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Alt und neu: Hermanns Jeremiah und Vollmondnacht

Jeremiah Integral Band 1 Ausschnitt

Hermann ist einer der wenigen frankobelgischen Altmeister aus der »Goldenen Ära« des ZACK Magazins, die auch heute noch regelmäßig neue Comics zeichnen. Sein postapokalyptischer Abenteuercomic Jeremiah um den gleichnamigen Titelhelden und dessen Kumpel Kurdy gehört zu Hermanns Hauptwerk. Bei Kult Editionen erschien zuletzt das 31. Album der langlebigen Serie und Anfang des Jahres der Debütband der deutschen Gesamtausgabe.

Jeremiah - der Western im Science-Fiction-Pelzcr ICON-Rezensionen

VON MATTHIAS HOFMANN

Als die deutschen Leser Jeremiah zum ersten Mal kennenlernen durften, hieß er ganz anders. »David Walker« hatte sich die Redaktion um Gigi Spina, dem damaligen Redakteur des Koralle Verlags, als deutschen Titel ausgedacht. Das war Ende 1978. Kurz davor wurde Hermanns neue Serie in dem Fanblättchen Zack Zeitung noch namenlos angekündigt als »eine phantastische Mischung aus Western, Science Fiction und Abenteuer«. Über die Helden der Serie erfuhr man nur, dass es sich um »zwei fünfzehnjährige Jungen, die sich im Amerika des Jahres 2000, das der dritte Weltkrieg verwüstet hat, durchschlagen müssen«, handeln würde.

Jeremiah Integral Band 1 Panel

Postapokalyptischer Western à la Hermann: Ritt aus dem Untergang

 

Hermann allein am Steuer

»Die Nacht der Adler« startete in ZACK Nr. 20/1978 und lief bis zur Nr. 24/1978. Erstmals war Hermann Huppen, wie er mit vollem Namen heißt, der Herr über die Geschichten, die er zeichnete, denn seine vorigen Erfolge mit den inzwischen zu Klassikern gewordenen Serien Comanche und Andy Morgan entstanden nach den Szenarios des einflussreichen Autors Greg. Für Jeremiah trennte sich Hermann von Bernard Prince, wie Andy Morgan im Original heißt.

Wer allerdings viel Science Fiction erwartete, der wurde enttäuscht. Gerade in den ersten Abenteuern muss man die Sci-Fi-Elemente mit der Lupe suchen. Im Grunde blieb Hermann vornehmlich im Western-Modus. Zwar ist auf den ersten drei Panels von »Die Nacht der Adler« eine Kriegsszene zu sehen und etwas, das wie eine nuklear zerstrahlte Landschaft aussieht, aber bereits im letzten Bild der ersten Seite sieht man das Gras sprießen und eine Seite weiter springt ein Präriehund, ein nordamerikanisches Erdhörnchen, umher.

Von der ehemaligen Zivilisation der USA ist nicht viel zu sehen. Ein typisches Western-Setting mit kleinen Forts, Pferden als Fortbewegungsmittel, Indianern, endloser Prärie und viel Staub bestimmt die Atmosphäre. Verstrahlte Landstriche, mutierte Lebewesen oder ähnliche Versatzstücke typischer postapokalyptischer Szenarien sind nicht vorhanden.

Jeremiah Integral Band 1 TitelbildZu Beginn der Serie ist Jeremiah ein eher gutmütiger, unbedarfter blonder Jüngling, der vom Dorf kommt und dem an einem ganz normalen Tag alles geraubt wird, was sein Leben erfüllte. Als er sich auf einer Erkundungstour außerhalb des Dorfs befindet, wird Bends Hatch, die Siedlung, in der er lebt, komplett zerstört. Alle Bewohner, inklusive Jeremiahs Familie, werden getötet. Die Gräueltat geschieht auf Geheiß des weiß geschminkten, tuntenhaften Fettsacks Fat-Eye Birmingham, dessen Passion eine riesengroße Voliere voller Adler ist, und der die Kleinstadt Langton und ihre umliegenden Dörfer mit einer Art Terrorherrschaft nach Belieben dominiert.

Seinen Kumpel Kurdy trifft Jeremiah eher zufällig, als er dessen Pferd einfangen will. Nach einem etwas holprigen Start, reisen die beiden Jungen seit Band 1 als »beste Freunde« durch die Lande. Überhaupt passiert vieles eher zufällig und Hermanns Plot sind gut angereichert mit allerlei Klischees, die der Künstler in den 1970ern so aufgeschnappt hat.

 

Fellini grüßt Charles Bronson

Von Federico Fellinis Filmen ist Hermann beeinflusst worden, wie er in der Gesamtausgabe zitiert wird, »denn seine Darstellung der Welt, die possenhaft komisch und zugleich erschreckend ist«, faszinierte den Belgier. Erkennbar ist das beispielsweise an der Person des sowohl clownhaften als auch unheimlichen Fat-Eye, der grundsätzlich nur als erzählerischer Baustein zu existieren scheint. Dessen Motivationen für seine Gräueltaten werden nicht erklärt, wie überhaupt seine Rolle nur daraus zu bestehen scheint, zum Schluss als Futter für seine Vögel das Zeitliche zu segnen.

Großen Einfluss auf das Konzept der Serie hatten desweiteren die Science Fiction-Romane von René Barjavel, besonders »Ravage«, in welchem eine hochentwickelte Zivilisation komplett zusammenbricht, als plötzlich keine Elektrizität mehr existiert und die Überlebenden ihr Leben selbst ordnen müssen.

Jeremiah Integral Band 1 BonusmaterialVolker Hamann zählt in seinem »Blick hinter die Kulissen«, der ähnlich wie bei der Andy Morgan Neuedition als gut bebildertes Bonusmaterial im hinteren Teil der Gesamtausgabe geboten wird, auch Michael Winners Film »Ein Mann sieht rot« zu den Einflüssen von Jeremiah. Dies geschieht auf Interpretation einer Aussage von Gigi Spina, der 1980 von Markus Tschernegg über Hermanns Art der Darstellung von Gewalt befragt wird. In der Tat zeigt Jeremiah eine zunehmend gewalttätige Seite von Hermanns Geschichten, die zum Beispiel dazu führte, dass das zweite Album (»Die Wüstenpiraten«) nicht in ZACK vorveröffentlicht wurde. Dennoch kann man den Plot der Serie nur bedingt mit »Death Wish«, so der Originaltitel der brutalen Hymne an die Selbstjustiz mit Charles Bronson in der Hauptrolle, vergleichen. Blickt man genau auf die Handlung der ersten drei Geschichten, so spielt der alles andere als kaltblütig-abgebrühte Jeremiah über weite Phasen eher die Rolle eines Nebendarstellers und die meiste Showtime gehört dem für sein Alter sehr erfahrenen und ausgebufften Schlitzohr Kurdy Malloy.

Band 1 der »Integral« unter dem Label »Kult Editionen Deluxe« vereinigt die ersten drei Geschichten, die von 1978 bis 1980 entstanden sind. Das Buch ist in einem etwas kleineren Format gedruckt, welches sich sowohl in der Länge als auch der Breite von den Einzelbänden abhebt. Dies ist dem zentralisierten Druckprozedere der slowenischen Firma Strip Art Features geschuldet, die die Produktion der Reihe in vier verschiedenen Sprachen übernommen hat, u.a. auch für Frankreich (Dupuis) und die USA (Dark Horse). Das kleinere Format stört jedoch nicht im Geringsten. Druck und Verarbeitung sind mustergültig. Etwas ärgerlich ist hingegen, dass in dem Band weder der Übersetzer, noch der Letterer genannt werden.

 

Hässliche Frauen

»Der Hexenkessel« ist Hermanns neuster Jeremiah. Das Album erschien in Deutschland sogar ein paar Monate vor der französischen Ausgabe, die in Frankreich erst im Januar 2012 veröffentlicht wurde. Im Vergleich des aktuellen 31. Bandes mit den ersten Geschichten kann man feststellen, dass Jeremiah äußerlich erwachsener geworden ist. Grafisch hat Hermann seine langjährige couleur directe Phase hinter sich gelassen und zeichnet wieder vornehmlich mit dem Rotring-Stift vor, um das Ganze danach zu kolorieren.

Jeremiah Band 31 TitelbildInhaltlich hat sich wenig getan: Jeremiah und Kurdy reisen von Abenteuer zu Abenteuer durch eine staubige mit Kakteen übersäte Mischung aus Wüste und Prärie, aber nicht mehr auf Pferden, sondern auf Motorrädern sitzend. Kurdy, der früher fast einen Kopf größer war als sein blonder Freund, ist irgendwie geschrumpft und nahezu gleich groß wie Jeremiah – und seine rotbraune Mähne hat den gleichen Farbton wie die Frisur seines Reisegefährten angenommen. Insgesamt sehen fast alle Männer bei Hermann etwas gedrungen und gestaucht aus, wobei Jeremiah auch einen guten Andy Morgan abgeben könnte - und umgekehrt.

Bemerkenswert ist sicherlich Hermanns Gabe, hässliche Frauen darzustellen. Leider könnten böse Zungen dies inzwischen eher als Fluch bezeichnen, denn schon ein Blick aufs Titelmotiv, welches die verführerische femme fatale Verona aus »Der Hexenkessel« aufbietet, zeigt, dass Hermann es verlernt hat, erotische Frauen zu zeichnen. Die »Schönheit« auf dem Cover, die im Verlauf der Handlung diverse Male sexuell aktiv wird, könnte auch ein Andy Morgan mit Brüsten und Rock sein, dem man die Haarpracht verstrubbelt hat.

Die Handlung ist so schnell erzählt wie sie wieder vergessen ist. Die beiden Männer fahren mit ihren schweren Zweirädern nach »überall und nirgends« (O-Ton Jeremiah) und treffen zufällig auf die knapp bekleidete Verona, die einen Platten hat, aber den Reifen nicht wechseln kann, da sie eine verstauchte Hand hat. Zum Dank bietet sie Jeremiah und Kurdy an, sie zu ihrem Luxusanwesen zu begleiten, wo »Dusche, Pool und Federbett« warten, allerdings auch eine zwielichtige Familie, die in noch zwielichtigere Geschäfte verwickelt ist.

Wie so oft bei Hermann, gibt es auch diesmal einen dubiosen Drahtzieher im Hintergrund: ein fetter Typ namens Roskov, der perfiden Druck auf die Familie ausübt, hält alle in seinem imaginären Würgegriff, was selbstverständlich erst im Verlauf der Handlung klar wird. Dazwischen gibt es immer wieder viel Getuschel und Gemauschel, eine gehörige Portion Sex (bevorzugt in der freien Natur, unter Palmen, am Strand oder auch mal im Regen), sowie ein Subplot um den berühmten Künstler Senor Stucco, einem durchgeknallten Maler mit grünem Irokesenschnitt und blauer Taucherbrille. Anhand dessen Werk übt Hermann indirekt bis sehr direkt Kritik am Kunstestablishment, indem er Stuccos Werke als »porös«, mit »klarsichtiger Abgründigkeit des Banalen« klassifizieren lässt. Stucco ist mehr so ein Aktionskünstler, der im Stile von Joseph Beuys Bratpfannen, Schubladengriffe oder handelsübliche Haushalts-Saugglocken zur Abflussreinigung von Toiletten ausstellt. In der Story gibt Stucco eine Performance zum Besten, in der er die Technik des »Drippings« anwendet. Hierbei werden verschiedene Farben in die Luft versprüht, so dass sie durch ein klobrillenförmiges Sieb auf eine Leinwand tropfen. Das anwesende Publikum kommentiert alles mit Worten wie »Superb! Dieses Dripping wird Geschichte machen!« und »Ein Meisterwerk! Eine Offenbarung! Mir fehlen die Worte!«. Momente wie diese verleihen dem etwas uninspirierten »same old, same old« von Hermann neuster Geschichte eine fast schon unerwartete Würze und hieven sie damit aus niederen Sphären in die Kategorie »Okay«.

Jeremiah Band 31 Leseprobe Seite 32  Jeremiah Band 31 Leseprobe Seite 33

Leseproben aus Jeremiah Band 31: »Der Hexenkessel«

 

Vollmondnacht

Vollmondnacht TitelbildNeben neuen Abenteuern von Jeremiah und Bos-Maury (hier ist bei Glénat mit »Oeil de Ciel« gerade Band 15 für 2012 angekündigt) zeichnet Hermann fleißig abgeschlossene Geschichten, in der Regel nach einem Szenario seines Sohns Yves Huppen. Zuletzt erschien im September 2011 der Einzelband »Une nuit de pleine lune«, der bei Kult Editionen Ende des Monats unter dem deutschen Titel Vollmondnacht veröffentlicht wird.

Das Ganze ist ein Thriller, in dem eine Zweckgemeinschaft aus fünf Einbrechern versucht, den Coup ihres Lebens zu landen, in dem sie den Tresor eines leer stehenden Hauses knacken will.

Die Geschichte weist Ähnlichkeiten mit dem Band Bluthochzeit auf, der nach einem Szenario von Jean Van Hamme entstanden ist. Ein simpler Plan endet in einem Gemetzel. Hermann spielt sein ganzes Können aus und stellt die Handlung von Yves H. sehr kinematografisch dar. Fast vermisst man ein bisschen die Direktkolorierung, da der größte Teil der Handlung in der vom Titel beschriebenen Vollmondnacht spielt, wäre es ein großer Reiz gewesen, Hermanns Umsetzung der Nuancen dunkler Farbtöne zu sehen. Sébastien Gérards Farbenspiel ist nicht schlecht, aber auch nicht besonders beeindruckend. Das gilt auch für die Charaktere, die ziemlich stereotyp sind, dennoch kommt Spannung auf und gerade Fans der Zeichenkunst von Hermann kommen voll auf ihre Kosten. Somit zählt von den ganzen Vater-Sohn-Kollaborationen von Hermann und Yves Huppen, die in den letzten Jahren erschienen sind, Vollmondnacht sicherlich zu den gelungensten.

Vollmondnacht Leseprobe Seite 9  Vollmondnacht Leseprobe Seite 10

Leseproben aus Vollmondnacht


 

Abbildungen © Kult Editionen / Hermann Huppen

 


 

Bos-Maury Band 15: Oeil de Ciel von Hermannhuppen.com

 


 

Die Daten

Jeremiah Integral Band 1, Text/Zeichnungen: Hermann
Kult Editionen, 152 Seiten, Hardcover, € 29,95, ISBN 978-90-89820-67-9
erschienen im Januar 2012

Jeremiah Band 31: Der Hexenkessel, Text/Zeichnungen: Hermann
Kult Editionen, 48 Seiten, Hardcover, € 14,95, ISBN 978-90-89820-63-1
erschienen Oktober 2011

Vollmondnacht, Zeichnungen: Hermann, Text: Yves H.
Kult Editionen, 56 Seiten, Hardcover € 14,95, ISBN 978-90-89820-73-0
Erscheinungsmonat: Februar 2012

 


 

Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: Kult Editionen

Offizielle Homepage von Hermann (französisch): Hermann Site Officiel

Copyright © Comic Report Online - Das unabhängige Comic-Magazin: Aktuelle Meldungen, Analysen, Interviews 2011-2014

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