Frisch Gelesen Folge 168: Superman: Das Erste Jahr

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Montag, 27. Juli 2020 Geschrieben von Falk Straub

»Genial. Zu genial für diese Welt.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Superman: Das Erste Jahr 1

Story: Frank Miler
Zeichnungen: John Romita Jr.

Panini
Hardcover | 76 Seiten | Farbe | 16,99 €
ISBN: 978-3-74161-499-6

 

Superman: Das Erste Jahr 2

Story: Frank Miler
Zeichnungen: John Romita Jr.

Panini
Hardcover | 76 Seiten | Farbe | 16,99 €
ISBN: 978-3-74161-811-6

 

Superman: Das Erste Jahr 3

Story: Frank Miler
Zeichnungen: John Romita Jr.

Panini
Hardcover | 76 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 978-3-74162-059-1

Genre: Superhelden

Für Leser, die das mögen: den Mann aus Stahl, Origin Storys


 

Alles hat seine Zeit. Die von Frank Miller, dem Enfant terrible unter den Comickünstlern, und die von Superman, dem ewigen Kind unter den Spandexträgern, ist abgelaufen – zumindest für meinen Geschmack. Ich hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu Superhelden und zu Miller. In den 1980er Jahren in einem kleinen Dorf mit nur einem Schreibwarenladen aufgewachsen, der zwar Micky- und Minnie-Maus-Hefte, das Lustige Taschenbuch, Asterix und Lucky Luke führte, aber weder Tim und Struppi noch Produkte von DC oder Marvel in der Auslage hatte, kannte ich Superhelden nur aus dem Fernsehen. Meine erste Begegnung mit dem Mann aus Stahl war Christopher Reeve. Irgendein wohlmeinender Verwandter hatte Richard Donners Spielfilm aus dem Jahr 1978 für mich auf VHS aufgenommen. Der Film lief schlicht zu spät abends im Programm, als dass ich ihn von meinen Eltern unbemerkt selbst hätte aufzeichnen können.


Erinnerungen an Christopher Reeve: das Cover des ersten Bands.


Aus Erwachsenensicht wirkt fast alles an diesem Film lächerlich: die Kulissen, die Effekte, Supermans Kostüm, Marlon Brando als Kal-Els Vater und Maria Schell (!) als kryptonische Wissenschaftlerin. Diese Mischung aus Grandeur und Größenwahn ist fast schon Camp. Als Kind war ich von dieser Welt indes so angetan, dass ich sie aufgeregt mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft teilte. Begierig beschafften wir uns auch die Fortsetzungen, die wir gemeinsam vor dem Fernseher verschlangen. Doch schon bei Richard Lesters Superman II (1980) stellte sich eine gewisse Ermüdung ein. Supermans Unkaputtbarkeit langweilte, seine moralische Überlegenheit verströmte etwas Klerikales. Ich ertappte mich dabei, den erneut von Gene Hackman gespielten Bösewicht Lex Luthor und Terence Stamps General Zod und dessen außerirdische Bande viel schillernder zu finden als den einfach gestrickten Helden. Da half es auch nicht mehr, dass Superman in seinem dritten Kinoauftritt durch synthetisches Kryptonit verursacht kurzzeitig zum bösen Buben mutierte. Spätestens mit Tim Burtons Batman (1989) war es vollends um mich geschehen. Auch wenn ich Michael Keaton nach wie vor für eine Fehlbesetzung halte, wechselte ich mit dem Fledermausmann endgültig auf die dunkle Seite.

Ein paar Jahre später waren Frank Millers Comics selbstredend Pflichtlektüre. So redundant und überholt sein Stil inzwischen auch sein mag und so problematisch Millers Politiken schon immer waren, erkenne ich seine Verdienste um die Neunte Kunst neidlos an. The Dark Knight Returns (1986) und Batman: Year One (1987) zählen bis heute zu den besten Geschichten über Bruce Wayne und haben den Weg für Tim Burtons Filmversion erst geebnet. Wenn Miller sich jetzt also des Teilzeitreporters und Vollzeitheroen aus Metropolis annimmt und seinen dreibändigen Comic nicht nur in seinem Dark-Knight-Universum ansiedelt, sondern auch noch vollmundig Superman: Year One nennt, dann steigen die Erwartungen ins Kryptonische.


Der Beginn jeder Origin Story: Kal-El macht sich auf den Weg zur Erde.


Bereits Band 1, der in Deutschland im Februar 2020 bei Panini erschienen ist, holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Dass Miller Supermans allseits bekannter Entstehungsgeschichte »noch einige interessante Aspekte hinzuzufügen« habe, ist in einer kurzen Einleitung zum Comic zu lesen. Wirklich interessant ist auf diesen ersten 76 Seiten allerdings nichts. Der künftige Mann aus Stahl ist auch bei Miller ein Strahlemann, kein Klassenprimus und Lehrerliebling zwar, sondern ein Außenseiter, der in der Mittagspause bei den unbeliebten Kids am Rand sitzt, aber das wars dann auch schon. Außer beim Baseballspiel mit Ziehvater Jonathan Kent muss der heranwachsende Clark seine Kräfte im Umgang mit den Schulschlägern zügeln. Hier gibt es weder dunkle Twists noch tun sich irgendwo Abgründe auf. Und John Romita Jr. ringt weder dem Farmleben in Kansas noch dem Schulalltag Bilder ab, die nicht schon unzählige Mal an anderer Stelle zu sehen waren. Im Umgang mit seiner Jugendliebe Lana Lang ist Clark die Unschuld vom Lande. Es scheint so, als habe das Setting im beschaulichen Smallville auch Millers Vorstellungskraft verzwergt. Sein Blick auf die Jugend von heute und ihre Alltagssorgen ist ziemlich out of touch. Da liefert jede Teenie-Serie auf Netflix Tiefgründigeres.


John Romita Jr. gewinnt dem Leben in Smallville kaum neue Seiten ab.


Am Ende immerhin ein Hoffnungsschimmer: Der unbescholtene Bursche aus Amerikas Heartland macht sich auf, um seinem Land pflichtschuldig etwas zurückzugeben. Clark Kent geht zur Navy. Doch selbst aus dieser Ausgangslage macht Miller im zweiten, hierzulande im April 2020 veröffentlichten Band nicht viel mehr als eine erzählerische Fingerübung mit ein paar leidlich geglückten Anspielungen auf den Zauberer von Oz, dessen Protagonistin Dorothy bekanntlich aus demselben Bundesstaat wie Familie Kent stammt. Statt sich auf Befehl und Gehorsam, auf Hierarchien, Kameradschaft und Gruppendynamik zu konzentrieren, driftet Miller mit seinem Protagonisten alsbald in die Unterwasserwelt Atlantis ab. Dort verliebt sich Clark in Lori Lemaris, Poseidons Tochter, und liefert sich seitenlange, zwar recht ansehnliche, aber erzählerisch völlig belanglose Schlachten mit Meeresungeheuern.


Bei der Navy erwartet den künftigen Mann aus Stahl der übliche Drill.


Bleibt also noch der dritte und letzte Band, soeben im Juli 2020 erschienen. Schon auf dessen Titelbild wird Superman vom Globus der Tageszeitung Daily Planet fast erdrückt. So wie das Gewicht der Welt auf Atlas' Schultern lastet, lastet auch auf dem Mann aus Stahl der übermenschliche Druck, die narrativen Versäumnisse der ersten zwei Bände im dritten zu beheben. Eine Aufgabe, die weder Clark Kent, nun als Reporter in Metropolis angekommen, noch Frank Miller zu stemmen in der Lage sind.

Schlimmer noch: Als die wenig originelle, weil nicht zum ersten Mal erzählte Story um Superman, Lex Luthor, Batman und den Joker gerade so etwas Ähnliches wie Fahrt aufnimmt, zieht sich Miller mit einer Deus-ex-Machina-Variante billig aus der Affäre. Und weil er für diese Neuinterpretation von Supermans Origin Story keine neue Stimme findet, hört sich das alles wie in den 1980er Jahren an. Ein vielstimmiger, mitunter wirrer Chor aus dem Off, der wie der Erzähler in einem schlechten Krimi raunzt: Dunkel. Bedeutungsschwanger. Abgehackt. Jedes. Einzelne. Wort. Betonend. Und. Durch. Wiederholungen. Überhöhend. Genau so. Exakt so. Immer wieder so. Und nicht anders.

Das ist leider ebenso einfallslos wie ermüdend. Die Zeichnungen tun ihr Übriges. Romita Juniors Stil ist gefällig, aber auch austauschbar. Bis auf ein paar wenige überwältigende Doppelseiten sticht kaum etwas hervor. Und wenn er, der unter so vielen anderen Arbeiten auch die Zeichnungen in Mark Millars Kick Ass verantwortet hat, die Supermenschen in Großaufnahme und in Action zeigen muss, geraten seine Fähigkeiten, Körper in Bewegung anatomisch korrekt aufs Papier zu bringen, schnell an ihre Grenzen.


Die tonnenschwere Last vermag selbst Superman nicht zu stemmen.


Von Mark Millars Einfallsreichtum wünschte ich mir auch in diesem Comic mehr. Kollege Miller scheint mit seinem Latein schon lange am Ende. Die drei Geschichten lassen sich völlig unabhängig voneinander lesen, weil Miller keinerlei erzählerischen roten Faden hat und weil er lieber abschweift, als am Ball zu bleiben. Nach mehr als 200 Seiten kenne ich Kal-El alias Clark Kent alias Superman kein bisschen besser als vor der Lektüre.

In den USA ist Superman: Year One unter DCs Black Label erschienen, das sich an ein reifes Publikum richtet. Dementsprechend gibt auch Panini Erwachsene als Zielgruppe an. Mein kindliches Ich, das vom fliegenden Christopher Reeve ebenso begeistert war wie von Supermans Festung der Einsamkeit – egal, wie kulissenhaft die Eismassen der Antarktis und die Kristalle im Innern der Festung auch aussahen – wäre sicherlich auch von diesem Comic angetan. Zumindest die Unterwasserwelt im zweiten Band hätte ich verschlungen und mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft geteilt. Als Erwachsener stellt sich diese freudige Erregung nicht mehr ein, was nicht am Medium Comic im Allgemeinen, sondern speziell an diesem Exemplar liegt. Frank Miller und Superman: Aus dieser vielversprechenden Konstellation ging kein zeitloser Comic, sondern Zeitverschwendung hervor.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2020 Panini


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