Frisch Gelesen Folge 209: Herzl

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Sonstige Verlage Veröffentlicht: Freitag, 26. Februar 2021 Geschrieben von Peter Lau

»Wegen dieses, also unseres Exils, wegen unserer Füße und Beine auf allen Straßen Europas, wegen unserer erbärmlichen äußeren Erscheinung, wegen der alten chassidischen Gepflogenheiten und den Schlichen solcher Kinder wie Olga und Poipy gingen der gesunde Menschenverstand und das allgemeine Wohlwollen des Fin de Siècle in Rauch auf.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Herzl – Eine europäische Geschichte

Text: Camille de Toledo
Zeichnungen: Alexander Pavlenko

Suhrkamp
Softcover | 352 Seiten | Ocker-Weiß | 25,00 €
ISBN: 978-3-633-54301-4

Genre: Literatur

Für alle, die das mögen: jüdische Kultur, historische Erzählungen, Hochkultur



Theodor Herzl wurde 1860 in Ungarn geboren und starb 1904 in Österreich lächerlich jung in Folge seines Idealismus – der Schriftsteller und Journalist verausgabte sich die letzten zehn Jahre seines Lebens im Kampf für einen jüdischen Staat. Herzl war der wichtigste Begründer des Zionismus und damit der Urvater Israels: Er betrachtete die weltweit verstreuten Juden als ein Volk, das einen eigenen Nationalstaat braucht – aus historischen Gründen in Palästina. Eine große Vision, die zu seinen Lebzeiten so realistisch erschien wie eine Reise zum Mond. Bis zu seinem Tod blieb die Heimat der Juden ein Traum, und so starb er mit dem Gefühl, gescheitert zu sein.

All das wird in Herzl detailliert erzählt, doch die Graphic Novel ist keine Biografie, keine schlichte Nacherzählung eines Lebens, wie es sie im Comic häufig gibt. Sie will viel mehr, und das Künstlerduo de Toledo & Pavlenko zieht das auch mit einiger Chuzpe durch, ohne dabei in die üblichen Klischees zu verfallen: Das Buch handelt von Judenverfolgung, aber im Mittelpunkt stehen nicht die Toten, sondern die überlebenden Opfer, ihre Trauer und ihre Unbeugsamkeit. Es ist auch kein Betroffenheitsmanifest, keine schiefe Metapher für Verfolgung im Allgemeinen, kein Unterhaltungsroman, der irgendwie »kritisch« ist. Herzl ist ein vielschichtiges Buch, sehr literarisch, eine der anspruchsvollsten Graphic Novels, die ich kenne, und zudem ein schönes Beispiel, was im Comic alles geht.


Der erste Teil erinnert an klassische Romane über jüdische Lebensreisen.


Die zweite Hauptfigur neben Theodor Herzl ist ein weiterer Jude: Ilya Brodsky. Er flieht 1882 mit seiner Schwester vor Pogromen in Russland, lebt ein Jahr in einem Lager in Polen und geht dann nach Wien, wo er einige Zeit bei einem Fotografen arbeitet. Dieser erste Teil des Buches erinnert an klassische Romane über jüdische Lebensreisen, die bis zum letzten Spalt mit Brüchen und Neuanfängen ausgefüllt scheinen. Ich las solche Bücher früher in der Schule, und sie wirkten auf mich damals sehr fern und fremd, dabei aber auch erstaunlich nachfühlbar. Das ging mir hier genauso.

Die Geschwister ziehen weiter nach London, wo sie in anarchistisch-sozialistischen Kreisen leben, bis die Schwester nach New York geht und ihren Bruder alleine zurücklässt. Das alles wird von Ilya Brodsky selber erzählt, der auf der ersten Seite des Buches stirbt und aus dem Jenseits sein Leben betrachtet – gleichzeitig weit entfernt und von innen. Parallel lässt er die Geschichte von Theodor Herzl Revue passieren, die von Anfang an schwer und dunkel ist und in der zweiten Hälfte des Buches Brodsky Leben damit anzustecken scheint.


Auf der ersten Seite des Buches stirbt der Erzähler.


Der Autor Camille de Toledo ist ein umtriebiger Künstler mit einer Neigung zu komplexen Konstruktionen. Seit seinem 2005 erschienenen Debüt Goodbye Tristesse hat der in Berlin lebende Franzose allerlei veröffentlicht: Romanfragment, Langgedicht, Opern-Libretto, Videos, Kunstinstallation. Alles angesehene Hochkultur – leichte Unterhaltung ist nicht de Toledos Ziel. Das merkt man seiner ersten Graphic Novel an: Sie strotzt vor historischen Fakten und schönen, klugen Sätzen, verlangt den Lesenden allerdings auch viel Konzentration und Interesse ab – easy reading geht anders.

Leider wird das Buch nach zwei Dritteln etwas zäh: Herzl kämpft um den jüdischen Staat, und Brodsky sieht darin ein Ringen um eine Heimat für Herzls tote Schwester. Das versteht er, denn er hat ebenfalls eine tote Schwester, für die er alles tun würde, das verbindet die beiden und … so weiter. Nach großartigen 200 Seiten versackt das Buch in grübeligen Strudeln, die immer mühseliger werden. Ich tu mich schwer, das zu verurteilen, denn auch de Toledo hat einen toten Bruder, der für ihn sehr wichtig war, und sicherlich schlägt sich das in diesem Buch nieder. Aber was soll ich sagen: Für die letzten 70 Seiten habe ich länger gebraucht als für den Rest des Buches insgesamt.


Fantastisch anzusehen: Doppelseiten wie diese, die einen historischen Überblick gewähren.


Ein Glück, dass Alexander Pavlenko die Geschichte durchgehend auf extrem hohem Niveau in Bilder umgesetzt hat. Der gebürtige Russe, der bei Frankfurt lebt, ist wie de Toledo eher in der Hochkultur beheimatet: Er hat Bücher von E.T.A. Hoffmann und Oscar Wilde illustriert, handgemalte Videos veröffentlicht und laut seiner Website wohl auch einige Graphic Novels in der Schublade, die aber noch nicht erschienen sind. Der 57-Jährige überzeugt ebenso mit wimmeligen Massenszenen wie mit vier ganzseitigen Porträts nacheinander, dem grafisch extremsten Moment des Buches. So bleibt das Buch fantastisch anzusehen, auch wenn gegen Ende die dramaturgischen Schwächen zunehmen.

Wer Comics als leichte Unterhaltung nach Feierabend genießt, ist bei Herzl falsch. Wer jedoch literarisch interessiert ist und vielleicht, so wie ich, immer wieder enttäuscht von elenden Graphic-Novel-Adaptionen großartiger Romane wird damit viel Freude haben. Hier treffen sich Literatur und Comic, als wäre es völlig naheliegend: Zwei Künste, die nie etwas anderes wollten als sich zu küssen.

[Peter Lau]

Abbildungen © 2020 Suhrkamp Verlag / Camille de Toledo, Alexander Pavlenko


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