Tintin-Buch: Interview mit Georg Seeßlen

Veröffentlicht: Sonntag, 27. November 2011

Abt: Tintin wird lebendig

Ich hatte das Gefühl,

ich schreibe wirklich über eine »Person«

Gespräch mit Georg Seeßlen über sein Tintin-Buch

Für die Rezension des Buchs Tintin, und wie er die Welt sah stellte Matthias Hofmann dem Autor des Werks einige Fragen. Die Antworten fielen so interessant aus, dass sich der Rezensent entschlossen, statt wenigen Auszügen und Zitaten den Lesern von CRON das gesamte Interview zu präsentieren.


Herr Seeßlen, wie gut kennen Sie sich mit Comics aus?

Ich bin, was die Comics anbelangt, vor allem Fan und Enthusiast, habe aber natürlich als gelernter »Bildender Künstler« auch eine sehr handwerkliche Beziehung zu dem Medium. Das heißt mich interessieren Fragen nach einem speziellen »Strich«, nach einem grafischen Stil, nach Komposition. Gelegentlich verliere ich mich da ganz in den Zeichnungen und interessiere mich nicht mehr so sehr für die Stories, aber in den richtig guten Comics ist das natürlich immer eine vollkommene Einheit.

Comics sind für mich auch das ideale Medium, visuelles Erzählen zu erklären: Was sind die Einheiten des Erzählens, was bedeuten Perspektiven und Ausschnitte, wie erzählt man durch Montage? Comics sind sehr nahe verwandt mit dem Film, und zugleich sind sie auch ein sehr eigenständiges Medium.

Als drittes kommt natürlich der autobiografische Touch dazu. Bestimmte Comics haben einen ja immer in bestimmten Lebensabschnitten begleitet. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Hansrudi Wäscher-Phase ...

Abschließend würde ich sagen: Ich bin auf Comics immer neugierig geblieben und denke, dass wir im Augenblick eine absolut spannende Phase der Entwicklung des Mediums erleben. Und eine Woche ganz ohne Comics kann ich mir nicht vorstellen: Wenn ich in ein fremdes Land komme, dann kaufe ich mir zuerst ein paar Comics, dann mache ich ausgedehnte Spaziergänge, und erst dann gehe ich ins Kino.

Ihr neustes Buch heißt  Tintin, und wie er die Welt sah. Von weitem sieht es ja eher aus wie ein Daumenkino ohne Bilder, deshalb könnte man es spontan mit dem Titel »Klein, aber oho!« bezeichnen. Wie sehr schmerzt das Miniformat?

Ich glaube, das Format ist dem Essay als Form angemessen. Man darf in diesem Format vielleicht mehr Phantasie, mehr Wagemut erwarten, und weniger »akademisches« Wissen. Aber klar: Grafische Schwelgereien sind hier nicht möglich.

Wie kam es zu dem selten einfallslosen Titelbildmotiv?

Ich bin für den Text zuständig, der Verlag muss mit den Gegebenheiten zurechtkommen. Wir sind glaube ich alle ziemlich einig, dass die restriktive Politik bei Moulinsart, was den Umgang mit Bild-Zitaten anbelangt, gelinde gesagt ein bisschen lähmend ist. Das wissen ja auch alle Leute, die zum Beispiel im Internet darüber diskutieren. Insofern ist das Titelbild natürlich eine, wie ich finde, passende Kommentierung der Situation. Außerdem scheint mir das Nebeneinander eines Ausrufe- und eines Fragezeichens meiner Annäherung an die Figur und den Schöpfer durchaus angemessen. Ich will ein paar Anregungen geben, aber nicht alle Fragen endgültig beantworten.

Für ein Buch über Comics ist die Bebilderung insgesamt sehr schwachbrüstig ausgefallen. Von 264 Seiten sind knapp 8% bebildert. Bei den anderen Bänden aus der Reihe »Kultur & Kritik« sieht das mit 45% (Band 3) oder 42% (Band 1 und 5) anders aus. Ist das nicht ein Risiko?

Es gab einen berühmten Kunstkritiker, der behauptet hat, dass er, wenn es ihm nicht gelingen würde, die Bilder, von denen er spricht, in Sprache zu »übersetzen«, seinen Beruf verfehlt hätte. Ich persönlich blättere gern in Coffee Table Books zum Thema Comics, aber dann vernachlässigt man oft den Text. Insofern sollten die Bilder nur als Erinnerungen oder Assoziationen dienen. Schließlich glaube ich kaum, dass jemand ein solches Buch liest, der nicht mindestens ein paar Tim und Struppi-Bücher im Bücherschrank hat. Aber natürlich spielt auch hier die heikle Zitat-Lage mit herein, und nicht zuletzt die Kalkulation, den Lesern ein Buch zum erschwinglichen Preis zu bieten.

Wann und wie kamen Sie persönlich zum ersten Mal mit Hergés Tim und Struppi in Berührung?

Um die Wahrheit zu sagen, war ich zunächst ein fundamentaler »Barxist«. Donald war einfach mein ein und alles (und natürlich die Fuchs-Übersetzung: Ich durfte Frau Fuchs noch kurz vor ihrem Tod interviewen und konnte ihr glücklicherweise noch sagen, wie wichtig sie für mich war). Erste Begegnung mit Tim und Struppi war dann, glaube ich, bei Pony oder einem anderen Magazin. Die Bücher habe ich dann schon richtig »professionell« studiert, also zum Beispiel, indem ich Zeichnungen im Stil der »ligne claire« ausprobiert habe oder schon mal eine Seite mit Panels »ummontiert«.

Der Humor von Spirou und Gaston war mir aber persönlich näher. Tim und Struppi schienen mir in jungen Jahren immer ein bisschen zu brav. Später habe ich dann natürlich weitere Feinheiten entdeckt, die zeitgeschichtlichen Bezüge und vor allem die Bedeutung, die Hergés Arbeit für andere Zeichner hatte.

Sie schreiben in Ihrem Buch: »Tintin ist einer der vermessensten Comic-Helden in der Geschichte des Mediums in einer durch das Vermächtnis des Zeichners abgeschlossenen Welt der ewigen Wiederkehr.« Wie schwierig war es, überhaupt noch neue Aspekte an der Figur, am Mythos Tintin, zu finden?

Es ist ein Essay, keine wissenschaftliche Arbeit. Deswegen geht es um zweierlei: einen durchaus subjektiven, einen sehr persönlichen Einstieg und eine Verknüpfung verschiedener Gedanken und Methoden zu etwas neuem. Ich habe versucht, Tintin gewissermaßen von »allen Seiten« zu sehen, Ästhetik, Ideologie, Psychologie, Philosophie, und mir ganz persönlich ging es im altmodischen Sinne darum, dieser Figur Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sie nicht auf einen Aspekt - zum Beispiel den politischen - zu reduzieren. So ein Essay ist immer eine Anregung an die Leser, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Ich verspreche zwar, mehr oder weniger ironisch »fast alles« über Tintin, aber ganz bestimmt nicht die endgültige und ewige Wahrheit.

Ich finde, dass der Anfang und der Schluss Ihres Buchs die stärksten Passagen sind. Die Einleitung »Vorneweg« stimmt in einem wunderbaren Stil auf das Buch ein setzt Tim und Struppi gekonnt in Relation zu Donald Duck, Spirou oder Lucky Luke. Das letzte Kapitel, »Indiana Tintin und der Schatz Rackhams des Roten« ist eine treffsichere Bewertung des Kinofilms von Steven Spielberg. Welche Passagen haben am meisten Spaß gemacht zu schreiben?

Ich glaube es war im vorletzten Abschnitt, wo ich versucht habe, die verschiedenen Aspekte noch einmal zusammen zu denken. Da hatte ich das Gefühl, ich schreibe wirklich über eine »Person«, die plötzlich tatsächlich durch die Tür kommen könnte, oder von der jemand in der Straßenbahn erzählt. Die Abschnitte über das Zeichnen wiederum sind mir besonders nah, weil mich das immer beschäftigt, wie man mit so etwas einfachem wie einem »Strich« so etwas Kompliziertes wie die Welt darstellen kann.

Wieso schreiben Sie über Tintin, Milou und Tournesol und nicht über Tim, Struppi und Bienlein? War das eine dieser unsinnigen Vorgaben von Moulinsart?

Nein, das war eine eigene Entscheidung, näher an Hergé und seiner Sprachmelodie zu bleiben.

Sie schreiben von der praktischen und theoretischen Tintinologie im Allgemeinen und von der Tiefen-Tintinologie im Besonderen. Sind Sie nach Vollendung des Buchs selbst zum Tintinologen geworden?

Nein, aber ich habe sehr freundliche Gefühle, jedenfalls zum liberalen Teil der Tintinologie. Es gibt allerdings auch furchtbare Besserwisser und Fanatiker, die auf jede Form von Kritik oder Leichtigkeit im Umgang mit dem Thema allergisch reagieren. Andrerseits ist es schon verrückt, wie nahe eine fiktive Figur (und natürlich ihr Schöpfer) einem sind, wenn man sich eine Zeit lang so intensiv damit beschäftigt.

Wie viele Tage lagen zwischen dem Tag, an dem sie den Film von Spielberg gesehen haben und dem Drucktermin?

Die für einen Filmkritiker eigentlich komfortable Spanne von einer Woche.

Wie hat Ihnen insgesamt der Film gefallen?

Das ist eine Frage, die man jeweils anders beantworten müsste, je nachdem ob man von der Tintin-Seite, der Spielberg-Seite, der technischen Seite, der dramaturgischen Seite und so weiter kommt. Wäre das alles ausgeblendet, dann hätte ich, glaube ich, einen auf jeden Fall sehr unterhaltsamen und ästhetisch ansprechenden Film gesehen, in dem man nicht zuletzt spürt, dass die Beteiligten ihn gern und mit Liebe gemacht haben. Wenn man diese Liebe in einem Film spürt, dann ist er schon immer halb gelungen, egal ob man dann an Einzelheiten herummäkeln mag. Andrerseits kann ich mir auch vorstellen, dass man mit der Figur und mit der Technik auch noch mehr machen kann, dass man sogar riskieren kann, die Mainstream-Erwartungen ein bisschen zu überschreiten. Insofern bin ich auf die nächsten Filme gespannt, und ich hoffe, dass es nicht einfach nur »more of the same« ist.

An welchem Projekt oder Buch arbeiten Sie als nächstes?

Wie immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Um der Gefahr der Verbohrtheit zu entgehen. Ein Buch beschäftigt sich mit dem Thema von »Untod« in der Realität wie in der Fiktion, eine Reise in die Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, von Botox-Monstern bis zu Zombies, von Transhumanen bis zu Menschmaschinen. Ein politisches Projekt beschäftigt sich mit dem Thema »Solidarität« im kleinen wie im großen. Und ein größeres Radio-Projekt will auf spielerische Weise zeigen, was passiert, wenn die Phantasien von Charles Dickens in unsere Zeit versetzt werden.

Abbildungen:
Foto © Sony Pictures, Scans von Dalla und Pony © Volker Hamann
Tim und Struppi © Moulinsart


Weiterführende Links:

Rezension: Tintin, und wie er die Welt sah
Blog von Georg Seeßlen: Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn