Durch das Outback von Australien – Interview mit Jan Bauer

Veröffentlicht: Dienstag, 25. Februar 2014

Der salzige Fluss

Down Under. Australien. Einmal fernab der Zivilisation durch das Outback. Jan Bauer hat es getan und seine Erlebnisse in Form einer achtbaren Graphic Novel mit dem Titel Der salzige Fluss festgehalten. Am 1. März 2014 wird das Buch mit einer Release-Party in Hamburg vorgestellt. CRON sprach vorab mit dem Künstler.

UPDATE [01.03.14]: Eine weitere Signierstunde findet am Sonntag (!), den 30. März 2014 von 15 – 17 Uhr, im T3 Terminal Entertainment in Frankfurt statt.

Der salzige Flussgermany48
Auf der Suche nach sich selbst

Am Samstag, den 1. März 2014, ist Illustrator und Trickfilmer Jan Bauer zu Gast im Comicfachgeschäft Strips & Stories in Hamburg (Seilerstraße 40) und stellt sein Graphic-Novel-Debüt Der salzige Fluss (avant-verlag) vor. Beginn ist um 19:00 Uhr.

Der salzige Fluss

Mit dem umfangreichen Comic beschreibt Bauer eine 450 Kilometer lange Wanderung entlang eines ausgetrockneten Flussbetts im australischen Hinterland. Eigentlich war er auf der Suche nach sich selbst, denn eine schwierige Trennung hatte sein Privatleben ins Schleudern gebracht, doch im Outback trifft er auf eine Französin namens Morgane, die seinem Selbstfindungstrip eine unerwartete Richtung gibt.

Die Mischung aus Reisebericht und Autobiografie in Verbindung mit vorwiegend realistischen Zeichnungen (bis auf die Gesichter der Menschen: Knopfaugen!), die durch einige grafisch äußerst gelungene surreale Passagen unterbrochen werden, ist erstaunlich gut gelungen und sorgt für interessante und unterhaltsame Lektüre.

CRON sprach mit dem Künstler über sein Werk, Australien und den Inhalt seiner Reiseapotheke.


CRON fragt. Jan Bauer antwortet.cr ICON-Fragen
Der Comiczeichner im Interview

Jan BauerDer salzige Fluss ist Deine erste Graphic Novel. Welche anderen Comics hast Du davor veröffentlicht?

Davor habe ich lediglich zwei Mal einen Beitrag im Panik Elektro veröffentlicht. Es gab Ansätze zur Umsetzung anderer Stoffe, die aber nie über einige Seiten hinaus gingen und alle irgendwann in der Schublade verschwanden.

Du hast neben u.a. auch in Brisbane studiert. Von wann bis wann war das und wie kommt man darauf, am anderen Ende der Welt zu studieren?

Ich habe von Februar bis August 2003 Animation in Brisbane studiert. Australien hat mich als Reiseziel immer fasziniert. Insbesondere die Tier- und Pflanzenwelt der Subtropen fand ich damals unendlich aufregend. Das Klima hat ja auch eine Menge für sich, weil man die meiste Zeit des Jahres in Badelatschen und Boxershorts herum laufen kann. Während meines Studienaufenthaltes kam ich auch erstmalig in Kontakt mit Aborigines. Die Stämme der Ostküste leben zwar nicht besonders traditionell, aber die Begegnungen, die ich hatte, weckten das Bedürfnis einmal eine zentralaustralische Aboriginesiedlung zu besuchen. Und das war immerhin auch der Anlass zu der Wanderung, die ich in Der salzige Fluss beschreibe.

(Der salzige Fluss

Das Outback: (meist) kein Mensch weit und breit

Welche Künstler haben Dich als Illustrator oder Comicautor beeinflusst?

Die Frage finde ich relativ schwer zu beantworten, weil ich selten das Gefühl habe, dass ich einen Comic lese und denke: »Das ist es! So will ich es auch machen!« Eher würde ich sagen, dass es die Vielfalt des Genres ist, die mich immer wieder beeindruckt und jeder Autor tut das auf eine andere Weise. Die Werke von Chris Ware, Charles Burns und Daniel Clowes haben mich sehr beeindruckt. Die Bedrückung, die aus ihren Werken heraus strahlt, entspricht mir irgendwie. David B. mag ich besonders wegen seines illustratorischen Erfindungsgeistes und seiner Fähigkeit ein Thema auf einer methaphorischen Bildebene zu behandeln. Als Erzähler schätze ich beispielweise Jeff Smith und Christophe Blain.

Der salzige Fluss

Auf dem Larapinta Trail: Sonne satt, Wasser Mangelware

Wie kamst Du zum Trickfilm?

Während meines Studiums an der HAW Hamburg habe ich mich überwiegend mit Landschaftsdarstellungen beschäftigt. Der Trickfilm versprach die Möglichkeit, eine berufliche Entsprechung dafür in der Arbeit als Hintergrundmaler zu finden. Letztlich habe ich dann aber mehr als Zeichner gearbeitet, was sicherlich auch daran liegt, dass das Metier wenig Freiräume für den eigenen künstlerischen Ausdruck bietet, der mir bei der Malerei ganz wichtig ist. Neu und aufregend war für mich dagegen die Herausforderung, als Storyboarder eine Geschichte flüssig und spannend in eine visuelle Form zu übertragen. Diese Arbeit hatte einen großen Einfluss auf meinen Erzählstil.

Wie lange hast Du an Der salzige Fluss gearbeitet?

Nach meiner Rückkehr nach Hamburg habe ich mich recht bald in die Arbeit gestürzt. Damit begann ein fünfzehnmonatiger Schaffensrausch mit relativ wenigen Unterbrechungen. Dann war das Buch plötzlich fertig. Es war eine sehr schöne, erfüllende Zeit. Manchmal vielleicht etwas einsam.

Der salzige Fluss

Der salzige Fluss

Australien abseits der Touristenströme erleben.

Mit den Graustufen im Hintergrund erzielst Du eine schöne Mehrdimensionalität der Zeichnungen. Der Umschlag lässt erahnen, dass die Geschichte in Farbe noch atmosphärischer hätte werden können. War Farbe nie eine Option?

Das habe ich mir von vorn herein verkniffen, weil mich der Aufwand abschreckte. Außerdem glaube ich, dass die Geschichte davon profitiert, wenn die Bilder eine gewisse Leichtigkeit haben. Eine Darstellung in Farbe hätte vielleicht zu einer zu großen Diskrepanz zwischen der Beiläufigkeit der Ereignisse und dem Gewicht der visuellen Mittel geführt. Aber es stimmt: Das Buch wäre mich Sicherheit stimmungsvoller geworden. Vielleicht nutze ich zukünftige Projekte, um die Risiken und Nebenwirkungen der Farbe auszuleuchten.

Der salzige Fluss ist sowohl ein Reisebericht als auch eine Art Selbstfindungstrip. Letztlich schwingt auch eine zarte Liebesgeschichte mit. Wie schwer war es, persönliche Gedanken und Erlebnisse dieses Aspekts mit einzufließen zu lassen?

Es fühlte sich für mich zunächst schon etwas komisch an, andere Menschen an relativ intimen Momenten und Gedanken Teil haben zu lassen und ich fragte mich, ob mir das nicht irgendwann peinlich sein würde. Aber dann habe ich beschlossen, einfach nicht darüber nach zu denken und seitdem ist es mir egal. Wenn jemand mein Buch liest, dann bekomme ich das ja in der Regel nicht mit, sondern kriege erst im Nachhinein gesagt, wie es der betreffenden Person gefallen hat. Bisher sind alle Leser, mit denen ich gesprochen habe, überaus respektvoll mit meiner Geschichte umgegangen und mir ist daran deshalb auch nichts mehr peinlich. Allerdings bin ich gespannt, wie es für mich sein wird, wenn ich demnächst öffentlich aus meinem Comic vorlese. Wahrscheinlich werde ich da ein bißchen Scham überwinden müssen.

Der salzige Fluss

Wenn das Zwei-Mann-Zelt zur vertrauten Wohnung wird ...

Wann hast Du zum letzten Mal Kontakt mit Morgane gehabt? Wie ist Euer Verhältnis heute?

Morgane hat mir gerade heute Morgen erst eine eMail geschrieben, um sich dafür zu bedanken, dass ich ihr ein Exemplar meines Buches zugeschickt habe. Sie versteht zwar die deutschen Texte nicht, ist aber hellauf begeistert, weil für sie mit den Bildern so viele Erinnerungen verknüpft sind. Ich glaube, es gibt keine dankbarere Leserin als sie. Während der Arbeit an dem Buch habe ich ihr alle paar Monate die neu entstandenen Passagen zugeschickt und einige hat sie sich sogar übersetzen lassen. Von daher war das Buch für sie keine Überraschung. Ansonsten hatten wir nach der Reise nur sehr gelegntlich Brief bzw. eMail-Kontakt, sind einander aber freundschaftlich verbunden.

Du bist ursprünglich ins australische Hinterland, um der Menschheit zu entfliehen. Auf der Doppelseite 52/53, die detailliert Deinen Rucksackinhalt auflistet, finden sich in der Reiseapotheke auch Präservative. Wie das?

Ähm... hust... ich habe mich auch immer gefragt, wie die in mein Gepäck geraten sind. Vielleicht liegt die Erklärung in der Tatsache, dass meine Reise durch die menschenleere Wildnis ja auch ein Ziel hatte und das war eine Wüstensiedlung, in der man so etwas ja schon eher mal gebrauchen kann. Möglicherweise deutet dieses Detail auch auf meine Zerissenheit zwischen dem Anspruch, mein Glück in der Isolation zu suchen, und der Frage, ob es nicht vielleicht doch viel schöner ist, seine Zeit mit anderen Menschen zu teilen. Möglicherweise ist das der Kern des Buches. Das Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Nähe.

Der salzige Fluss beschreibt das vorläufige Scheitern des Versuches, das Glück in der Einsamkeit zu finden, das anschließende Scheitern, das Glück in der Liebe zu finden und letzlich bleibt die Frage danach, wo es sich denn am ehesten zu suchen lohnt, offen. In meinen Augen sind Individualität und Verbundenheit gleichermaßen wichtig. Auch wenn ich wohl eher jemand bin, der gerne alles mit anderen teilt. Sicherlich auch eine Motivation für den Comic.

Der salzige Fluss

Ohmmm. Ein bißchen Show muss sein ...

Wenn einer eine Australien-Reise unternehmen will, welchen Tipp würdest Du ihm geben?

Das hängt davon ab, wo es hingehen soll. Immerhin reden wir hier ja nicht nur von einem Land, sondern gleich von einem ganzen Kontinent. Allerdings liegt darin schon die erste Schwierigkeit für Viele, die sich einen Flug nach »Down Under« gönnen – sie wollen die Gelegenheit nutzen, möglichst viel von dem Land zu sehen und hetzen dann wochenlang von einem Ort zum nächsten, finden aber nie die Zeit, sich mal auf eigene Faust in den Regenwald zu schlagen oder herunter gefallene Mangos aus dem Strassengraben zu sammeln. Das finde ich schade. Möglicherweise würde ich Reisenden aber auch dazu raten, sich ein anderes Reiseziel zu suchen, denn der australische Dollar hat in den letzten Jahren ziemlich angezogen und alles ist viel teurer als früher. Aber vielleicht schlägt mir das persönlich besonders aufs Gemüt, weil ich noch den Vergleich zu meiner Studentenzeit habe. Seufz.

Du als »leidenschaftlicher Reisender«, hast Du noch ein Traumreiseziel?

Na klar! Ich bin ja auch gar nicht so viel rumgekommen auf der Welt, weil ich häufig in Australien war. Mich reizt die ganze Welt. Ein Reiseziel steht aber definitiv schon fest: Afrika. Da würde ich gerne Mal etwas Abenteuerliches unternehmen. Letzte Woche bekam ich meine erste Tollwutimpfung. Das ist ein Anfang.

[lacht] In der Tat. War's das erst mal mit Comics – oder hast Du schon Ideen für ein neues Projekt?

Der salzige Fluss ist ja lediglich das erste von zwei Büchern über meine Reise ins Outback. Der zweite Band wird über meinen Aufenthalt in der Aboriginesiedlung Jundurru, dem Ziel meiner Wanderung, berichten. Ich möchte darin einen Einblick in den Alltag in einem kleinen Wüstennest geben, der geprägt ist vom Zusammenprall zwischen der Jäger- und Sammlerkultur der Ureinwohner und der modernen westlichen Konsumgesellschaft. Ein vielschichtiges Thema. Und es wird für mich viel schwieriger, die richtige erzählerische Form dafür zu finden, als das bei der liniearen Liebesgeschichte meines ersten Buches der Fall war.

Ich könnte mir gut vorstellen, nach dem nächsten Buch auch noch weitere zu machen. Zum Beispiel ein Bericht über eine abenteuerliche Reise durch Afrika.

Die Fragen stellte Matthias Hofmann

Abbildungen/Fotos © 2014 Jan Bauer


Weiterführende Links:

Release-Party am 1. März 2014: Strips & Stories

Homepage des Verlags: avant-verlag