Scratches – Eine internationale Anthologie für Comic und Kunst

Veröffentlicht: Donnerstag, 08. Dezember 2016

scratches

Die Liste der publizierten Zeichner und Autoren ist beachtlich. Mit Beiträgen von Joost Swarte, Art Spiegelman, Chris Ware und Robert Crumb nutzt das großformatige Magazin Scratches die globale Vernetzung und bietet zahlreichen jungen Künstlern eine Plattform. Nun wird die neue Anthologie auch in Deutschland vertrieben.

Länderübergreifende Produktion mit dem belgium48netherlands48Fokus auf Flandern und den Niederlanden

Bereits mit dem auf dem Comic-Salon Erlangen 2016 eingerichteten Atelier »Parade« hatten Joost Swarte und seine Kollegen Brecht Evens, Ben Gijsemans, Olivier Schrauwen, Guido van Driel und andere gezeigt, was Comickunst heute bedeuten kann. An den vier Tagen des Festivals schrieben, zeichneten und produzierten sie dieselbe Anzahl von Comicheften, die kostenlos an Besucher des Salons ausgegeben wurden. »Parade« war auch als Werbung für einen Gemeinschaftsstand von Künstlern aus Flandern und den Niederlanden gedacht, der passend zum diesjährigen Gastland auf der Frankfurter Buchmesse den Status Quo der Szene abbildete.

Das Parade-Atelier in Erlangen. Ganz links (mit Brille): Joost Swarte

Das Parade-Atelier in Erlangen. Ganz links (mit Brille): Joost Swarte

scratches titelDie Planungen für die Scratches-Anthologie hatte Swarte bereits zur Präsentation auf der Buchmesse begonnen, um dort eigentlich schon die zweite Ausgabe vorliegen zu haben, wie der niederländische Zeichner und Gestalter im Sommer 2015 ankündigte. Doch gut Ding will Weile haben, wie es so schön heißt, und man kann nach Durchsicht der ersten Ausgabe von Scratches nur bestätigen, dass sich die längere Produktionszeit und das Warten gelohnt haben. Neben Swarte selbst und seinen bereits genannten Kollegen aus den USA bietet das großformatige Magazin auf 112 farbigen Seiten eine beeindruckende Fülle und Qualität. Ever Meulen, David B., Lars Fiske, Judith Vanistendael oder Kamagurka & Herr Seele sind nur einige der Namen, die an Scratches mitgearbeitet haben und die auch hierzulande bekannt sind, ebenso wie die Flamen und Niederländer Evens, Gijsemans und van Driel. Weitere Bildstrecken und Artikel thematisieren den niederländischen Undergroundkünstler Mark Smeets (1942-1999), den Belgier Frans Masereel (1889-1972), der vor allem für seine sequenziellen Holzschnitt-Illustrationen bekannt ist, sowie den spanischen Illustrator Manolo Prieto (1921-1991).

Das Cover der Debütausgabe von Scratches

Das Cover der Debütausgabe von Scratches

Vermutlich ist es der Abwesenheit deutschsprachiger Zeichner und Autoren geschuldet, dass abseits der Buchmesse noch wenig über Scratches zu hören oder zu lesen war. Das könnte sich nun ändern, denn mit neunte kunst aus Osnabrück hat sich ein Vertriebspartner gefunden, der das Magazin auch in Deutschlands Comicfachhandel bringen wird. Nichtsdestotrotz bleibt es wünschenswert, dass weitere Ausgaben der Anthologie auch deutsche Künstler präsentieren.

Für Scratches zeichnete Joost Swarte eine neue, vierseitige Comicgeschichte

Für Scratches zeichnete Joost Swarte eine neue, vierseitige Comicgeschichte

Für die Konzeption der Anthologie, die Swarte zusammen mit seinem Freund und Partner Hansje Joustra (Oog & Blik) ins Leben gerufen hat, konnte sich der Niederländer der geballten Kompetenz einer sogenannten »Academy of Scratches« versichern, der neben internationalen Fachleuten wie Patrick Gaumer (Frankreich), Paul Gravett (Großbritannien)oder Jean-Pierre Mercier (Frankreich) auch Art Spiegelman und seine Frau Françoise Mouly angehören. Spiegelman und Mouly hatten 1980 das Magazin RAW ins Leben gerufen, das vom Konzept und der Gestaltung als so etwas wie der Patenonkel von Scratches bezeichnet werden kann. Dem beratenden Team des Magazins gehört auch Anette Gehrig vom Cartoonmuseum Basel (http://www.cartoonmuseum.ch/) an, der wir einige Fragen zu Scratches gestellt haben.

Anette, worin bestand deine Funktion bei der Realisierung der ersten Ausgabe von Scratches?

Den Mitgliedern der Academy of Scratches ist die Funktion einer lockeren künstlerischen Begleitung zugedacht, wir geben – wenn wir mögen – Inputs und Feedback. Die Konzeption und Umsetzung liegt allein beim international bekannten niederländischen Comiczeichner und Graphic Designer Joost Swarte und dem Herausgeber Hansje Joustra. Die beiden haben 1985 zusammen den Amsterdamer Verlag Oog & Blik gegründet. Seine Comickarriere startete Joost Swarte mit seinem ersten Magazin Modern Papier in den 1970er Jahren.

Ihr habt euch offenbar das von Art Spiegelman und Francoise Mouly ab 1980 herausgegebene US-Magazin RAW als prominentes und historisches Vorbild genommen. Welchen Einfluss hatte RAW auf Scratches?

RAW ist ein immens einflussreiches Heft. Scratches ist ein Magazin, das nicht direkt an RAW anknüpft, aber es steckt sicher etwas vom Anspruch von RAW in Scratches, das vor allem als Plattform für niederländische und flämische Zeichner gedacht ist und diese international zu vernetzen sucht. Joost Swarte entschied sich für etwa je ein Drittel ursprünglich niederländische und flämische und ein Drittel englischsprachige Comics als Rezeptur für Scratches, das durchgehend ins Englische übersetzt erscheint. So können die Comics weitere Kreise ziehen, denn der niederländische wie der flämische Sprachraum sind klein und die Publikationsmöglichkeiten entsprechend gering, sagte mir Joost Swarte.

Swarte ist schon immer ein Förderer des Comic gewesen. Er war ja zum Beispiel auch ein Initiator des Festivals Stripdagen in Haarlem. Scratches zeigt nicht nur zeitgenössisches Schaffen, sondern spinnt einen Faden in die Vergangenheit. Beeindruckende Pioniere der Graphic Novel, wie etwa der mit seinen Holzschnitten berühmt gewordenen Frans Masereel oder holländische Kultzeichner wie Ever Meulen, Marc Smeets und natürlich auch Joost Swarte selbst werden hier wieder in Erinnerung gerufen und über die Landesgrenzen hinaus getragen. Nicht zu vergessen internationale Größen und Referenzkünstler wie zum Beispiel Aline Kominsky-Crumb und Robert Crumb, das zeichnende Pionierpaar des Undergroundcomics. Besonders spannend und überraschend finde ich die Idee, frühere künstlerische Arbeiten mit zeitgenössischen Werken zu vereinen.

Worin siehst du die Unterschiede zu RAW?

Scratches erscheint im Jahr 2016, die Comickunst hat sich entwickelt. Das Magazin, das schon eher ein wertvolles, bibliophiles Buch ist, zeigt, dass hohe künstlerische und inhaltliche Qualität sich nicht ausschließen. Swarte legt enormen Wert auf Qualität auch bei Papier, Ausrüstung und Haptik des Hefts. Man will sich nicht mit lauten Experimenten absetzen, sondern setzt auf fast schon klassische Comickunst, die eher feine und subtile Irritationen bereithält.

Auch Art Spiegelman veröffentlicht in Scratches

Auch Art Spiegelman veröffentlicht in Scratches

Welche Leser will Scratches erreichen? Ich kann einen Schwerpunkt ausmachen, der irgendwo zwischen Literatur und Comic liegt und sich vermutlich nicht an den üblichen Comicleser richtet?

Scratches richtet sich an alle, die gerne gezeichnete Geschichten lesen und die Interesse an Zeichnung, Typographie, Gestaltung und Kunst mitbringen. Eine Extraportion Neugier, Lust am Entdecken und Freude am Überqueren von Grenzen gehören sicher zur Ausrüstung der Leserinnen und Leser von Scratches – und die haben vielleicht nicht alle Comicleser im Gepäck...

Ben Gijsemans (Hubert) Beitrag zu Scratches

Ben Gijsemans (Hubert) Beitrag zu Scratches

Wie hoch ist die Auflage von Scratches und wie wird es vertrieben?

Die Höhe der Auflage kenne ich nicht. Es wird in Belgien und den Niederlanden vertrieben (Strips in Voorraad, Hilversum; The Netherlands, Pinceel Stripverspreiding, Leuven, Belgium; Centraal Boekhuis, Culemborg, The Netherlands) und soll einmal im Jahr erscheinen.

Wer war für die Auswahl der Autoren und Zeichner verantwortlich, und wie erfolgte die Koordination der vielen aus verschiedenen Ländern stammenden Künstler?

Die Auswahl und die gesamte Redaktion lagen bei Joost Swarte. Swarte ist international bestens vernetzt und außerdem ein ausgewiesener Kenner der Comic-und Kunstgeschichte. Bezeichnend für Joost Swarte sind die Experimentierfreude und das Denken über Grenzen hinweg. Er selbst arbeitet neben dem Comiczeichnen ganz selbstverständlich und ohne scharfe Grenzen als Produktgestalter, Designer und Architekt, ein wunderbarer Mensch, der immer in kreativer Bewegung ist.

Die Fragen stellte Volker Hamann

Joost Swarte und Anette Gehrig bei der Ausstellungseröffnung einer Swarte-Schau im Caroonmuseum Basel

Joost Swarte und Anette Gehrig bei der Ausstellungseröffnung einer Swarte-Schau im Caroonmuseum Basel

 


Ever Meulens Beitrag zu Scratches

Ever Meulens Beitrag zu Scratches

Neuer Comic von Robert Crumb in Scratches

Neuer Comic von Robert Crumb in Scratches

Guido van Driel (Als wir gegen die Deutschen verloren) in Scratches

Guido van Driel (Als wir gegen die Deutschen verloren) in Scratches

 


Die nackten Fakten:

Scratches
Herausgeber: Joost Swarte und Hansje Joustra | 112 pages 23x33 cm | Fullcolor | 14 October 2016 | Paperback
ISBN 978-94-92-117-540, € 30,00

Weitere Informationen: Homepage des Magazins