Wäscher-Buch: Interview mit Andreas C. Knigge

Veröffentlicht: Montag, 06. Juni 2011

Interview

»Ein Quatschkopf ohne jede Perspektive, der gesehen hat, womit er Geld machen kann«
Andreas C. Knigge über Walter Lehning

Ende Juni erscheint ein umfangreiches, großzügig illustriertes Buch über Hansrudi Wäscher und seine erfolgreichste Phase. In Allmächtiger! Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics nimmt Comic-Experte Andreas C. Knigge das Phänomen »HRW« unter die Lupe und vergisst dabei nicht, dessen Einfluss auf die deutsche Comic-Szene und deren Ursprünge zu untersuchen. Der COMIC REPORT konnte bereits ein Blick auf die fertigen Seiten werfen und kann bestätigen, dass dieses Buch nicht nur fast 500 Seiten Lesestoff bieten, sondern auch für viel Gesprächsstoff sorgen wird.

Das nachfolgende Interview mit Andreas C. Knigge führte Volker Hamann am 14. Mai 2011 in Hamburg.


Wie beurteilst du die in einer Ankündigung zu Allmächtiger gemachte Meinung, dass dein Buch über Hansrudi Wäscher »eine kleine Sensation« sei?

Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen, weil ich mit der sogenannten Wäscher-Szene nie groß etwas zu tun hatte. Aber ich war davon auch etwas überrascht, denn meiner Meinung nach stimmt diese Wahrnehmung gar nicht. Immerhin war die Comixene das Blatt, das 1975 den ersten Artikel zu Wäscher veröffentlichte. Ich habe dann in einem anderen Magazin über seine Buffalo Bill-Serie geschrieben, und so war die Beschäftigung mit seinem Werk immer vorhanden. Aber man muss auch sehen, dass es damals schon zwei unterschiedliche Lager gegeben hat. Auf der einen Seite explodierte Mitte der 1970er Jahre die ganze Szene, und Moebius, Bilal und all die anderen veröffentlichten Sachen, die man noch nie zuvor gesehen hatte. Und auf der anderen Seite liefen da diese dickbäuchigen Typen mit ihren Suchlisten herum und suchten nach Akim Heft Nr. 13. Was anderes hat die nicht interessiert, und so wurden sie für uns ein wenig zum »Feindbild« und zur Projektionsfläche für alles, was man nicht mehr mit Comics in Verbindung bringen wollte. Aber Hansrudi Wäscher hat das wirklich nicht verdient, und auch wenn ich mich damals nie mit seinem Werk auseinandergesetzt hatte, habe ich heute einen unglaublich großen Respekt vor ihm.

Lag dieses Desinteresse auch vielleicht daran, dass du kein Comic-Sammler bist? Denn seine Sachen waren damals ja alles andere als leicht zu beschaffen.

Nein, ich glaube, das lag ganz einfach daran, dass seine Sachen ein Thema von gestern waren. Und es passierte so viel Neues, da blieb gar keine Zeit, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Bei mir war es jedenfalls so.

Und der erwähnte Respekt vor Wäscher? Kommt der nicht ein bisschen spät? Seine Sachen wurden ja schon vor zehn Jahren durchaus anders gewürdigt, also noch in der 1970er Jahren.

Stimmt, das kommt spät, und ich will es mal ein bisschen breiter fassen. Ich habe mich ja auch mit der Zeit auseinandergesetzt: 1953. Da war gerade zum Weihnachtsfest des vorigen Jahres zum ersten Mal ein Fernsehprogramm in Deutschland gestartet worden, an drei Tagen die Woche von 20 bis 22 Uhr, das in Norddeutschland und Berlin von gerade mal 4.000 Haushalten empfangen werden konnte. Es gab keine Popmusik, natürlich kein Internet und keine Videospiele, und damit auch überhaupt keine Jugendkultur. Damit war Hansrudi Wäscher im Grunde genommen der erste, der eine Jugendkultur geschaffen hat. Das ist neben seiner unglaublichen Produktivität ein Verdienst, der gewürdigt werden sollte und der mich auch zu diesem Buch motiviert hat. Das ist ein Aspekt, den ich aufarbeiten und den ich nicht den Heftchensammlern überlassen wollte.

Also wird das Buch auch die Comic-Szene der 1950er Jahre behandeln, mit Hansrudi Wäscher als Aufhänger?

Comic-Szene ist ein schönes Stichwort! Denn ich bezeichne Hansrudi Wäscher in meinem Buch als den wahrscheinlich ersten richtigen Comic-Fan Deutschlands, der aus wirklicher Leidenschaft gezeichnet hat! Aber im Ernst: Das Buch ist in erster Linie seine Biographie und erzählt seine Geschichte von der Geburt über Lehning bis heute, denn man kann das schwer von der Szene loslösen. Aber ich erzähle seine Geschichte schon vor der zeitgeschichtlichen Folie, wobei man auch ganz viel über die Person Walter Lehning erfährt. Man muss sich mal konkret angucken, was der Mann alles gemacht hat, und ich habe mir die Mühe gemacht und Jahr für Jahr notiert, welche Comics Lehning eigentlich so herausgebracht hat. Und da stellt sich heraus, mit Ausnahme von Akim, dass keine seiner Serien länger als ein Jahr erschienen ist. Er hat also ein verlegerisches Tohuwabohu veranstaltet und gar nicht gewusst, wo es langgehen soll. Und der einzige, der diesem Verlag über 15 Jahre hinweg ein Profil gegeben hat, war Hansrudi Wäscher.

Die Hauptsache war wohl immer, die jeweiligen Genres am Laufen zu halten.

Das war dem Lehning aber völlig egal. Wenn dann mal eine der italienischen Serien ausgelaufen war und er Nachschub brauchte, weil immer drei Piccolo-Reihen auf einem Druckbogen liefen, hieß es: Herr Wäscher, ich brauche nächste Woche eine neue Serie! Und Wäscher fragte daraufhin: Wie wäre es denn mal mit etwas im Dschungel? Und los ging’s …

Ein anderer Anreiz für mich, dieses Buch zu machen, war meine erste Beschäftigung mit dem Thema Wäscher, in dem ich ja nicht richtig zu Hause war. Und ich dachte mir, dass es da ja schon eine Menge Material in der Sprechblase und anderen Magazinen gegeben hat, das ich mir angucken müsste. Aber das habe ich schnell aufgegeben, denn das ist so gut wie alles ein so tumbes Zeug ohne jeden Informationsgehalt! Und fast überall steht zu lesen, dass Lehning ja so ein toller Verleger, fast schon ein Genie, gewesen sei. In Wahrheit war das ein Quatschkopf ohne jede Perspektive, der gesehen hat, womit er Geld machen kann. Ich wage sogar die These, dass der Verlag ohne Hansrudi Wäscher nicht erst 1968, sondern vielleicht schon Mitte oder sogar Anfang der 1960er Jahre Pleite gegangen wäre.

Also war es höchste Zeit, dass mal ein Buch über Wäscher, Lehning und ihre Zeit aus anderem Blickwinkel heraus erscheint?

Genau, da ich aus »dem anderen Lager« stamme [grinst] und trotzdem Interesse an dem Thema habe, wollte ich das nicht nur den Leuten überlassen, die die Wäscher-Brille aufhaben. Was mich dann sehr gefreut hat waren die Reaktionen, die ich erhielt, nachdem bekannt war, dass ich über Wäscher schreiben würde. Mir war schon klar, dass das vielleicht für Irritationen sorgen könnte.

Komisch auch, dass das Thema Wäscher und Lehning bislang so wenig von der »Deutschen Comicforschung« behandelt wurde, die sich ja vorgenommen hat, die deutsche Comicgeschichte aufzuarbeiten.

Naja, es hat schon eine klare Reaktion aus dieser Richtung gegeben: Eckart Sackmann hat meinem Verleger Hartmut Becker gedroht, dagegen vorzugehen, sollte das Buch so erscheinen.

Wie bitte?

Doch, doch. Die deutsche Comicforschung und –historie gehört ja Herrn Sackmann. Man muss anscheinend ihn fragen, wenn man über dieses Thema etwas publizieren möchte. Sonst hat man ihn am Hals! Für mich wird durch solchen überflüssigen Unsinn deutlich,  worum es ihm im Grunde wohl geht, weniger um das Thema als vielmehr um den Ego-Trip seiner Selbstinszenierung als Comic-Forscher Dr. Sackmann.

Und wie habt ihr darauf reagiert?

Gar nicht, denn das ist juristisch natürlich nicht haltbar. Aber es nervt, man muss sich kümmern. Es ist einfach nur ekelhaft.

Kommen wir noch mal auf schönere Sachen zu sprechen. In der Ankündigung zu deinem Buch habe ich schon gelesen, dass du dich von Hartmut Becker mit dem gesamten Werk von Hansrudi Wäscher hast eindecken lassen. Wie kann man sich das denn vorstellen?

Ja, er hat mir Autoladungen an Comics vorbeigebracht. Ich will nicht übertreiben, aber es werden zwischen sieben oder acht jeweils ein Meter hohe Stapel gewesen sein. Ich brauchte nur zu sagen, dass ich den kompletten Sigurd lesen wolle und schon hatte ich diverse Stapel in meinem Wohnzimmer stehen!

Hast du die Originale, also Großbände und Piccolos, oder Nachdrucke gelesen?

Sowohl als auch. Wenn es darum ging, die kompletten Geschichten von Tibor zu lesen, fand ich die Buchnachdrucke angenehmer. Aber Detlef Lorenz, der uns enorm geholfen hat, riet mir, auf jeden Fall mal die Piccolos am Stück zu lesen. Und er hatte Recht, das ist wirklich ein völlig anderes Leseerlebnis, Man liest zwar die gleiche Geschichte, aber das hat eine ganz andere Emotionalität. Darüber schreibe ich auch im Buch, denn Piccolos waren ja nicht nur so beliebt, weil sie billig waren, sondern erzeugen auch ihre ganz eigene Magie. Klar, sie haben Grenzen, aber sie sind etwas Besonderes. Ich kann deshalb die Leute, die auch heute noch Piccolos lesen wollen, viel besser verstehen! Es war toll, viele dieser Geschichten im Original lesen zu können, und Hartmut und Detlef haben mir alles ganz selbstverständlich zur Verfügung gestellt, darunter absolute Raritäten wie diese kleinen Kolibri-Hefte. Keine Ahnung, was die wirklich wert sind. Aber das würden nicht viele Leute machen. Dadurch habe ich erst diese richtige, sinnliche Leseerfahrung machen können.

Du hast ja für das Buch auch Gespräche mit Hansrudi Wäscher geführt. Hast du ihn mal auf inhaltliche Sachen seiner Comics angesprochen?

Nein. Hansrudi Wäscher ist ein unglaublich netter Mann, aber ich muss gestehen, die Unterhaltungen mit ihm waren so eine Sache. Denn er ist auch sehr verschlossen. Und wenn man ihn z.B. darauf anspricht, ob in seinen Comics auch Spuren seiner eigenen Biographie zu finden sind, antwortet er, dass das Ganze nichts mit ihm zu tun hat. Er ist der Zeichner und man sollte nicht von seinen Geschichten auf das Seelenleben des Schöpfers schließen. Also war es schwierig, gewisse Dinge aus ihm herauszuholen. Und Standpunkte zu seinen Arbeiten, die wird man ihm nicht entlocken können. Er ist ja immerhin auch schon 84 Jahre alt, das alles liegt lange Zeit zurück.

Trotz der enormen Popularität und Verbreitung haben die Comics von Hansrudi Wäscher nicht annähernd einen so großen Einfluss darauf gehabt, was heute in Deutschland an Comics populär ist und noch gelesen wird. Woran liegt das?

Weil sie natürlich sehr zeitgeistig sind. Als Wäscher die ersten Monster und Drachen in seinen Comics auftauchen ließ, da gab es noch nicht einmal Filme wie Godzilla. Und heute gibt es sogar schon Jurassic Park! Die Comics von Hansrudi Wäscher sind von einer ziemlichen Patina der 1950er und 1960er Jahre überzogen, das ist eindeutig der Grund. Aber wenn man sich auf sie einlässt, und ich habe diese meterhohen Stapel ja innerhalb von sechs oder sieben Wochen verschlungen, kommt man nicht umhin festzustellen, dass er es geschafft hat, die Leser am Haken zu haben. Auch nach Mitternacht, wenn ich schon vorhatte, das Licht auszumachen und ins Bett zu gehen, sagte ich mir nicht nur einmal, ach komm, eins geht noch. Und dann noch eins, und noch eins. Und wenn es dann wirklich nicht mehr ging, freute ich mich schon darauf, beim Frühstück endlich zu erfahren, ob Sigurd es vielleicht doch schaffen würde. [lacht] Das sind – wenn auch auf einer sehr leichten, trivialen Ebene – Abenteuer, die funktionieren. Wenn man erst mal angebissen hat, und Wäscher holt den Leser sehr leicht ab, dann hängt man am Haken! Das finde ich phänomenal! Ich kann nachvollziehen, dass es Leute gibt, die Hansrudi Wäscher für den größten Zeichner aller Zeiten halten. Natürlich stimmt das nicht, denn er zeichnet nun mal so, wie er zeichnet, aber er nimmt seine Leser total gefangen. Herbert Heinzelmann hat mal versucht, dieses Phänomen auf den Punkt zu bringen indem er sagte, dass das Typische an den Comics von Hansrudi Wäscher diese gewisse Gemütlichkeit und Geborgenheit ist.

Also wäre eine Neuausgabe bestimmter Comics von Hansrudi Wäscher für jüngere Generationen durchaus zu empfehlen?

Ja, im Gegensatz zu Hethke, der sich zwar sehr verdient um das Werk von Hansrudi Wäscher gemacht hat, im Grunde genommen aber noch chaotischer als Lehning veröffentlichte, wäre aber nicht das ständige Wiederauflegen der Geschichten in immer neuen Ausgaben zu empfehlen. Ich habe mir im Vorwort des Buches erlaubt, eine zwölfbändige Best-of-Sammlung vorzuschlagen, in der bestimmte Abenteuer der Serien enthalten sein würden, und dann hätte man das beste Sigurd-Abenteuer und die beste Tibor-Geschichte dabei. Über die Auswahl kann man natürlich streiten, aber ich fände so eine gut edierte Wäscher-Edition mit schönem Zusatzmaterial eine tolle Sache! Denn ich muss auch sagen, es war schon eine richtige Befreiung, als Hartmut Becker die ganzen Stapel an Wäscher-Comics wieder abgeholt hat, und da ich nun gar nichts von Hansrudi Wäscher mehr zu Hause habe, würde ich mir die auch holen!

Ich danke für das interessante Gespräch!

Foto © Andreas C. Knigge
Abbildungen © comics etc. / becker-illustrators


Die nackten Fakten

Andreas C. Knigge, Allmächtiger! Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics
comics etc | Hardcover | 496 Seiten | Farbe | Format 28 x 24,5 cm | €49,90
ISBN: 978-3-941694118

Es wird außerdem eine Luxusausgabe geben. Sie ist limitiert auf 99 Exemplare in Hardcover mit eingelegtem nummerierten Sonderdruck (einer unveröffentlichten Illustration) und kostet €119,90. Ab Ende Juni 2011 nur über den Verlag zu bestellen.


Die Meinung der Leser interessiert uns! Diskutiert diesen Artikel im Forum (klicken):
Allmächtiger!: Interview mit Andreas C. Knigge