Berlin: Geteilte Stadt – Interview mit Buddenberg & Henseler

Veröffentlicht: Sonntag, 12. August 2012

Berlin Geteilte Stadt Ausschnitt

Heute, am 13. August 2012, jährt sich der Tag des Mauerbaus zum 51. Mal. Die Berliner Mauer war 28 Jahre lang eines der beklemmendsten Symbole für die Teilung Deutschlands.

Im avant-verlag ist gerade mit Berlin – Geteilte Stadt von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler der zweite Titel der beiden Wahlberliner erschienen, der sich mit deutsch-deutscher Geschichte auseinandersetzt. CRON bat das Autorenduo zum Gespräch.

Zeitgeschichten: Die geteilte Stadt Berlingermany48

Interview mit Susanne Buddenberg und Thomas Henseler

Berlin Geteilte Stadt Leseprobe1Die 2011 erschienene Graphic Novel Grenzfall, die Geschichte des rebellischen, Ost-Berliner Schülers Peter Grimm, der 1982 in der DDR, der eine illegale Zeitung herausgibt, in welcher unzensiert über gesellschaftliche Probleme berichtet wird und damit ins Visier der Machthaber kommt, war der erste Ausflug der beiden Comicautoren Susanne Buddenberg und Thomas Henseler in die Welt der Comics und Graphic Novels.

Jetzt sind sie zurück mit dem Band Berlin – Geteilte Stadt, einer Sammlung von fünf wahren Geschichten, die die Zeit der Berliner Mauer von ihrem Bau bis zu ihrem Fall in pointierter Weise beleuchten. Über das Thema ist in den Medien wahrlich viel geschrieben und berichtet worden, dennoch schafft es das Duo, durch die Umsetzung der einzelnen Geschichten als Comic, dem Stoff eine neue Nuance hinzuzufügen.

Jede Geschichte des Bandes, der mit Mitteln der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« gefördert wurde, ist angereichert mit Informationsmaterial über die Hintergründe der einzelnen Geschehnisse. Todesfälle an der Grenze, gescheitere Fluchtversuche und Inhaftierungen, die Öffnung der Mauer, all das wird prägnant mit Text-, Bild- und Fotomaterial zwischen den Comics dargestellt. Das gibt dem Buch einen latent pädagogischen Touch und raubt ihm etwas seine künstlerische Freiheit, aber das scheint gewollt, schließlich soll sich das Buch gut als Lektüre für den Schulunterricht eigenen. Und das tut es auch.

Eine Sammlung, die mit ihren Comics Erinnerungen wach ruft, die durch eine klare Struktur überzeugt und als gelungener Versuch, jüngere deutsche Geschichte erlebbar und begreifbar zu machen, selbst wenn so manches davon heutzutage unvorstellbar erscheint, gewertet werden kann.

Das Buch gibt es in einer deutschen und einer englischen Version (Berlin – A City Divided).

Abbildungen © Susanne Buddenberg & Thomas Henseler


Die Daten

Berlin – Geteilte Stadt (Originalausgabe)
Text: Susanne Buddenberg/Thomas Henseler, Zeichnungen: Thomas Henseler
avant-verlag, Berlin
Softcover, s/w, 100 Seiten, 24 x 17 cm, 14,95 Euro, ISBN 978-3-939080-70-1


Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: avant-verlag

Leseprobe des Buchs: Berlin – Geteilte Stadt


CRON fragt. Susanne Buddenberg und Thomas Henseler antwortencr ICON-Fragen
Die Autoren im Interview.

Susanne Buddenberg  Thomas Henseler

Ihr seid aus dem Westen und habt noch die Zeit vor dem Fall der Mauer erlebt. In der Schule kam im Geschichts- und Politikunterricht irgendwann das Thema »DDR«, inklusive Berlin und dieser Mauer mitten durch die Stadt. Ich hätte als Teenager nicht daran gedacht, dass das Land jemals geeint wird. Wie war das bei euch?

Thomas Henseler [TH]: Na ja, als Teenager hatte man ja anderes im Kopf, als sich permanent Gedanken darüber zu machen, ob Deutschland jemals wiedervereint würde! Allerdings reiste ich mit meiner Familie öfter mal in die DDR, weil meine Mutter in Querfurt bei Halle aufgewachsen war und wir dort Verwandte besuchten. Die Unterschiede zwischen beiden deutschen Staaten waren aber schon auffällig. Mir fiel dies besonders bei dem Angebot an Comics auf: Bei uns quoll der Kiosk über mit unterschiedlichen Micky Maus-, Superhelden- und frankobelgischen Comics, in der DDR war die Auswahl eher bescheiden. Was ich aber immer gerne gelesen habe war MOSAIK, es entführte einen in fremde Länder und war auch ansprechend gezeichnet. Die »Digedag«-Ausstellung kürzlich in Leipzig, die super gemacht war und sich großen Zuspruchs erfreute, zeigte ja auch wie liebevoll Hannes Hegen und Co. die Figuren und die Geschichten entwickelt haben.

Berlin Geteilte Stadt TitelbildIhr habt am 19. Juli euren Comic im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer vorgestellt. Beschreibt mal, was da so los war.

Susanne Buddenberg [SB]: Also die Veranstaltung im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße war sehr gut besucht, einige Besucher mussten sich sogar auf die Tische an der hinteren Wand setzen, weil alle Plätze belegt waren. Am Anfang gab es nach einem Grußwort der Gedenkstätte durch Dr. Sarah Bornhorst und noch einen Einführungsvortrag von Dr. René Mounajed zum Thema »Comics in der DDR«. Für unsere Lesung hatten wir die Geschichte von Frau Malchow »Das Krankenhaus an der Mauer« ausgewählt, die in der Bernauerstraße spielt. Wir haben aus unserer ersten Drehbuchfassung vorgelesen, die finalen Bilder und zusätzlich noch Recherchematerial gezeigt und so eine Art »Making Of« präsentiert. Um den realen Handlungsort zu sehen, mussten die Besucher der Veranstaltung nur aus dem Fenster auf das Gelände der Gedenkstätte gucken, das war schon ein ziemlicher Glücksfall.

Was sagt ihr den Leuten, die meinen, ein Wessi könne kein richtiges Gespür für die geteilte Stadt Berlin entwickeln?

TH: Also das hat bisher noch keiner gesagt, weder zu Beginn noch zum Abschluss unserer Comicprojekte. Wir haben intensiv recherchiert und uns durch Interviews und Lektüre von Fachliteratur in die DDR-Thematik und die Geschichte der Zeitzeugen eingearbeitet und sind dabei von Historikern fachlich unterstützt worden. Wie heisst es so schön: »Only Good Staff Makes Good Stuff« [lacht]

Im Arbeitsprozess ergaben sich immer wieder auch Fragen, die jemand der im Osten aufgewachsen ist so nicht gestellt hätte, aber gerade dieser unvoreingenommene Blick auf die Dinge, erlaubte es uns, diese Fragen überhaupt zu stellen. Aber letztendlich ist der Grad der Auseinandersetzung wichtig, also wie intensiv man sich in die Geschichten und in die Figuren hineindenkt.

Berlin Geteilte Stadt Leseprobe

Wie habt ihr die Zeitzeugen gefunden?

SB: Die Zeitzeugen haben wir zumeist im »Archiv der Gedenkstätte Berliner Mauer« gefunden. Frau Dr. Nooke, die stellvertretende Direktorin der Gedenkstätte, führt seit Jahren Interviews mit Zeitzeugen und diese Dokumente durften wir einsehen und lesen. Auf die erste Geschichte im Comic, die von Regina Zywietz, sind wir zum Beispiel durch das Buch »Immer auf der Hut - Als die Mauer dazwischen kam. Ost-Schüler in Westberlin« gestoßen. Wir haben verschiedene Geschichten gesammelt, anschließend Kontakt zu den Zeitzeugen aufgenommen und Ihnen unser Vorhaben, ihre Geschichte in einem Comic zu erzählen, erläutert. Da anfangs einige Zeitzeugen dem Projekt gegenüber skeptisch eingestellt waren, haben wir am Beispiel unserer ersten Graphic Novel Grenzfall unsere Arbeit vorgestellt und konnten sie durch unseren realistischen, sachlichen, unaufgeregten Stil überzeugen. Frau Malchow, eine unserer Zeitzeuginnen, ist mittlerweile richtig zum Comicfan geworden. [lacht]

Nach welchen Kriterien habt ihr die Geschichten ausgewählt?

Berlin Geteilte Stadt Leseprobe2TH: Die Geschichten sind so gewählt, dass sie Jugendliche ansprechen und sie mit den historischen Orten der Stadt und mit der Geschichte von Mauer und Teilung vertraut machen. Die einzelnen Comicepisoden erzählen von Menschen und ihren Familien, die zum Zeitpunkt der Handlung selbst noch Schüler oder in der Ausbildung waren. Es geht nicht nur um dramatische Entscheidungen und spektakuläre Fluchten, sondern auch um alltägliche Dinge, die den Alltag von Jugendlichen wiederspiegeln: Abi machen, fotografieren, Musik hören und Geburtstag feiern.

Für uns war wichtig, dass wir die Zeitzeugen selbst befragen und interviewen konnten und da die persönlichen Geschichten sehr eng mit den Orten verknüpft sind, mussten die Orte noch so weit intakt sein, dass man die Geschichten nachvollziehen konnte. Die Mauer ist heute weitestgehend aus dem Stadtbild verschwunden, so dass es ohne diesen Bezug schwierig ist, sich in die Situationen hineinzuversetzen. Bei unseren ausgewählten Orten Bahnhof Friedrichstraße, Finanzministerium, ehemaliger Grenzübergang Bornholmer Brücke, das Lazarus Krankenhaus an der Bernauer Straße und dem Brandenburger Tor funktioniert das aber sehr gut.

Welchen Einfluss hat die »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« auf den Band, außer dem, dass die das Buch gesponsert hat?

TH: Der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung zur SED-Diktatur« haben wir unser Konzept vorgestellt und einen Förderantrag eingereicht. Dieser Antrag wurde bewilligt und wir konnten unsere Idee wie geplant umsetzen. Es ist also kein Sponsoring und keine Auftragsarbeit. Es gab natürlich bestimmte Milestones, die wir vorher festgelegt haben, wann was geliefert wird (Recherche, Drehbuch, Scribble, Reinzeichnung), damit sich die Stiftung ein Bild über den Stand der Dinge und die Entwicklung und die Fertigstellung des Projekts machen konnte. Die Realisierung wäre ohne diese Förderung so nicht möglich gewesen und wir würden uns noch mehr so mutige Förderer wie die Stiftung für den Comicbereich wünschen. Im Moment freuen sich alle und jubeln über das »Graphic-Novel-Wunder«, der Feuilleton, die Verlage, die Leser - doch für uns Macher ist es ein Full-Time Job und es ist nicht ganz unwichtig, dass man von seiner Arbeit auch leben kann.

Welche Geschichte aus dem Buch hat euch jeweils am meisten berührt?

SB: Als Autoren kann man das so nicht sagen - man sagt ja auch nicht zu seinen Kindern: »Ich hab Max lieber als Marie!« Man hat sie alle lieb! Dafür sind die Geschichten auch zu unterschiedlich und haben verschiedene Facetten: die eine ist hochdramatisch, die andere ist spannend wie ein Agententhriller, bei der letzten kann man die überquellende Freunde nachempfinden. Dann kommt natürlich noch hinzu, dass wir alle Zeitzeugen ja auch persönlich kennen und mit Ihnen gesprochen haben - das ist dann nochmal eine andere Qualität. Es sind ja nicht nur Geschichten sondern Lebensgeschichten, die mit den Personen eng verknüpft sind.

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Ihr habt beide an der FH Aachen studiert. In Berlin betreibt ihr ein Studio unter dem Namen »Zoom und Tinte«. Was macht den Schwerpunkt eurer täglichen Arbeit aus?

SB: Nach dem abgeschlossenem Studium an der FH Aachen haben wir nochmal Film an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg studiert. Ich habe Szenenbilder entwickelt und Regie bei eigenen Realfilmen geführt, Thomas hat Regie bei eigenen Animationsfilmen geführt. Daraus entstand die Idee zur eigenen Firma mit unseren Alter Egos »Zuzie Zoom« und »Tommy Tinte«.

»Zoom und Tinte« beschäftigt sich mit den Bereichen Film und Illustration, wobei Storyboards und Concept-Zeichnungen für Werbeagenturen, Filmproduktionen und Eventagenturen einen Großteil unserer Arbeit ausmachen. Außerdem haben wir unsere ersten beiden Graphic Novels fertiggestellt.

Berlin-Geteilte Stadt ist nach Grenzfall euer zweiter Comic. Auf eurer Webseite ist davon nichts zu lesen. Stattdessen findet sich dort in der Rubrik »Comics« mit Schnuppis Abenteuer ein ganz anderes Genre. Was gibt es dazu zu sagen?

Dazu gibt es zu sagen, dass unsere Webseite dringend eines Relaunchs bedarf, die Inhalte sind mehr als 10 Jahre alt. [lacht] Schnuppis Abenteuer waren Werbecomics für die Modekette C&A , die ich mit meinem damaligen Kompagnon Willi Blöss aus Aachen entwickelt habe. »Schnuppi« der damalige Sympathieträger von C&A wurde von Jimmy Murakami erfunden, der zum Beispiel abendfüllende Animationsfilme wie »When the Wind Blows« nach dem Kinderbuch von Raymond Briggs realisiert hat. Für C&A wurden damals Zeitungsanzeigen, eine eigene Schrift, Giveaways, Merchandising-Artikel und eben Comics entwickelt. Irgendwann entschied man sich aber in der Führungsetage bei C&A, den gelben Hund mit den roten Punkten einzuschläfern und die Werbekampagne, die uns viel Spaß gemacht hat, nicht weiter fortzuführen. Willi begann danach eine Reihe mit Künstler-Comic-Biografien, die er bis heute mit seinem eigenen Verlag realisiert: www.kuenstler-biografien.de

Ihr entwerft Story-Boards und erstellt Concept-Zeichnungen, Illustrationen, macht aber auch Filme. Wie kam es dazu, dass ihr zuletzt zwei Comics gemacht habt? Die Themen hätte man auch filmisch umsetzen können.

SB: Filmprojekte zu stemmen ist natürlich wesentlich aufwändiger, langwieriger, komplexer, teurer, man braucht eine komplette Crew, einen Sender, Filmförderung etc. Eine Geschichte wie die von Grenzfall zu verfilmen, kann man nicht zu zweit. Einen Comic wie „Grenzfall“ kann man aber schon zu zweit realisieren und dabei sämtliche Departments von Drehbuch, Regie, Schauspiel, Kostüm, Szenenbild und Kamera übernehmen. [lacht]

Was ist euer nächstes Projekt im Comicbereich?

TH: Im Moment arbeiten wir mit Hochdruck an der Fertigstellung unserer Comicausstellung, die am 3. Oktober eröffnet wird. Die wird riesengroß: 3,50 x 2,50 Meter. Den historischen Themen und der Nähe zur Bernauerstraße bleiben wir treu, nähere Informationen gibt es dazu, wenn es soweit ist.

Die Fragen stellte: Matthias Hofmann


Weiterführender Link:

Homepage der Autoren: Zoom und Tinte