Frisch Gelesen Folge 156: Bezimena

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: avant-verlag Veröffentlicht: Montag, 04. Mai 2020 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 »Alles war so wie im Buch beschrieben.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Bezimena

Story: Nina Bunjevac
Zeichnungen: Nina Bunjevac

avant-verlag
Hardcover | 224 Seiten | s/w | 30,00 €
ISBN: 978-3-96445-032-6

Genre: Tragödie

Für Leser, die das mögen: Kunstcomics, anspruchsvolle Geschichten, Mythologie


 

Mich faszinieren immer wieder Comics, die mit den althergebrachten Regeln der Neunten Kunst brechen. Werke, denen es gelingt, das Medium auf eine ganz neue Art auszuloten. Ein solches Werk ist Bezimena von der kanadisch-jugoslawischen Künstlerin Nina Bunjevac. Ein Comic nicht für den schnellen Genuss, aber einer, dessen Lektüre noch lange in mir nachhallte.

Schon beim ersten In-die-Hand-Nehmen ist mir aufgefallen, dass es sich hier nicht um einen Comic handelt, der die Erwartungen an das Medium zu erfüllen gedenkt. Statt Seiten, die unterteilt sind in Panels, arbeitet der Band ausschließlich mit ganzseitigen Illustrationen, die vornehmlich auf den rechten Seiten abgebildet werden. Das Artwork von Bunjevac ist nicht überlastet mit Details. Eine reduzierte Strichführung, konzentriert auf das Wesentliche und dabei Emotionen von Lust, Angst und Verzweiflung auf den Punkt eingefangen.


Sprechblasen und ganzseitige Zeichnungen erzeugen eine außergewöhnliche Form.

Links dagegen befinden sich vor schwarzem Hintergrund in der Regel ein paar Sprechblasen. Diese enthalten den erzählenden Text. Keine wörtliche Rede. Bunjevac ordnet ihren Erzähltext durchgängig in Sprechblasen an, statt ihn einfach auf dem schwarzen Hintergrund – ohne umrahmende Blasen – abzubilden. Sie löst damit das Medium auf. Auf der einen Seite das Bild, auf der anderen Seite die Sprechblase.

Da fühle ich mich zunächst einmal verunsichert. Lese ich hier noch einen Comic? Diese Reaktion hat die Künstlerin ganz bewusst gesetzt. Denn sie möchte, dass wir mit ihr eintauchen in die unheimliche Welt des Bandes. Sie erzählt uns die verstörende Geschichte eines Jungen, der von der Gesellschaft ausgestoßen ist. Einzig die »Weiße Becky« entflammte schon als Teenager sein Herz. Als er sie nach vielen Jahren wiedersieht und er eine Verbindung zwischen ihr und ihm sieht, scheint sein Glück perfekt. Diese Verbindung besteht aus einer Art Notizbuch, das Becky vergisst. Er nimmt es an sich und findet darin, sein Leben, seine Gegenwart und seine Zukunft gezeichnet – und immer geht es um sexuelle Fantasien.


Der Protagonist wird von den eigenen Begierden geplagt und getrieben.

Bunjevac stellt uns einen jungen Mann vor, der von seiner Begierde getrieben wird. Sein ganzes Leben scheint auf die Befriedigung sexueller Begierden ausgerichtet zu sein. In teilweise direkten und drastischen Bildern zeigt die Künstlerin, wie er seine Lust an den Frauen befriedigt. (Das Wort »pornografisch« vermeide ich an dieser Stelle, da zwar die sexuellen Handlungen exakt und detailliert dargestellt werden, aber durch den Verlauf der Geschichte die reine Reduzierung auf den sexuellen Akt, wie es per definitionem sein müsste, fehlt.) Aber der sexuelle Akt bei Bezimena ist eine einseitige Handlung. Denn was für ihn, den jungen Mann, eine Wonne ist, entpuppt sich am Ende der Geschichte als Martyrium für die anderen, die Frauen. Seine Lust bedeutet Leiden.


Des einen Frust, der anderen Flucht.

Damit verarbeitet Bunjevac – wie aus ihrem Nachwort hervorgeht – ihre eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Und sie nimmt sich dafür die Figuren Artemis und Siproites aus der griechischen Mythologie zu Hilfe. Artemis, die jungfräuliche Beschützerin der Frauen und Kinder, wird von Siproites, einem Jungen aus Kreta, zufällig beim Baden beobachtet. Dafür wird er zur Strafe in ein Mädchen verwandelt. In anderen Überlieferungen versucht er, Artemis zu vergewaltigen. Bunjevac übernimmt diese Geschichte für ihren Prolog und Epilog, in dem eine Priesterin zur alten Bezimena eilt, um ihr von gotteslästerlichen Handlungen zu berichten. Bezimena lässt die Priesterin als eben jenen jungen Mann wiederauferstehen. Bunjevac entwirft ein Sittengemälde, wann und wie das Böse Einzug in den menschlichen Charakter hält. Und genauso wie ihre Handlungsorte in jeder x-beliebigen Stadt spielen könnten, bleiben auch ihre Personen in einer undefinierten Namenlosigkeit. So wird ein Schicksal das Schicksal vieler. Nicht zuletzt durch den Titel des Comics weist Bunjevac auf diese Allgemeinverbindlichkeit hin, denn »bezimena« bedeutet in den meisten slawischen Sprachen »namenlos« . Eine Parabel vom Wesen des Bösen.


Viele Bilder sind schön und rätselhaft zugleich.

Bunjevac' Comic ist angefüllt mit einer schier endlosen Zahl an Symbolen und Verweisen – ein Reiz, den dieser Band ausmacht. So beispielsweise, als der junge Mann nach einer seiner Taten davon träumt sich langsam in einen Hirsch zu verwandeln. Seit jeher gilt der Hirsch in der Literatur als Motiv und Symbol der Männlichkeit. So verwickelt er sich immer mehr in seine Traumwelt aus Schattentheater und weiblichen Geschlechtsteilen, bis ihn das Hämmern an seiner Wohnungstür in die Realität zurückholt und seine Traumbilder zusammenbrechen.


Der junge Mann träumt von seiner Verwandlung in einen Hirsch.

Bezimena ist ein fesselnder Band, dessen Zeichnungen sich einbrennen und dessen Geschichte mir noch lange im Kopf umherschwirrte. Am Ende noch eine Leseempfehlung zum Comic von mir: Beim ersten Lesen habe ich mich auf die schockierende Geschichte konzentriert und erst beim zweiten Lesen die künstlerische Umsetzung genossen. Für den zweiten Lesedurchgang kann ich als Begleitmusik vom amerikanischen Komponisten John Adams »Shaker Loops« empfehlen.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2020 avant-verlag


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