Frisch Gelesen Folge 139: Hunger

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: avant-verlag Veröffentlicht: Montag, 30. Dezember 2019 Geschrieben von Peter Lau

»Der intelligente Arme ist ein weitaus besserer Beobachter als der intelligente Reiche. Der Arme sieht sich bei jedem Schritt um, er ist wachsam und empfindsam, ein erfahrener Mann mit Brandwunden auf der Seele.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Hunger

Story: Martin Ernstsen
Zeichnungen: Martin Ernstsen

avant-verlag
Hardcover | s/w, Farbe | 220 Seiten | 30,00 €
ISBN: 978-3-96445-016-6

Genre: Literaturadaption, Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: Knut Hamsun, Weltliteratur


Literaturadaptionen im Comic sind fast immer schwierig. Oft werden Inhalte im Stil der Illustrierten Klassiker nacherzählt, was manchmal amüsant sein kann, wenn sich dabei vermeintliche Weltliteratur, befreit von allen Verzierungen, plötzlich als eher dusselige Abenteuergeschichte entpuppt. Häufiger führt das allerdings dazu, dass gerade das, was den besonderen Wert eines Buches ausmacht, verschwindet – und warum sollte man es dann lesen? Ebenso schlimm kann es aber auch sein, wenn ein Künstler mit begrenzten Fähigkeiten den Kern eines guten Buches in Bilder umzusetzen versucht – am Ende bleibt da häufig nur psychedelisches Dekor. Außer Nicolas Mahler, der Literatur eher interpretiert als adaptiert, fällt mir niemand ein, der Romane regelmäßig in lesenswerte Bildergeschichten verwandelt. Das hat dazu geführt, dass ich seit Jahren einen großen Bogen um das Genre mache.

Hunger ist zudem für eine Adaption denkbar ungeeignet. Das autobiografisch geprägte Debüt Knut Hamsuns, der später den Literaturnobelpreis bekam und noch später ein glühender Hitler-Verehrer wurde, hat keine Handlung: Die Hauptfigur, ein namenloser, arbeitsloser, zeitweise wohnungsloser und überhaupt sehr armer Autor, der im Comic Knud Petersen heißt, läuft durch Kristiania (heute Oslo) und hat dabei, klar: Hunger. Also nicht Appetit, wie wir, wenn wir mal einen Vormittag nichts zwischen die Zähne kriegen, sondern das, was man spürt, wenn man drei Tage nichts zu essen hatte. Das ist schlimm, aber dramaturgisch leider extrem öde.

Das Buch gilt jedoch nicht wegen seines Inhalts als Klassiker, sondern weil es ein frühes Beispiel für Stream-of-Consciousness-Literatur ist, also den Versuch, den Gedankenfluss eines Menschen abzubilden, wie es später Autoren wie James Joyce oder William Burroughs perfektioniert haben. Hunger ist allerdings nicht so schwer verdaulich, der Roman geht sogar ganz gut rein, wenn man was für Angstfantasien, Selbstvorwürfe und abwegige Gedankensprünge übrig hat – ein Emo-Klassiker quasi.

Schwierige Ausgangslage für Martin Ernstsen also, doch der Norweger kriegt es hin. Der Erzählfluss des Protagonisten, einem klassischen unzuverlässigen Erzähler, wechselt zwischen inneren Monologen, Wahnvorstellungen und realistischen Beschreibungen des Alltags, Angstfantasien und Größenwahn, abwegigen Hochs und übertriebenen Tiefs. Diesen Strom setzt der Norweger in eine ebenso vielfältige Bildsprache um: Realistische, fast dokumentarische Passagen stehen neben intensiven, ganzseitigen Impressionen und bizarren Visionen, die an Kafka erinnern (für den Hunger ein wichtiger Einfluss gewesen sein soll). Es gibt in Knud Petersens konsequent grauweiß gehaltener Welt sogar einige bunte Passagen, wenn er sich in eine idyllische Traumwelt flüchtet, die ein wenig an moderne US-Comic-Psychedeliker erinnert, oder wenn er sich angesichts eines Hungerhochs in ein kraftstrotzendes kleines Männchen verwandelt, das eine Werbefigur sein könnte. In dieser Vielfalt gelingt es Ernstsen, das Gefühl des Buches tatsächlich in Bilder zu übersetzen.

Wer nach der kleinen Welle norwegischer Comics, die dieses Jahr dank der Frankfurter Buchmesse (Gastland Norwegen) in Deutschland erschienen sind, glaubt, Norwegen sei das Thule des Comic, wird durch Hunger bestätigt. Martin Ernstsen ist ein exzellenter Handwerker – viel besser kann man klassische Literatur nicht umsetzen. Trotzdem bleibt die Frage: Wozu überhaupt Literaturadaptionen? Der Roman ist intensiver, enger, bedrückender, allein schon durch den Schwall der Worte, die so furchtbar den Geisteszustand der Hauptfigur spiegeln. Den Comic würde ich deshalb eher Menschen empfehlen, die das Buch schon kennen. Und für die Zukunft hätte ich gern mehr von Martin Ernstsen – und weniger Literaturadaptionen.

 

[Peter Lau]

Abbildungen © 2019 avant-verlag


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