Frisch gelesen Folge 112: Mister Miracle Megaband

Veröffentlicht: Montag, 29. April 2019

»Gott ist das, wie man das Ding nennt, das all die besseren Dinge ist. Gut ist besser als schlecht. Gott ist gut. Stark ist besser als schwach. Gott ist stark. Gütig ist besser als grausam. Gott ist gütig. (…) Existieren ist besser als nicht existieren. Gott existiert. Sein ist besser als Nicht-Sein. Gott ist.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Mister Miracle: »Darkseid ist.«

Story: Tom King
Zeichnungen: Mitch Gerads

Panini
Softcover | 308 Seiten | Farbe | 30,00 €
ISBN: 9781401283544

Genre: Superhelden

Für Leute, die das mögen: Superheldencomics für Erwachsene (Allan Moore, Brian Bendis, Matt Fraction, Tom King), Screwball Comedies, Familienleben


 

Ja, schwieriges Zitat da oben. Da werden wohl gleich ein paar Leute aussteigen, weil sie denken, es geht um eine von diesen Angeber-Graphic-Novels, Tiefsinn für Einsteiger. Aber falsch, falsch, falsch (wie Eloise sagen würde). Ich habe das nur an den Anfang gesetzt, um den mirakulösen Titel zu erklären: »Darkseid ist.« Ich habe ihn gelesen und dachte: Hä? Das soll euch nicht so gehen: Darkseid ist ein böser dunkler Gott – und Mister Miracles Stiefvater.

MISTER MIRACLE! ER TÖTET SEINEN VATER MIT EINEM GEMÜSETELLER!

Und damit klar ist, dass es bei diesem grandiosen Meisterwerk von Tom King in der Regel ganz anders läuft, hier gleich noch ein Dialog. Die Szene: Während Mister Miracle und seine Frau Big Barda sich durch höllische Unterwelten prügeln, morden und schlachten, erklärt Big Barda, dass sie die Wohnung umbauen will, angefangen bei der Küche. Deshalb soll zum Beispiel die Arbeitsplatte weg. Das führt natürlich zu einer Diskussion:

»Aber all das Zeug auf der Arbeitsplatte. Wohin damit, wenn die weg ist?«
»Alles nur Zeitschriften und Zeug.«
»Aber wir haben Zeitschriften und Zeug. In der Wohnung. Und da kommen die hin.«
»Ganz ehrlich? Wenn wir keine Arbeitsplatte hätten, hätten wir auch kein Zeug.«
»Komm ...«
»Wer ‘nen Platz für Sachen hat, der findet Sachen für den Platz.«
»Zeitschriften existieren. Und Papiere. Die sind real. Die müssen irgendwohin.«
»Die sind nur real, weil sie da sind. Wenn’s kein da für sie gibt, dann sind die auch nicht real.«
»Ich mag Zeitschriften.«


Szenen einer Ehe: Mister Miracle und Big Barda in ihrem Alltag zwischen Paparazzi und Couch.

Okay, und das ist auch schon das Buch: Götter und Alltagsprobleme. Es geht um die New Gods, die Meister Jack Kirby in den frühen Siebzigern erfunden hat und deren Original-Abenteuer völlig irre, aber wegen Übertextung leider fast unlesbar sind (am flottesten sind die ersten Auftritte in der Serie Jimmy Olsen). Das New-Gods-Universum erinnert an Thors Asgard, und folgerichtig beschäftigen sich in dem vorliegenden Band die meisten Charaktere mit Göttersachen à la Wagners Nibelungen: Unterwelt, Bruderkampf, Unsterblichkeit. Anti-Lebensformel. So was halt.

MISTER MIRACLE: ER IST ENTFESSLUNGSKÜNSTLER UND STEHT AUF BONDAGE!

Mister Miracle ist unter ihnen der menschlichste und superheldigste. Er lebt auf der Erde und hat Menschenprobleme, um die er sich neben den Götterproblemen kümmern muss. Einige sind recht schwerwiegend, was dazu führt, dass er sich gleich zu Anfang umzubringen versucht. Danach hat er das Gefühl, verrückt zu werden, während es zugleich in der Götterwelt Krieg gibt. So weit, so dramatisch. Doch dann bekommt das Paar ein Kind und plötzlich wird aus dem Drama eine Komödie.


Auch Superhelden sind mal lebensmüde.

Tom King ist der zurzeit mit weitem Abstand interessanteste Superheldenautor. Als Texter von Batman hat er in der aktuellen Serie für die Menschwerdung des dunklen Ritters gesorgt. Noch besser ist sein Zwölfteiler über The Vision, in der der Marvel-Held am Leben in der Vorstadt scheitert. King hat zwei große Themen: den Krieg und die Liebe. Ersteres verdankt er wohl seiner Vergangenheit: Er war einige Jahre für den CIA im Irak, was er in The Sheriff of Babylon (ebenfalls mit Mitch Gerads) verarbeitete. Auch in seiner Version der Omega Men ging es um einen endlosen Religionskrieg.

MISTER MIRACLE! ER SAGT »BATMAN TÖTET BABYS«, UND ER HAT RECHT!

In Mister Miracle ist der Krieg ebenfalls ständig präsent: Seite um Seite um Seite wird gekämpft und gemordet, ab und zu gibt es auch Verlustmeldungen, 250.000 Tote heißt es an einer Stelle. Doch zugleich kommen einem die Gewaltexzesse nie nahe. Zeichner Mitch Gerads, dessen Zeichnungen von Buch zu Buch feiner werden, verzichtet auf Splash Pages: Er bleibt konsequent in einem Neun-Panel-Raster, was die Kämpfe merkwürdig gleichförmig erscheinen lässt – es ist immer dasselbe. Das ist das exakte Gegenteil von Gewaltverherrlichung: Die Gewalt ist völlig uninteressant.


Konsequente Seitenarchitektur: Mister Miracle im TV.

Ganz im Gegensatz zur Liebe. Mister Miracle und Big Barda gehen für einander und erst Recht für ihr Kind durch die Hölle. Im Wortsinn, klar, es sind schließlich Götter, aber vor allem in ihren Versuchen, einander zu verstehen und das Richtige zu tun. Selten wurde in einem Superheldencomic so oft »Ich liebe dich« gesagt. Und noch seltener war eine Liebesbeziehung so glaubwürdig: von der Angst im Kreißsaal über handfeste Ehestreite bis zur Dankbarkeit für die Existenz des anderen. Auch daraus spricht viel Erfahrung: Tom King lebt mit einer Frau und drei Kindern.

MISTER MIRACLE! ER SCHUMMELT BEIM DOSENWERFEN, HAUPTSACHE, GEWONNEN!

Okay, fassen wir zusammen: Ein Superheldencomic, bei dem die Kämpfe eine Art Tapete sind, vor der sich eine Liebesgeschichte entfaltet, die so schön ist, dass dafür die halbe Familie sterben muss, zugleich aber auch so realistisch, dass sich die Liebenden noch während der Gemetzel auf den Schlachtfeldern über die neuesten Entwicklungen ihres Sohnes Jacob austauschen – und das alles garniert mit Comedy-Dialogen. Kleinste Zielgruppe der Welt? Einerseits. Andererseits: Hast du eine Frau? Hast du Kinder? Liebst du beide? Und liest du trotzdem gerne Superheldencomics? Dann ist das dein Buch.

[Peter Lau]

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein: Vater-Sohn-Gespräch am Strand.

Abbildungen © 2019 Panini


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