Frisch Gelesen Folge 151: Die Farbe der Dinge

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Edition Moderne Veröffentlicht: Montag, 30. März 2020 Geschrieben von Peter Lau

»Ich bin Simon Hope, 14 Jahre alt, und habe das grosse Los gezogen: Ich bin die Hauptfigur dieser Graphic Novel.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Die Farbe der Dinge

Story: Martin Panchaud
Zeichnungen: Martin Panchaud

Edition Moderne
Hardcover | 224 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-03731-201-8

Genre: Graphic Novel

Für Leser, die das mögen: Chris Ware, Proll-Comedys wie Shameless


 

Simon Hope, 14 Jahre alt, übergewichtiges Unterschichtkind, ist selbst an seinem besten Tag ein Pechvogel. Als ihm eine Wahrsagerin einen Tipp für ein Pferderennen verrät, der sich als richtig herausstellt und ihm 16 Millionen Pfund einbringt, ist das nur der Beginn von weiterem endlosem Ärger. Erst kommt er nicht an sein Geld, denn dafür braucht er die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten. Doch sein Vater ist verschwunden und seine Mutter liegt im Krankenhaus – sie wurde ins Koma geprügelt. Immerhin will ihm ein gewisser Allan Jones helfen, angeblich ein Freund seiner Mutter. Aber für Abenteuer ist Simon einfach nicht gemacht.

In Die Farbe der Dinge löst sich mit der Zeit alles auf. Das Glück ist schlüpfrig, die eher hilflos wirkende Hauptfigur erweist sich als ausgesprochen lebensfähig, und sämtliche andere Figuren enttäuschen ebenfalls konsequent alle Erwartungen: Die Jugendlichen, die Simon anfangs bedrängen, sind eigentlich ganz nette Trottel, im Gegensatz übrigens zu Simons geliebten Vater, und Allan Jones, der so gerne ein Held wäre, bringt die Sache auch nicht voran. All das wird großartig erzählt, exzellentes Timing und überraschende Wendungen sorgen für viel Lesespaß. Es gibt nur ein Problem: Die meisten Comicfans werden sich dafür erst mal nicht interessieren – weil die Seiten so aussehen:

Die Bilder in Die Farbe der Dinge sind fast ausschließlich Luftaufnahmen: von Straßen und Häusern, Krankenzimmern, Schulen, Parkplätzen, Autos, Stränden und sogar einer Rennstrecke. Seite für Seite erstrecken sich scharf umrissene Flächen, auf denen ebenso klare Kreise platziert sind, die Figuren symbolisieren, mal mehrfarbig (Hauptfiguren), mal einfarbig (Nebenfiguren und Statisten). Dazwischen gibt es einige Zeichnungen von Gegenständen, auch sie wie in Infografiken stark ikonografisch, sowie von einem Wal. Alles für Comics sehr ungewöhnlich bis spektakulär

Die Zeichnungen, ich muss es nicht betonen, erinnern natürlich an Chris Ware. Doch der Schweizer Künstler Martin Panchaud, der mit Die Farbe der Dinge sein Graphic-Novel-Debüt vorlegt, führt seinen Stil auf Dyslexie (Lese- und Rechtschreibschwäche) zurück. Die Behinderung habe ihn erst dazu gebracht, sich ausführlich mit Formen und ihrer Bedeutung zu beschäftigen. Das glaube ich ihm nicht nur, weil die Konsequenz, mit der Panchaud seinen Stil durchzieht, von einer gewissen Besessenheit zeugt, sondern auch, weil er diese extreme Sichtweise ganz normal wirken lässt – nach einigen Seiten fällt es kaum noch auf. Panchaud will wirklich erzählen. Und setzt dabei vor allem auf lange Dialoge.

Okay, das war kein toller Dialog. Aber vielleicht der? Simon und Allan Jones im Auto:

»Warum bist du nach England zurückgekommen? Warum bist du nicht geblieben, wo immer du warst?«
»Gute Frage. Vielleicht einfach zu viele Verletzungen. Ich war erschöpft ... Ehrlich gesagt, ich bin in Kambodscha auf eine Mine getreten. Da unten liegen noch immer tausende.«
»Eine Mine?«
»Ja, ich lag alleine da und traute mich nicht, meinen Fuß von der Mine zu nehmen.«
»Oh.«
»Kurz gesagt, niemand wusste, wo ich war, weit weg von allem. Ich dachte, ich würde sterben. Und dass niemand es je erfahren, mich nie jemand vermissen würde. Dass alles aus wäre. So ging das mehrere Stunden lang. Ich habe über alles nachgedacht und mir gesagt, dass ich nach Hause gehe, wenn ich das irgendwie überleben sollte.«
»Und wie ist es weitergegangen?«
»Ich hatte mich mit dem Tod abgefunden. Ich sprang zur Seite, um endgültig Schluss zu machen, und erwartete, dass die Explosion mich zerreißen würde. Aber ... nichts. Als ich genauer hinschaute, sah ich, dass es ein Stück von einem Frisbee war, vom Meer angespülter Abfall.«
»Aha.«
»Aber ich hatte mit etwas vorgenommen, also bin ich zurückgekommen ... Du wirkst etwas enttäuscht. Hättest wohl lieber gehabt, dass ich pulverisiert worden wäre.«
»Nein, nein.«

Die Konzentration auf die Dialoge bedingt auch der Zeichenstil. So beeindruckend er auf den ersten Blick sein mag, so unemotional, ja kalt, ist er auch. Die Orte sind abstrakt, die zu Kreisen gewordenen Figuren noch viel mehr, sodass nur die Dialoge bleiben, um irgendwas jenseits der äußeren Umstände darzustellen. Doch Martin Panchaud gelingt es tatsächlich, in sehr einfachen Gesprächen viel auszudrücken. Die Figuren (Kreise!) werden verständlicher als in vielen Comics, die von extremen Gesichtsausdrücken nur so wimmeln.

Das Buch sieht fantastisch aus. Die Dialoge sind großartig und die Geschichte ist grandios. Sie ist zum Teil unglaublich lustig: Nicht nur die Wichsmaschine (ja, im Ernst), sondern sogar der Wal (Name: B-52, 28 Meter, 156584 Kilo) liefern Spitzengags, bis am Schluss klar ist, dass Die Farbe der Dinge eigentlich kein Drama ist, wie es anfangs scheint, sondern eine Komödie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst beim zehnten Lesen noch interessante neue Details deutlich werden. Das Buch hat außerdem einen sehr schönen Einband und ein Lesebändchen, und wer es verschenkt, wird wohl als Supertopchecker gelten. Es ist alles eine einzige Freude.

Klingt das wie eine Empfehlung?
Gut.
Obwohl es auch Seiten gibt, die völlig unverständlich sind. Die hier zum Beispiel:

Aber was solls?

Und falls jemand nach der Lektüre (oder vorher?) mehr will: Martin Panchaud hat den ersten Star-Wars-Film (Episode 4) in genau diesem Stil als durchgehende Bildgeschichte zum Runterscrollen umgesetzt. Die steht hier:  https://swanh.net
Der Schweizer sagt, sein Vorbild dafür seien chinesische Schriftrollen, gedruckt wäre diese Geschichte 129 Meter lang. Und ich dachte: Schriftrollen? Wieso macht das eigentlich noch keiner? Also, Verleger, die ihr nach dieser bescheuerten Krise hoffentlich nicht alle pleite seid: Könnt ihr bitte diese Star-Wars-Version als Schriftrolle veröffentlichen? Und wer zeichnet die nächsten Rollen?

[Peter Lau]

Abbildungen © 2020 Edition Moderne


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