Glosse: Die Comics haben das Lachen verloren

Veröffentlicht: Montag, 23. Juli 2012

Gotlib: Superdupont "We need you"

Wo sind sie hin? Die humorvollen, die lustigen, die abgedrehten, die komischen Comics? In seiner Glosse entdeckt ALFONZ-Autor Florian Weiland-Pollerberg eine Wunde in der heilen Comiclandschaft.

LAMENTO:cr ICON-FastFacts
Die Comics haben das Lachen verloren

VON FLORIAN WEILAND-POLLERBERG

Die Comics haben das Lachen verloren. Auf dem deutschen Markt herrscht ein Überangebot von Graphic Novels; im Albensektor dominieren Fantasycomics. Aber humoristische Comics für Erwachsene? Fehlanzeige.

Edika (c) Fluide Glacial

Gut, es gibt Flix und Ralf König. Aber wo sind Édika, Binet, Frank Margerin und Maëster geblieben? Was ist aus den Zeichnern und Autoren geworden, die auf den Seiten von U-Comix eine ganze Generation von Comiclesern begeisterten? Ist ihre Art von Humor heute überholt, ähnlich wie die bildgewaltigen Comics von Philippe Druillet aus der Mode gekommen sind, während Moebius ein zeitloser Klassiker ist?

In Frankreich gibt es sie alle noch. Fluide Glacial, das französische Pendant zu U-Comix, floriert und verkauft im Schnitt 70.000 Exemplare im Monat. Die französische Édika-Ausgabe umfasst mittlerweile 34 Alben. Und im Zuge des anhaltenden Booms von Gesamtausgaben erleben sogar Gotlib und Carlos Giménez eine Renaissance. In Deutschland wagt man sich dagegen nicht einmal an eine Ausgabe der von René Goscinny getexteten Gotlib-Comics. Die Rattencomics von Ptiluc (Miasma Blues) wurden nach eine kurzen Wiedergeburt bei Schreiber & Leser eingestellt. Andere Serien von ihm wie Rat's (10 Bände) oder Foire aux cochons (3 Bände) schafften erst gar nicht den Sprung nach Deutschland. Boucqs Western Bouncer läuft erfolgreich. Auf seine grandiose Satireserie Aventures de la mort et Lao Tse werden wir leider vergeblich warten, nachdem im ZACK-Magazin sein Rock Mastard nur wenig Anklang gefunden hat. Immerhin startet Ehapa im Herbst die aberwitzige Horrorparodie Zombillenium und Splitter gibt den brachialen Gnomen von Troy eine neue Chance. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Aber noch lange keine Kehrtwende. Dabei gäbe es Frankreich Material in Hülle und Fülle.

GotlibNicht viel besser sieht die Lage bei den klassischen Funny-Comics aus. Klar, Lucky Luke, Spirou, Boule & Bill und die Schlümpfe laufen zufriedenstellend. Ebenso die verjüngten Versionen Gastoon oder die Marsu Kids. Aber welcher deutscher Verlag hat sich in der letzten Zeit getraut, eine neue Funnyserie zu starten? Salleck versucht es immerhin mit den ziemlich altbackenen Paukern. Aber viele Serien, die in Frankreich zu den absoluten Topsellern gehören, sucht man in Deutschland vergeblich. Zum Beispiel Léonard (mittlerweile 42 Bände) oder Cédric (26 Bänd). Daran konnten auch die durchaus gelungenen Zeichentrickversionen der beiden Serien nichts ändern. Mélusine, eine der besten aktuellen Funnys in Frankreich, ging bei uns mit dem Phoenix Verlag unter. Schade – in Frankreich erschien gerade Band 20. Andere Erfolgsgaranten aus dem französischen Spirou-Magazin wie Les PSY (Bédu/Cauvin, 18 Bände) schafften es bei uns nie zu einer Albenausgabe. Carlsen erlitt mit den frechen Funnys aus dem Titeuf-Magazin Tchô! Schiffbruch und man darf froh sein, dass der Hamburger Verlag wenigstens noch an Titeuf festhält. Von den Rekordauflagen dieser Serie in Frankreich kann Carlsen freilich nur träumen. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens Tokyopop mit der in Frankreich außerordentlich beliebten Serie Hey, Schwester! mehr Erfolg hat. Noch sieht es leider nicht danach aus.

Der Comic hierzulande hat das Lachen verloren. Und das ist zum Weinen.

Edmund das Schwein Band 2  Vuillemin Titelbild von Hara-Kiri

Abbildungen © bei den jeweiligen Verlagen


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