Frisch Gelesen 189: Auf der Suche nach Moby Dick

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Sonstige Verlage Veröffentlicht: Donnerstag, 26. November 2020 Geschrieben von Bernd Hinrichs

 »Lieber mit einem nüchternen Kannibalen das Bett teilen als mit einem trunkenen Christen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Auf der Suche nach Moby DickDas Titelbild der Graphic Novel Auf der Suche nach Moby Dick

Story: Sylvain Venayre, Herman Melville
Zeichnungen: Isaac Wens

Knesebeck
Hardcover | 224 Seiten | Farbe | 28,00 €
ISBN: 978-3-95728-440-2

Genre: Abenteuer, Reportage, Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: Herman Melville, Emmanuel Lepage, Ozeane, Adaptionen



Ich glaube, meine erste Berührung mit Moby Dick hatte ich irgendwann zu Beginn der 1980er-Jahre – das Hörspiel von Europa. Ich befürchte, mir blieb die Geschichte immer etwas fremd damals. Beängstigend und wenig durchschaubar. War auch vielleicht einfach eine schlechte Umsetzung. Jahre später sah ich den weißen Wal das erste Mal auf Zelluloid mit dem göttlichen Gregory Peck als Käpt’n Ahab. Da wurde ich mitgerissen von der Jagd nach dem tödlichen Monster aus den Tiefen des Ozeans. Und abermals brauchte ich ein paar Jahre, bis ich endlich die Buchseite aufschlug, die mit dem vielzitierten, kaum zu übersetzenden und kryptischen »Call me Ishmael« begann. Oberflächlich betrachtet gehört Moby Dick nur zu den faszinierenden Kreaturen, die uns Angst einjagen, so wie später King Kong oder Godzilla. Aber der Wal geht viel tiefer, er taucht nicht nur ab in die Abgründe der Tiefsee, sondern auch in die christliche Mythologie, in die Psychologie und die Kulturgeschichte. Eine neue Version des Stoffs in Comicform, die jetzt bei Knesebeck erschienen ist, legt davon Zeugnis ab: Auf der Suche nach Moby Dick.

Isaac Wens bringt die raue See mit hartem Strich zu Papier ...
Die Männer der Pequod im Kampf gegen die Monster der See.


Dabei standen die beiden Kreativen hinter dem Projekt, Sylvain Venayre und Isaac Wens, vor der schwierigen Aufgabe, sich von den bereits umfangreich vorliegenden Adaptionen abzuheben. Sie bewerkstelligen dies mit einem geschickten Manöver, in dem sie die Handlung des Romans erweitern – und zwar um seine Deutung und Bedeutung. Denn Auf der Suche nach Moby Dick ist nicht nur eine Adaption des klassischen Stoffes in die Neunte Kunst, sondern gleichzeitig auch seine Interpretation. Wir erleben einen Radioreporter, der sich auf die Spuren von Melville begibt. Immer an seiner Seite: ein sachkundiger Literaturprofessor. Wir streifen mit den beiden durch Nantucket, besuchen Theatervorstellungen oder treffen uns noch mit anderen Experten, um mehr über das Leben und vor allem das Werk von Melville zu erfahren. Diese kurzweiligen Unterbrechungen der klassischen Melville-Geschichte machen das Lesen des Bandes zu einer spannenden und lehrreichen Lektüre. Wir springen zwischen den Szenen immer hin und her: Von den Planken der Pequod Mitte des 19. Jahrhunderts ins 20. Jahrhundert zum emsig recherchierenden Reporter und wieder zurück.

... und zeigt den Kampf gegen den weißen Wal auf eindrucksvollen Doppelseiten.
Eine von zwei Erzählebenen: die packende Jagd auf den weißen Wal.


Für das notwendige Hintergrundwissen und die Authentizität des Buches sorgt der Historiker Venayre. Er hat sich spezialisiert auf die kulturelle Geschichte des 19. Jahrhunderts. Venayre lehrt an der Sorbonne und ist Autor zahlreicher Comics und Graphic Novels. In Auf der Suche nach Moby Dick merkt man ihm beides an: das Gelehrtentum und seine Fähigkeit, spannende Plots für Comics zu entwickeln. Dennoch ist das Werk kein Band zum schnellen Konsumieren.

Wer gerne Moby Dick als Abenteuergeschichte lesen möchte und sich einfach von der packenden Jagd Ahabs auf den Wal fesseln lassen will, dem empfehle ich die entsprechende Adaption von Christophe Chabouté. Wer aber tiefer eintauchen will in den Mythos Moby Dick, seine Namen und Zahlenspiele verstehen will und begreifen will, warum der Roman bis heute als eines der seltsamsten Werke der Weltliteratur gilt, der ist bei Venayre absolut richtig. Der Historiker vermittelt uns ein spannendes Bild, wie das Werk bei seinem Erscheinen 1851 auf die Leser gewirkt haben muss.

Eine Szene an Bord der Pequod.
Passend zum harten Leben an Bord: Isaac Wens' harter Strich.


Passend zur rauen See, zum harten Leben an Bord und zur mörderischen Jagd auf die Wale, wird die Geschichte von Isaac Wens mit harten Strichen umgesetzt. Fast könnte man sich vorstellen, er hat jedes Panel mit Wachsmalstiften auf festem Karton realisiert. Das passt und ist einprägsam. Mit 22 mal 29 Zentimetern legt Knesebeck den Comic als echten Prachtband vor, was vor allem der Zeichner dankbar annimmt. Denn das Überformat sieht nicht nur chic aus, es macht sich für die Geschichte auch bezahlt. Wens hat den Raum, um die Weiten des Ozeans darstellen zu können.

Vor ein paar Jahren hatte ich einmal die Gelegenheit für Deutschlehrer*innen einen Workshop abzuhalten. Thema war damals, wie es mittels Comics gelingen kann, Kinder und Jugendliche an Literatur heranzuführen. Auf der Suche nach Moby Dick wäre ein tolles Beispiel dafür gewesen. Bei mir jedenfalls hat es gewirkt und ich habe den Roman wieder zur Hand genommen, dessen Handlung mit den unverwechselbaren Worten »Call me Ishmael« beginnt.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2020 Knesebeck


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Oder beim Verlag: Knesebeck