Frisch Gelesen Folge 182: Die Ballade von Halo Jones

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Panini Veröffentlicht: Montag, 26. Oktober 2020 Geschrieben von Falk Straub

Teaserbild zu Halo Jones

 »Natürlich war die Serie aufgrund ihrer Eigenart nicht nach jedermanns Geschmack.«
(Alan Moore über The Ballad of Halo Jones)


FRISCH GELESEN: Archiv


Die Ballade von Halo Jones 1Das Titelbild des ersten Bands von Halo Jones

Story: Alan Moore
Zeichnungen: Ian Gibson

Panini
Hardcover │ 64 Seiten │ Farbe │ 17,00 €
ISBN: 978-3741620690

Genre: Science Fiction

Für Leser, die das mögen: Comics des britischen Magazins 2000 AD



Alan Moore ist vieles: Anarchist, Okkultist, Magier. Vor allem aber ist der 1953 geborene Engländer ein begnadeter Geschichtenerzähler. In der Neunten Kunst führt kein Weg an ihm vorbei. Dafür hat er schlicht zu viele stilprägende, genresprengende und das Medium revolutionierende Comics geschrieben. Stellvertretend seien an dieser Stelle lediglich Watchmen und From Hell genannt. Doch weil Moore sich inzwischen aus der Branche zurückgezogen hat, rücken seine älteren Werke wieder vermehrt in den Fokus.

Morgen kommt von Panini der erste von drei hochpreisigen Prachtbänden in den Handel, der Moores Geschichten rund um den zum Swamp Thing gewordenen Biologen Alec Holland versammelt. Noch vor Watchmen entstanden, bedeutete die Übernahme des von Szenarist Len Wein und Zeichner Bernie Wrightson erschaffenen Sumpfmonsters für Moore Mitte der 1980er Jahre den Durchbruch. Ebenfalls in diese Periode fällt The Ballad of Halo Jones, die Moore zwischen 1984 und 1986 für das britische Comicmagazin 2000 AD erdachte. Bei Panini liegt die ursprünglich auf eine Länge von neun Sammelbänden angelegte, aber unvollendet gebliebene Science-Fiction-Saga seit Kurzem in deutscher Erstveröffentlichung vor. Band 1 zeigt, wie weit Moore von seinen großen Würfen noch entfernt war. Der Band verdeutlicht aber auch, was Moore damals schon alles anders machte als viele seiner Kollegen.

Halo Jones 1, Seite 17
Mitten drin: Alan Moore und Ian Gibson werfen uns in die Welt des 50. Jahrhunderts.


Moore wirft uns Leserinnen und Leser völlig unvermittelt ins Geschehen. Gemeinsam mit Halo Jones finden wir uns im 50. Jahrhundert wieder. Die Titelfigur muss erst noch zur Heroine werden. Zu Beginn ihrer Heldinnenreise ist sie eine 18-jährige Durchschnittsbürgerin. Mit ihren Freundinnen Rodice und Brinna teilt sie sich ein winziges Appartement, das irgendwo vor der US-Ostküste auf einer riesigen ringförmigen Wohnsiedlung treibt. Deren Ausmaße lassen sich nur erahnen, weil Zeichner Ian Gibson uns nie einen Gesamtüberblick gewährt. Immer an der Seite der drei Frauen ist ihr Roboterhund Toby. Ihr Leben hält nicht viele Überraschungen bereit. Also vertreiben sich Halo & Co. ihren tristen Alltag mit simplen Ablenkungen, etwa einem Konzert wie diesem:

Halo Jones 1, Seite 8

Schon die Wahl der Titelfigur ist besonders. Was aus heutiger Sicht nicht ungewöhnlich anmutet, beschreibt Moore in einem 1986 verfassten und diesem ersten Band beigefügten Nachwort so: »Was ich wollte, war einfach eine ganz normale Frau, wie sie in der Warteschlange an der Supermarktkasse vor einem stehen könnte, die aber der Art von Zukunftswelt ausgesetzt ist, wie sie nun mal zu einem Science-Fiction-Comic für Jungs zu gehören schien.« Dementsprechend ist Halo Jones weder leichtbekleidet noch waffenstarrend. Und der erste Handlungsbogen erzählt tatsächlich von einer so alltäglichen Tätigkeit wie einem Einkauf. Halo und Rodice wollen in die Mall, was sich in ihrem gigantischen Wohnring wie eine Weltreise ausnimmt. Einmal Einkaufszentrum und zurück. That's it. Mehr hat Moore auf 52 Seiten nicht zu erzählen. Am Ende steht freilich der Entschluss, das bisher geführte Leben hinter sich zu lassen und zu den Sternen aufzubrechen. Halo heuert als Stewardess auf einem Raumschiff an. Bis es so weit ist, geraten wir beim Lesen allerdings wiederholt in die Warteschlange.

Halo Jones 1, Seite 32
Warten auf'n Bus: Nicht nur für die Figuren gerät die Handlung zur Hängepartie.


Bei der Erstveröffentlichung dieser Geschichte hat Moores unmittelbare Erzählweise viele irritiert. Der »Barde[n] aus Northampton«, wie mein Kollege Peter Schimkat Alan Moore in der jüngsten ALFONZ-Ausgabe nannte, erklärt nichts. Die Lebewesen und die Gegenstände, die das 50. Jahrhundert bevölkern, sind ebenso selbstverständlich einfach da wie die fremden Worte, die sie bezeichnen. Das Verständnis dafür ergibt sich aus dem Kontext und ist auch nicht das Problem.

Die große Schwäche ist vielmehr, wie lange Moore braucht, um in diesen Kosmos einzuführen. Obwohl er für jede der zehn Episoden des ersten Bands nur wenige Seiten zur Verfügung hat, stellt sich schnell ein Gefühl der Redundanz ein. Die Handlung kommt nicht recht vom Fleck, hält sich mit zu vielen Belanglosigkeiten auf, wiederholt sich und gerät just dann, als wir uns endlich in dieser Welt eingerichtet haben, viel zu sprunghaft. Da helfen auch Gibsons ansehnliche Zeichnungen wenig. Der Auftakt dieser Saga ist ein echtes Geduldsspiel.

Halo Jones 1, Seite 43
Aufbruch in eine neue Welt? Halo und Rodice wollen runter vom Ring.


Der Cliffhanger und das Zusatzmaterial lassen jedoch hoffen. Die darin enthaltene Covergalerie, die Halo Jones auf fremden Planeten zeigt, macht Lust auf mehr. Mit den Weiten des Weltalls öffnet sich hoffentlich auch Alan Moores Erzählweise.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2020 Panini Comics


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