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Vom Verlassen der Klaren Linie. Zum Tod von Ted Benoit

Zum Tod von Ted Benoit

 Als erster Zeichner der nach dem Tod von Edgar P. Jacobs gestarteten Fortsetzung von Blake und Mortimer wurde der 1948 geborene französische Zeichner Ted Benoit vor einigen Jahren einem großen Publikum bekannt. Zuvor hatte er als einer der Begründer der sogenannten »Nouvelle Ligne Claire« bereits in den 1980er Jahren zahlreiche Fans, die vor allem seine ersten Ray Banana-Alben und das als Manifest der neuen »Klare Linie«-Bewegung geltende Album Vers la Ligne Claire schätzten. Am 30. September starb Ted Benoit in Paris, und wir erinnern mit einem 2015 für ALFONZ geführten Interview an den Künstler.

Ted Benoit:cr ICON-Fragen
»Ich bin inzwischen ein angry old man geworden.«

 Ted Benoits Erfolg bei einem großen Publikum, der sich mit den Blake und Mortimer-Alben Der Fall Francis Blake (1997) und Unheimliche Begegnung (2002) einstellte, bedeutete dem französischen Zeichner nicht alles, und er wendete sich verstärkt seiner Arbeit in der Werbung und als Illustrator zu. Doch vergangenes Jahr brachte er ein neues Album mit seinem erfolgreichsten Helden Ray Banana heraus, das in Frankreich bei La boîte à bulles erschien. Im nachfolgenden Interview, das im Januar 2015 während des Comicfestivals von Angoulême geführt wurde, erzählt Benoit, warum er nicht weiter an Blake und Mortimer arbeiten wollte und wie es mit Ray Banana weitergehen sollte.

Ted Benoit 2015 in Angouleme

Wir sitzen im Pressezentrum des Rathauses von Angoulême, es ist Donnerstagmittag, und das Festival hat gerade erst begonnen. Noch bevor die erste Frage gestellt wird, entdeckt Ted Benoit die aus der Tasche geholte deutsche Ausgabe seines ersten Ray Banana-Albums, das 1982 im Taschen Verlag erschien.

Ted Benoit: Oh, das war eine tolle Zeit. Benedikt Taschen stand damals total auf Comics. Wir haben uns vor Erscheinen des Buches in Paris getroffen, und er hat mich zum Essen ins La Coupole eingeladen. Ich habe dann noch das Titelbild von einem seiner ersten Kataloge illustriert. Es macht mich immer noch ein wenig stolz, dass Taschen, aus dem ein so großer und wichtiger Verleger geworden ist, meinen Comic als eines seiner ersten Bücher herausgegeben hat. [lacht] Er macht einfach wunderbare Bücher!

Das erste Ray Banana-Album von Taschen 1982

ALFONZ: 2002 wurde dein zweites und letztes Blake und Mortimer-Album veröffentlicht. Warum hast du die Arbeit an der Serie beendet?

Der erste und für mich wichtigste Grund war, dass mir das Szenario von Jean Van Hamme nicht besonders gefallen hat, das er für mich vorgesehen hatte. Es war eine Geschichte mit dem Titel »Der Fluch der dreißig Silberlinge«, die dann von René Sterne gestaltet und nach dessen Tod von Antoine Aubin fortgesetzt wurde. Mich hatte diese Geschichte um Jesus und Judas nicht besonders interessiert, als Jean mir das erste Mal davon erzählte. Aber er meinte, das wäre ein guter Plot, um dem neuen Album einen archäologischen Hintergrund zu geben. Mir schwebte da eher etwas mit den Maya vor, das wäre toll gewesen mit den Ruinen mitten im Dschungel; das hätte vergleichbar mit den Geschichten um die Große Pyramide werden können. Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht von dieser Idee überzeugen konnte, aber er wollte bei seinem Entwurf bleiben.

Blake und Mortimer: Der Fall Francis Blake

Dazu kam, dass ich mich nach Beendigung meines zweiten Blake und Mortimer-Albums irgendwie ausgebrannt fühlte; heute würde ich sagen, das könnte ein »Burn-Out« gewesen sein. Es war einfach zu viel Arbeit, und es war nicht gerade förderlich, dass ich damals noch starker Raucher war. Stattdessen wollte ich mich wieder meinen eigenen Comics widmen, für die ich vor meiner Arbeit an Blake und Mortimer bekannt gewesen war; Autorencomics, die ich auch selbst schreibe und die mir wichtig sind. Die Arbeit an Blake und Mortimer war in dieser Hinsicht etwas frustrierend, weil ich nur den anstrengenden Teil zu erledigen hatte: die Zeichnungen.

Das Zeichnen ist anstrengend? Ich dachte, für einen Zeichner wäre gerade das angenehm?

Nein, nein, das Zeichnen ist eindeutig der härtere Teil dieses Jobs! Es kann auch Spaß bringen und es ist ziemlich befriedigend, wenn du das Ergebnis vor dir liegen hast. Vorausgesetzt, es ist dir gelungen und du hast eine schöne Zeichnung durch das Tuschen nicht versaut. Schreiben dagegen ist der kreativere Teil, wo du Ideen suchst und sie zusammenbringen kannst. Ich habe eine ganze Reihe von Szenarios geschrieben, doch immer wieder Probleme gehabt, den richtigen Zeichner für die Umsetzung zu finden. Und wenn ich auf einen guten Zeichner traf, dann war er immer so gut, dass er seinen eigenen Geschichten zeichnen wollte. [lacht] Der dritte Band meiner Ray Banana-Reihe (Die Memoiren der Thelma Ritter, 1989) ist beispielsweise so entstanden, in dem es eigentlich um Rays Putzfrau geht und das Pierre Nedjar nach meinem Szenario zeichnete. Oder das Album Playback (2004), in dem ich eine Geschichte von Raymond Chandler adaptierte und das von François Ayroles gezeichnet wurde.

Warum hat Van Hamme mit Blake und Mortimer aufgehört?

Ich weiß nicht, wir hatten seit damals nur wenig Kontakt miteinander. Aber ich glaube, er wollte generell mit dem Schreiben von Comics aufhören. Geglaubt habe ich das nicht so richtig, und tatsächlich hat er seitdem neue Serien begonnen, denn er ist ein Workaholic! Aber so richtig gut gefallen mir die Serien nicht, die er dann geschrieben hat. Ich bin etwas zurückhaltend mit meinem Urteil weil ich Gewissenskonflikte habe; schließlich arbeitet meine Frau (Madeleine DeMille) nach wie vor als Koloristin für die Comics, die Van Hamme schreibt.

Was hältst du denn von den neuen Blake und Mortimer-Interpretationen?

Oh, mir wäre es lieber, auf diese Frage nicht antworten zu müssen! [lacht] Das meiste davon gefällt mir nämlich nicht besonders, die Geschichten sind irgendwie »billig«. Ich finde die Fortsetzung von »Der Fluch der dreißig Silberlinge« nicht gelungen, es passiert zu wenig. Ein paar Ideen, die sie für die Alben verwendet haben, sind ganz okay. Aber generell mag ich diese Geschichten nicht. Ich glaube auch, dass André [Juillard] nicht für diese Art von Arbeit geeignet ist. Seine Figuren sehen immer etwas zugeschnürt aus in ihren modernen Klamotten. Er muss diese ganzen Erklärungen, die [Szenarist] Yves Sente in seine Geschichten einbaut, zeichnerisch darstellen und begleiten. Das gelingt ihm nicht gut, es wirkt alles steif und langweilig.

Aber lange Ausführungen und viel Text machen teilweise den Reiz der Serie aus!

Ja, schon, Edgar P. Jacobs hat das etabliert, und er hat seine Sache gut gemacht. Man merkt, dass er vom Theater kommt und ein großer Filmfan war. Er hat es geliebt, seine Figuren wie auf einer Bühne darzustellen und sie große Gesten vollführen zu lassen. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Serie. Yves Sente dagegen ist kein Schauspieler und war es auch nie, deshalb fehlt seinen Geschichten das gewisse Extra. Dazu kommt, dass André mit einem Stift zeichnet, während Jacobs und ich mit einem Pinsel gezeichnet haben. Außerdem hat Jacobs ab dem Album »SOS Meteore« in einem Riesenformat gezeichnet, was die Linien im Druck kleiner und die Zeichnungen noch einmal lebendiger werden lässt. Andrés Zeichnungen wirken dagegen statisch. Aber er lernt dazu und ich finde, er hat im letzten Album (Das Gelübde der fünf Lords, 2013) deutlich mehr Ausdruck reingebracht; das ist auch ein wichtiger Bestandteil der Comics von Jacobs, der sehr vom deutschen expressionistischen Film beeinflusst wurde. Noch mal etwas ganz Grundsätzliches zu André: Ich finde, er ist ein weitaus besserer Künstler, als ich es bin!

(A Suivre)-Cover von Ted Benoit

Hast du Edgar P. Jacobs persönlich kennengelernt?

Nein. Ich habe zwar schon 1986, also noch zu seinen Lebzeiten, an einem Werbeauftrag gearbeitet, wo wir die Figuren Blake und Mortimer verwendet haben. Da gab es Abstimmungsfragen, die aber immer durch die Agentur geklärt wurden. Ich weiß nicht, ob ich ihn gerne getroffen hätte. Ich hatte auch mal eine Einladung zu einem Gespräch mit Hergé, das ich aber abgesagt habe. Was hätte ich ihm auch sagen sollen? Ich finde solche Unterhaltungen immer etwas peinlich. [lacht]

Nach Blake und Mortimer ist nichts von dir in Deutschland veröffentlicht worden. Woran hast du seitdem gearbeitet?

Das waren vor allem Publikationen für den französischen Markt. Neben dem schon erwähnten Buch Playback habe ich an einem Buch gearbeitet, das der Pariser Galerist Christian Desbois herausgegeben hat: Un nouveau monde (2006) enthält sämtliche Arbeiten aus der letzten Zeit, auch ein paar Sachen, die schon vor meiner Arbeit an Blake und Mortimer entstanden waren. Das war eine Menge Arbeit, die sich für mich zwar gelohnt hat, aber diese Art Bücher verkaufen sich auch in Frankreich nicht mehr besonders gut. Von den 1.500 Exemplaren, die gedruckt wurden, sind immer noch welche zu haben. Vor zwei Jahren habe ich dann festgestellt, dass eine ganze Reihe meiner Bücher nicht mehr verfügbar war. Nach Beendigung meines Vertrages mit Casterman über meine Ray Banana-Serie (sie hatten die drei Alben zuletzt 2003 herausgebracht), habe ich deshalb die Anthologie Camera Obscura bei Éd. Champaka herausgegeben. Darin sind neben der Ray Banana-Trilogie auch die vergriffenen Alben Hopital und Bingo Bongo enthalten sowie das Bilderbuch The man who doesn't sweat.

Das letzte Ray Banana-Album erschien 2015 in Farnkreich

Interessiert es dich nicht mehr, gute Geschichten zu schreiben und sie auch zu zeichnen?

Nein, nicht besonders. Höchstens mal eine Kurzgeschichte. Ich habe das Gefühl, ich bin inzwischen ein »angry old man« geworden, ich rege mich über viele Sachen in der Welt zu sehr auf. Und fange dann an, darüber zu philosophieren. Doch es ist nicht leicht, das den Lesern zu vermitteln. Einmal hat ein Kritiker über mich geschrieben, dass er nicht sicher sei, ob ich tatsächlich genial oder einfach nur dumm sei! [lacht] Also habe ich mal das hier probiert [zeigt auf das neue Ray Banana-Album]. Ray Banana kann ich all die Sachen in den Mund legen, die mir wichtig erscheinen, ohne dass sie zu ernsthaft oder intellektuell rüberkommen. Und jeder Leser kann sich seine eigenen Gedanken darüber machen.

Warum hast du für das neue Album einen anderen Stil verwendet? Du kehrst zurück zu deinen Anfängen, die Zeichnungen sehen wieder »undergroundiger« aus und sind nicht mehr »Ligne Claire«!

Dieser neue Stil ist einer Werbearbeit für BIC von 2003 zu verdanken, die so kleine Trickfilme realisiert haben. Da ging es darum, mit einem Kugelschreiber möglichst einfache, schnell hingeworfene Zeichnungen zu machen. Das war ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, als mir die Arbeit an den Blake und Mortimer-Geschichten zu viel und zu anstrengend wurde. Diese ganze Recherche über Autos und andere Details. Da kam es wie gerufen, dass ich möglichst einfach zeichnen konnte, ohne Hintergründe und so – es war spontan! Nun habe ich probiert, auch Ray Banana so zu zeichnen und es hat gut getan, ihn nicht »hübsch« zeichnen zu müssen! Wenn eine Zeichnung mal nicht hundertprozentig gelang, habe ich sie nicht besser machen wollen.

Vers la Ligne Claire von 1980

Hast du dem alten Stil, der »Ligne Claire« komplett abgeschworen?

Nein, ab und zu zeichne ich noch so, vor allem für Werbeaufträge. Auch großformatige Illustrationen für Drucke oder so finde ich in diesem klaren, akkuraten Strich passend. Aber Comics werde ich so nicht mehr zeichnen, das ist zu viel Arbeit! [lacht]

Arbeitest du noch viel für die Werbung?

Nein, das hat stark nachgelassen. In den 1980er Jahren gab es eine Zeit, da konnten meine Kollegen und ich uns kaum retten vor Aufträgen. Da war unser Stil total angesagt. Das ist vorbei, aber ab und zu gibt es noch einen interessanten Job zu tun. Es geht mir generell nicht darum, viel Geld zu verdienen. Es reicht zum Leben und der Kühlschrank ist gut gefüllt. Dafür bin ich mein eigener Herr und kann entscheiden zu tun, was mir Spaß macht.

Hast du noch Kontakt zu den anderen Zeichnern der sogenannten »Nouvelle Ligne Claire«: Jacques de Loustal, Serge Clerc, Jean-Claude Floc'h?

Ja, tatsächlich! Obwohl ich schon mehr als fünfzehn Jahre nicht mehr in Paris wohne. Heute lebe ich in der Normandie, aber das ist keine Entfernung und ich fahre oft in die Hauptstadt. Und dann treffen wir uns mehr oder weniger regelmäßig, sind immer noch befreundet. Obwohl, wenn ich richtig überlege, ist es gar nicht leicht, mit Floc'h befreundet zu sein, weil er immer so fürchterliche Dinge über andere erzählt! [lacht] Auch mit Francois Avril oder André Juillard bin ich gut befreundet, treffe sie regelmäßig.

Gipfeltreffen der Klaren Linie mit Joost Swarte (links), Ted Benoit und Daniel Torres (rechts), 2015

Wenn du die Möglichkeit hättest und die Zeit zurückdrehen könntest, würdest du dann dieselbe Karriere als Comiczeichner einschlagen?

[Lacht] Oh, das ist schwierig! Nein, ich glaube, ich würde stattdessen versuchen, Filme zu machen! Obwohl es so viel einfacher ist, Comics zu machen. Das fiel mir immer leicht. Und damals gab es noch viele Magazine, die Comics publizieren wollten, sie waren gefragt. Also habe ich Comics gemacht. Heute stehen junge Zeichner vor dem Problem, dass sie bereits komplett ausgebildet sein müssen, um Erfolg zu haben. Sie haben kaum noch Möglichkeiten, sich auszuprobieren und zu entwickeln. Schau dir meine ersten Sachen an, die publiziert wurden: Die waren lausig!

Letzte Frage: Rauchst du immer noch?

Nein! [lacht] Das habe ich vor acht Jahren aufgegeben!.

Das Interview führte Volker Hamann für ALFONZ Nr. 1/2016

Abbildungen & Foto © 2016 Ted Benoit

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