Wettlauf um die Bombe - Interview mit Denis Rodier

Veröffentlicht: Montag, 03. August 2020

Am 6. August 2020 ist es 75 Jahre her, dass die Innenstadt von Hiroshima durch den Abwurf einer einzelnen Bombe vollständig zerstört wurde. Besonders die über Jahrzehnte spürbaren Nachwirkungen sorgten dafür, dass sich dieser erste Einsatz einer Nuklearwaffe ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt hat. Mit Die Bombe veröffentlicht der Carlsen Verlag eine von Denis Rodier gezeichnete Graphic Novel, die die Hintergründe dieses dunklen Kapitels umfassend beleuchtet. ALFONZ hat mit dem Zeichner gesprochen.

Warum der belgische Szenarist Didier Alcante schon als Elfjähriger begonnen hat, alles zu den Themen Hiroshima und Atombombe zu sammeln, und wieso er seinen französischen Kollegen Laurent-Frédéric Bollée die Zusammenarbeit bei diesem umfangreichen Projekt angeboten hat, führt unser Autor Bernd Frenz bereits in der aktuellen ALFONZ-Ausgabe 3/2020 aus. Aufgrund des begrenzten Platzes kommt der Zeichner dabei leider etwas zu kurz. Obwohl die komplexe Handlung bei diesem Thema naturgemäß im Vordergrund steht, ist diese Gewichtung etwas ungerecht, denn Denis Rodier weist eine bemerkenswerte Karriere auf, die von stetiger Weiterentwicklung geprägt ist. ALFONZ veröffentlicht an dieser Stelle deshalb ein Interview, das als Ergänzung des Printartikels verstanden werden sollte.

16 Seiten Reisegeschwindigkeit –
Über Geduld, Disziplin und angebrachten Ernst


Wegen deiner Arbeiten für den Superheldenmarkt glauben Fans immer wieder, dass du aus den USA stammst. Sieht man sich das YouTube-Video an, das Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und dich in Hiroshima zeigt, fällt aber sofort auf, dass du perfekt Französisch sprichst.

Ja, ich bin Kanadier und habe nie in Amerika gelebt. Genau genommen stamme ich aus der französischsprachigen Provinz Quebec, wir selbst nennen uns Quebecer.

Zum ersten Mal überregional wahrgenommen hat man dich, als du mit dem Tuschen von Superheldengeschichten begonnen hast?

Ja, ich habe als Inker für US-Comics begonnen, hab dann einige Jahre lang Humoristisches für ein Quebecer Magazin im Mad-Stil gemacht und zeichne seit etwa zwölf Jahre für den europäischen Markt. Wenn man alle Kleinigkeiten und Randbereiche mit einbezieht, arbeite ich schon seit 35 Jahren im Comicgeschäft.


Die Bombe ist gefallen, der Schrecken nimmt seinen Lauf


Kannst du deinen Einstieg ins Superheldengeschäft etwas näher ausführen?

Wir reden hier von einer Zeit, in der es noch kein Internet gab. Damals konnte man in Quebec nicht ernstlich vom Comiczeichnen leben, weil der Markt viel zu klein war. Ende der 1980er Jahre erfuhr ich von Kollegen, dass Verlage wie DC und Marvel Kuriere einsetzten, um mit Künstlern aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Um solche Infos zu bekommen, musstest du andere Zeichner auf Conventions treffen, von ihnen die Grundlagen der Verlagsarbeit lernen, erste Teamarbeiten ausprobieren und Fotokopien mit Arbeitsproben verschicken. Im Laufe einiger Jahre war es mir so möglich, regelmäßig als Inker zu arbeiten. Ich habe mich zunächst aufs Tuschen spezialisiert, weil ich fand, dass meine eigenen Vorzeichnungen noch nicht gut genug waren.


Der Tod von Superman, hier in der Hardcover-Ausgabe, ist in Deutschland bei Panini erschienen


Mit
Der Tod von Supermann hast du an einer Miniserie gearbeitet, die auch außerhalb des Fandoms große Aufmerksamkeit erregt hat. Wie wichtig war diese Serie für deine weitere Entwicklung?

Der Tod von Superman war ein großes Abenteuer. Wir waren noch gar nicht bereit für die damit verbundene Resonanz. Uns hat der Hype, den die Idee auslöste, noch bevor die ersten Hefte ausgeliefert waren, völlig überrascht, sodass wir uns zu zusätzlichen Besprechungen trafen, um sicherzustellen, dass die Geschichte auch genügend Fleisch auf die Knochen bekam. Zuerst sollte sie nur ein oder zwei Monate lang laufen, aber dank des Interesses, das sie plötzlich erregte, durften wir eine einfache Schlägerei in eine großartige Geschichte verwandeln.

Du standst bereits als Zeichner für Die Bombe fest, noch bevor Laurent-Frédéric Bollée als zweiter Autor hinzugezogen wurde. Wie kam deine Kooperation mit Didier Alcante zustande?

Ich stand mit Didier bereits einige Jahre in Kontakt. Wir wussten beide, dass wir gerne einmal zusammenarbeiten wollten, aber es ging darum, das richtige Projekt zu finden. Ich lehnte eine ganze Reihe seiner (sehr guten) Konzepte ab, bevor wir uns darauf einigten, dass Die Bombe das Richtige wäre. Ich wollte wirklich, dass unser gemeinsames Projekt etwas Besonderes wird, und bei diesem Thema spürten wir beide, dass es unsere jeweiligen Stärken zur Geltung bringen würde. Unsere Geduld, auf das richtige Thema zu warten, wurde am Ende belohnt, denn bei vier bis fünf Jahren gemeinsamer Arbeit mit fast 450 Seiten gibt es viele Möglichkeiten, wie solch ein Projekt hätte entgleisen können, aber es entgleiste nie.


Bildgewaltig: Das Cover von Rodiers neuer Graphic Novel


Wie wichtig war für dich das Thema, als du der Zusammenarbeit zugestimmt hast?

Sehr wichtig. Ein solches Ereignis, das den Lauf der Geschichte verändert hat, erfordert auch die Zeit und die Mühe, die wir letztendlich in diese Graphic Novel investiert haben. Zu sehen, dass sowohl Didier als auch LFB das Thema sehr ernst, fair und ohne Partei zu ergreifen erzählten, machte es zu einem Werk, an dem ich mich unbedingt beteiligen wollte.

Das Arbeitspensum, das du für Die Bombe bewältigt hast, ist wirklich bemerkenswert.

Ich denke, dass mir meine Erfahrung mit den amerikanischen Verlagen, bei denen Abgabetermine geradezu heilig sind, die nötige Disziplin vermittelt hat. Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das alles geschafft habe, aber ich glaube, die Planung ist der Schlüssel. Ich wusste, dass es ein Marathon werden würde und dass ich nur den Kopf unten halten und zeichnen musste. Natürlich hat es mir sehr geholfen, dass das Manuskript wunderbar geschrieben war. Ich schmiere meinen Kollegen hier keineswegs Honig ums Maul. Allein die Tatsache, dass wir in vier bis fünf Jahren keinen einzigen Streit hatten, ist für mich erstaunlich. Natürlich gab es Diskussionen über die erzählerischen Möglichkeiten für diese oder jene Szene, oder über dieses oder jenes historische Detail, aber am Ende lagen wir immer auf einer Linie und arbeiteten auf dasselbe Ziel hin.


Hohes Niveau trotz eines hohen Arbeitspensums: Dieser Ausschnitt zeigt einen Militäreinsatz


Meine Reisegeschwindigkeit betrug etwa 16 Seiten pro Monat. Das ist mehr oder weniger der Seitenausstoß, den die meisten amerikanischen Comiczeichner der 1940er, 1950er und 1960er Jahre hatten. Heutzutage ist das etwas ungewöhnlich, aber meiner Meinung nach neigen einige der jüngeren Künstler dazu, sich beim Zeichnen unnötig in Details zu verzetteln. Man muss nicht jede einzelne Schraube oder Mutter eines Flugzeugs zeichnen, damit das Ergebnis wirkungsvoll und elegant wirkt.

Du hast in unserem Vorgespräch noch die Lenin-Biografie erwähnt, die du teilweise parallel zeichnen musstest.

Ja, das stimmt. Die Lenin-Biografie für Glénat sollte bereits fertig sein, als ich mit Die Bombe startete, aber der Autor kam so spät mit dem Manuskript rüber, dass ich das Album parallel fertigstellen musste. Etwa zur gleichen Zeit wurde Arale, ein sehr persönliches Projekt, das ich lange Zeit zuvor eingereicht hatte, von Dargaud angenommen. Also wuchs der Berg an Arbeit noch um ein 52-seitiges Album an.




Zusatzarbeit: Die Cover der Lenin-Biografie und von Arale


Inhaltlich ist
Arale, das in Deutschland bei Splitter erschienen ist, genau das Gegenteil von Die Bombe, denn dort geht es um eine alternative Realität.

Es macht einfach auch Spaß, Geschichten zu erzählen, die außerhalb des täglichen Lebens liegen, und dabei seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Bei Arale bin ich von der Prämisse ausgegangen, dass die russische Revolution gescheitert ist und der Zar den Ersten Weltkrieg weiterführt. Füge noch etwas Folklore hinzu, wie die Baba Yaga, dann hast du am Ende großartiges Material, mit dem du arbeiten kannst.


Bekannte Namen, auch auf deutscher Seite


Es fällt auf, dass du inzwischen nur noch für französische Verlage zeichnest. Warum hast du dich in diese Richtung entwickelt, und wird es in naher Zukunft wieder einmal etwas für die amerikanischen Leser geben?

Ich zeichne für den europäischen Markt, weil ich dort mit Verlagen zusammenarbeiten kann, die mir genügend Raum zur Entfaltung lassen. Der US-Markt ist gesättigt mit Superhelden, die sich im Besitz von Konzernen befinden, die auf die Einhaltung sehr strikter Vorgaben pochen. Was die Möglichkeiten in Quebec betrifft, so ist die Leserschaft hier zu klein, um seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit Comics zu verdienen. Eine kleine französische Provinz, die von einer englischsprachigen Bevölkerung umzingelt ist. Das erinnert ein bisschen an Asterix, oder?
Aus den erwähnten Gründen glaube ich nicht, dass ich noch mal für den US-Markt arbeiten werde. Ich habe schon genügend Superhelden für ein ganzes Leben gezeichnet.

Die Fragen stellte Bernd Frenz


Vorzeichnung für Die Bombe


Foto © Eric Lajeunesse, Abbildung © Carlsen, Panini, Splitter, Glénat, Denis Rodier


Weiterführende Links:

Der Comic: Die Bombe, erschienen bei Carlsen

Der Zeichner: Denis Rodiers Homepage