Interview: Mehr Rosa geht nicht

Veröffentlicht: Dienstag, 17. Mai 2011

Interview

Mehr Rosa geht nicht

Stresstest für den Geldbeutel: die neue Materialsammlung des Duckmans

Im Gespräch mit Jano Rohleder

Fünfhundertfünfundzwanzig. Da muss man erst einmal schlucken. Dieses schöne Sümmchen kostet die neue Don Rosa Collection der Ehapa Comic Collection. Das sind wohlgemerkt keine Entenhausener Taler oder griechische Drachmen, sondern reale Euro. Dafür gibt es als Gegenleistung aber auch einiges: neun in Leinen gebundene Bücher mit insgesamt mehr als 2100 Seiten, drei Schuber, sowie die liebevollste Betreuung diesseits von Duckburg.

Dass das Lektorat der Kollektion aufwändig ist, kann man bereits daran ablesen, dass Ehapa den Erscheinungsmonat der ersten Box kürzlich um einen Monat von August auf September 2011 verschoben hat.

Grund genug für den COMIC REPORT, bei dem Mann für »All Things Don Rosa« (Spezialagent Darkwing Rohleder) nach dem aktuellen Stand der Dinge zu fragen.

Disney-Übersetzer Jano Rohleder gilt als intimer Kenner von Don Rosa, nicht erst seit seinem Besuch bei Maestro Keno Don Hugo Rosa, den er vor kurzem in seinem Anwesen in Kentucky besuchte. Seine Videoaufzeichnungen, die sogenannte »Don Rosa House Tour«, sind im Internet zu sehen. In mehreren Kapiteln zeigt Rosa wie er leibt und lebt und vor allem, dass er ein eindrucksvolles Paradebeispiel für einen typischen Comicsammler ist. Die nachfolgenden Fragen an Jano Rohleder stellte Matthias Hofmann.


Jano, wie kommt’s, dass du als »Don Rosa Fan No. 1« giltst?

Öhm, gute Frage. Tu ich das? Dazu sollte ich lieber gleich vorab sagen, dass ich kein »Superfan« in der Hinsicht bin, dass ich alles, was Don macht und je gemacht hat, durch die Bank weg gut finde. Es gibt durchaus einige Geschichten und Zeichnungen von ihm, mit denen ich persönlich überhaupt nichts anfangen kann, aber ich denke, es ist sowieso nicht möglich, immer alle Werke eines Künstlers ohne Einschränkungen zu mögen, wenn man nicht durch die rosarote Fanbrille schaut.

Was auf jeden Fall stimmt, ist, dass ich mich seit vielen Jahren mit Don und seinen Arbeiten beschäftige und dementsprechend vermutlich ein ganz guter Ansprechpartner bin, wenn man Fragen zu diesem Themengebiet hat.

Wie kam es zu der Idee der »Don Rosa House Tour«?

Don hatte schon seit Langem vor, mal sein Studio und seine Comicsammlung für irgendeine Website zu filmen, da er wohl schon des Öfteren gefragt wurde, wie es denn bei ihm so aussieht. Im letzten Herbst hat er das dann auch gemacht, allerdings hat er in seinem eigenen Video – das ursprünglich auf seiner Facebook-Fanpage veröffentlicht werden sollte – noch deutlich länger als jetzt über seine Figurensammlung geredet, was für Ottonormalfan nicht unbedingt sooo super interessant ist ... zumindest nach 30 Minuten nicht mehr. Da ihm die Videos, die ich bei seinen Touren mache, immer ganz gut gefallen, kam er dann auf die Idee, dass wir doch im Rahmen meines Besuchs bei ihm einen neuen Film drehen könnten, bei dem er dann auch selbst im Bild ist (was bei dem von ihm gefilmten Video ja nicht möglich war). Ursprünglich hatte er dabei wieder nur sein Arbeitszimmer und seine Comicsammlung im Sinn, weil er dachte, dass sich die Leute bestimmt nicht für sein Haus interessieren, doch gerade das war etwas, das ich persönlich sehr interessant fand und in seinem eigenen Video vermisst hatte. Daher haben wir das Ganze auf eine komplette »Don Rosa House Tour« für meine Rosa-Fansite »Duckmania« bzw. derzeit hauptsächlich den Blog und seine Facebook-Page erweitert. Den Besucherzahlen der Videos nach zu urteilen, fanden die Fans das wohl ebenfalls interessant, denn wann bekommt man sonst schon die Gelegenheit, virtuell durch Dons Haus zu spazieren?

Was war für dich das Beeindruckendste an dem Besuch?

Am beeindruckendsten war sicherlich das schiere Ausmaß von Dons riesigem Waldgrundstück und natürlich die Gastfreundschaft von ihm und seiner Frau Ann. Die gigantische Comicsammlung hätte wohl eigentlich ebenfalls beeindruckend sein müssen, aber da die Hefte alle im Keller in grauen Boxen stehen und man sie nicht sieht, war die für mich persönlich weniger spannend ... genau wie die Tausende von Donald-Figuren und Ähnliches, die bei Don im Arbeitszimmer rumfliegen. Man sieht also schon, dass das Ganze ein reiner Freundschaftsbesuch war, der gar nicht darauf ausgelegt war, irgendetwas »Spektakuläres« zu erleben. Ich bin also nicht die ganze Zeit staunend von einem Zimmer zum nächsten gelaufen. Das meinte ich auch mit dem zuvor Erwähnten »kein Superfan«. Ich habe für mich selbst die Person Don Rosa besucht, nicht den Zeichner. Für mich ist beispielsweise ein Stapel Originalzeichnungen, auf den sich andere sicherlich gierig zum Durchblättern gestürzt hätten, nur ein Haufen Schwarzweiß-Comics ohne Text, die ich bereits in Farbe kenne. Wozu also damit viel Zeit vergeuden?

Ach ja, was aber ebenfalls beeindruckend war, war die Tatsache, dass Don tatsächlich von jeder Zeichnung, die er seit einem Alter von vier Jahren oder so angefertigt hat, entweder noch das Original oder zumindest eine Kopie besitzt. Selbst von irgendwelchen in der High School schnell auf Collegeblocks gekritzelten Sachen. Das ist wirklich erstaunlich!

Du betreust die neue Don-Rosa Collection für Ehapa. Wie kam es dazu?

Na ja, ich bin ja schon länger für die Don-Rosa-Publikationen der ECC zuständig. Angefangen hat das mit der Bearbeitung des 2008er Sein Leben, seine Milliarden-Bands, bei dem ich die Vorworte und Kommentare von Don sowie die redaktionellen Seiten übersetzt habe. Außerdem wurden die alten Übersetzungen der Comics von mir nachbearbeitet, um sie näher ans Original zu bringen und Fehler zu korrigieren. Bei seiner Signiertour im Herbst 2008 hat Don dem Verlag dann vorgeschlagen, dass ich doch künftig seine Hall of Fame-Bände betreuen solle, weil er vorher nie so wirklich mit den Büchern zufrieden war – sei es aufgrund der Übersetzungen, falscher Beschriftungen, fehlerhafter Bilder oder Ähnlichem. Ich nehme ja an, dass es nach Sein Leben, seine Milliarden sowieso geplant war, dass ich an den folgenden Hall of Fame-Bänden mitwirken würde, aber nachdem sich das dann auch Don gewünscht hatte, war es eine gesicherte Sache. Seitdem habe ich bei der Hall of Fame die Kommentare et cetera übersetzt und außerdem darauf aufgepasst, dass alles immer am richtigen Platz abgedruckt wurde, Coverillus zu den entsprechenden Storys passten und so weiter. Außerdem habe ich die Comics zum Großteil komplett neu übersetzt, um sie auf Dons Wunsch hin so nah wie möglich ans Original zu bringen.

Diese Neuübersetzungen sind nicht immer bei allen Fans super gut angekommen – was durchaus verständlich ist, wenn man mit den alten Texten von Peter Daibenzeiher aufgewachsen ist –, aber für Don ist es wichtig, dass in einer Reihe, die mit seinem Namen wirbt und sein Werk präsentiert, dieses auch wirklich so gezeigt wird, wie er es beabsichtigt hatte. Ihm ist bewusst, dass die Texte sicherlich manchmal verbessert werden könnten, aber dann wären es halt nicht mehr seine eigenen. In den von mir bearbeiteten Bänden liest man die Comics daher erstmals genau so, wie sie von Don geschrieben wurden. Im gleichen Sprachstil und ohne zusätzliche Gags.

Das Gleiche wie bei der Hall of Fame mache ich jetzt bei der Don Rosa Collection auch wieder, also Übersetzung des redaktionellen Inhalts (mit Ausnahme einiger Texte eines norwegischen Historikers, die mein Kollege Gerd Syllwasschy aus dem Norwegischen übersetzt), aufpassen, dass alles seine Richtigkeit hat, auf Fehler hinweisen und Neuübersetzung der nicht sowieso schon von mir bearbeiteten Comics.

Ist nicht schon alles Material von Don Rosa mehrfach in eigenen Editionen veröffentlicht worden?

Ja, das stimmt. Es gab – nach dem Abdruck im Micky-Maus-Wochenheft – seit 1994 die Onkel Dagobert von Don Rosa-Albenreihe mit einem bunten Mix der Rosa-Storys und später dann, seit 2004, die Hall of Fame im kleineren Buchformat, in der Dons Gesamtwerk chronologisch nachgedruckt wurde.

Die Collection wird allerdings die erste Reihe sein, die sich tatsächlich so nah wie möglich an Dons Vorstellungen orientiert. Das heißt, dass nicht nur alle Übersetzungen jetzt den Originalwortlaut wiedergeben werden, sondern es zudem eine überarbeitete Kolorierung gibt und erstmals bei Egmont handgeletterte Soundwords. Die Soundwords waren für Don neben den Übersetzungen immer das größte Ärgernis, da sie besonders in den skandinavischen Egmont-Ländern alle gleich ausgesehen haben. Sämtliche Soundwords und Beschriftungen sahen dort immer aus, wie mit einem mickrigen schwarzen Filzstift gezeichnet, also nicht wirklich schön. Die deutsche Fassung in der Hall of Fame fand Don diesbezüglich zwar schon besser – wir hatten immer farbige Soundwords, die sich deutlich vom restlichen Text abhoben –, aber mit den handgeletterten, individuellen Soundwords wird nun erstmals ein wirklich authentisches Comic-Lesegefühl aufkommen.

Aber reicht das aus, um das Material nochmal zu kaufen?

Es wird erstmals alle Coverillustrationen, Pin-ups etc. ganzseitig zu sehen geben. In der Hall of Fame waren diese zum Teil in Briefmarkengröße abgedruckt. Außerdem eine unglaubliche Vielzahl an Fotos aus Dons Leben und jede Menge von der breiten Öffentlichkeit noch nie gesehene Fanzeichnungen und Illustrationen aus seiner Jugend- und Collegezeit. Zusätzlich wird man auch einen Underground-Comic zu sehen bekommen, der die allererste Duck-Story von Don und zudem die einzige Geschichte war, von der er lange Zeit weder die Originale noch Kopien besessen hat, da er die Seiten jemandem auf einer Comic-Convention mitgegeben hatte, der sie einem Verlag anbieten wollte. Dummerweise hatte er von diesem Menschen aber keine Adresse und konnte ihn erst jetzt zufällig im Rahmen der Vorbereitungen der Don Rosa Collection wieder ausfindig machen, wodurch er nun – nach 40 Jahren – endlich doch noch in den Besitz von Kopien gekommen ist.

Die Geschichte hat reichlich kruden Humor, beispielsweise sind Tick, Trick und Track Drogen nehmende Hippies und Gustav Gans hat sich beim russischen Roulette das Hirn rausgepustet, aber zu dokumentarischen Zwecken ist sie sicherlich ganz interessant. Verständlicherweise gab es von Disney aber nur eine exklusive Abdruckgenehmigung für diese Sammleredition. In einer regulären Disney-Reihe wird man den Underground-Comic daher auch künftig nicht finden.

Tja, ansonsten sind sicherlich noch die ausführlichen Bezugslisten erwähnenswert. Zu jeder Story wird panelgenau aufgelistet, welche Bezüge es zu Carl-Barks-Comics sowie Filmen, Büchern und Ähnlichem gibt. Das ist in dieser Form ebenfalls einmalig. Von daher ist die Don Rosa Collection für Rosa-Fans sicherlich eine Anschaffung wert.

Was sind die besonderen Herausforderungen, die ein solch umfangreiches Projekt an Dich stellt?

Die größte Herausforderung ist die Arbeitsweise der Kollegen aus Norwegen, die die Collection für alle beteiligten Länder (Norwegen, Schweden, Finnland und Deutschland) zusammenstellen. Dort läuft das Ganze sehr work in progress-mäßig ab, was heißt, dass die Bände bei uns bereits bearbeitet werden müssen, während sie in Norwegen noch nicht mal ganz fertig sind. Dann kann es schon mal dazu kommen, dass man eigentlich meint, fertig zu sein, aber dann plötzlich noch mal komplette Seiten oder Ähnliches ausgetauscht werden. Zudem sind vor allem die bereits erwähnten Bezugslisten eine große Herausforderung, da sich beim Übersetzen immer wieder Ergänzungen für sie ergeben, die in der ursprünglichen Fassung der Listen noch nicht enthalten waren. Das muss dann entsprechend überarbeitet werden. Bei Buch eins kam es beispielsweise schon mal vor, dass alle zwei, drei Tage eine neue Listenfassung geschickt wurde. So was macht es dann natürlich manchmal etwas kompliziert, den Überblick zu behalten. Aber ich denke, wir bekommen das trotzdem ganz gut auf die Reihe.

Wie ist der Stand der Dinge der Vorbereitungen und Produktion für die erste Box?

Box 1 wird die Bände 1 bis 3 beinhalten. Band 1 liegt bei uns komplett fertig vor; zumindest der Schwarzfilm, der dann in der Druckerei in Norwegen auf die Farbfilme gelegt wird. Tja, ursprünglich war die erste Box für Juni angekündigt, aber das hat sich mittlerweile auf frühestens September verschoben. Ich muss dafür an dieser Stelle mal bei den wartenden Fans um Verzeihung bitten. Leider liegt der Veröffentlichungstermin nicht in unserer Hand, da alles zentral und zur gleichen Zeit in Norwegen gedruckt wird. Das Soundword-Lettering und die Neukolorierung haben in Skandinavien wohl etwas länger gedauert, weshalb es zu deutlichen Verzögerungen bei der Auslieferung der Vorlagen kam.

Mittlerweile ist Buch zwei in Arbeit und die ersten Texte für Band drei sind auch schon eingetroffen. Ich kann allerdings nicht definitiv versprechen, dass September tatsächlich klappt. Wir würden uns natürlich alle darüber freuen, aber letztlich hängt das Ganze davon ab, wann wir das Material aus Norwegen bekommen und bearbeiten können.

Die Collection ist limitiert. Wie viele Exemplare werden gedruckt?

Oh, das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht. Ich glaube, bei Barks gab es damals eine Auflage von 3333 Exemplaren, bei Rosa ist es wohl ein bisschen weniger. »Limitierung« heißt allerdings in diesem Fall, wenn ich richtig informiert bin, nur, dass es sich um eine begrenzte Auflage ohne künftigen Nachdruck handelt. Es wird also keine Einzelnummerierung der Bände geben.

Was ist für dich das Besondere an Don Rosa?

Das Besondere an Don als Comicautor sind sicherlich die großartigen Abenteuergeschichten, die es so einfach kein zweites Mal gibt. Außerdem mag ich persönlich den leicht verkrampften, undergroundmäßigen Zeichenstil von Don sehr gern – wobei ich das auch einschränken muss, die allerletzten Geschichten fand ich zum Beispiel zeichnerisch nicht mehr so schön. Als Privatperson ist das Besondere für mich seine manchmal leicht kauzige Art (z.B. wenn er mal wieder einen Koffer voller selbst angebauter Chilischoten mit nach Deutschland bringt und lustig an alle Leute verteilt, weil sie ihm daheim sonst schlecht würden) und natürlich sein unermüdliches Engagement für die Fans. Bei seinen Signiertouren zeichnet und unterschreibt er ja jeden Tag zwischen fünf und sechs Stunden, ohne dabei irgendwelche Pausen zu machen!

Hast du bereits ein weiteres Disney-Projekt in der Pipeline, oder war’s das erst mal?

Außer den sowieso nebenher laufenden gelegentlichen Übersetzungen fürs Micky-Maus-Heft und das Donald-Duck-Sonderheft ist von mir derzeit nichts in Planung, aber mit der Don Rosa Collection hab ich auch erst mal mehr als genug zu tun. Zudem erfahre ich sowieso immer erst nach Ankündigung von Titeln, dass ich für sie eingeplant bin – so beispielsweise letztes Jahr beim Barks-Band Aus dem Leben eines Fantastilliardärs, wo ich nach Verlagsankündigung angefragt wurde, um die Storyauswahl zusammenzustellen. Von daher lasse ich künftige Projekte einfach mal auf mich zukommen. Ich persönlich hoffe ja immer noch, dass wir irgendwann eine deutsche Ausgabe der neuen amerikanischen Darkwing Duck-Comics bringen werden, aber momentan ist da leider noch nichts in Aussicht. Lassen wir uns überraschen, was die Zukunft bringt.


Weiterführende Links:

Don Rosa House Tour: fünf Videos von Jano Rohleder

Don Rosa-Collection: Produktbeschreibung auf der ECC-Homepage


Abbildungen: © Disney & Ehapa Comic Collection
Fotos: © Jano Rohleder