Reprodukt 2019 - Interview zum neuen Programm

Veröffentlicht: Dienstag, 18. Dezember 2018

Das Frühjahrsprogramm von Reprodukt ist da und bietet viele politische und historische Stoffe. Aber auch abseits dessen, nicht zuletzt bei den Kindercomics, gibt es jede Menge zu entdecken. CRON stellt alle Neuheiten vor und hat mit Verlagsleiters Dirk Rehm über wirtschaftliche Erfolge, Überzeugungsarbeit im Buchhandel, richtige Riecher und »Amerikas heißesten jungen Milliardär« gesprochen.

CRON fragt, Dirk Rehm antwortet.
Der Verlagsleiter im Interview

Dirk, ein kurzer Blick zurück und einer nach vorn. Wie lief das Jahr 2018, das unter anderem fünf Nominierungen und eine Auszeichnung für Esthers Tagebücher beim Max-und-Moritz-Preis in Erlangen brachte? Und was erwartet die Leserinnen und Leser in Riad Sattoufs drittem Band, der im April bei Euch erscheint?

Dirk Rehm, 2016Wirtschaftlich war 2018 für uns das beste Jahr seit Langem, befeuert vor allem durch die Verkaufserfolge von Mathieu Sapins Gérard, Katja Klengels Girlsplaining und das anhaltende Interesse an Pénélope Bagieus Unerschrocken 1 & 2.
In Esthers Tagebücher 3 erwacht Esther langsam zum »richtigen« Teenager, inklusive Handy und Schwärmereien für Emmanuel Macron. Esther (und Riad Sattouf) bleiben am Puls der Zeit.

Unter den Nominierten war auch Dorothée de Monfreid mit Schläfst du?, einem Pappbilderbuch im extremen Hochformat. Die beliebte Hundebande der Französin geht mit 1 Wolf, 2 Hunde, 3 Schlüpfer in die nächste Runde. Wie läuft das Geschäft mit den Kindercomics allgemein, wie das für die Altersgruppe 2+ im Besonderen?

Neben den oben genannten Comics von Mathieu Sapin und Pénélope Bagieu war Schläfst du? unser Bestseller 2018. Das lag natürlich weniger an der Nominierung für den Max-und-Moritz-Preis – die sowohl Dorothée als auch uns sehr gefreut hat –, sondern vor allem an der Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis, die auch Brigitte Findaklys und Lewis Trondheims Mohnblumen aus dem Irak eine neue Aufmerksamkeit bescherte.
Das Geschäft mit den Kindercomics bleibt eher schwierig, auch wenn andere Verlage aus dem Kinderbuchbereich mit einsteigen – in Kürze etwa Klett Kinderbuch mit Anke Kuhls Manno!, für das sie den Preis der Berthold-Leibinger-Stiftung erhalten hat, oder Carlsen mit Patrick Wirbeleits und Melanie Großkopfs Der Realitätsverschieber. Es ist wichtig, dass der Buchhandel nun von immer mehr Seiten Kindercomics angeboten bekommt, um die Aufmerksamkeit zu schärfen und das Potenzial der Kindercomics zu vermitteln. Es braucht abermals viel Überzeugungsarbeit im Buchhandel, diesmal in den Kinderbuchabteilungen, um zu erklären, dass Comics nicht verteufelt werden müssen, sondern durchaus Leseförderung bedeuten – gerade wenn Kinder nicht gleich zum geschriebenen Wort greifen.
Von Dorothée de Monfreid selbst bekommen wir vor allem über die sozialen Medien viel positive Resonanz und auch moralische Unterstützung. Von daher macht es ganz besonders Spaß, mit ihr zu arbeiten und sie nach Deutschland einzuladen. Die Hundebande hat tatsächlich schon sehr viele Fans hierzulande – Jung und Alt wohl fast zu gleichen Teilen.

Ich bleibe noch kurz bei den Jungen. Seit Kurzem läuft die Animationsserie des Comics Hilda auf Netflix. Inwiefern macht sich das bei den Verkaufszahlen bemerkbar?

Die Verkaufszahlen explodieren nicht, aber sie sind doch merklich gestiegen. Ein weiterer Baustein, der das vergangene Jahr für uns so erfolgreich machte. Fast alle Bände sind aktuell im Nachdruck oder müssen demnächst neu aufgelegt werden. Im kommenden Mai gibt es ein Gratisheft von »Hilda und die Vogelparade«, das hoffentlich noch mal helfen wird, dem Publikum der Zeichentrickserie zu vergegenwärtigen, dass Hilda ursprünglich auf einer Comicreihe basiert.

Bei den Erwachsenencomics geht's im Frühjahr politisch zu. Mit Comics von Shigeru Mizuki, Pascal Rabaté, Mawil und Robert Crumb habt Ihr Euren thematischen Fokus mit den Schlagworten »Zeitgeschichte, Populismus und totalitäre Systeme« versehen. Ich fange mal mit Mizuki an, von dem Ihr mit Auf in den Heldentod! und Hitler gleich zwei Titel im Programm habt. Wie lange Stand der große Mangaka schon auf Deiner Wunschliste? War es schwer, die Titel zu bekommen? Und sind künftig weitere japanische Comics geplant?

Shigeru Mizuki in Deutschland vorzulegen ist eigentlich nicht sonderlich originell, da seine wichtigsten Werke bereits in fast allen westlichen Sprachen aufgelegt wurden. Wir sind der absolute Nachzügler, aber sehr stolz, dass es uns gelungen ist, die Lizenzrechte für seine Titel zu erwerben. Wir fangen mit den historischen und journalistischen Werken an, um dann mit den autobiografischen und fantastischen Stoffen von Shigeru Mizuki nachzulegen.
Unter den europäischen Independentverlagen – wie Astiberri in Spanien, Oblomov in Italien, Atrabile in der Schweiz, Cornélius in Frankreich usw. – gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk, das über viele Jahre Erfahrung mit Lizenzgeschäften nach Japan gesammelt hat. Insofern war es nicht schwer, die Titel zu bekommen, zumal ich bereits durch meine Arbeit bei Carlsen Kontakte nach Japan hatte und habe. Mein eigenes Interesse, in der Zukunft mehr Gekiga zu machen, ist groß. Was sich aber tatsächlich realisieren lässt, wird die Zukunft zeigen.

Pascal Rabatés Der Schwindler, jüngst bei den Kollegen von Schreiber & Leser erschienen, erhält durchweg lobende Kritiken. (Das Original unter dem Titel Ibicus hatte Rabaté noch im alten Jahrtausend begonnen. Die französische Integral-Ausgabe hat auch schon 13 Jahre auf dem Buckel.) Wäre das kein Titel für Euch gewesen? Und worum geht's in Zusammenbruch, einem von Rabatés jüngsten Werken, das Ihr im Mai auf den Markt bringt?

Wir hatten Ibicus im Blick, schon bevor wir Bäche und Flüsse veröffentlich haben, aber zum einen hat uns der Umfang abgeschreckt, vor allem das Handlettering wäre ein großer zeitlicher und finanzieller Aufwand geworden. Schreiber & Leser ist da pragmatischer und arbeitet ökonomisch sinnvoll. Zum anderen war ich eher skeptisch, was die Verkäufe angeht. Da hatte Philipp [Schreiber, Anm. der Redaktion] also den besseren Riecher. In Zusammenbruch verfolgt Pascal Rabaté die Irrfahrt eines Soldaten an der deutsch-französischen Front zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Schon mehr als 20 Jahre alt, aber aktueller denn je scheint Robert Crumbs Betrachtung seines Heimatlands zu sein. Hat sich seit seiner seiner Abrechnung Amerika tatsächlich so wenig im Land der ungebgrenzten Möglichkeiten getan? Und gehe ich recht in der Annahme, dass auch der derzeitige Präsident, noch in anderer Funktion, eine Rolle in den Geschichten spielt?

Meiner Meinung nach hat Crumb nie an Aktualität verloren. Sein Fritz the Cat etwa wirkt heute zeitgemäßer als je zuvor, nur wurde aus der Satire inzwischen bittere Realität, wenn Trump mit »Grab her by the pussy« zitiert wird und das keinerlei Auswirkungen auf seine Popularität hat. In »Den Finger drauf« von 1989 führt Crumb »Amerikas heißesten jungen Milliardär« Donald Trump in der Parodie einer Late Night Show vor – mit einem bitteren Ende für alle Beteiligten.

2019 jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Pünktlich dazu legt Ihr einen Eurer Alltime-Bestseller, Mawils Kinderland, als günstige Taschenbuch-Ausgabe neu auf. Wäre das im Erfolgsfall ein Modell, das sich auch auf andere Titel übertragen ließe?

Unbedingt. Allerdings sehe ich da aktuell nicht allzu viele Titel in unserem Repertoire, bei denen sich das anbieten würde. Wir hoffen, mit der Taschenbuchausgabe von Kinderland vor allem jüngere Leser anzusprechen. Mal sehen, ob das gelingt.

Mit Bastien Vivès habt Ihr einen Künstler im Programm, der unglaublich schnell auf erstaunlich hohem Niveau produziert. Hast Du als Verleger einen Einblick, wie der französische Wunderknabe das schafft? Und worauf dürfen sich seine Fans in Die Bluse freuen? (Die Zeichnungen erinnern ja sehr an den Vorgänger Eine Schwester.)

Tatsächlich ist Die Bluse grafisch sehr nah an Eine Schwester, schnell und dynamisch erzählt. Bastien arbeitet mit dem Grafiktablett, dessen Funktionen er offensichtlich sehr gut beherrscht. Zum anderen habe ich bei ihm – wie übrigens auch bei Tillie Walden – den Eindruck, dass er »Fehler« in seinen Zeichnungen nicht korrigiert wie es viele andere Perfektionisten tun. Mit dem Ergebnis, dass er schnelle Resultate erzielt und die meisten Betrachter Fehler ohnehin nicht, als solche erkennen. Jedenfalls nicht so wie derjenige, der sie selbst macht.

Als nächstes Großereignis steht im März 2019 die Buchmesse in Leipzig ins Haus. Was ist geplant?

Wie im vergangenen Jahr sind wir mit unserem Kinderbuchprogramm in Leipzig, präsentieren unsere Neuheiten und freuen uns auf viele Gespräche. Unsere Comics für die erwachsene Leserschaft gibt es am Gemeinschaftsstand Comic in Halle 5. Katja Klengel und Mawil werden vor Ort sein, um aus Girlsplaining und Kinderland zu lesen.

Und zum Schluss noch die Frage, welcher Comic Dir im neuen Programm am besten gefällt und weshalb?

Einen einzelnen Comic kann ich nicht hervorheben, denn im Umkehrschluss bedeutet das, die anderen zurückzustellen. Es hat viel Spaß gemacht, mit dem Team am Programm zu arbeiten, nun bin ich gespannt, wie es im Handel und beim Publikum angenommen wird. Gedanklich bin ich allerdings längst mit dem Herbstprogramm 2019 beschäftigt ...

Die Fragen stellte Falk Straub

Foto © Edition Alfons, Abbildungen © Reprodukt


Neuheiten des 1. Halbjahrs 2019

Februar 2019

Robert Crumb
Amerika
96 Seiten, schwarzweiß, 22 x 29 cm, Hardcover
Euro (D) 29,– | Euro (A) 29,90
ISBN 978-3-95640-175-6

Mawil
Kinderland
280 Seiten, farbig, 16 × 21 cm, Softcover
Euro (D) 15,– | Euro (A) 15,50
ISBN 978-3-95640-176-3

März 2019 

Shigeru Mizuki
Auf in den Heldentod!
376 Seiten, schwarzweiß, 14,7 x 21 cm,
Taschenbuch mit Schutzumschlag
Euro (D) 20,– | Euro (A) 20,60
ISBN 978-3-95640-178-7

Shigeru Mizuki
Hitler
300 Seiten, schwarzweiß, 14,7 x 21 cm, Klappenbroschur
Euro (D) 18,– | Euro (A) 18,50
ISBN 978-3-95640-177-0

April 2019 

Riad Sattouf
Esthers Tagebücher 3: Mein Leben als Zwölfjährige
56 Seiten, farbig, 24 × 30 cm, Hardcover
Euro (D) 20,– | Euro (A) 20,60
ISBN 978-3-95640-186-2

Mariko Tamaki & Jillian Tamaki
SKIM
144 Seiten, schwarzweiß, 17,5 × 26 cm, Klappenbroschur
Euro (D) 20,– | Euro (A) 20,60
ISBN 978-3-95640-180-0

Mai 2019 

Roxanne Moreil & Cyril Pedrosa
Das Goldene Zeitalter
232 Seiten, farbig, 23 × 30 cm, Hardcover
Euro (D) 29,– | Euro (A) 29,90
ISBN 978-3-95640-183-1

Moki
Sumpfland
164 Seiten, zweifarbig, 19 × 24 cm, Hardcover
Euro (D) 20,– | Euro (A) 20,60
ISBN 978-3-95640-179-4

Pascal Rabaté
Zusammenbruch
216 Seiten, schwarzweiß, 17 × 24 cm, Hardcover
Euro (D) 24,– | Euro (A) 24,70
ISBN 978-3-95640-184-8

Juni 2019 

Bastien Vivès
Die Bluse
208 Seiten, schwarzweiß, 17 × 24 cm, Hardcover
Euro (D) 24,– | Euro (A) 24,70
ISBN 978-3-95640-185-5

Guy Delisle
Ratgeber für schlechte Väter 4
200 Seiten, schwarzweiß, 13 × 18 cm, Klappenbroschur
Euro (D) 12,– | Euro (A) 12,30
ISBN 978-3-95640-181-7

Oktober 2019 

Lewis Trondheim
Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: »Das verrückte Unkraut«
368 Seiten, farbig, 15 × 10 cm, Hardcover
Euro (D) 24,– | Euro (A) 24,70
ISBN 978-3-95640-174-9

Februar 2019

Mawil
Kinderland
280 Seiten, farbig, 16 × 21 cm, Softcover
Euro (D) 15,– | Euro (A) 15,50
ISBN 978-3-95640-176-3

März 2019 

Dorothée de Monfreid
1 Wolf, 2 Hunde, 3 Schlüpfer
24 Seiten, farbig, 21 × 26 cm, Pappbilderbuch
Euro (D) 14,– | Euro (A) 14,40
ISBN 978-3-95640-189-3

Luke Pearson
Hilda und die Vogelparade
44 Seiten, farbig, 22 × 31 cm, Softcover
Euro (D) 13,– | Euro (A) 13,40
ISBN 978-3-95640-187-9

Céline Fraipont & Pierre Bailly
Kleiner Strubbel: »Kramik der Halunke«
32 Seiten, farbig, 19,5 × 25,5 cm, Hardcover
Euro (D) 10,– | Euro (A) 10,30
ISBN 978-3-943143-64-5

Céline Fraipont & Pierre Bailly
Kleiner Strubbel: »Superstrubbel«
32 Seiten, farbig, 19,5 × 25,5 cm, Hardcover
Euro (D) 10,– | Euro (A) 10,30
ISBN 978-3-95640-116-9

Geneviève Castrée
Seifenblase
18 Seiten, farbig, 16 × 16 cm, Pappbilderbuch
Euro (D) 12,– | Euro (A) 12,40
ISBN 978-3-95640-182-4

Mai 2019 

Emmanuel Guibert & Marc Boutavant
Ariol: »Hasenzähne«
128 Seiten, farbig, 16 × 20 cm,
Klappenbroschur
Euro (D) 14,– | Euro (A) 14,40
ISBN 978-3-95640-190-9

Malika Ferdjoukh & Lucie Durbiano
Die vier Schwestern – Vier Jahreszeiten
152 Seiten, farbig, 18 × 24,5 cm, Hardcover
Euro (D) 20,– | Euro (A) 20,60
ISBN 978-3-95640-188-6


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