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Frisch Gelesen Folge 23: Der gigantische Bart, der böse war

Der gigantische Bart, der böse war

»Warum kommt dieses … Durcheinander …«
»Entropie ...«
»Warum kommt es durch mein Gesicht? Was habe ich getan?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Der gigantische Bart, der böse war

DER GIGANTISCHE BART, DER BÖSE WAR

Story: Stephen Collins
Zeichnungen: Stephen Collins
Atrium Verlag
Hardcover | 240 Seiten | s/w | 29,99 €
ISBN 3-85535-073-6

Genre: Aberwitz, Katastrophenszenarios, Existentialismus

Für Leser, die das mögen: Samuel Beckett, Franz Kafka, Jean-Paul Sartre, Monsterfilme


Wildgewordene Haare, ein Phänomen, das jeder schon mal erlebt haben dürfte, falls man nicht gerade »Meister Proper« heißt: Man steht morgens auf, sieht sich im Spiegel und auch ohne den vorherigen Einsatz von Spray, Wachs oder Gel stehen seitlich irgendwelche widerspenstigen Haare in alle Himmelrichtungen vom Kopf ab. Oder man rasiert sich und hat ein Barthaar nicht korrekt abgeschnitten, welches daraufhin den ganzen Tag über nervt. Doch all das ist absolut nichts gegen das Problem, das Dave hat. Dave, der eigentlich bislang so gut wie haarlos war, bekommt es mit einem Bart zu tun, den die Menschheit noch nicht erlebt hat. Doch der Reihe nach …

Der Engländer Stephen Collins erzählt mit seiner voluminösen Graphic Novel, veröffentlicht im schwelgerischen XL-Format (21.0 x 29.7 cm), die »haarsträubende« Geschichte von Dave. Der Durchschnittsmann lebt in einem einfachen, überschaubaren Land namens Hier.

Der gigantische Bart, der böse war Leseprobe

Alles in perfekter Ordnung in Hier. Das macht Dave zufrieden.

Hier liegt auf einer Insel und ist bis ins kleinste Detail aufgeräumt, sauber und geregelt. Er arbeitet in der Firma A & C Industries als Datenanalytiker und »macht die Ordnung von Zahlen und Statistiken«. Dave ist der typische stromlinienförmige Langweiler, der nicht auffällt und das aber auch gar nicht will. Er liebt die Systematik und meidet die Aufmerksamkeit. Immerhin: In seiner Freizeit sitzt er daheim am Schreibtisch, blickt aus dem Fenster und zeichnet die Straße vor seinem Haus. Dabei hört er immer wieder seinen Lieblingssong »The Eternal Flame« von den Bangles (bereits 427.096.483 Mal, dank der Endlosschleife).

Den Menschen von Hier ist das weite Meer um ihre Insel herum suspekt. Noch verdächtiger allerdings ist das Land Dort, welches hinter dem ganzen Wasser liegt. Es war zwar noch nie jemand von Hier Dort, aber Dort muss alles extrem fürchterlich sein. Jeder weiß: Dort ist Unordnung. Dort ist Chaos. Dort ist Böse.

Der gigantische Bart, der böse war

Stephen Collins at his best:
traditionelle Panelfolgen werden immer wieder aufgebrochen

Dave gefällt sein Leben in Hier so wie es ist, doch eines Tages kündigt sich Unheil an. Als Dave bei der Arbeit in der Firma in den ganzen Daten zufällige Muster entdeckt, wo davor nur Tabellen, Diagramme und Zahlen waren, wächst ihm ein Bart. Nicht irgendein Bart, sondern ein borstiges Ungetüm, das letztlich apokalyptische Dimensionen annimmt. Dave hatte bis dato nur ein einziges Haar im Gesicht, aber es war das seltsamste, stärkste Haar, das die Welt je gesehen hatte. Als es nun stark zu wachsen beginnt und drumherum weitere Barthaare sprießen, gerät Daves Leben aus den Fugen. Zwar lässt sich der Bart schneiden, aber nur, um dann noch stärker zurückzukommen. Plötzlich ist Dave im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Es kommen wildfremde Menschen zu seinem Haus, die sich für ihn und seinen außer Rand und Band geratenen Vollbart interessieren. Bald wird klar: Für die öffentliche Ordnung markiert der alles bedeckende Bart das ultimativ Böse und muss aus dem Hier geschafft werden.

»Ordnung ist das halbe Leben.« Die Intention hinter diesem altväterlichen Spruch könnte die Inspiration für Der gigantische Bart, der böse war gewesen sein. Doch wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann das andere halbe?

Collins zeigt mit einer wirklich einfallsreichen Bildersprache auf, was passiert, wenn ein monotones Leben aus den Angeln gehoben wird. Ganz im Geiste eines Franz Kafka zieht allmählich das Unheimliche, Nichterklärbare und damit Bedrohliche in das Leben von Dave, und damit von Hier, ein. Sukzessiv wird Daves Situation aberwitzig und grotesk, spätestens dann nämlich, als sein Bart so monströs geworden ist, dass er ihn nicht mehr selbst schneiden kann und ein Heer von Frisören damit beauftragt wird, den beispiellosen Wildwuchs zu stoppen.

Der gigantische Bart, der böse war

Der gigantische Bart, der böse war

Überbordende Individualität: Der Bart übernimmt das Steuer im Leben von Dave.

Die Lektüre und eingehende Beschäftigung mit dieser Graphic Novel, die als absurdes Drama mit filigranen Humoreinlagen daher kommt, macht richtig Spaß. Endlich können wir uns wieder Fragen widmen, die wir seit der Oberstufe nicht mehr bewusst gestellt haben, weil uns der Alltag in seinen Klauen hält.

Was ist der Sinn des Lebens? Wann »wohnst du noch oder lebst du schon« (frei nach dem multinationalen Einrichtungskonzern)?

Wer nicht mit der Masse mitschwimmt, wer sich extrem individuell zeigt, fällt auf. Ganz klar, das ist keine besonders bahnbrechende Erkenntnis, die Collins da in den Raum wirft, aber immerhin wird sie von dem Briten grafisch extrem originell umgesetzt. Von Haus aus ein Cartoonist, der u.a. für den Guardian zeichnet, nutzt Collins bei seinem Graphic-Novel-Debüt viele der Möglichkeiten, welche der Comic als Kunstform bietet, imposant aus. Doppelseitige Motive wechseln sich mit experimentellen Panelfolgen ab. Text wird eher sparsam eingesetzt, ebenso wie der Künstler es vermeidet, allzu detaillierte Hintergründe zu zeigen.

Das Buch ist nicht allzu wendungsreich, da die Handlung nach Etablierung von Hauptperson und Setting in erster Linie durch den Wuchs des Barts vorangetrieben wird, weshalb man hinterfragen könnte, warum denn bloß die Story auf 240 Seiten ausgewalzt werden musste. Hat man aber das durchaus originelle Ende erreicht, muss man konstatieren, dass Aufbau, Handlung und Umfang eine gelungene Einheit bilden, und dem Leser ausgiebig die Möglichkeit geboten wird, die Umblätterrate und die Verweildauer pro Seite zu variieren.

Im Übrigen kann man zu Klappentexten stehen wie man will. Aber in dem Vergleich, der auf dem Buchdeckel von Der gigantische Bart, der böse war steht, steckt was Wahres drin, wenn man das marktschreierische »atemberaubend« außer Acht lässt: »Mit dieser atemberaubenden Graphic Novel verneigt sich Stephen Collins vor drei großen Namen: Orwell, Kafka und Godzilla«. Yes, indeed!

Der gigantische Bart, der böse war ist insgesamt ein optisch höchst interessantes, aber auch zutiefst philosophisches Buch. [MH]

Abbildungen © 2014 Atrium Verlag / Stephen Collins


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