des Buches. Denn während der Stil des Schriftstellers oft ausufernd war, er sich mit Wonne und detailreich immer wieder um den gleichen Punkt gedreht hat, kommt Mahler gleich auf den Punkt. Kurz, knapp und klar. Keine endlosen Sätze, kein Faseln. Es erhöht den Lesespaß um einiges, wenn man Thomas Bernhard schon mal gelesen hat. Denn dann gehen kaum Nuancen dieser »unkorrekten Biografie« verloren. Für Neulinge bietet das Buch die Möglichkeit, einen ersten Überblick zu erhalten, neugierig zu werden. Denn Mahler gelingt es zweifellos, die literarische Pose des Österreichers in sein Werk hinüberzuretten. Das ist für mich die eigentliche Glanzleistung.

Leseprobe aus Nicolas Mahlers "unokorrekter Biografie" Thomas Bernhards.
Einflussreiche Verwandtschaft: Bernhards Großvater Johannes Freumbichler.


Abschließend noch der Hinweis zum Anhang, der gerne in solchen Fällen einfach mal unterschlagen wird. Das wäre in diesem Fall ein richtiger Verlust, denn Mahler führt unter »Quellen« zunächst, ganz im Sinn eines ordentlichen Chronisten, seine Quellen an. Und vor der Widmung an Raimund Fellinger, Bernhards langjährigem Lektor und Weggefährten, listet Mahler noch einige »Fehlerquellen«. In ihnen räumt der Comickünstler mit Vorurteilen auf, indem er erläuternde Anmerkungen zu den einzelnen Passagen des Buches macht und auf Fehler hinweist. Sehr gelungen. Sehr unterhaltend. Schade, »Die Nachgeburt hat die Form Österreichs.« erweist sich hier auch als Falschmeldung. Dennoch bekommt der schöne Band von mir am Ende die Höchstpunktzahl: zehn von zehn alten Meistern.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2021 Suhrkamp Verlag / Nicolas Mahler, Thomas Bernhard


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Oder beim Verlag: Suhrkamp