Frisch Gelesen Folge 147: Moonshine, Bd. 1 & 2

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Cross Cult Veröffentlicht: Donnerstag, 05. März 2020 Geschrieben von Stephan Schunck

»Was sollte das denn?«
»Ich mag den Geschmack.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Moonshine, Bd. 1: »Familiengeheimnisse«

Story: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso

Cross Cult
Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 22,00 €
ISBN: 978-3-9598-1569-7

 

Moonshine, Bd. 2: »Zug ins Unglück«

Story: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso

Cross Cult
Hardcover | 144 Seiten | Farbe | 22,00 €
ISBN: 978-3-9598-1360-0

Genre: Crime Noir, Horror, Mystery

Für Leser, die das mögen: die Comics 100 Bullets, Batman, Fulù und Torpedo, Raymond Chandlers Philip Marlowe (Humphrey Bogart oder lieber Robert Mitchum?), den Film Wolfen


 

Ohne die einschlägige Werbung und nur mit dem Cover von Band 1 hätte ich mich auf einen Comic à la Torpedo (oder Torpedo 1936), eine Gangsterstory im Kontext der Großen Depression und der Bandenkriege der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, gefreut – das Ganze zudem vom kongenialen Duo Azzarello und Risso. Das alles alleine wäre für mich schon ein ausreichendes Kaufkriterium für den ersten Band von Moonshine gewesen. Aber trivial kann jeder und die beiden wollten sich wohl nicht mit einer eher vorhersehbaren Geschichte an ihre Fangemeinde wenden.


Klassischer Einstieg: Gangster im Wald.

Auf den ersten drei Seiten fängt es dann doch klassisch an. Lou Pirlo, ein New Yorker Gangmitglied, wird von seinem Boss Joe Masseria beauftragt, Hiram Holt, einen Hinterwäldler aus den verfickten Bergen Virginias, zu überzeugen, seinen exzellenten schwarzgebrannten Whiskey exklusiv an Masseria zu liefern. Pirlo, Typ aalglatt, gestriegelt, mit allen Wassern gewaschen und dem Alkohol selbst auch nicht abgeneigt, erlebt einen wahren Kulturschock als er in Spine Ridge eintrifft. Großstadt stößt auf die Heimat der Waltons – wobei die Zustände vor Ort eher im krassen Gegensatz zur Idylle der heimeligen amerikanischen, in der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise angesiedelten Serie stehen. Aber das ist noch nichts gegen sein erstes Treffen mit Holt, bei dem ihm eindrucksvoll vorgeführt wird, was mit Leuten passiert, die sich in seine Geschäfte einmischen wollen. Drei FBI-Agenten, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Holts Schnapsbrennerei zu nahegekommen waren, wurden mehr oder weniger abgeschlachtet (die ersten drei Seiten!).


Kulturschock: Aalglatter Großstädter trifft auf die Welt der Waltons.

Zwischen Alkoholdelirium und Okkultismus gerät Pirlo immer tiefer in die Streitigkeiten der Familie Holt und als er dem Wolf zum ersten Mal bei seiner grausigen Jagd begegnet, kann er kaum unterscheiden, ob es Realität oder Fantasterei ist.
Das alles würde für eine normale Serie eigentlich reichen, aber normal geht bei Azzarello eben nicht. Neben der eher zu erwartenden Schießerei der Mafia mit dem Clan der Holts und recht heftigen und blutigen Werwolf-Attacken wird die Story weitergesponnen und beschreibt in unterschiedlichen Handlungssträngen das Schicksal der Familie Holt und den weiteren Lebensweg Pirlos, der sich einer ungewollten Metamorphose unterzieht.


Weitergesponnene Lebenswege.

Dabei vergaloppiert sich Azzarello vielleicht ein bisschen ins Philosophieren bezüglich ungewollter und erstrebenswerter Unsterblichkeit. Und genau damit verliert sich dann auch ein wenig der Zauber der Geschichte, die so vielversprechend angefangen hat. Aus dem ursprünglichen überraschenden Genremix wird jetzt eher etwas Vorhersehbares und damit auch leider etwas Langweiligeres (auf ganz, ganz hohem Niveau). Details will ich gar nicht beschreiben – wäre ohnehin nur gespoilert.

Für den Teil der Prohibition gibt es wahrscheinlich genügend gute Vorlagen (für die Älteren unter Euch Filme mit Humphrey Bogart und Jimmy Cagney, für die anderen Once Upon a Time in America oder The Untouchables) und während ein großer Teil der Geschichte Erinnerungen an Angel Heart mit Mickey Rourke hervorruft, will mir kein wirklich guter Werwolf-Film einfallen (dabei wollen wir mal Underworld, Pakt der Wölfe, Harry Potter oder American Werewolf gerne vergessen), der es mit dieser Geschichte aufnehmen könnte. Insofern ist Moonshine trotz der angesprochenen Mängel ein höchst spannender, gruseliger und – soll man ja nicht so oft sagen – innovativer Comic, der eigentlich in keiner besseren Sammlung fehlen sollte.


Filmreife Szenen: Weltwirtschaftskrise und Prohibition.

Wem Moonshine gefällt, der sollte auf jeden Fall 100 Bullets, Batman Damned und auch Fulù (Risso mit Trillo, Splitter alt) lesen, und das ist nur eine Highlight-Liste. Aus Moonshine hätte man vielleicht noch mehr machen können, aber das, was Azzarello und Risso hier mit den ersten zwei Bänden abliefern, ist schon allerfeinste Comickunst – und liegt weit über dem üblichen Mainstream.

[Stephan Schunck]

Abbildungen © 2019 Cross Cult


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