Frisch gelesen Folge 100: Peter Parker: Der spektakuläre Spider-Man 1

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Montag, 28. Januar 2019 Geschrieben von Marcus Koppers

 »Ich komme aus der Zukunft, um etwas Furchtbares zu verhindern. Und ich brauche Hilfe.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Peter Parker: Der spektakuläre Spider-Man 1 – »Im Netz der Nostalgie«

Story: Chip Zdarsky, Mike Drucker
Zeichnungen: Adam Kubert, Joe Quinones

Panini
Softcover | 156 Seiten | Farbe | 16,99 €
ISBN: 978-3-74161-110-0

Genre: Superhelden, Action, Science-Fiction

Für Leser, die das mögen: Superhelden, Zeitreise, alternative Realitäten, 1984, Dystopien


Jahrelang hat Marvel sukzessive die alten Helden verjüngt, durch alternative Versionen ersetzt und die gesamte Superheldenriege vielfältiger gestaltet. Sicherlich konnte der Verlag so einige neue Leser gewinnen, aber die eingefleischten Comicfans verloren nach und nach die Lust an den Geschichten. Mit der Legacy-Initiative hat das Redaktionsteam um C. B. Cebulski versucht, dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Es lenkte den Fokus wieder vermehrt auf die klassischen Figuren. Außerdem zählten die Macher viele vorherige Comicserien zusammen, sodass auf den Heften nicht mehr niedrige Nummern, die einen leichten Zugang suggerieren, aufgedruckt wurden, sondern hohe Zahlen, die auf die lange Veröffentlichungshistorie hindeuten. Die Auswirkungen der Legacy-Offensive machen sich mittlerweile auch vermehrt auf dem hiesigen Markt bemerkbar. Doch Panini Comics vermarktet das Ganze etwas anders. Die Stuttgarter inszenieren einen werbewirksamen weiteren Neustart. So ziert das Cover von Peter Parker: Der spektakuläre Spider-Man 1 ein kleiner »Neustart«-Aufdruck, ein Label, das nirgends verwirrender sein könnte als auf diesem Comic.


Spidey-verse: Der Band enthält auch eine kurze Origin story aus Robbie Thompsons' Feder.

Um dies zu verstehen, muss man sich kurz mit der US-Veröffentlichung von Peter Parker: The Spectacular Spider-Man beschäftigen. Im August 2017 erschien eine weitere Spider-Man-Serie. Autor Chip Zdarsky stellte Spideys Welt ordentlich auf den Kopf. Seine »Schwester« aus der Graphic Novel »Familientradition« war plötzlich mit von der Partie und Spidey demaskierte sich vor einem seiner größten Kritiker J. Jonah Jameson. Im Rahmen der Legacy-Umnummerierung bekam die Serie im Januar 2018 eine hohe 200er-Nummer und zelebrierte kurz darauf das Jubiläumsheft Peter Parker: The Spectacular Spider-Man 300. Panini druckte die Serie abwechselnd mit Amazing Spider-Man in der monatlichen Heftserie ab. Netterweise kamen diese Ausgaben unlängst als dicker Sammelband erneut heraus. Denn anders, als das Cover verspricht, ist »Im Netz der Nostalgie« eine direkte Fortsetzung der Handlung. Da aber The Amazing Spider-Man wirklich neu startete, war in den Heften kein Platz mehr für den spektakulären Spidey, zumindest, wenn die Lücke zu den US-Heften nicht zu groß werden sollte. Deshalb gibt es nun diese neue Paperback-Serie.

 Doppelgänger: Peter Parker trifft in der Vergangenheit auf sein jüngeres Ich.

Aber genug von Nummerierungen, Marketingoffensiven, Neustarts und der ganzen anderen verwirrenden Superheldenquantenphysik. Worum geht es denn überhaupt? Um eine außerirdische Invasion zu stoppen, reisen Spider-Man, seine Schwester Teresa und J. Jonah Jameson mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit. Hier erhofft sich das Trio, Hinweise zur Bekämpfung der Aliens zu finden. Glücklicherweise hat Dr. Doom seine Zeitmaschine so gebaut, dass eine Manipulation der Gegenwart nicht möglich ist. Dementsprechend unbedarft agieren die drei in der Vergangenheit. Peter greift seinem jüngeren Ich bei den klassischen Kämpfen gegen Doctor Octopus, den grünen Kobold und Mysterio unter die Arme. Teresa stellt auf eigene Faust Nachforschungen über ihre Eltern an und Jameson besucht sein jüngeres Ich, um ihm ein paar Tipps zu geben. Doch entgegen der Annahme, all dies wäre ungefährlich, müssen die drei nach ihrer Rückkehr feststellen, dass die Geschichte einen unerwarteten Verlauf genommen hat.

 
Doctor Octopus bricht aus.

Chip Zdarsky gelingt es außerordentlich gut, den Charme alter Spider-Man-Geschichten einzufangen und geschickt mit neuen Ideen zu verknüpfen. Auch die Entwicklung der beiden Nebenfiguren überzeugt. So bekommt gerade der ansonsten eher als Ekelpaket bekannte Jameson manch liebenswerte Facette. Peters Schwester Teresa und das Geheimnis ihrer Vergangenheit werden zu einem überzeugenden Subplot, der die eigentliche Handlung häufig übertrumpft. Der kanadische Autor geizt nicht mit Überraschungen und zeigt eine eindrucksvoll beängstigende mögliche Zukunft. Getreu dem Motto »Was wäre wenn?« entwirft Zdarsky ein Szenario, das sich am besten mit »Superhelden treffen Orwell« zusammenfassen ließe. Die Zeichnungen passen sich der Epoche, in der die Handlung spielt, gekonnt an. So wirken die Bilder von Joe Quinones in der Vergangenheit etwas reduziert. Den Hintergrund bilden pastellfarbene, detailarme Flächen, wodurch die Mimik der Figuren voll zur Geltung kommt. Leider wirkt diese gelegentlich stark überzogen. Adam Kubert hingegen erschafft eine düstere Metropole mit vielen Schatten und einer stets bedrohlichen Atmosphäre. Er zeichnet einen überaus dynamischen Spider-Man, der auf mancher Splashpage dem Adjektiv »spektakulär« mehr als gerecht wird.

 
Dynamischer Spinnenmann: eine spektakuläre Splashpage aus der Origin story des Bands.

Komplettiert wird der Band von einer Annual-Ausgabe, die Mike Allred und Chris Bachalo gezeichnet haben. Allred, der zuvor als Zeichner des Silver Surfer Furore machte, bringt eine Geschichte zu Papier, in der J. Jonah Jameson auf seine persönliche Nemesis trifft. Fans des US-amerikanischen Zeichners kommen hier voll auf ihre Kosten. Leider entsteht an dieser Stelle ein narrativer Bruch, da das Annual die Rahmenhandlung rund um die Alieninvasion nicht vorantreibt, sondern für sich allein steht. Besonders zu Beginn des Kapitels irritiert das leicht. Insgesamt bietet diese Serie aber das, was Fans von einer guten Spider-Man-Geschichte erwarten: reichlich Action, Sprüche klopfende Helden (sogar im Doppelpack), ein Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden, viele Überraschungen und große Gefühle. Dieser Spider-Man macht richtig Spaß und da geraten Nummerierungen und Veröffentlichungsstrategien schnell in Vergessenheit, bis man auf der letzen Seite erfährt, dass es erst im Juni weitergehen wird. Aber das ist der zu zahlende Preis für eine Serie im Sammelbandformat.

[Marcus Koppers]

Abbildungen © 2019 Panini/Marvel Comics


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