Neil Youngs Greendale

Veröffentlicht: Freitag, 04. Oktober 2013

Greendale (Panel)

Mit der Rockoper Greendale setzte sich der kanadische Singer-Songwriter Neil Young ein multimediales Denkmal. Die Geschichte von dem Mädchen Sun Green, angesiedelt in einer fiktiven kalifornischen Küstenstadt, ist auch ein Versuch der Sichtbarmachung eines »grünen« US-amerikanischen Umweltbewußtseins in small town America.

Neil Youngs Greendalecr ICON-Rezensionen
Grün ist die Hoffnung

VON WOLFRAM NEUN

Am Anfang war die Musik: Eine Dekade ist es schon her, seit Neil Percival Young mit den Schrammelbuddies von Crazy Horse sein Konzeptalbum Greendale veröffentlichte. In zehn Songs räsoniert Youngs bittermorscher Sprechgesang, angetrieben von zwei bis zweieinhalb Akkorden einer knarzenden Bluesrock-Gitarre, während Schlagzeug und Bass lässig auf dem Rücksitz lümmeln, über den in Unordnung geratenen American Way of Life einer nicht ganz so stinknormalen Familie in einem fiktiven Kaff an der Küste Kaliforniens, über Hippie-Träumereien, jugendliches Aufbegehren, einen Mord … und Fische mit drei Augen. Unter anderem.

Neil Young Greendale Titelbild

Bei der Geschmackspolizei in popkulturellen Angelegenheiten belegte die stoppelbärtige Rockoper sämtliche Stufen auf einer Skala von Schrott bis Meisterwerk. Vom Rolling Stone Magazine zu einem der wichtigsten Alben des Jahres 2003 gekürt, schieden sich die großen und sehr kleinen Geister vor allem an den politischen Nebengeräuschen des Small-Town-Dramas. To hell with that! Nach des Barden traditionellem Verständnis von Kunst soll diese nunmal Emotionen wecken, Hirnaktivitäten anregen, wachrütteln, und Young rüttelt, was das Zeug hält: Aspekte wie die Sensationslust der Medien, staatliche Überwachung und die Ausgrenzung der Jugend im modernen Amerika unterfüttern die gesellschaftskritische Beschreibungsebene von Greendale. Am Ende der »Musical Novel« schwingt Young sich gar zum Chefankläger der Regierung auf. Mantragleich beschwört er die Rettung der von Klimawandel und Verschmutzung bedrohten Umwelt und stellt die Verquickung von Erdölindustrie und Weißem Haus an den Pranger. Im hymnenhaften Gassenhauer »Be the Rain« versinnbildlicht eine Megafonstimme die Verbreitung dieser Botschaft in den amerikanischen Provinznestern, in all den Greendales, deren Bewohner vom 9/11-Trauma paralysiert die Bush-Administration widerstandslos gewähren ließen.

Neil Young Greendale

Die intensionale Bezugnahme auf politische und soziale Motive kommt nicht von ungefähr: So war Young einst in der Anti-Vietnamkriegsbewegung aktiv, trat mit den alten Kämpen von Crosby, Still & Nash für Greenpeace auf, konzertierte bei Live Aid und gehörte zu den Organisatoren von Farm Aid. Mit seiner Frau Pegi gründete er eine Schule für behinderte Kinder. Der Mann mit dem »Heart of Gold« predigt nicht nur Wasser, er trinkt es auch. Die Liebe zu Oldtimern verband er mit seinem Engagement für die Umwelt, indem er eine alte Karre zum sanft unter den geliebten Redwood-Baumriesen dahingleitenden Batteriekreuzer umschrauben ließ. Bei Konzerten verzichtet der »Godfather of Grunge«, wie ihn die Post-Punk-Generation ehrfürchtig adelte, auf eine gigantische Lichtorgel zugunsten energiesparender LED-Technik. Auf seiner Ranch, wo Greendale aufgenommen wurde, baut Old Young Gemüse an. 2006 erschien sein Folk-Protest-Album Living With War, das vom Wunsch beseelt war, den damaligen Präsidenten vor den Kadi zu zerren. Böse Menschen würden Neil Young wohl als Gutmenschen bezeichnen; Frank Miller sticht bestimmt regelmäßig Nadeln in eine langhaarige Voodoo-Puppe, grimmige Bannflüche für diesen »fucking fundamental Canadian clown of anarchy« ausstoßend.

Das Thema Greendale ließ Neil Young nicht mehr los, denn im Erscheinungsjahr der Rockoper wurde diese von den politischen Ereignissen eingeholt. Bei der US-Invasion im Irak ging es vordergründig um Terrorismusbekämpfung, nebenher aber um das große Geschäft mit dem Öl. Halliburton and Friends (of Bush and Cheney) verdienten sich eine goldene Nase. Anzeichen für Massenvernichtungswaffen konnte die UN-Rüstungskontrollkommission hingegen keine feststellen. 2003 war auch das Jahr, in dem das Bureau of Land Management Pläne zur großflächigen Nutzung der Ressourcen in Alaskas Landschaftsschutzgebieten preisgab. (Wahrscheinlich hatten Biber, Bär und Büffel eine Formel für Chemiewaffen entwickelt.) Fortan war Greendale für den Polit-Rocker nicht mehr nur künstlerische Herzensangelegenheit um des Krawalls wegen, sondern wurde zur, sorry, Ölung bei sehr lebendigem Leibe: Young spielte sich bei Konzerten die Finger wund, es folgten DVDs von Live-Auftritten, Bühnenshows mit Darstellern und Requisiten in Japan, Nordamerika und Australien, ein unter dem Pseudonym Bernard Shakey gedrehter Independent-Film, ein Buch mit bebilderten Songtexten sowie weiterführenden Informationen über die agierenden Personen. Zu guter Letzt publizierte Vertigo auf Initiative von Neil Young zur multimedialen Komplettierung des Opus Magnums die Graphic Novel, die nun endlich in deutscher Sprache bei Panini erschienen ist.

Neil Young Greendale Charakterstudien

Sun Green: Charakterstudien von Cliff Chiang

Die Arbeiten an der Comicversion von Greendale begannen im Jahre 2006. Man möchte meinen, es sei kein leichtes Unterfangen für einen Szenaristen gewesen, in den lyrischen Ergüssen eines Musikalbums mit nahezu festgezurrter Handlung noch Spielraum für kreatives Potenzial auszuloten. Autor Joshua Dysart, seit seiner Kindheit und dem Album »Harvest« bekennender Young-Fan, hatte freilich genaue Vorstellungen von einer Weiterentwicklung der Story fernab simpler Songkopien und stieß damit bei Neil Young auf offene Ohren. Beide schickten einander regelmäßig Kommentare, diskutierten Ideen am Telefon und trafen sich, so oft es ging. Der persönliche Fingerabdruck, den Joshua Dysart auf der Adaption der musikalischen Vorlage hinterlassen hat, besteht in erster Linie im Hinzufügen übernatürlicher Elemente und deren narrativ exzellent gelöstem Verweben mit der Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau, die aufgrund tragischer Ereignisse in ihrem Umfeld zur kämpferischen Aktivistin wird.

War ebenjene Sun Green in der Audio-Version noch eine Art »Deus ex Machina«, bekleidet die 18-jährige Urenkelin des Gründers vom Städtchen im grünen Tal nun die Hauptrolle in der Erzählung, die in der Aufbereitung von Joshua Dysart zur Tragödie epischer Bandbreite ausfächert, zum Kampf engelgleicher Wesen gegen den durch Greendale flanierenden Teufel, der Mundharmonika spielt, durch Wände gehen kann und offensichtlich Unheil heraufbeschwört. Schlimme Dinge passieren. Doch nicht das monströse, dreckige, laute Gotham City muss mit dem Beistand klötenprotziger Superhelden gerettet werden, sondern die pittoreske Beschaulichkeit des amerikanischen Kleinstadt-Idylls gilt es amazonenhaft zu verteidigen. Und Alaska sowieso. Dabei hilft den magischen Green-Frauen, die mit Karibus tanzen und mit Walen flüstern, generationenübergreifend ihre unsichtbare Standleitung zur Mutter Erde, eine mystische Naturverbundenheit, die sogar das Gras zwischen ihren Fingern wachsen lässt. Natur als heilender und heiliger Rückzugsort. Ein Refugium der Ursprünglichkeit, das über den Zivilisationsplagen steht, über Kriegen, Politik, Apathie, Gier. Den Kontrast zur grünen Wellness-Einfriedung bilden die surrealen Träume von Sun, in denen Tiere vorkommen, die vom Gehörnten blutig zermalmt werden, derweil eine in den Wäldern verschollene Tante ihr delphisch zuruft: »Sei der Regen!« Bei der Suche nach Antworten auf Fragen an die Vergangenheit ihrer seltsamen Mischpoke und der Begegnung mit dem Antagonisten in der Gegenwart erkennt Sun schließlich ihre Bestimmung in der Zukunft.

Neil Young Greendale Originalzeichnungen

Originalzeichnungen vor der Kolorierung von Cliff Chiang

Holla die Waldfee! Auchwenn die neopaganistisch-feministische Spiritualitätsschablone von Flower-Power und New Age bisweilen etwas melodramatisch aufgebauscht wirkt, ist Greendale ganz gewiss keine Lektüre ausschließlich für Betroffenheitspullover tragende Eso-Muttis mit hennagefärbter Rasta-Frisur und Emma-Abo! Pathos und Kitsch sind eher nachrangig und stehen der Vielschichtigkeit des Werkes nicht im Wege. Allein die Charakterausformung der Nebenakteure erscheint bemerkenswert. Da hätten wir beispielsweise Suns Vater, einen brotlosen Kunstmaler; dann gibt es den Cousin, einen Müßiggänger und Waffennarren; Earth Brown, Suns Freund und Greenhorn im doppelten Sinne; ihren Großvater, der an Alzheimer erkrankt ist und am liebsten im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzend sich von der Enkelin die alten Songs vorsingen lässt, um sich an bessere Zeiten zu erinnern: A LITTLE LOVE AND AFFECTION / IN EVERYTHING YOU DO / WILL MAKE THE WORLD A BETTER PLACE / WITH OR WITHOUT YOU. All diese Typen, so subaltern sie zunächst wirken, liefern einen individuellen Anteil an der Entfaltung des Plots – und der von Sun Green vom niedlichen Naturmädchen zur couragierten Streiterin im Tarnanzug, die Denkmäler schändet und Schiffe versenkt.

Für den Greendale-Musikalbum-Kenner wie den Uneingeweihten gleichermaßen interessant ist die Graphic Novel, weil sie die Geschichte von Anfang an erzählt, kein Vorwissen erfordert, Hintergründe unter die Lupe nimmt, die Handelnden in messerscharfen Dialogen genauer beleuchtet und den losen Faden vom Liederzyklus ungeachtet der einen oder anderen Übersimplifizierung zu einem organischen Ganzen spinnt, zu einem Epos über die Magie, die den einfachsten Dingen dieser Welt innewohnt und für die es sich lohnt zu kämpfen, wenn sie bedroht sind. Young und Dysart erinnern mit ihrem modernen Märchen vom Kampf der Öko-Elfe Sun Green an das nette Gleichnis vom Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Wirbelsturm auszulösen vermag. Die Verbindung von lebendiger Familien-Saga, politischer Message und fantasievollem Supranaturalismus stellt durchaus eine stilistische Meisterleistung dar. Einzig der abrupte Schluss ärgert im ersten Moment, stachelt aber umso mehr die Erfindungsgabe des Lesenden an.

Ohne angemessenes Artwork wäre Joshua Dysarts gepimpte Fortschreibung von Neil Youngs Vorlage selbstredend nicht vorstellbar. Allerdings gestaltete sich die Suche nach einem Künstler schwieriger als gedacht, denn Young hatte sehr genaue Vorstellungen von der Strichführung desjenigen, dem er Greendale anvertrauen wollte. Es geschah an einem Sonntag. Die New England Patriots führten im langweiligen Super-Bowl-Endspiel des Jahres 2008 im ebenso winterlich blassen Greendale, pardon: Glendale, und Tom Petty stellte sich in der Halbzeit dem Kraftakt, das Publikum mit glätteisenbehandelter Stimme aufzuwecken. Cliff Chiang, bei DC Comics zu ersten Meriten gekommener Zeichner, räkelte sich gerade gähnend vor der Glotze, als eine eMail hereinschneite. Es dauerte eine Weile, bis Chiang begriff, wer ihn da um Mitarbeit an einem Projekt gebeten und mit »ny« unterzeichnet hatte: N(eil) Y(oung) bekam seinen Wunsch-Zeichner… und die N(ew) Y(ork) Giants im Übrigen den Pott.

Neil Young Greendale Beispielseite

Zwei Jahre lang zeichnete Chiang an dem 160-Seiten-Werk. Kurzum: Das Ergebnis ist im wahrsten Sinne des Wortes fabelhaft! Gäbe es nicht schon einen Film, wäre hier die perfekte szenische Bezugsquelle. Chiang reizt die Stärken des Mediums aus, indem er einerseits mit Illustrationen von schnörkelloser Konsistenz für Authentizität der Schilderungen sorgt und andererseits die Traumbilder von Sun Green mit ausgefransten Panelrändern oder die Darstellung sirenenhafter Masken respektive tierischer Fratzen in ihrer Wundersamkeit dynamisch überzeichnet. Alles wirkt wie aus einem Guss. Die Zeichnungen sind aufgeräumt, der Stift mit kräftigem Streif angesetzt, die Panelanordnung leserlich aufgebaut. Seiten ohne oder mit wenig Text kommunizieren auch so oder gerade deshalb mit dem Leser ganz trefflich. Trotz der wenigen Striche vermitteln die Gesichter und Gesten der Figuren hinreichend alle Facetten des Gefühlsspektrums. Bei Betrachtung der wunderschönen Naturbilder von den majestätischen Redwood-Wäldern oder den Unterwasserszenen beschleicht einen das Gefühl, man wäre mittendrin statt nur dabei

Neil-Young-Fans, denen sich die Texte der Platte vor lauter Rauf- und Runtergedudel schon in die Gehörgänge eingebrannt haben und die in der Biographie des Sängers sattelfest bewandert sind, werden sich an den Aufmerksamkeiten erfreuen, die der Zeichner am Wegesrand parat hält, z.B. die Katze von Sun Green, die in einem Song des Originals vom FBI erschossen wird, oder die Band »The Imitators«, die allabendlich zum Tanz aufspielt. Der archaische Leichenwagen, mit dem Young anno Woodstock durch Kalifornien bretterte, bekommt ebenso seinen Ehrenplatz wie der LincVolt, der zum Elektroauto nachhaltig umgefrickelte Straßenkreuzer. Sogar der Urheber von Greendale hat in der Graphic Novel Auftritte in mehreren Inkarnationen: als saufender Vater, als der Leibhaftige daselbst mit leuchtenden Augen und diabolischem Grinsen, und als Großvater, der in der Rückblende den Summer of Love abfeiert.

Neil Young Greendale Beispielpanels

Um dem Büchlein eine angestaubte Haptik zu verpassen, wurde die äußerst gelungene Kolorierung von Dave Stewart eingebleicht. Neben dem äußeren Erscheinungsbild eines Familienalbums mit vorangestelltem Stammbaum auf den inneren Klappdeckeln trägt dies zu einer sanften Dosis wohliger Vertrautheit bei und verstärkt die traumgleiche Atmosphäre. Die Seiten der Publikation wurden nebenbei bemerkt auf Papier aus ökologisch verantwortungsvollen Quellen nach FSC-Standard gedruckt. Grüner wird’s nicht! Sollte das jemand für einen Witz halten, kann er auf der Seite info.fsc.org die Angaben überprüfen und dort die Nummer C115044 eingeben. Bingo!

Bleibt die Frage: Ist Greendale in seinen politisch-ökologischen Aussagen überhaupt noch zeitgemäß? Schließlich existieren Bush und die Achse der Blöden doch nur noch in den historischen Aktenordnern als peinliche Entgleisung amerikanischer Selbstwahrnehmung, während Obama die USA entspannten Schrittes wieder zurück in die Zivilisation geführt hat… mal abgesehen von, ähem, »Kleinigkeiten« wie dem WikiLeaks-Skandal, der NSA-Affäre oder der dräuenden Bombardierung Syriens. In Sachen Umweltschutz besteht zwischen Natur und Gesellschaft weiterhin so manche Gegnerschaft. Nicht nur die Amerikaner weigern sich inständig, eine internationale Vereinbarung zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes zu unterzeichnen. China hat ganz höflich erklärt, Umweltverschmutzung sei nunmal das Recht einer großen Nation. In Frankreich betreibt man Atomkraftwerke, die sich technisch bestenfalls auf dem Niveau des pulverisierten Reaktors von Tschernobyl befinden. Ach ja, wir in Deutschland vollziehen die viel gepriesene Energiewende ausgerechnet mit subventionierten Klimakiller-Kohlekraftwerken. Und der Echohall der »Deepwater Horizon«-Katastrophe im Golf von Mexiko klingt immer noch nach: Obwohl Jahr für Jahr tote Delfine an Floridas Küste angeschwemmt werden, bohrt BP dort seit kurzem wieder nach Öl. Solange der Raubbau an der Natur vom Markt belohnt wird, gibt man eben ordentlich Gas beim frontalen Zusteuern auf die Betonwand. Es bräuchte schon eine ganze Armee von Sun Greens, um den Aufprall zu verhindern.

Neil Young hat eine Fortsetzung von Greendale in Aussicht gestellt. Wie es aussieht, schreibt sich die Geschichte von selbst. BE THE RAIN!

Abbildungen © Panini / Joshua Dysart / Cliff Chiang


Die nackten Faken

Neil Young Greendale
Text: Joshua Dysart, Zeichnungen: Cliff Chiang
Panini Comics, Hardcover, Farbe, 160 Seiten, 26,6 x 17,6 cm, 24,99 €, ISBN 978-3-862016587


Weiterführender Link:

Homepage des Verlags: Panini Comics