Manga-Eigenproduktionen Teil 2: Tokyopop

Veröffentlicht: Mittwoch, 12. Februar 2014

Tokyopop

Nicht alle Manga kommen aus Japan. Es gibt auch deutsche Eigenproduktionen, die durchaus mit den asiatischen Originalen mithalten können. Dies werde jedoch von den großen deutschen Manga-Verlagen nicht entsprechend gewürdigt. Heißt es. Ein kürzlich vom Tagesspiegel veröffentlichter Artikel attestiert den großen Verlag gar Versagen auf ganzer Linie. Ist das so? CRON hat investigiert.

Stellungnahmen der großen Manga-Verlage

Einleitung (CRON)
Teil 1: Kai-Steffen Schwarz (Carlsen Manga)
Teil 2: Dr. Joachim Kaps (TOKYOPOP)
Teil 3: Jonas Blaumann (Egmont Manga)
Teil 4: Patrick Peltsch (KAZÉ Manga)


Dr. Joachim Kaps (Verlagsleiter Tokyopop)

Joachim KapsMit dem Artikel im Tagesspiegel wurde eine große Chance vertan. Bei uns ist vor allem anderen Verwunderung entstanden, warum der Autor sich nicht die Mühe gemacht hat, sein Thema zu recherchieren. So werden junge Künstler unnötig verunsichert, statt ihnen Hilfestellung zu geben. Zu den Fragen, die Michel Decomain aufwirft, hätten wir gerne Auskunft gegeben, wenn er es denn für nötig befunden hätte, mit einem der Verlage zu sprechen, bevor er seinen eher einer Stimmung als einer Einsicht folgenden Artikel verfasst hat. Gerne holen wir das für alle anderen hiermit nach: 

(1) Fehlanzeige bei der Nachwuchsförderung?

TOKYOPOP hat in den zehn Jahren seines Bestehens weit über eine halbe Million Euro in Autorenhonorare für die Entwicklung deutscher Manga investiert, Comic-Projekte wie die Wormworld Saga oder Bilderbücher wie Kulla nicht eingerechnet.

Die Rede ist hier ausschließlich von Honoraren, d.h. hier sind Marketing, Druck, Repro etc. bewusst nicht berücksichtigt, um das Bild nicht zu verwässern.

Für einen Verlag unserer Größe ist das eine enorme Summe, die wir uns oftmals wirklich zusammensparen mussten, um den AutorInnen halbwegs zumutbare Arbeitsbedingungen zusichern zu können. Wir sind der Meinung, dass wir uns angesichts dieser Beträge nicht vorwerfen lassen müssen, die bösen »Großverlage« hätten nichts für die Förderung des Nachwuchses getan.

(2) Langfristigkeit der Förderung

In den Fällen, wo AutorInnen bereit waren, sich auf die Umsetzung mehrbändiger Projekte einzulassen, sind wir auch diesen Weg nach Möglichkeit immer gegangen.

So haben wir mit Anike Hage, Christina Plaka und Natalie Wormsbecher sehr früh Serienverträge über die Entwicklung von 5 Bänden abgeschlossen, mit Inga Steinmetz, Robert Labs und Anna Hollmann über 3 Bände.

Da, wo die AutorInnen die Produktion durchgehalten haben, haben wir die Projekte auch zum Abschluss geführt, unabhängig vom kommerziellen Erfolg des jeweiligen Projektes. Dies ist vor allem in der Absicht geschehen, ein klares Zeichen für eine langfristige Zusammenarbeit zu setzen und den AutorInnen eine gewisse Sicherheit zu geben, sich auf Ihre Serien voll und ganz einlassen zu können.

Daher halten wir es für einen ziemlichen Unsinn, wenn der Vorwurf erhoben wird, »bevor die jungen Talente überhaupt ihre Fähigkeiten entfalten konnten, fanden viele hoffnungsvolle Karrieren ein Ende«.

Stupid Story Band 3

Preisgekrönt: Stupid Story von Anna Hollmann

(3) Keine Betreuungsarbeit?

Auf welchen Quellen fußt die Aussage des Autors, die Redaktionen hätten die »bitter nötige Betreuungsarbeit nicht leisten« können? Auf welchen der bei Carlsen, Tokyopop und EMA verlegten Künstler bezieht er sich?

Wir haben mit unseren AutorInnen auf jeden Fall so intensiv zusammengearbeitet, wie es uns möglich war. Und viele meiner KollegInnen haben reichlich Überstunden an Feierabenden und Wochenenden eingelegt, damit diese Produktionen realisiert werden konnten und die AutorInnen in jedem Arbeitsschritt Feedback bekommen haben. Woher nimmt der Autor des Artikels das Recht, diese Bemühungen mal eben mit einem lakonischen Satz vom Tisch wischen zu dürfen?

Wer selbst ernstgenommen werden möchte, sollte es sich sparen, mit solchen Verallgemeinerungen um sich zu werfen. Dies umso mehr, als in diesem Bereich im Kern sogar ein richtiger Gedanke steckt: Die deutschen RedakteurInnen mussten zusammen mit den ZeichnerInnen lernen, Eigenproduktionen umzusetzen, weil es leider keine konstante Tradition der Eigenproduktion in Deutschland gibt, von der sie hätten lernen können.

Die Wolke

Internationales Top-Niveau: Die Wolke von Anike Hage

(4) Sinkende Verkaufszahlen der Eigenproduktionen?

Schon wieder schlecht recherchiert, weil das in dieser Pauschalisierung schlicht nicht stimmt. Zu unseren erfolgreichsten Produktionen der letzten Jahre zählten der GRIMMS MANGA SONDERBAND (2011) unter Beteiligung von sieben höchst talentierten Mangaka aus Deutschland und der dritte Band von STUPID STORY (2012). Beide haben fünfstellig Verkaufszahlen erzielt, die den Vergleich mit den Verkaufszahlen internationalen Produktionen in unserem Markt nicht scheuen müssen.

Für das laufende Jahr sind wir guten Mutes, dass DIO+ sich bald in diese Liste einreihen wird. Bei Carlsen ist man meines Wissens mit den Verkaufszahlen von SKULL PARTY auch durchaus zufrieden. Und wäre Natalie Wormsbecher nicht als Redakteurin in den Verlag gewechselt und hätte Anike Hage in den letzten Jahren nicht so viel mit gut dotierten - und von uns vermittelten - Auftragsarbeiten für Zeitschriften und Schulbuchverlage beschäftigt gewesen, würde ich mir um die Verkaufszahlen neuer Projekte von ihnen auch keine Sorgen machen.

Nicht die Verkaufszahlen deutscher Mangaka sind gesunken, sondern es sind einige Projekte in der Tat weniger gut angekommen als andere. Daraus irgendeinen Trend ablesen zu wollen, ist einfach Unfug. Richtig ist, das höchstens 10 % der Eigenproduktionen sich am Ende für die Verlage rechnen – wie in jedem anderen Bereich der Kulturproduktion auch. Hollywood wäre neidisch auf solche Quoten!

Verteilt waren diese Hits aber recht gleichmäßig über die Geschichte der Produktion deutscher Manga.

(5) Nachwuchsförderung nicht mehr existent?

Worauf bezieht sich der Autor hier? Hat er hier einen Verlag oder deutsche Künstler kontaktiert, um seine Aussage zu überprüfen? Nein, offensichtlich auch das nicht. Hätte er es getan, wäre er nämlich auf die folgenden Punkte gestoßen:

Wir arbeiten nach wie vor mit deutschen Autoren an neuen Projekten, nur sind nicht zwingend alle öffentlich angekündigt. Beispiele? Gern:

-          Gerade wurde angekündigt, dass wir in Leipzig mit DIO+ starten, ein langfristig angelegtes Projekt, dass uns zumindest über die kommenden beiden Jahre beschäftigen wird.

-          Mit Lusia Velontrova haben wir die Arbeit an einem Oneshot abgeschlossen, der noch in diesem Jahr erscheint, ein weiteres Projekt wurde gerade mit »Nightwalker« unterzeichnet.

-          Eine andere Autorin haben wir in einem Testprojekt sogar für ein Jahr fest an-gestellt, um gemeinsam mit ihr zu testen, welchen Output wir unter Fulltime-Bedingungen erreichen können.

-          Parallel dazu stehen wir auch mit zahlreichen weiteren AutorInnen im Austausch über Konzepte, um sie zu einer gewissen Marktreife zu bringen und umsetzen zu können.

Das hätte man alles erfahren können, wenn man sich die Mühe gemacht hätte, für diesen Artikel zu recherchieren.

Alpha Girl Band 1

Charmant, charmanter ... Alpha Girl von Inga Steinmetz

(6) Mit Siebenmeilenstiefeln in die Zukunft?

Ja, die Szene hat sich vernetzt – und gottlob gibt es Fans, die einige Spitzentitel in den besagten „höheren dreistelligen Auflagen“ kaufen. Aber was ist hieran neu - und vor allem: was sollte einen daran hoffnungsfroh stimmen?

Welche Einnahmen müssen sich AutorInnen nicht mehr „mit Verlagen und Vertrieben teilen“, nachdem sie Druckkosten, Standgebühren auf Cons inkl. Anfahrt und Übernachtung und kleinere Marketinginvestitionen von dem Umsatz gegenfinanziert haben, den einige Hundert Exemplare einbringen? Was bleibt am Ende von einem 300 mal für 6 oder 7 EUR verkauften Projekt hängen, nachdem man diese ganzen Kosten abgezogen hat? Viel kann das am Ende nicht sein – ganz sicher ist es zu wenig, um die AutorInnen angemessen für ihre Arbeit zu entlohnen. Und was wird aus denen, die ihre Hefte 200 mal drucken, aber dann doch nicht verkaufen? Die gehen mit einem dicken Minus vom Platz, auch wenn sie Erfahrung gewonnen haben.

Warum wollen selbst die japanischen Mangaka, die auf „Comiket“ präsentieren, denn am Ende selbst im großen japanischen Markt vor allem eines: einen Vertrag mit einem der Verlage bekommen? Genau! Um dieses Risiko zu minimieren und höhere Auflagenzahlen – und damit vor allem mehr Leser! – zu erzielen.

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 Was uns bei TOKYOPOP an dem Artikel so gestört hat: Es gäbe wirklich viel wichtiges zu diesem Thema aufzuarbeiten, wenn man sich nicht in dümmlicher Polarisierung und Schwarz-Weiß-Malerei ergehen würde. 

Die deutsche Szene hat in der Tat derzeit viele tolle Manga-Talente aufzuweisen. Neben der erwähnten Nana Kyere verdienen auch die Zarbo-Zwillinge, die gerade wieder zu Manga zurückkehrende Reyhan Yildirim, Natalia Schiller und viele andere jedwede Unterstützung, um ein möglichst großes Publikum zu finden. Eine solche Unterstützung findet sich aber ganz sicher nicht in diesem Artikel, der an den eigentlichen Problemen der Nachwuchsförderung vorbeiredet. 

Wir brauchen keine Trennung von »Großverlagen« und der Independent-Szene, sondern eine viel stärkere Verzahnung. Wir brauchen Antworten auf die Frage, wie man von »höheren dreistelligen Auflagen« zu den zumindest hoch vierstelligen findet, die professionelle Verlage erzielen müssen, um Eigenproduktionen sinnvoll gegenfinanzieren zu können. Wir brauchen Schulungsmöglichkeiten für junge Autoren (und ja: vielleicht auch noch immer für Redakteure und Verleger), um international konkurrenzfähige Produktionen zu entwickeln. Vor allem im Bereich der Storyentwicklung, beim Character Design und in Fragen visuellen Erzählens ist hier noch sehr viel zu tun.

Wir sollten vor allem alle zusammen begreifen, dass die Fanszene keine Alternative zu den Verlagen, sondern deren sinnvolle Ergänzung ist, weil sich in keinem kulturel-len Bereich der Welt der sogenannte Mainstream ohne die Independent-Szene weiterentwickeln kann. Bei allem Schimpfen auf die »Großverlage« sollte man diese in ihren Möglichkeiten auch nicht überfordern. Sie würden mehr für die Szene leisten, wenn sie es am Ende auf die von Decomain geringgeschätzten »zehn Neuerschei-nungen«  bringen, deren Autoren aber halbwegs ordentlich bezahlen und ihnen breite Vertriebswege öffnen, als wenn sie ihre Rolle missverstehen würden und zu vielen Talenten aus der Fanszene einen Verlagsstempel aufdrücken, diese dann aber reihenweise im Markt scheitern lassen und damit verheizen.

Foto © Tokyopop, Abbildungen © Tokyopop/Anna Hollmann/Anike Hage/Inga Steinmetz