Frisch Gelesen Folge 42: Hauptmann Veit 3

Veröffentlicht: Donnerstag, 19. März 2015

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»Der Hörige Konz ist gestorben. Er hinterlässt Frau und Kinder, die jetzt in den Besitz unserer Heiligen Mutter Kirche als Leibeigene übergehen.«
»Gut, gut, und sieh zu, dass wir ihren Brautschmuck erhalten. Auch sein Sonntagsgewand und den Sattel. Die Abgaben sind ja auch bald wieder fällig.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Hauptmann Veit Band 3 Titelbild

Hauptmann Veit Band 3: »Gesetzlos«

Story: Lutz Nosofsky
Zeichnungen: Lutz Nosofsky
Edition ars tempus
Hardcover | 66 Seiten | Farbe | 19,80 €
ISBN 978-3-00-047875-8

Genre: Geschichte, Mittelalter

Für Leser, die das mögen: Türme von Bos Maury, Die Füchsin, moderner Geschichtsunterricht, historische BioPics bzw. Romane


 

Graphic Novels verbindet man meistens damit, dass hier eine Autorin oder ein Autor etwas zu sagen hat (oder es zumindest glaubt) und dieses mit grafischen Mitteln tut. Oft ist dabei der Inhalt führend und die Zeichnungen sind eher zweitrangig. Sie sind daher oft sperrig und fordern mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Sujet als typische Comics, bei denen Bild und Text eine eher unterhaltende Aufgabe haben.

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Hauptmann Veit ist keine Graphic Novel, obwohl auch hier immer wieder deutlich zum Ausdruck kommt, dass das Projekt nicht nur unterhalten soll. Dafür sprechen nicht nur der Reihentitel (»Feeling History«) sondern auch die vielen erläuternden Texte, die dem Comic beigegeben sind. Lutz Nosofsky will nicht nur unterhalten, sondern er möchte die Geschichte erlebbar machen. Glücklicherweise verknüpft diese Serie aber den Anspruch, zeitgeschichtlich korrekt und lehrreich zu sein, mit einem grafischen Talent!

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Im Mittelpunkt steht die Zeit der Wirren der Reformation, der Bauernkriege und vor allem ihre Auswirkungen, nicht nur auf den Adel, sondern auch auf das gemeine Volk. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation um 1500 ist keine Nation im heutigen Sinne. Die in ihm zusammengefassten Fürsten- und Bistümer sind mehr oder weniger selbständig und die Frage der »Herrschaft« wird zwar noch religiös verklärt, ist aber tatsächlich ein Ergebnis eines reinen politischen Ränkespiels. Die katholische Kirche ist eine Machtorganisation, die sich aus dem Ablasshandel finanziert und vor Mord nicht zurückschreckt, Geistliche sind oft alles andere als zölibatär und Armut und Demut sind etwas für Gläubige.

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Während einerseits Reformatoren wie Luther und Hus den Glauben und das kirchliche Leben reformieren und auf die Beziehung zu Gott zurückführen wollen, kommt es im ganzen Land immer wieder zu Aufständen von Bauern und Leibeigenen, die lieber im Kampf als in der täglichen Armut sterben wollen. Währenddessen benimmt sich der Adel zwar noch wie früher und behandelt seine Untergebenen wie Vieh, verliert aber gleichzeitig immer mehr seine Privilegien an die aufstrebenden Städte und große Kaufmannsfamilien, die auch als Geldgeber reüssieren.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund erzählt die Saga Hauptmann Veit die Geschichte von Verrat und Unterdrückung. Veit und sein Blutsbruder Hauptmann Raven sind Teil der Niederlage Karls V.. Raven ermordet den Fürsten der belagerten Festung Mannstein, dem Stammsitz der Familie Veits, und schafft es, Veit dafür verantwortlich zu machen (Band 1). Auf seiner Flucht schließt Veit sich den Revolte von Franz von Sickingen und Ulrich von Huttens an. Auch dieses Unterfangen scheitert (Band 2). Der aktuelle, auch ohne Kenntnis der beiden anderen verständliche Band beginnt damit, dass sich der ehemalige Hauptmann bei Leibeigenen verstecken und unerkannt in dem Gebiet seiner Eltern, das jetzt von Raven als Graf verwaltet wird, leben kann.

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Der Gesetzlose Ex-Hauptmann schreitet gleich zu Beginn ein, als drei Adelige einig Leibeigene auf einem Feld misshandeln. Er flüchtet mit dem überlebenden Sohn in die Wälder. Dort treffen sie auf einen »modernen« Priester und schließen sich einem Treck an. Als dieser von Aufständischen überfallen wird gelingt es Veit, seine Absicht klar zu machen. Nachdem Raven eine Strafexpedition gegen das Dorf einiger Aufständischer durchgeführt hat, wird dieser durch eine List zu überwältigt. Leider bewahrheitet sich auch in diesem Fall die Tatsache, dass Unterdrückte an ihrem Unglück zu einem großen Teil selber Schuld sind und Raven kann sich mit leeren Versprechungen befreien. Die Lämmer verehren ihren Schlächter leider allzu oft. So ist am Ende nichts gewonnen.

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Hauptmann Veit ist also keine weitere Rittersaga wie Roland Ritter Ungestüm, in der ein Held seine nicht standesgemäßen Gefühle für die Königstochter nicht unter Kontrolle halten kann und aufgrund seines aufbrausenden Temperaments Abenteuer in geschichtlichem Ambiente erlebt, die heutzutage wohl als Coming-of-Age vermarktet würden. Hier geht es nicht um Turniere und Ehre, garniert mit ein bisschen Romantik. Der Comic ist auch nicht vergleichbar mit Mittelalter-Stories aus dem französischen Hause Soleil, wie sie zuhauf von Splitter verlegt werden, in denen hübsche Mädchen schreckliche Geschichten erleben und Ausgestoßene die Seiten bevölkern. Weder Gewalt um ihrer selbst willen, noch die allgemeine Hilflosigkeit gegenüber dem Schicksal stehen im Mittelpunkt. Nosofsky geht es darum, nicht eine einzelne Geschichte zu erzählen, sondern Geschichte an sich erlebbar zu machen, ohne dabei in einen trockenen Lehrbuchstil zu verfallen. So ist der Gegenspieler Raven natürlich besonders unsympathisch und auch die Pfaffen würden selbst von Zehnjährigen allein aufgrund ihrer Darstellung als böse erkannt. »Nofi« verzichtet auf eine Ästhetisierung der Figuren und gibt Gesichtszüge und Kostüme sehr detailliert wieder. Dreck und Armut, genau wie Falten und körperliche Erscheinungsweise, sind Gegenstand der Erzählung und kein Beiwerk. Und genau das macht den Reiz diesen Comics aus.

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Zusätzlich enthält die 1. Auflage Zusatzmaterial über die geschichtlichen Gegebenheiten: das Rechtssystem, die Bauernaufstände des Bundschuh, von Joß Fritz und dem Armen Konrad sowie die allgemeine Situation um 1500 werden in kurzen, sehr hübsch illustrierten Artikeln erläutert. Dazu gibt es noch ein Interview mit Peter Trede, dem Tonmeister des Trailers zum Hauptmann-Veit-Film. Alles in allem also ein randvolles Hardcoveralbum, das seinen Preis allemal wert ist.

Dazu passt natürlich am besten Mittelalterrock, z.B. von In Extremo oder Schandmaul und ein Kräutertee oder ein Met! [Sven Krantz-Knutzen]

Hauptmann Veit Band 3 Leseprobe

Abbildungen © 2015 Lutz Nosofsky


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