Frisch gelesen Folge 111: Caravaggio, Bd. 2

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Sonntag, 21. April 2019 Geschrieben von Bernd Hinrichs

»Endlich haben wir einen großen Künstler in unserem Orden.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Caravaggio, Band 2: »Gnade«

Story: Milo Manara
Zeichnungen: Milo Manara

Panini
Hardcover | 60 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 978-3741612466

Genre: Historiencomic

Für Leser, die das mögen: Comicbiografien, erotische Comics, bildgewaltige Geschichten


 

Anfang der 1980er Jahre gab es in meiner Heimatstadt einen Laden, der nannte sich Media. Hier konnte man Bücher, Zeitschriften und Langspielplatten kaufen. Bei jedem Gang in die Stadt war das die erste Adresse für mich. Nicht nur wegen der LPs. Als damals 14- oder 15-Jähriger erfreute ich mich vor allem an den ausliegenden Comicbänden. Dabei drückte ich mich gerne in einer der Schmuddelecken rum, um ein ganz bestimmtes Werk anzusehen: Außer Kontrolle. Dass der Band seinerzeit bereits indiziert war und eigentlich gar nicht mehr im Laden hätte rumliegen dürfen, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass er von vielen begehrt war, denn man sah dem Werk das häufige Betrachten an. Mir war auch nichts bekannt vom Zeichner Milo Manara. Dass der italienische Künstler mehr ist als nur schöne Hintern und laszive Frauen, zeigt er eindrucksvoll in seiner neuen Comicbiografie über den italienischen Barockmaler Caravaggio, von der bei Panini nun der zweite abschließende Band vorliegt. Hier gibt der Zeichner ganz frei die Lebensgeschichte von Michelangelo Merisi, auch Michael Angelo Merigi, kurz Caravaggio genannt, wieder. Dabei – und das gleich vorweg – geht es dem italienischen Comickünstler offensichtlich weniger um historische Authentizität, als um einen Stimmungseinfang der Barockzeit.

 
Stimmungsvoll eingefangen: das Leben im Barock.

Zwei Dinge sind es, die das Werk Manaras kennzeichnen: historische Stoffe und Erotik. Im Laufe seiner langen Karriere gewann mal dieser, mal jener Aspekt die Oberhand. Dass er sich dann dem Werk einer historischen Person aus der ausschweifenden Epoche des Barocks widmet, scheint logisch. Aber mehr noch dürfte sein Wunsch ausschlaggebend gewesen sein, dass er als junger Künstler selber gerne beruflich zum Pinsel gegriffen hätte. In einem Interview mit der Zeitschrift (à suivre) erinnert er sich: „Ich begann erst in dem Moment, mich für Comics zu interessieren, als ich selbst welche zeichnete. Zunächst wollte ich Maler werden.“

Allerdings zeigt sich bei Caravaggio wieder einmal, dass Manara ein Zeichner und kein Autor ist. Die Charaktere sind flach und nicht authentisch. Intrigen wirken aufgesetzt und die jeweils handelnden Personen können eher als Stereotype gesehen werden, denn als eigenständig agierende Persönlichkeiten. Allerdings ist das in diesem Fall tatsächlich nicht so wichtig, denn grafisch ist das Werk ein Meisterstück.

 
Tolle Farbgebung: als ob Caravaggio selbst zum Pinsel gegriffen hätte. 

Caravaggio hebt sich von Manaras bisherigen Arbeiten ganz offensichtlich ab. Das liegt vor allem an der Farbgebung des Albums, die er selbst in Zusammenarbeit mit Simona Manara erledigt hat. Aufgrund der ausgefallenen Farben, die er ganz seinem Protagonisten, Caravaggio, angepasst hat, hat der Betrachter nicht den Eindruck, dass hier ein Comic über den barocken Maler vorliegt, sondern dass das Werk selbst ein barocker Comic ist, den Caravaggio persönlich gestaltet hat. Die warme Farbgebung und die Detailversessenheit in Mimik und Ausdruck lassen viele Parallelen zum großen italienischen Maler aufkommen. Caravaggio selbst wird uns als aufsässiger Freigeist präsentiert, der sich für die Schwachen einsetzt, Standesrecht missachtet und an eben dieser Einstellung am Ende zugrunde geht. In der Realität verstarb der Maler mit nur 38 Jahren aus unbekannten Gründen in einem Hospiz. Manara verlegt seinen Todesort ans Meer und zeigt uns einen mit seiner Verzweiflung ringenden Künstler. Der italienische Comickünstler hat das Ende des Genies aus dem Barock weniger nüchtern dargestellt, sondern ein Ende gewählt, dass dem dramatischen Leben Caravaggios angemessen ist. Hier darf der Leser keine allzu große Authentizität erwarten, zumal Manara uns seine Version vom Tod des Malers in wundervoll ausdrucksstarken Bildern präsentiert.


Auch an Erotik wird dieses Mal nicht gespart ...

Milo Manara behauptet in der französischen Dokumentation Sex in the Comix von 2011 von sich: »Die Erotik in ihrer sozialen Dimension, also die Überschreitung des allgemeinen Schamgefühls, das interessiert mich«. Der Comickünstler ist in seinem gesamten Werk immer eng verbunden mit Kunst und Erotik. Natürlich fehlt auch Letztere nicht ganz. Aber sie steht weit weniger im Vordergrund als bei anderen Werken. Hier und da mal eine nackte Brust, ein nackter Hintern, garniert mit vokalen Andeutungen, mehr nicht. Und vielleicht ist das der Grund, dass die beiden Caravaggio-Bände für mich erotischer sind, als seine Klassiker Click oder Der Duft des Unsichtbaren. Denn der Leser muss mit seiner Fantasie ergänzen, was fehlt und nimmt auf diese Weise Teil an der Erotik, ist nicht bloß Zuschauer.

Manara hatte diese Vorgehensweise in der besagten TV-Dokumentation erläutert: »Alles Mögliche kann ein erotisches Bild abgeben, wenn es im Comic erzählt wird, denn wir befinden uns ja immer noch in der Welt der Fantasie«. Eine Grundidee, die er in dem neuen Band vortrefflich umsetzt. Wenn beispielsweise eine Hure in einem Torbogen vergewaltigt wird, hält Manara bei Caravaggio nicht drauf. Er bleibt mit dem Betrachter davor stehen und überlässt es ihm, in seinen Gedanken die Szene weiterzuspinnen. Eine Herangehensweise, die er nicht zu allen Zeiten seiner Karriere wählte – das tut dem Band gut.


... hier lassen sich Soldaten auf der Suche nach Caravaggio von einer Badenden ablenken.

Manaras Erzählweise ist nun mal erotisch. Dazu meinte der Künstler in der bereits erwähnten TV-Dokumentation lapidar: „Es gibt viele Arten Geschichten zu erzählen. Mein Stil ist nicht das Maß aller Dinge. Es ist eben mein Stil“ – ein überaus erfolgreicher Stil. So erfolgreich, dass er es längst aus der Schmuddelecke von Media geschafft hätte, wenn es den Laden denn noch gäbe.

 [Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2019 Panini


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