Frisch Gelesen Folge 24: How to Look. Art Comics.

Veröffentlicht: Mittwoch, 05. März 2014

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»Diogenes of the Funny Pages«
(Robert Storr über Ad Reinhardt)


FRISCH GELESEN: Archiv


How to Look. Art Comics.

HOW TO LOOK. ART COMICS.

Künstler: Ad Reinhardt
Hatje Crantz Verlag
Hardcover (Großformat: 28,7 x 36,2 cm) | 92 Seiten | Farbe | 29,80 €
ISBN 3-7757-3768-5

Genre: Kunstcomic

Für Leser, die das mögen: Bildende Kunst, Cartoons, Satire, englischsprachige Bücher


Von Picasso ist der berühmte Ausspruch überliefert, das einzige, was er in seinem Leben bedauere, sei, dass er nie einen Comic gezeichnet habe. Allerdings hat Andreas Platthaus in seinem Buch »Im Comic vereint. Eine Geschichte der Bildgeschichte« (Berlin, 1998) bereits eindrücklich nachgewiesen, dass der Jahrhundertkünstler aus Spanien sehr wohl so etwas wie einen Comic geschaffen hat – seinen Bilderzyklus »Traum und Lüge Francos« von 1937 nämlich.

Und Picasso steht damit nicht allein. Neben Künstlern wie Lyonel Feininger oder David Lynch hat auch der berühmte abstrakte Maler Ad Reinhardt die Comicwelt um eine interessante Preziose bereichert. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieser nämlich eine Reihe einseitiger Comics für die Zeitschrift P.M. gestaltet, die nun von Hatje Cantz in einem großformatigen Buch veröffentlicht worden sind.

How to Look. Art Comics.

Wenn Text zum Bildelement wird ...

Ad Reinhardt (24.12.1913 – 30.08.1967) gilt als wichtiger Vertreter der Farbfeldmalerei (Color-Field-Painting), einer Kunstrichtung, bei der Farbfelder auf der Leinwand so angeordnet werden, dass Farbe und Oberfläche scheinbar ineinander übergehen. Weitere bekannte Künstler dieser Richtung sind Mark Rothko, Barnett Newman und Helen Frankenthaler.

Neben seinem malerischen Oeuvre hat sich Reinhardt aber auch als Zeichner und Illustrator für die US-Presse betätigt. So ist von 1946 bis 1947 für die Sonntagsbeilage der linksliberalen New Yorker Zeitschrift P.M. die Serie »How to look at … « entstanden – eine Persiflage auf typische US-amerikanische Ratgeberliteratur, die sich bei Reinhardt allerdings mit so bedeutungsschwangeren Themen wie kubistischer Malerei, Surrealismus oder das Sehen allgemein befasst.

How to Look. Art Comics.

Very sophisticated: Art Reinhardts Comics

Reinhardt verwendet für seine Onepager Vorlagen aus Almanachen und Kalendern der vergangenen Jahrhunderte und kombiniert diese mit eigenen Handzeichnungen im Cartoon-Stil, was eine faszinierende, manchmal allerdings auch etwas sperrige Mischung ergibt. So finden sich bei ihm Dürer-Holzstiche kombiniert mit Zeitungsausschnitten oder altertümliche Tierdarstellungen neben Funny-Zeichnungen im 1940er-Jahre-Stil – Collagekunst at it’s best eben …

Das Ganze befindet sich an der Schnittstelle zwischen »Hochkunst« und Comics, ähnlich wie die Comicstrips von David Lynch oder die Collagenromane von Max Ernst. Wer noch die seligen Politcomics von Rius aus dem Rowohlt Verlag (Marx für Anfänger etc.) kennt oder sich die animierten Zwischensequenzen von Terry Gilliam aus den Monty-Python-Filmen in Erinnerung ruft, kann in etwa erahnen, worauf er sich bei Reinhardt visuell einlässt. Für den durchschnittlichen Alben-Konsumenten vermutlich eine etwas zu spröde Kost, für den kunstinteressierten Comicforscher aber durchaus eine lohnenswerte Entdeckung!

Erwähnt sei zum Abschluss noch das lesenswerte Vorwort von Robert Storr, das allerdings leider – wie das gesamte Buch – im amerikanischen Original belassen wurde. Storr hat sich an anderer Stelle bereits als kenntnisreicher Experte für Raymond Pettibon erwiesen – einem weiteren Grenzgänger zwischen Kunst- und Comicwelt, über den man bei uns leider viel zu wenig zu lesen bekommt … [Jörg Petersen]

How to Look. Art Comics.

Abbildungen © 2013 Hatje Cantz Verlag / Art Reinhardt


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