Die Judenbuche

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Edition 52: Gerhard Schlegel über Helmut Nickel

Abt: Helmut Nickel, Teil 1 von 2

Besuch des alten Meisters

Helmut Nickel kommt nach Deutschland und wird mit einem Preis, einer Sonderausstellung und zwei Spezialpublikationen geehrt

Dieses Jahr »nickelt« es ganz schön in Deutschland. Helmut Nickel, einer der wichtigsten deutschen Comic-Zeichner der Nachkriegszeit, wird 2011 die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm lange Jahre verwehrt blieb.

Im Zuge des diesjährigen Comicfestivals in München wird ihm nicht nur der PENG!-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Man kann zusätzlich eine liebevoll zusammengestellte Sonderausstellung in der bayrischen Landeshauptstadt besuchen. Und passend dazu erscheint im Verlag »Edition 52« eine Hommage in Form eines Buchs, das auch als Ausstellungskatalog fungieren wird. Außerdem wird Salleck Publications eine farbige Gesamtausgabe von Peters seltsame Reisen veröffentlichen. (»Nickel-Revival: Höhepunkt im Juni«)

Der 87-jährige Nickel, der seit den 1990er Jahren in Florida lebt, kommt Ende Juni zu einem seiner seltenen Besuche nach Deutschland. Auf dem Comicfestival wird er von Gerhard Schlegel im Rahmen eines Künstlergesprächs interviewt. Schlegel, selbst ein Comiczeichner und kreativer Kopf von Laska Grafix, stellte den Ausstellungskatalog, eine Hommage an Nickel und Karl Mays Winnetou zusammen, ein ambitioniertes Projekt, bei dem mehr als 40 Künstler mitgewirkt haben.

Der COMIC REPORT möchte auf den Nickel-Besuch mit einem zweitteiligen Beitrag besonders hinweisen. Zum einen wurde Gerhard Schlegel befragt, wie es um das Buch steht und was er über Helmut Nickel denkt. Zum anderen berichten wir im morgigen zweiten Teil über die Sonderausstellung. Die Fragen an Gerhard Schlegel stellte Matthias Hofmann.


Gerhard, du stellst für die Edition 52 eine Hommage an Winnetou und Helmut Nickel zusammen. Wie ist der Stand der Produktion?

Der Band ist in Druck und wird kurz vor dem Münchner Comicfestival erscheinen.

Wie entstand die Idee zu dem Band und was waren die Herausforderungen?

Wir hatten ja zwei Jahre zuvor schon einen Hommageband zu Hansrudi Wäscher gemacht. Das lief ganz gut und hat Spaß gemacht.

Ich fand es auch sehr schön, Wäscher zu dem Preis für sein Lebenswerk einen Hommageband mitzuliefern. Damals war ich noch der Leiter des Festivals und hatte Helmut Nickel schon für 2011 geplant und wollte es eben wieder genauso machen. Da Nickel nicht so bekannt ist wie Wäscher und er nur wenig eigene Figuren entwickelt hat, entschlossen wir uns den Hommageband auf eines seiner Hauptwerke zu richten, nämlich Winnetou: »Hugh! - Winnetou, Hommage an Karl May und Helmut Nickel«.

Helmut Nickel signierte seine frühen Arbeiten in Hot Jerry mit dem Pseudonym »Hugh J. Haffspoke«, weswegen ich mich für das assoziationsreiche »Hugh!« als Titel für diesen Band entschied.

Es sind wieder ziemlich viele Zeichner vertreten. Nach welchen Kriterien wurden die Zeichner zugelassen?

Manche haben schon sehr früh selber angefragt und anfangs war ich noch recht großzügig, bis ich merkte das der Platz eng wird ... ansonsten wähle ich die Zeichner bzw. Zeichnerinnen danach aus wie sie mir gefallen. Die meisten kenne ich ja eh schon seit Jahren, auf andere bin ich durch neuere Comicproduktionen wie Jazam gekommen.

Wie entkräftest Du das Argument, dass einige Künstler keinen Bezug zu Nickel oder Westerncomics haben und in dem Band falsch platziert sind?

Das ist eine falsche Frage! Das klingt so, als würde das jemand behaupten, was nicht sein kann, da nur vier Personen den gesamten Inhalt kennen und definitiv jeder Beitrag entweder mit Nickel oder mit Winnetou zu tun hat. Wer erzählt denn so einen Quatsch???

Das mit dem »fehlenden Bezug« war eher so gemeint, dass einige Künstler keinen Bezug zum Thema »Nickel« hätten, nicht dass ihre Zeichnungen oder Comics keinen Bezug hätten.
Es war beim Wäscher-Band so, dass es hieß, dass manche etwas zeichneten, aber Wäscher nicht richtig gewürdigt wird, weil diese Zeichner nicht kapiert hätten, um was es bei Hansrudi Wäscher geht.

Ich glaube, dass jeder Erwachsene in Deutschland zumindest zu Winnetou einen Bezug hat, sei es, dass er die alten Filme gesehen hat, die Bücher gelesen, oder auch nur den Bully-Film konsumiert hat. Zu Winnetou hat jeder was zu sagen, an Winnetou kommt hierzulande wohl niemand vorbei. Ob die Zeichner letztlich dann wirklich gute Sachen machen, ist natürlich etwas anderes. Beim HRW-Band war es z.B. so dass mich gerade einige »alte« Zeichner, die eigentlich einen Bezug zu Wäscher hatten, enttäuscht haben und junge von denen ich inhaltlich nicht viel erwartet habe, legten tolle Sachen hin ... Ich will einfach alle dabei haben: ein 25-jähriger macht andere Beiträge, als ein 50-jähriger und das ist auch interessant, finde ich. Ich wollte eben keinen Altherren-Comic machen, sondern die Themen auch der aktuellen Szene stellen.

Du hast einen Nickel-Comic neu koloriert. Wie lange hast Du für eine Seite gebraucht?

Ich denke mal sechs Stunden pro Seite. Ich habe zehn Winnetou-Seiten, die mit der Blutsbrüderschaft, erst gescannt, dann entfärbt, retuschiert (vor allem die Schrift) und dann neu koloriert. Überhaupt hat der Band sehr viel mehr Arbeit gemacht, als sein Vorgänger, da wir diesmal auch viele redaktionelle Beiträge haben.

Vom Alter her dürftest Du nicht unbedingt mit Nickel-Comics aufgewachsen sein? Wie kamst Du mit Helmut Nickels Comics erstmals in Berührung?

Das war sehr spät, eigentlich erst durch die Winnetou Splitter-Ausgabe, da hab ich Jürgen Janetzki in seinem Laden mal zugeschaut, wie er die Bände selber kolorierte.

Beschreibe bitte die Qualitäten eines Helmut Nickel.

Nickel ist tatsächlich einer, wenn nicht sogar der virtuoseste deutschsprachige Comiczeichner.

Im Gegensatz zu, sagen wir mal, Jack Kirby oder Hansrudi Wäscher ist er viel detailgetreuer mit einer akkuraten Wiedergabe der Kleider und Waffen und tatsächlichen geschichtlichen Ereignissen und Orten.

Oder die Menschlichkeit, mit der Nickels Charaktere agieren: Wenn etwa Winnetou seinem Vater fürsorglich die Hand auflegt, wenn Sam Hawkins seinen Retter Old Shatterhand voll ehrlicher Freude umarmt, dann sind das Nuancen, die andere Zeichner vermissen lassen. Und wenn Tanguas Sohn geschockt die Brutalität Old Shatterhands beklagt, mit der dieser seinen Vater strafte, dann ist das eine Szene, der sich von den vielen Winnetou-Zeichnern ausschließlich Nickel stellte.

Der Nickel-Band ist der zweite seiner Art. Du hast bereits die HRW-Hommage Wäscher - Pionier der Comics gemacht. Wie kam dieser Band bei der Wäscher-Fangemeinde an, die bekannt dafür ist, dass sie zum großen Teil rigoros nur Werke gezeichnet von »Wäscher himself« sammelt?

Der Band kam sehr gut an, da ich auf eine gute Mischung aus war. Ich habe auch bestimmte Zeichner extra für die Wäscher-Fans mit in den Band genommen, so dass ich die Puristen etwas besänftigen konnte. Die Kritik in der Sprechblase, Sammlerherz und vom HRW-Fanclub fiel positiv aus.  Es waren dann nur zwei Beiträge die als unpassend empfunden wurden, und die ich selber auch zwiespältig sehe. Ich wollte eben keine Zensur üben und so sind zwei Wäscherkritische Beiträge dabei.

Aber letztendlich spaltet Wäscher auch unglaublich, während Nickel zwar nie so erfolgreich war, aber doch von allen akzeptiert wird.

Welcher Hommage-Band ist als nächstes geplant?

Na, erst mal keiner. Eigentlich sollte man noch Hannes Hegen machen, aber zu dem hab ich nicht wirklich einen Bezug ... dann gibt's noch Lurchi, Mecki, Nick Knatterton, Vater und Sohn oder Jimmy das Gummipferd ... mal sehen. Hoffentlich klaut jemand die Idee, dann muss ich das nicht machen ... es ist echt viel Arbeit so ein Band!

Wer sollte die Nickel-Hommage unbedingt kaufen und wieso?

Jeder Comic oder Winnetou-Interessierte. Wir haben einzigartige Beiträge und Abbildungen von Nickel-Originalen. Der Band fungiert auch als Katalog zur Ausstellung.

Wir haben viel Winnetou-Interpretationen, die interessant sind und einen langen Artikel über Karl May im Comic von Ulrich Wick. Ein wirklich schöner Band.

Ansonsten habe ich noch für den Salleck Verlag einen Klassiker von Nickel, Peters seltsame Reisen aufbereitet (60 Seiten neu koloriert und 60 Seiten retuschiert), für den Nickel aktuell ein neues Ende gezeichnet hat. Beide Bände gehören zu den schönsten Produkten, an denen ich je mitgearbeitet habe. Ich glaube, wenn man eines der Bücher in der Hand hat, überzeugt es!

An so viel Enthusiasmus muss etwas dran sein. Dann sind wir jetzt mächtig gespannt und wünschen dir viel Erfolg mit dem Buch.

Foto: © Laska Grafix
Abbildungen: © Robert Platzgummer (Comic), Veronika Mischitz (Comic), Edition 52 & Laska Grafix (Hugh!)


Die nackten Fakten

Hugh! - Winnetou, Hommage an Karl May und Helmut Nickel
Edition 52 | 100 Seiten | Softcover, Klappenbroschur | Farbe | 20 Euro
ISBN 9-783-935229-68-5

An dem Band haben folgende Zeichner und Autoren mitgewirkt:

Asu, Titus Ackermann, Eckart Breitschuh, Calle Claus, Frank Cmuchal, Chriseff (Christian Effenberger), Derib, Andreas "AE" Eikenroth, Martin Frei, Stefan Dinter, Ertugrul Edirne, Gerhard Förster, Franz Gerg, Fil, Thomas Gilke, Ulf S. Graupner, Marc Herold, Jule K., Ulf K., Stefani Kampmann, Johann "Hansi" Kiefersauer, Ivo Kircheis, Heiko Krischker, Helmut Kronthaler (Artikel über Helmut Nickel), René Lehner, Iris Luckhaus, Stephan Lomp, Detlef Lorenz, (Artikel über Helmut Nickel), Veronika Mischitz, Robert Platzgummer, Uwe Reber, Elke Reinhart (Laska), Annegret Reimann, Jan Reiser, Ingo Römling, Gerhard Schlegel (Laska), Flavia Scuderi, Steffi Schütze, Schwarwel, Fahr Sindram, Michael Svec, Daniela Uhlig, Michael Vogt, Hansrudi Wäscher, Jakob Werth, Timo Wuerz, Ulrich Wick (Artikel über Winnetou im Comic), Sascha Wüstefeld, sowie Günther Polland, der Scans für viele Abbildungen von Originalzeichnungen aus seiner Sammlung lieferte.

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