ZACK Edition: Robert Platzgummers Mingamanga

Veröffentlicht: Montag, 25. Juli 2011

 

Abt: Rezension & Interview

»Red' gfälligst Boarisch! Saupreiß, türkischer!«

Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall.

Multikulti unter Pennälern: Ein deutscher und ein türkischer Junge erleben ihren ersten Schultag auf dem Gymnasium. Robert Platzgummer lässt seinen Funny-Comic jedoch nicht im schnoddrigen Schmelztiegel Berlin stattfinden, sondern im sauberen München. Der erste Band von Mingamanga ist ein Debüt, das auf ganzer Linie überzeugt, von einem Künstler, dem man eine feine Beobachtungsgabe bescheinigen kann.

→ von Matthias Hofmann

Der kleine »Bini« ist Bayer. Für sich genommen ist das nichts außergewöhnliches, doch wenn man seinen ersten Tag auf der neuen Schule antritt, hat man eventuell mit zusätzlichen Problemen zu kämpfen. Und siehe da, sein starker Dialekt wird nicht richtig verstanden und obendrein verleitet seine Haarpracht in Form einer üppigen roten Mähne zu der irrigen Annahme, dass er ein Mädchen sei. Und dann setzt er sich im Klassenzimmer auch noch neben »Staffie«.

Der kleine »Staffie« heißt Mustafa und ist Türke. Mit seinem Kurzhaarschnitt,  seiner cholerischen Art und seiner korrekten, deutschen Aussprache ist er das genaue Gegensteil von Bini. Der Bayer und der Türke, beide mit einer Art Ausländermalus behaftet, sind sich anfangs nicht grün, doch das Schicksal macht Freunde aus ihnen.

Robert Platzgummers Mingamanga ist mehr als nur ein Funny mit lustigen kleinen Kerlchen, die sich gegenseitig, sowie ihrer Umwelt, gewaltig auf die Nerven gehen. Platzgummers Helden sind vielschichtig: einerseits leicht überdreht und andererseits doch spürbar realistisch. Themen wie »Ausländer und Deutsche« oder »Deutsche mit Migrationshintergrund« sind in Unterhaltungsformen wie Comedy oder Satire sind längst etabliert. Allerdings sind es meist die in Deutschland lebenden Ausländer, denen gewisse Besonderheiten auffallen. Türkischstämmige Comedians wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan halten den Deutschen in gekonnter Weise schon einige Jahre den Spiegel vors Gesicht. Und jetzt kommt Robert Platzgummer, ein waschechter Bayer, der aufzeigt, was schon alle längst wissen, nämlich dass auch Bajuwaren im Prinzip Ausländer sind. Mit seinem sympathischen Comic Mingamanga zeigt er, dass auch aus der Sicht eines vermeintlich Deutschen nicht alles so einfach ist wie es scheint.

Der Humor von Mingamanga ist erfrischend und modern. In dieser deutsch-türkischen Komödie ergeben sich witzige Situationen aus Wortspielen und Dialogen ebenso selbstverständlich wie aus Situationskomik und der Art wie Platzgummer zeichnet. Freilich muss man die bayrische Mundart zumindest ansatzweise lesen und verstehen können, um jede Feinheit zu kapieren. Der sympathische Bini »bayert« derart konsequent in seinem ureigenen Dialekt durch die Panels, dass der ein oder andere Leser nur »Bahnhof« verstehen dürfte. Aus diesem Grund gibt es als Anhang einen kleinen Sprachführer »So klingt's bei uns«, ein kleines Glossar Bayrisch-Deutsch, zum besseren Verständnis, »wos da Bini sogt, denkt und moant«.

Bini (alias Korbinian Panikowski, Bayer, trotz preußischen Nachnamens) und Staffie (alias Mustafa Süzer, spricht fließend Deutsch) sind Teil der vierköpfigen Multikulti-Kinderschar, die Platzgummer Mingamanga nennt. Die anderen beiden sind Vinnie (der Vietnamese Vinh Ngoc Nguyen, um eine Ausrede nie verlegen: »Der Arzt hat mir 'ne Hausaufgabenallergie attestiert …«) und Bo (alias Daniel Matombo aus Simbabwe, hört Hiphop, hat aber seltsamerweise eine Schwäche für die Band Die Böhsen Onkelz). Die beiden Letzteren kommen im ersten langen Abenteuer nicht vor und hatten bislang nur Auftritte in den frühen Kurzgeschichten. Die Mingamangas gibt es seit 2008. Die erste Kurzgeschichte der vier Jungs umfasste zwei  Seiten und erschien in der Nummer 24 des Münchner Fanzines Comicaze.

Die Geschichte »Kruzitürk und Sowobinibayer« erschien erstmals in Fortsetzungen im Comic-Magazin ZACK. Nach dem Start im Februar 2010 wurde die Serie unterbrochen, weil Robert Platzgummer eine kreative Pause einlegte (und dabei richtig Geld verdienen musste). Das erregte den Unmut der Stammleser. Zu Recht, denn hier präsentierte sich endlich mal eine neue Funny-Serie aus Deutschland, die nicht nur originell ist, sondern den Finger am Puls der Zeit hat. Die Serie kam ziemlich gut an und da wartet man nicht gerne mehrere Monate auf eine Fortsetzung.

Nun liegt sie gedruckt in einem Band vor. Bei ihrer Veröffentlichung als Hardcover präsentiert sich die Geschichte im handlichen Kleinformat. Der Preis von 12,95 Euro erscheint auf den ersten Blick etwas hoch, schließlich bekommt man nur 44 halbe Comicseiten für sein Geld. Eine Nachfrage beim Verlag ergab, dass der Preis für eine Produktion in diesem Sonderformat angemessen kalkuliert wurde. Das Sonderformat ist schlicht nicht billig. Zusätzlich zum neuen Covermotiv gibt es noch ein neues Intro (Seite 0), das auch die Leser von ZACK noch nicht kennen.

»Kruzitürk und Sowobinibayer« macht Freude und vor allem Lust auf mehr. Ein Funny, der nicht nur für Bayern lustig ist und sicherlich zu den beachtenswertesten deutschen Veröffentlichungen des Jahres 2011 gezählt werden kann.

Mingamanga 1: Kruzitürk und Sowobinibayer
Originalausgabe
Text/Zeichnungen/Farbe: Robert Platzgummer

Mosaik Steinchen für Steinch Verlag, ZACK Edition
Hardcover, Querformat, 21 x 14,8 cm, 48 Seiten, farbig
ISBN 978-3-941815-73-5, Preis: 12,95 Euro


»Sie bekriegen sich und werden Freunde.«

Für den COMIC REPORT stellte Matthias Hofmann dem Künstler Robert Platzgummer eine Handvoll zusätzliche Fragen zum ersten Band seiner Funny-Serie Mingamanga.

Robert, was hast Du gedacht, als du das fertige gedruckte erste Mingamanga-Bändchen in deine Zeichnerfinger bekommen hast?

Ich habe mich mal wieder furchtbar geärgert, weil die Farben teilweise nicht so gedruckt worden sind, wie ich sie angelegt hatte. Ist aber normal; Hansi Kiefersauer hat den Drucker mal den »natürlichen Feind des Comiczeichners« genannt.

Man freut sich natürlich, wenn das erste Buch mit dem eigenen Namen drauf rauskommt. Allerdings war die Freude, als die Sachen zum ersten Mal im Comicaze oder im ZACK erschienen sind, größer. Mit dem zeitlichen Abstand sieht man immer mehr Dinge, die man im Nachhinein anders machen würde ...

Wie viele Türken waren damals mit dir in der Schulklasse?

Gar keine, das war nämlich ein Gymnasium in ländlicher Umgebung. Aber in dem Jahr, in dem ich meinen Abschluss gemacht hatte, habe ich noch einen Türken kennengelernt, der neu zugezogen und drei Klassen unter mir war, und dem die Burschen aus meinem Jahrgang Schafkopfen beigebracht haben. Von dem hat Staffie auch seinen Nachnamen.

In wem steckt mehr von dir drin? In Korbinian Panikowski oder in Mustafa Süzer?

Beide gleich, würde ich sagen.

Bitte erkläre den Leuten, für die bayrische Mundart ein Buch mit sieben Siegeln ist, den Titel »Kruzitürk und Sowobinibayer«.

»Sowobin«" heißt auf Deutsch »So, wo bin ich?«, also ungefähr das, was Bini sagt, als er am ersten Schultag ratlos vor den Klassenlisten steht und seinen Namen nicht finden kann. Das mit dem »Kruzitürk und Sowobinibayer« spiegelt auch das Titelbild wieder, auf dem Landei Bini mit großen Augen  (»So, wo bin i?«) und Staffie miesgelaunt (»Kruzitürk[en]!«) durch die Stadt marschieren, beide erstmal auf verschiedenen Straßenseiten ...

Ein saublöder Titel, der in aller Eile entstanden ist, als die vom Comicaze mir kurz vor der Drucklegung von Heft Nr. 24 noch gesagt haben, die Geschichte müsste unbedingt einen Titel haben. Mir ist nichts Besseres eingefallen und dabei ist es dann geblieben.

Wessen Idee war das Querformat und was steckt dahinter?

Das geht aufs Comicaze zurück, das zuerst in DIN A4 Hochformat erschien, ab Nr. 18 aber aus Kostengründen auf DIN A5 Hoch verkleinert wurde. Weil man so aber keine detaillierten Seiten anständig wiedergeben konnte, kam man auf die Idee, das Heft ab Nr. 24 quer zu drucken. So konnte man wieder detaillierter gestalten, und falls eine Story später mal woanders gedruckt worden wäre, hätte man die zwei Querseiten wieder zu einer Seite in A4 Hoch zusammenmontieren können.

Allerdings beeinflusst das Format auch den Erzählrhythmus. Die fürs ZACK zusammenmontierten Mingamanga-Seiten wirken daher manchmal etwas komisch, und daher haben wir uns entschieden, das Album wieder in A5 quer zu drucken.

Wie geht’s mit dem bayrischen Langhaarrocker und dem jähzornigen Türken weiter?

Sie bekriegen sich und werden Freunde.

Das hört sich ja vielversprechend an. Ich drücke die Daumen, dass das nächste Abenteuer bald erscheint.


Weiterführende Links:

Mingamanga-Homepage: mingamanga.de
Homepage der ZACK Edition: ZACK Online


Abbildungen © Robert Platzgummer
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