Frisch Gelesen Folge 176: Im selben Boot

Hauptkategorie: Rezensionen Kategorie: Schreiber & Leser Veröffentlicht: Montag, 21. September 2020 Geschrieben von Walter Truck

»Viele unserer Sätze enthielten einbei uns oder bei euch. Die Unterschiede von 40 Jahren Trennung verschwinden nun mal nicht ganz so schnell … wie sämtliche deutsch-deutsche Grenzen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Im selben Boot

Story: Zelba
Zeichnungen: Zelba

Schreiber & Leser
Hardcover │ 160 Seiten │ Farbe │ 22,80 €
ISBN: 978-3-96582-037-1

Genre: Coming-of-Age, Autobiografie

Für Leser, die das mögen: Jugendabenteuer, Komödien, Autobiografien


 

Die Handlung spielt während des Übergangs der 80er zu den 90er Jahren. Musik zum Mitnehmen gibt es noch vom Walkman und auf Kassette (zumindest bis das Band reißt) und aus Raider wird bald Twix. Zelba erinnert sich in dieser Autobiografie an ihre Teenagerjahre und setzt mit dem 10. Oktober 1989 ein. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt und rudert sich mit ihrer älteren Schwester Britta schwer einen ab. Beide engagieren sich im Rudersport:


Zelba heißt eigentlich Wiebke Petersen, kam 1973 in Aachen zur Welt, gehörte zur ersten gesamtdeutschen Rudermannschaft und wurde 1991 Juniorenweltmeisterin. Danach studierte sie Grafikdesign und lebt seit 1998 in Saint-Étienne. In ihrer ersten Veröffentlichung in ihrer deutschen Muttersprache erzählt sie locker und flockig von ihrer damaligen sportlichen Karriere, von frühen Lieben und Liebeleien und lässt den Leser sogar ihre ersten »Tage« miterleben, ob er nun will oder nicht.

Ihr Ton ist so humorvoll, dass einem regelmäßig ein Schmunzeln oder Grinsen ins Gesicht gezaubert wird. Etwa, wenn ihr Trainer einen Wutanfall bekommt und dabei ein Sitzmöbel zertrümmert. Wenn sie sich witzelnd fragt, wie es ihre Mutter wohl geschafft hat, sie und ihre Schwester auf einer Schule für möglichst wohlerzogene und möglichst katholische Mädchen unterzubringen. Wenn sie dümmlich-blöde Anmachen ihrer männlichen Ruderkollegen spritzig und offensiv kontert. Oder wenn ihr selbst mal die Spucke wegbleibt. Was wirklich nicht so oft vorkommt. Und natürlich erzählt sie viel vom Rudern. Zelba gelingt es aber auch hier, den Leser einzufangen und ihn für dieses eher abseitige Thema zu begeistern. Sie bietet dabei unglaublich viele Informationen, langweilt oder überfordert aber an keiner Stelle.

Komplizierte Sachverhalte und Gefühlte präsentiert Zelba auf Doppelseiten: die Grenzöffnung (oben) oder die Einsamkeit, wenn Wiebke zum ersten Mal allein unterwegs ist (unten).


Zelba zeichnet realistisch und erzählt mit einer Folge rahmenloser Bilder, die übersichtlich und leicht nachvollziehbar angeordnet sind. Dieses Arrangement schmückt sie vereinzelt mit Panels. Die Farbgebung ist größtenteils blaugrau, wobei hin und wieder bunte Elemente auftauchen, um Specials zu betonen. Eine Besonderheit sind ihre Doppelseiten, die oft farbig sind. Auf diesen tobt sie sich als Illustratorin aus und erinnert immer dann an Schul- oder Sachbücher, wenn es um Sport oder historische Ereignisse geht. Auf diesen Splash Pages hält sie sich nicht an Konventionen und lässt die Handlung schon mal verschlungenen Wegen folgen, um komplizierte Sachverhalte darzustellen. Dann zeigt sie zum Beispiel, wie der Rudersport funktioniert, wie es im Laufe des 9. Novembers 1989 zur Grenzöffnung kommt, sinniert aber auch über ihr Verhältnis zur älteren Schwester oder reflektiert, warum es ihr so schwerfällt, sich zum deutschen Nationalismus zu bekennen.


Mit dem deutschen Nationalismus hat die Protagonistin ein Problem ...


Letzteres ist interessant, denn Zelbas Ton ist so beschwingt, dass das Ganze wie ein unbekümmerter Spaß wirkt. So fällt es einem beinahe nicht auf, dass das Szenario auch deprimierende Passagen streift. Ihre Mutter zum Beispiel ist so schwer krank, dass die Ärzte nur noch pessimistische Prognosen abgeben. Doch selbst das verdunkelt nicht den erzählerischen Horizont. Zelba überspielt die Momente der Betroffenheit nicht, will sich aber auch nicht in Schwermütigkeit verlieren, sondern lässt das Geschilderte stehen und wirken. Um danach einfach weiter zu erzählen, wie sie bei Ruderwettkämpfen ihre ersten »Ossis« trifft, ihnen mit Vorurteilen begegnet und sich über sie lustig macht. Nur um festzustellen, dass diese anderen Deutschen so anders auch wieder nicht sind, dass es zwischen Ost und West aber sehr wohl kulturelle Unterschiede gibt. Ein Schönes hat der Sport: Durch die Bildung einer gesamtdeutschen Mannschaft lernen sich die unterschiedlichen Parteien kennen und schätzen. Mit Höhen und Tiefen, aber immer begleitet von einer Erzählerin, die sehr gerne optimistisch voranschreitet.


... was Zelba auf Doppelseiten wie diese packt.


Im selben Boot
ist ein Buch übers Erwachsenwerden, eine bewegende Jugenderinnerung und eine Aufforderung, Mauern zu überwinden, auch die im Kopf. Und eine Einladung zu erkennen, dass viele wortwörtlich im selben Boot sitzen. Die jüngere und die ältere Schwester, die sich in gewisser Weise ähneln, aber auch Männer und Frauen, die in ihren Gefühlswelten gar nicht so weit auseinanderliegen.

[Walter Truck]

Abbildungen © 2020 Schreiber & Leser


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