Frisch Gelesen Folge 167: Der Club der drei Schwestern

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Splitter Veröffentlicht: Montag, 13. Juli 2020 Geschrieben von Mechthild Wiesner

»Stiller Morgentau! Verliebte Wolke! Wir haben eine neue Mission!«


FRISCH GELESEN: Archiv


Der Club der drei Schwestern, Bd. 1: »Sarahs Traum«Das Titelbild des Comics Der Club der drei Schwestern.

Story: Giovanni di Gregorio (in Zusammenarbeit mit Alessandro Barbucci)
Zeichnungen: Alessandro Barbucci

Splitter (toonfish)
Hardcover | 72 Seiten | Farbe | 14,95 €
ISBN: 978-3-95839-990-7

Genre: Familiengeschichte, Mystery

Für Leser, die das mögen: fantastische Geschichten, Coming-of-Age-Storys



Neulich habe ich auf Twitter einen sehr guten Spruch gelesen. Sinngemäß besagt er, dass Frauen oft deswegen Probleme mit weiblichen Charakteren haben, weil sie von Männern geschaffen werden, die Frauen eigentlich nicht leiden können. Da ist wirklich viel Wahres dran. Umso mehr freue ich mich, dass immer mehr talentierte Comiczeichnerinnen auf den Markt kommen. Aber um die soll es hier gar nicht gehen. Auch nicht um die benannten Männer, die Frauen als Abziehbilder ihrer patriarchalen Fantasien darstellen. Denn es gibt ja auch Ausnahmeerscheinungen, die Autoren und Zeichner, die von starken und selbstbewussten Frauen und Mädchen erzählen können und sie – optisch wie in der Charakterdarstellung – so gestalten, dass frau sich angesprochen fühlt und mit ihnen identifizieren kann.

Alessandro Barbucci hat dies bereits in einigen seiner Comics bewiesen. Ihm scheinen weibliche Charaktere zu liegen. Wenn sich die Geschichten wie bei Sky Doll oder Ekhö an ein älteres Publikum richten, sind seine Figuren zwar durchaus körperbetont, aber von der Charakterzeichnung stets aktiv, auch wenn sie unfreiwillig in ihre Ausgangspositionen geraten. Auch Monster Allergy hat mit Elena Patata eine sehr handlungsfähige und agile Protagonistin. Der Club der Schwestern, um den es hier gehen soll, macht da keine Ausnahme. Hier arbeitet Barbucci mit Giovanni di Gregorio zusammen, der unter seiner Mithilfe das Szenario verfasst hat.

Dieser Comic spielt an einem zeitlosen, malerischen Ort ...
Männer spielen keine Rolle: Schwestern und Mutter in einem zeitlos verträumten Setting.

Bereits der Titel sagt, was Sache ist. Insgesamt ist gleich festzuhalten, dass Jungs oder Männer in diesem Comic nur als sehr vernachlässigbare Nebenfiguren vorkommen. Hier steckt ziemlich viel Frauenpower drin. Das nämlich in Form der drei Schwestern Sarah, Kassiopeia und Lucille. Zwar sind alle drei sehr unterschiedlich in ihren Charaktereigenschaften, aber sie eint, dass sie alle ziemlich verrückte Hühner sind, jede auf ihre Art. Das scheinen sie von ihrer Mutter zu haben, die einen recht verträumten Eindruck macht.

... ist mysteriös ...
Das Verhalten der Mutter ist sehr mysteriös – wohin entschwindet sie wohl?


Der Einstieg in diese Geschichte gleicht dem in einen Fantasycomic. In weißen, zauberhaften Kostümen schweben die drei Schwestern durch einen Zauberwald und verfolgen einen Schwarm niedlicher, kleiner weißer Quallen, die sich auf einen großen mysteriösen Baum zubewegen. In dessen ausladenden Ästen steht ein hell erleuchtetes Gewächshaus. Sarah schaut hinein und erblickt ein Bett, in dem eine Babyqualle liegt. Und in dem Moment, wo diese sich ihr zuwenden möchte, erwacht Sarah aus ihrem Traum. Ihre Schwestern kennen diesen Traum bereits, wissen aber auch nichts damit anzufangen. Sarah will mit ihrer Mutter darüber sprechen. Diese reagiert darauf jedoch sehr merkwürdig und verlässt die Kinder fluchtartig mit einer platten Ausrede. Die Kinder, alleine zu Hause zurückgelassen, überlegen, wie sie die Zeit totschlagen können. Sarah beschließt, den Club der drei Schwestern wieder aufleben zu lassen. Die Mission lautet, so viel wie möglich über ihre Mutter herauszufinden! Dazu gehts ab auf den Speicher und an den Inhalt alter Kisten und Schränke. Beim Stöbern und Wühlen stoßen die Schwestern auf ein Bild der Mutter, die schwanger unter dem Baum aus Sarahs Traum steht. So nehmen die geheimnisvollen Vorgänge um diesen immer wiederkehrenden Traum und die Vergangenheit ihrer Mutter ihren Lauf.

... manchmal auch bedrohlich ...
Mit der Zeit verändert sich Sarahs Traum und nimmt auch bedrohliche Züge an.

Dieser Comic, den man getrost auch als Graphic Novel bezeichnen kann, hat mich in Aufbau und Wendung wirklich nachhaltig beeindruckt. Barbucci gelingt es mit sehr subtilen Mitteln, die rein grafisch zwischen den Zeilen stattfinden, den/die Leser*in auf eine komplett falsche Fährte zu locken. Denn das, was anfänglich wie eine Fantasygeschichte erscheint, erweist sich bis auf gewisse übernatürliche Eigenschaften Sarahs, die sich in ihren Träumen manifestieren, als eine sehr geerdete Erzählung. Ich hätte der Wendung und dem Ende zwar gerne noch zusätzliche zehn Seiten gegönnt, trotzdem erzählt der Comic authentisch und einfühlsam davon, dass Eltern ein Leben vor ihren Kindern haben, das aber trotzdem stets untrennbar mit dem Leben der nächsten Generation verbunden ist.

Zeichnerisch ist Barbucci wie immer eine Bank. Er ist sehr stilsicher, grafisch klar und gleichzeitig individuell in Charakterdesign, Farbgebung und Seitenaufbau. Kein Wunder, bereits mit 18 Jahren begann er bei Disney zu arbeiten, mit 19 zeichnete er für Donald Duck. Seine Karriere ging ohne Brüche gleichsam beeindruckend weiter. Trotzdem ist er kein Handwerker, die Liebe für seine Charaktere und sein Werk ist in seinen Comics klar zu erkennen.

... und voller popkultureller Anspielungen.
Popkulturelle Anspielungen wie die alte Madonna-LP (Mitte links) finden sich an vielen Stellen.

 

Ich liebe all die kleinen Referenzen an die moderne Popkultur, besonders Comic und Musik, die in vielen Bildern zu sehen sind. Der Club der drei Schwestern ist als Serie angelegt und ich freue mich sehr, wenn ich noch mehr über diese leicht chaotische, aber sehr liebenswerte Familie erfahren darf.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2020 Splitter


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