Frisch Gelesen Folge 160: Abteilung für irre Theorien

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Edition Moderne Veröffentlicht: Montag, 25. Mai 2020 Geschrieben von Mechthild Wiesner

 »Entspannen Sie sich … Ich bin mir fast sicher, dass ich weiß, was ich tue.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Abteilung für irre TheorienDas Cover von Tom Gaulds Abteilung für irre Theorien.

Story:
Tom Gauld
Zeichnungen: Tom Gauld

Edition Moderne
Hardcover | 160 Seiten | Farbe | 19, 80 €
ISBN: 978-3-03731-202-5

Genre: Comicstrips, Funny

Für Leser, die das mögen: nerdigen Wissenschaftshumor, der über den in The Big Bang Theory weit hinausreicht



Mit den irren Theorien ist das momentan so eine Sache. Davon sind einige im Umlauf, die meisten allerdings sind überhaupt nicht zum Lachen und kommen von Menschen, die eher den Aluhut als die Wissenschaftsbrille aufhaben. Wie wäre es also, sich diesem Thema auf der nüchternen, wissenschaftlich-humoristischen Ebene zu nähern?

Das ist etwas, was Tom Gauld ziemlich gut kann. Bereits mit seinem 2012 bei Reprodukt erschienenen Goliath hat er sein Talent unter Beweis gestellt, indem er eine an sich recht dröge Erzählung aus dem Alten Testament auf eine sehr unaufgeregte Art mit viel Witz aus einer gänzlich neuen Sicht beleuchtet. Sein nun bei der Edition Moderne veröffentlichter Band versammelt Cartoons, die ursprünglich im New Scientist, eine wöchentlich publizierte, internationale wissenschaftliche Fachzeitschrift, erschienen sind.

Schräger Humor: Seite 8 aus Tom Gaulds Comic.
Gegen Schrödie kann Lassie einpacken!

Wissenschaftsscherze sind ganz mein Ding! Mein Vater, seines Zeichens Doktor der Geologie, war nicht nur der Inbegriff des Nerds (obwohl es diesen Begriff zu seiner Zeit noch gar nicht gab), sondern auch der König des Flachwitzes. Und wenn er diese beiden Bereiche vereinen konnte, war er selig. Daher schlagen diese kleinen, feinen Cartoons sehr treffsicher in meinem Humorzentrum ein. An der Stelle, wo sich The Big Bang Theory nach anfänglich gutem Start dann doch dem Mainstream zum Fraß vorgeworfen hat, kommt Tom Gauld erst so richtig in Fahrt. Da er aber selbst nicht aus der Naturwissenschaft kommt, hat er trotzdem noch genug Erdgebundenheit, um seine Strips nicht zu verkopft werden zu lassen. Nebst vielen Anspielungen auf zeitgenössische Dinge und Alltagsgeschehnisse finden sich viele Interpretationen bekannter Märchen und Geschichten. So denkt er nicht nur darüber nach, wie die Zukunft des Autos aussieht oder der Aufbau eines subatomaren Schweizermessers, sondern auch darüber, wie es wäre, wenn die Wilden Kerle der Feldforschung anheimfallen würden oder wie die Ikea-Bauanleitung für einen Klon aussähe.

Tücken der Wissenschaft: S. 75
Klare Linien und ein sauberer Strich, die den Humor perfekt transportieren.

Gaulds Zeichenstil ist gradlinig und simpel. Sein klarer Strich mit starken schwarzen Linien und einer meist in Sepiatönen gehaltenen Farbgebung setzt gekonnt das Inhaltliche in den Vordergrund. Trotzdem hat Gauld einen unverwechselbaren Stil, der auch visuell seinen sehr feinsinnigen Humor widerspiegelt. Und man merkt ihm seine Liebe für Roboter an, die er oft wesentlich feingliedriger zeichnet als Menschen. In dem Strip »Mensch vs. Maschine« lernt die Maschine, besser Schach zu spielen als der Mensch, lässt den Menschen dann aber doch hin und wieder gewinnen, um den Frieden zu wahren. Die Maschine ist also doch der bessere Mensch. Herzchenemoji!

Anspielungsreich: Auf S. 156 wir M. C. Escher aufs Korn genommen.
Tom Gauld verbindet Kunst und Wissenschaft geschickt miteinander.

Den einzigen Wermutstropfen liefert die deutsche Übersetzung, bei der man sogar ohne Kenntnis des englischen Originals an einigen Stellen merkt, wie viel des britischen Humors verloren gegangen sein muss. Wenn die intelligenten Technologien für Zuhause mit dem smarten Phone beginnen und dann mit dem einfühlsamen Wäschetrockner weitermachen, tut das ein bisschen weh, weil man förmlich spürt, wie hier der Witz gestorben ist. Wenn dann aber wiederum der typisch britische Hang zum Kartenverschenken mit Beileidskarten für Wissenschaftler (»Sorry, dass dein Papier abgelehnt wurde!«) aufs Korn genommen wird, ist die Welt wieder ein wenig in Ordnung.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2020 Edition Moderne


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