Grundkurs Mord bei Buddelfisch - Interview mit Vanessa Drossel und Sebastian Kempke

Veröffentlicht: Montag, 01. Oktober 2018

Grundkurs Mord

In der Masse der Kleinverlage und Selbstverleger, die Comics aus deutschen Landen produzieren, fällt der norddeutsche Buddelfisch Verlag nicht nur durch liebevoll gemachte Comics auf, sondern mit interessanten Themen. Dieses Jahr erschien der zweite Band des Manga-Comic-Hybrids Grundkurs Mord von Vanessa Drossel und Mareike Hansen.
CRON stellt zu diesem Anlaß der Künsterlin und dem Verleger ein paar Fragen. Viele weitere neue Comics von deutschsprachigen Künstlern stellt die neue Ausgabe von ALFONZ mit dem zweiten Teil seiner großen Deutshland-Bestandsaufnahme vor. 


Die deutsche Polizei gilt als »nicht sexy«. Das landläufige Bild der Freunde und Helfer hat in der letzten Zeit zwar etwas gelitten, doch sollte man nicht vergessen, dass der Beruf der Polizistin oder des Polizisten vielschichtiger ist, als das Bild, welches man in den Medien vermittelt bekommt.
Grundkurs Mord ist ein Krimicomic, der sich dem Blaulichtmileu von einer einerseits realistisch und gut recherchiert sowie andererseits dramatisch und romantisch verklärt nähert. Diese Gratwanderung gelingt den beiden Macherinnen Mareike Hansen (Beratung) und Vanessa Drossel (Szenario und Zeichnungen) ziemlich gut. Auch wenn die Serie vom Verlag als »Manga« gelabelt wurde und die Grafik ihre japanischen Einflüsse nicht leugnet, haben wir es hier mit einem ambitionierten deutschen Comic zu tun, der für gute Unterhaltung sorgt. Darüber hinaus sind die Zeichnungen von Drossel auf einem Niveau, welches viel verspricht, was die weitere Entwicklung der Comiczeichnerin betrifft. Man kann gespannt sein ...


CRON fragt. Vanessa Drossel und Sebastian Kempke antworten.cr ICON-Fragen
Interview mit der Künstlerin und dem Verleger

 

Sebastian KempkeSebastian, bevor wir zu Grundkurs Mord kommen, würde ich gerne die Geschichte hinter Buddelfisch erfahren. Seit wann gibt es den Verlag und wieso hast Du ihn gegründet?

SEBASTIAN (S): Den Buddelfisch als Künstlergruppe gibt es unter fluktuierender Bezeichnung seit ca. 15 Jahren. Zunächst haben Dirk M. Jürgens und ich Drehbücher geschrieben, die allerdings damals keiner verfilmen wollte, danach haben wir ein paar Webcomic-Experimente gemacht und uns mit anderen Freunden aus dem Internet zusammengetan, allen voran Cartoonist und Filmkritiker Gregor Schenker aus Zürich. 2012 haben wir drei dann pünktlich zum Comic Salon Erlangen das erste Mal etwas auf Papier publiziert (drei kleine Heftchen) und zwei Jahre später habe ich dann den dazugehörigen Verlag gegründet.

Das »Wieso« ist weniger leicht zu erklären. Damals fand ich es spannender, unsere Comics selbst zu veröffentlichen, als mich bei einem echten Verlag zu bewerben. Vanessa fand die Idee auf jeden Fall so gut, dass ich ihren Comic ebenfalls veröffentlichen durfte. Und der passte gut zu uns, weil der Buddelfisch genau dort entstanden ist, wo ihr Comic spielt, nämlich an der Uni Kiel.

 

Welche Art von Comics werden von Buddelfisch veröffentlicht?

(S): Im Augenblick bildet der Verlag hauptsächlich den kreativen Ausfluss von uns und unseren Freunden ab, also die norddeutschen Gruselcomics aus der Sturmboje-Reihe, gesammelte Webcomics, dann natürlich Vanessas Grundkurs Mord, der eine oder andere Cartoon-Band und Gemeinschaftsprojekte aller Art.

Vanessa, Du bist 1988 in Kiel geboren, wenn ich mir das richtig gemerkt habe. Was müssen unsere Leser noch über Dich wissen, wenn Du Dich in mit drei bis fünf Sätzen beschreiben müsstet?

Vanessa DrosselVANESSA (V): Ich bin nicht in Kiel geboren, sondern in Lüneburg in Niedersachsen, lebe und arbeite aber seit 2007 in Kiel. Seit über 15 Jahren interessiere ich mich für die Arbeit im »Blaulichtmilieu« und zeichne eigene Comics zu den Themen Polizei, Rettungsdienst und Co.

Seit 2013 gehöre ich dem Technischen Hilfswerk an und bin damit selbst Blaulichtwagenfahrerin, sowohl im Ehrenamt als auch im Hauptjob.

Wie kamst Du zu den Comics?

(V): Ich habe schon immer gezeichnet, von klein auf an. Meine ersten Comicerfahrungen waren die LTB, die Micky-Maus-Hefte und Asterix. Spätestens mit dem Aufkommen der Manga (Stichwort: Sailor Moon) wuchs der Wunsch, auch eigene Geschichten zu erzählen. Nach einer langen Phase des Abzeichnens entstanden irgendwann eigene Figuren. Und was lag näher, als das Lieblingsthema Blaulicht als Thema zu nutzen? Viele dieser Figuren gibt es noch heute, sie tauchen immer wieder in Skizzen, Illustrationen und Kurzgeschichten auf.

Vier Jahre nach Band 1 ist dieses Jahr der zweite Teil von Grundkurs Mord  erschienen. Wie bist Du eigentlich auf das Polizei-Thema gekommen?

(V): Die Polizei war, wie gesagt, schon lange mein Lieblingsthema, weil ich mich sehr mit der Arbeit identifiziere. Ich halte sie für unfassbar wichtig für uns alle und bewundere die Menschen, die diesen Beruf heute noch, trotz aller Gefahren und Anfeindungen, ausüben. Ich möchte sie daher auch als ganz normale Menschen zeigen. Als für meine Freundin und damalige Mitbewohnerin Mareike und mich feststand, dass die neue Geschichte in Kiel an der Uni spielen sollte – eben da, wo wir uns auskennen –, wollte ich die Polizeiarbeit gerne wieder einbringen und das so authentisch wie möglich. Deswegen habe ich sehr viel vor Ort in den Polizei-Dienststellen recherchiert und fotografiert. Das erklärt unter anderem den langen Zeitraum zwischen Band eins und zwei. [grinst]

Grundkurs Mord Band 1 Titelbild  Grundkurs Mord Band 2 Titelbild

Farbige Manga sind eher die Ausnahme. Wieso hast Du Dich dafür entschieden?

(V): Aus dem einfachen Grund, dass ich weder mit Rasterfolien umgehen kann noch gut im Schraffieren bin … Zumal ich gerne, abgesehen vom Lettern, komplett analog ohne PC arbeite. Damit scheiden Varianten wie eine schlichte, digitale Colo mit Flats, aus. Da mein Zeichenstil ja kein reiner Manga mehr ist, halte ich die Farbigkeit aber auch nicht für problematisch oder ungewöhnlich. Einziger Nachteil: Es dauert sehr lange zu kolorieren. Da sind wir wieder bei den vier Jahren Pause zwischen den Bänden.

Grundkurs Mord Band 2 Leseprobe

Grundkurs Mord Band 2 Leseprobe

Grundkurs Mord Band 2 Leseprobe

Die Story erschien zuerst als Webcomic bei Animexx. Wie lange hast Du für eine Seite gebraucht und wird es mit der Serie weitergehen?

(V): Wie lange ich für eine Seite brauche, hängt davon ab, ob komplizierte Hintergründe zu sehen sind oder vor allem Gesichter. Hintergründe zu zeichnen und zu kolorieren dauert natürlich wesentlich länger, dazu kommen die Recherche und das Fotografieren vorab. Pro Seite waren es schon mehrere Stunden. Sobald eine neue Seite fertig war, wurde sie dann online gestellt. Ein Druck war anfangs nicht geplant. Aber zum Glück schrieb mich Sebastian eines Tages an. [lacht]
Viele, die die Onlinevariante kennen, haben sich auch sehr auf die gedruckte Version gefreut, das finde ich toll. Die Geschichte ist in zwei Bänden abgeschlossen, was aber nicht bedeutet, dass die Figuren nicht auch weiterhin auf Illustrationen oder in Kurz- und Skizzengeschichten immer mal wieder auftauchen werden.

Sebastian, Du bist nicht nur Verleger, sondern textest und zeichnest auch selbst Comics. Wie würdest Du Sturmboje beschreiben?

(S): In der Sturmboje-Reihe geht es um zwei Ermittler im Bereich des Übernatürlichen, die in Norddeutschland unheimliche Fälle lösen. Hammer-Horror trifft auf das Großstadtrevier, mit Lokalkolorit, Humor und viel Mythologie. Einige Kurzgeschichten spielen an der Nordsee, eine in Lübeck, Heft 1 in Kiel und das Special aus dem letzten Jahr in der Hamburger Hafen City. Geister, Wiedergänger, hüpfende chinesische Vampire. Da ist für jeden was dabei!

sturmboje

 

Im Gegensatz zu Grundkurs Mord, das in Farbe und im Softcoverformat mit Rücken erscheint, bringst Du Sturmboje als geklammerte Hefte heraus. Wie kommt's?

(S): Die Heftchen sind günstig und wir können sie spontan nachdrucken. Die Idee für das Format habe ich damals mit Comickollege Ralph Niese immer wieder durchgegrübelt. Der ist selbst Vertreter und Verfechter der internationalen Heftchenkultur und mag insbesondere die kleinen Heftchen sehr gerne. Das letzte Special im großen Format ist von PlemPlem Productions inspiriert, die ja auch ausschließlich im US-Format publizieren. Das gefällt mir ganz gut, daher habe ich das auch mal probiert.

buddelfisch and friends CSE2018

Buddelfisch and friends beim CSE 2018:
Carolin Reich, Dirk M. Jürgens, Katrin Felder, Kaydee, Aljoscha Jelinek und Vanessa Drossel

 

Was ist als nächstes vom Buddelfisch Verlag geplant?

(S): Aktuell ist gerade etwas verdiente Flaute, da ich mich um meinen Nachwuchs kümmere, Dirk fest als Autor und Regisseur in der Welt der Hörspiele verplant ist und Gregor hauptsächlich Filmkritiken für Züricher Zeitungen schreibt. Aber klar, es geht weiter, sowohl mit der Sturmboje als auch mit meinem Comicstrip Spatzbrück (zu lesen unter Spatzbrueck.de).

vanessa sebastian dirk

Vanessa Drossel, Dirk M. Jürgens und Sebastian Kempke im Kieler Comicshop Fantasy Reich zum Release von Sturmboje Heft 1

Vanessa, an welchem Comic arbeitest Du aktuell gerade?

(V): Aktuell ist ein Comic über das Technische Hilfswerk in Planung. Ich möchte einen Hochwassereinsatz der ehrenamtlichen Katastrophenschützer begleiten. Dabei arbeite ich eng mit den Kameradinnen und Kameraden aus meinem Ortsverband zusammen, die 2013 an Elbe im Einsatz waren. Die Geschichte wird aber wesentlich kürzer und wahrscheinlich nicht vollfarbig gestaltet werden, damit ich nicht wieder so lange brauche. :D Ob die Geschichte auch gedruckt erscheinen wird, ist noch nicht klar.

Die Fragen stellte Matthias Hofmann

Abbildungen © Buddelfisch Verlag, Grundkurs Mord © Vanessa Drossel/Mareike Hansen


Die nackten Fakten

Grundkurs Mord Band 2
Text: Mareike Hansen/Vanessa Drossel, Zeichnungen: Vanessa Drossel
SC, DIN A 5, Klebebindung, Farbe, 108 Seiten, 7,50 Euro
ISBN 978-3-945418-10-9


Weiterführende Links:

Homepage des Verlags: Buddelfisch Verlag

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